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Als Andreas heute Morgen wach wird, möchte er gar nicht aufstehen.
So müde ist er noch. Dabei singen die Vögel draußen schon
herrlich. Richtig laute Vogelmusik klingt durchs Fenster. Das ist der
Frühling, hat Papa ihm gestern erklärt.
Langsam schlurft er in die Küche. Er stutzt, denn auch seine Eltern
gähnen noch um die Wette. Fragend schaut er seine Mutter an. In der
Frühe ist ihm noch gar nicht nach Sprechen. Viel redet er sonst auch
nicht. Seine Familie versteht dennoch, was er zu sagen hat. Oh ja, bemerkbar
machen kann er sich recht gut. Überhaupt ist er sonst quietschfidel
und puppenlustig.
"Du möchtest wissen, warum wir alle noch müde sind?",
fragt Mama.
Er nickt heftig bejahend mit dem Kopf, kann er die allseitige Müdigkeit
doch nicht verstehen. Sonst ist er doch hell wach um diese Zeit.
"Das nennt man Frühjahrsmüdigkeit", sagt seine Mutter
und gähnt erneut.
`Frühjahr, Frühjahr`, denkt Andy, wie ihn die Familie liebevoll
nennt. `Alles heißt im Moment Frühjahr. Oder Frühling`.
Er setzt sich an den Frühstückstisch. Ganz in Gedanken versunken
ist er. `Wo mag der Frühling sein?`, überlegt er.
Seine große Schwester Miriam kommt gähnend zum Frühstück.
"Guten Morgen", sagt sie lahm. Sonst ist sie ein rechter Wirbelwind.
`Vielleicht hat sie auch die Frühjahrsmüdigkeit`, vermutet Andy
und betrachtet sie erstaunt. Was ist mit ihr los?
Miriam spricht jetzt die Mutter an: "Mum, haben wir vielleicht Möhren
im Haus?"
Mutter und Vater sehen sich an und lächeln ein wenig. Sie wissen
doch, dass ihre Tochter normalerweise nicht viel von Obst und Gemüse
hält.
"Ja, im Kühlschrank sind welche. Aber was willst du denn damit?
Du gehst doch erst heute Nachmittag zum Reiten", entgegnet die Mutter.
Möhren, die die Kinder den Reitpferden mitnehmen, stehen nämlich
in der Speisekammer. Das weiß Miriam.
"Ach, weißt du", zögert die Tochter ein wenig unsicher
und stochert in ihrem Frühstück. "Ich habe gelesen, dass
man im Frühjahr viele Vitamine braucht. Die machen wach. Und eine
schöne Haut", fügt sie noch schnell hinterher.
Die Familie wundert sich. Verträumt sitzt Miriam am Tisch und malt
mit dem Löffel Figuren auf die Decke. Sind es gar Herzen, die sie
dort kritzelt? Als Miriam den Blick der Mutter erhascht, wird sie rot.
`Sie wird doch nicht ...?`, überlegt Mama. `Aber sie ist doch erst
elf. Sie kann noch nicht verliebt sein.`
Papa stellt das Radio an. Inzwischen sind die Eltern von ihrem Morgenkaffee
wach geworden. Ein Lied erklingt, als Mama plötzlich aufhorcht. "Stell
bitte ein wenig lauter", bittet sie ihren Mann. Sie lächelt
und fängt leise an mitzusingen.
"Das ist der Frühling, das ist der Frühling, das ist der
Frühling in Paris", hört Andy. `Eine schöne Melodie
ist das`, denkt er und tanzt ein wenig in der Küche umher. Schon
wieder hört er vom Frühling. Irgendetwas muss doch an ihm dran
sein.
Nach dem Frühstück überlegt Andy: `Ich mach mich jetzt
auf die Suche nach dem Frühling. Irgendwo wird er schon sein. Ich
werde ihn finden. Ganz bestimmt!`
Der Kleine geht nach unten in den Garten. Vor der Tür liegt sein
Kätzchen L..., nein Fredy, und räkelt sich genüsslich in
der Helligkeit.
`Du bist wirklich keine Lady`, denkt Andy.
Diesen Namen hatten die Kinder ihm gegeben, bevor sie wussten, dass die
Katze ein Kater ist. Nun heißt Lady eben Fredy. Andy amüsiert
sich nachträglich immer noch darüber.
Träge schaut das Tierchen zu seinem Freund, dem Jungen, hoch. Tiere,
wie auch Pflanzen, verstehen ihn sehr genau. Er braucht gar nicht viel
zu reden.
"Du willst wissen, wo der Frühling ist? Bestimmt hier in der
Nähe, denn ich fühle mich so wohl hier. Miau!", schnurrt
Fredy.
"Okay, dann suche ich weiter", macht Andreas Fredy klar und
streichelt ihn hinter den Ohren.
Als er in den Garten kommt, schaut er sich suchend um. Hier irgendwo findet
er garantiert den Frühling. Er freut sich immer, wenn er im Garten
sein kann. Jetzt tanzt er voller Übermut um die Bäume herum.
Einen Nussbaum sieht er sich ganz genau an. "Ist hier der Frühling?",
fragt er ihn insgeheim.
Der Baum antwortet leise: "Frühling herrscht überall. Wir
Bäume müssen viel Sonne aufnehmen, damit wir Saft und Kraft
bekommen zum Ausschlagen. Die frischen Blätter sollen doch ein kräftiges
Grün haben."
`Genau`, denkt Andy.
Am Ende des Gartens sieht er Papa und Opa an einigen Büschen arbeiten.
Als er gerade hineilen möchte, läuft ihm ein Igel vor die Füße
auf dem Weg ins Gebüsch.
"Wohin des Weges?", fragt er Andy.
"Ich suche den Frühling", hört der Igel Andy aus seinem
Kopf antworten.
"Der ist doch hier überall. Ich mache jetzt Frühjahrsputz
in meinem Geäst. Habe wieder viel zu lange Winterschlaf gehalten.
Jetzt wird's aber Zeit, bevor meine Kinderchen zur Welt kommen."
Hurtig macht sich das Igelchen auf den Weg.
Bei Opa und Papa angekommen, schaut Andy den beiden ein wenig bei der
Arbeit zu. Mit scharfen Scheren schneiden sie alte Äste ab.
"Das macht man im Frühling so, damit die neuen Triebe kräftiger
wachsen können", erklärt ihm sein Vater.
Andy schwingt ein abgeschnittenes Stöckchen, summt dazu und schaut
sich weiter um.
In einer Tanne ist ein Eichhörnchen beschäftigt. Es säubert
sein Nest. "Es ist Frühling. Bevor die Jungen kommen, muss ich
das Nestchen ordentlich aufräumen", erklärt es Andy. "Stör
mich jetzt bitte nicht mehr. Ich habe noch viel zu tun."
"Na gut", antwortet dieser und sucht weiter, denn den Frühling
hat er immer noch nicht gefunden.
Aber was ist das? Zwischen den abgeschnittenen Ästen, die sein Vater
und Großvater auf einen Berg gehäuft haben, sitzt ein Vögelchen.
Es hat einen Zweig im Schnabel.
"Wohin?", fragt Andy.
"Auch wir Vögel müssen Nester bauen, damit wir unsere Eier
hineinlegen können. Schließlich machen wir das jedes Jahr im
Frühling. Ich brauche noch viel Baumaterial", piepst der Vogel
und fliegt davon.
"Was mache ich jetzt?", überlegt Andy.
In dem Moment ruft seine Mutter aus dem Fenster: "Kommst du bitte
nach oben, Andreas. Wir müssen zur Reitstunde."
Andreas rennt los. Flugs die Treppen hoch.
"Einen Moment. Ich bin gleich soweit", ruft die Mutter ihm zu.
Das Radio läuft noch. Andy hört, wie die Ansagerin ankündigt:
"Jetzt folgt der Frühlingsstimmenwalzer."
Eine fröhliche Melodie erklingt. Er tanzt nach der Musik durch den
Flur. Schon wieder das Wort Frühling!
Nachdem Mama und Andy ihre Jacken angezogen haben, marschieren sie los.
Auf dem Weg zum Reitstall kommen sie an einer Weide vorbei. Die Schafe
dort kennen den kleinen Jungen gut. Sie haben schon Nachwuchs. Bald ist
Ostern, es sind Osterlämmer geboren worden. Das hat Miriam ihrem
Bruder erzählt. Niedlich sind die Kleinen.
"Wir kriegen unsere Kinder immer im Frühling", lässt
ihn ein weißes Schaf wissen. "Ich muss jetzt ganz viel Gras
fressen, damit ich kräftig werde und gute Milch für meine Lämmchen
habe."
Andy macht nach, wie das Lämmchen hüpft. Lustig ist das.
Mama ruft, und sie gehen weiter. Der Reitstall kommt in Sicht. Andy saust
los, denn er weiß, dass sein Pony Vacca sich freut, wenn er kommt.
Doch nicht Vacca steht am Zaun, sondern Prinz, ein großes Pferd.
Aber was macht es? Die Trainerin kommt angelaufen, begrüßt
den Jungen und seine Mutter. Andy schaut fragend.
"Tja, Andy, dein Prinz hat wohl Frühlingsgefühle. Schau,
er springt herum wie Vacca."
Tatsächlich! Andy traut seinen Augen kaum. Prinz, der sonst ein ruhiges
Pferd ist, springt mit Vacca, der jetzt aus einer Ecke kommt, um die Wette.
Andy begrüßt seine Pferde und hält ihnen ein Zuckerstück
entgegen. Doch sie haben nur Freude am Toben und Wiehern. Andy hüpft
mit ihnen mit. Hat auch er Frühlingsgefühle? Schon wieder dieses
Wort.
"Jetzt wollen wir aber mal anfangen", ruft seine Trainerin und
der Reitunterricht beginnt.
Für Andys Krankheit ist sein geliebter Sport Therapie. Sie tut ihm
sehr gut. Am liebsten würde er jeden Tag reiten. Dazu hat er aber
gar keine Zeit. In den Kindergarten geht er schließlich noch. Und
manchmal zur Ergotherapie.
Nach der Reitstunde gehen Andy und seine Mama wieder nach Hause. Von weitem
schon sieht er, dass die Oma im Garten ist. Er sieht die Mutter fragend
an.
"Lauf nur vor. Ich seh dich ja und komme gleich nach", sagt
sie.
Der Kleine rennt zur Oma. Er sucht sich ein Schattenplätzchen, denn
die Sonne mag er nicht besonders. Die tut seinen Augen weh. Was macht
die Oma?
"Ich setze junge Pflänzchen, damit sie im Sommer blühen.
Das macht man immer im Frühling", erklärt sie ihm.
Er schaut sich um. "Blüht schon", antwortet er.
"Ja, Andy, vieles blüht jetzt schon. Zu Ostern gehen viele Knospen
auf, damit wir Freude daran haben. Schau, die Osterglocken."
Andy schaut sich die gelben Glöckchen genau an. Hört er ein
leises Läuten aus einer Blüte? Dann springt er weiter im Garten
herum, als suche er etwas.
"Suchst du immer noch den Frühling?", fragt die Oma lächelnd,
nachdem sie ihn eine Weile beobachtet hat. "Mama hat mir erzählt,
dass du ihn finden möchtest."
"Jaha", antwortet der Kleine und überlegt angestrengt.
Wo mag er nur sein, der Frühling? So oft hat er das Wort jetzt gehört.
Er muss doch zu finden sein.
Seine Oma zieht sich die Gartenhandschuhe aus und sagt zu dem Jungen:
"Komm, setz dich einen Moment zu mir."
Beide gehen zu einer Gartenbank unter dem Pfirsichbaum, doch Andy setzt
sich lieber ins Gras.
"Weißt du, mein Kind, du kannst den Frühling nicht finden.
Er ist in dir drin. Ganz tief innen. Wenn du die Natur hörst und
siehst und alles in dir aufnimmst, dann ist er dort. Du lächelst
vor Zufriedenheit, wenn du die Osterglocken siehst. Freust dich, wenn
ein Vögelchen ein Zweiglein in sein Nest trägt."
Gespannt hört Andy die Worte seiner Großmutter.
"Wo zwischen den Menschen Frieden und Liebe in der Familie herrscht,
auch dort ist der Frühling", redet die Oma weiter. "Und
all das empfindest du. So vieles hörst du, was andere nicht mitbekommen.
So vieles siehst du, was andere nicht einmal ahnen. Du hast ihn in dir,
den Frühling."
Ganz verlegen wird Andy, als er so schöne Worte von der Oma hört.
Wie im Märchen hört sich das an. Und er hört doch so gerne
Märchen.
Der Junge seufzt ein wenig. Dann läuft er zurück ins Haus. Über
vieles hat er nachzudenken. Aber er weiß, dass er den Frühling
nicht mehr suchen muss. Er hat ihn gefunden ...
An diesem Abend hört er im Radio den Ansager sprechen: "Meine
lieben Zuhörer, bitte denken Sie daran, die Uhren umzustellen. Morgen
beginnt die Sommerzeit."
Das versteht Andy nun wiederum überhaupt nicht. `Ich denke, es ist
Frühling`, überlegt er. `Muss es nicht heißen: Frühlingszeit?`
Auch an die Osterzeit denkt er und freut sich mächtig. Viele, viele
gelbe Blüten. Und Ostereier ...
Als er abends ins Bett geht, summt er die Melodie, die er im Radio gehört
hat. Wie hieß die noch? Ach ja, er erinnert sich:
Frühlingsstimmenwalzer ...
*** E N D E ***
*) Es handelt sich um Autismus.
© Karin
Ernst
Bild: ©
Karin Scholles
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