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Begegnungen Auf meinem Schreibtisch steht ein Becher "Lebensfreude"-Tee, ich genieße die Helligkeit meiner Lichtlampe neben dem Computer und erinnere mich an gestern Es ist ein trockener wenn auch kalter Tag. Kein Sonnenstrahl schenkt Wärme, und mich friert sowieso, weil ich schon seit einiger Zeit unausgeschlafen bin. Heute ist wieder ein Tag, an dem Erinnerungen besonders quälen. Menschen hasten an mir vorbei, niemand sieht mich an. Das ist gut, denn mir laufen tatsächlich Tränen übers Gesicht. Aus dem Nichts heraus überfällt mich eine Traurigkeit, dass ich nicht aufhören kann zu weinen. Plötzlich jedoch werde ich von meinem Kummer abgelenkt. Eine wunderschöne Melodie erweckt meine Aufmerksamkeit. Irgendwo spielt jemand herzbewegend Blockflöte. Ich gehe den Tönen nach und bewundere das perfekte Spiel. Vor einem Kaufhaus sitzt auf dem Sattel eines alten Fahrrades ein ausnehmend hübscher junger Mann und musiziert. Ein Lied ist zuende, und er unterbricht für einen Moment, um dann neu anzusetzen. Nun spielt er - wie ich erkenne auf einem teuren Instrument - eines meiner Lieblingslieder, als hätte er erahnt, dass ich es mag. Bei "Amazing Grace" werde ich wieder so melancholisch, dass neue Tränen kullern. Der Mann beobachtet mich die ganze Zeit aus tiefblauen wachen Augen. Als er das Lied beendet hat, trockne ich mein Gesicht und beginne ein Gespräch. Frage ihn, wie ein Mann, der so wunderbar Flöte spielen kann, auf der Straße lebt. Denn seine Kleidung ist zwar sauber, doch zerschlissen, so dass ich vermute, er ist obdachlos. Kurz überlegt er, bevor er leise antwortet: "Ja, ich liebe Musik, habe sie in der Schule gelernt, bin sogar zur Waldorfschule gegangen. Auch spreche ich fließend fünf Sprachen. Doch was soll ich machen, wenn mich niemand einstellen will?" Wir reden noch eine Weile, bis er zum nächsten Lied ansetzt. Es ist ein Titel von Nana Mouskouri, den ich ebenfalls sehr mag: "Sieben schwarze Rosen". Und wieder seufze ich still, doch das Weinen ist vorbei. Eine Menge Leute sind hinzugekommen, hören ebenfalls fasziniert zu. Ein paar Münzen landen im Hut des Flötisten, doch meistens gehen die Menschen weiter, ohne Geld zu geben. Eine Frau fragt, ob es für ihn spendenmäßig gut läuft, doch meint er, in Frankreich sei es besser. Ich schenke ihm einen kleinen Geldschein, denn er hat es geschafft, mit engelsgleicher Musik meine Stimmung zu verbessern. Als ich weitergehe, tauschen wir ein mutmachendes Lächeln! Die Flötenmusik des jungen Mannes begleitet mich bis zur Straßenbahn. In Ruhe steige ich ein, genieße die Erinnerung der Melodien noch nach, als ich in das freundliche Gesicht eines wiederum jungen, mehrfach ohrbepiercten Mannes schaue. Er sieht mich an, als würde er mich beobachten. In seinen Armen hält er schützend ein Baby, das schätzungsweise keine vier Wochen alt ist. Mitfreuend schaue ich zu, wie er das Köpfchen streichelt und liebevoll die Kapuze eines Winterstrampelanzuges zurechtrückt. In seinem Gesicht spiegelt sich so viel Zärtlichkeit, dass es mich anrührt. In diesem Augenblick treffen sich unsere Blicke erneut. Was den jungen Mann veranlasst, sich nun umzudrehen, kann ich nur vermuten. Doch wendet er sich mit seinem Kind auf dem Arm so, dass ich das Kleine besser ansehen kann. Welch niedliches Geschöpf. Ein Seitenblick lässt ihn erkennen, dass er mir eine Freude gemacht hat. An der nächsten Haltestelle steigt der Vater mit dem Baby aus. Und wieder bekam ich einen glücklichen Augenblick geschenkt! *** Auch heute fahre ich in die Innenstadt, weil ich zu einem HNO-Termin möchte. Da ich noch Zeit habe, mache ich mich auf den Weg zu einem großen Warenhaus. Dort werden seit gestern die Schaufenster für Weihnachten frisch dekoriert. Kinderaugen werden strahlen, denn die festlichen Dekorationen sind für sie bestimmt. Vor einem Schaufenster steht ein verhältnismäßig junger Mann und bietet Obdachlosenzeitungen zum Verkauf an. Ihn habe ich bewusst gesucht und bin froh, dass ich eine Tüte, die ich mitgenommen habe, nun nicht mehr zu tragen brauche. Nein, eine Zeitung kaufe ich nicht, doch frage ich ihn, ob er einen dicken Winterpullover und eine Mütze gebrauchen kann. Der naturfarbene Wollpullover ist noch sehr gut erhalten, mir nur viel zu groß. Die Mütze ist neu, steht mir aber überhaupt nicht. Er bedankt sich mit einem freundlichen Lächeln und schaut vorsichtig in die Tragetasche. Ich gehe weiter, um ihn nicht in Verlegenheit zu bringen. Mein Ziel ist jetzt der Hals-Nasen-Ohrenarzt. Nach meiner letzten Erkältung höre ich auf einem Ohr schlechter als auf dem anderen. Doch stimmt mich das Ergebnis des Hörtests durchaus zufrieden. Mein Hörvermögen ist für mein Alter sehr gut. Das angeblich unterschiedliche Hören liegt daran, dass ich den Telefonhörer immer nur an ein Ohr halte, statt zu wechseln. Das sei auch für das Gehirn günstig. Als der Arzt sich mit einem freundlichen Händedruck verabschiedet, bin ich so froh, dass ich die Praxis beschwingt verlasse. Wieder ein positives Erlebnis! Nein, heute habe ich keinen Grund zum Weinen. Schwere Gedanken kommen bei solch schönen Ereignissen nicht auf. Abends zu Hause. Es klingelt an der Wohnungstür. Vielleicht die Nachbarin, für die ich ein Päckchen angenommen habe. Doch steht ein Nachbar aus der obersten Etage vor mir. Fragend schaue ich ihn an, denn er verbirgt etwas hinter seinem Rücken. "Dieses möchte ich Ihnen schenken, weil sie mich kostenlos Ihren Parkplatz in der Tiefgarage benutzen lassen", sagt er und holt einen riesengroßen Adventskalender in Weihnachtsbaumform hervor, der mit Süßigkeiten gefüllt ist. Welch eine nette Geste! Dankend nehme ich das Präsent an, und wir wünschen uns gegenseitig ein schönes Wochenende. Lächelnd schließe ich die Wohnungstür. Habe ich mich vorgestern noch gefragt, wann in meinem Herzen die Sonne wieder scheinen wird, denke ich jetzt: Geht doch! Zwei Tage voller positiver Begegnungen s i n d Sonnenschein für die Seele. Und auch fürs Gemüt!
(16. November 2007) |