***** Eine Hundegeschichte *****

Benjamin ist heute Morgen aufgeregt. "Wann fahren wir los?", fragt er seine Eltern.

"In einer Viertelstunde", antwortet die Mutter.

`Na gut`, denkt der Junge, `so lange kann ich noch warten.` Er freut sich furchtbar doll auf diese Reise. Sie wollen zur Oma fahren, die in einer anderen Stadt wohnt. Oma hat einen Hund bekommen. Was für einer das ist, hat sie ihnen noch nicht verraten. Es soll eine Überraschung werden. Benni, wie er genannt wird, kann es kaum abwarten. Er mag Hunde. Am liebsten hätte er selbst einen. Seine Eltern haben ihm aber erklärt, dass es für einen Hund besser sei, wenn er viel Auslauf hätte.

Einige Minuten später sitzen alle im Auto und sie fahren los. Gerne würde er häufiger die Oma besuchen, aber der Papa muss in der Woche arbeiten. Leise seufzt er. Als sie die Autobahnabfahrt erreichen, die zu der Stadt führt, wo Bennis Oma wohnt, ist er ganz hibbelig.

"Wir sind gleich da", verspricht der Vater seinem Sohn. "Es dauert jetzt nur noch zehn Minuten."

Trotzdem zappelt der Junge in seinem Kindersitz umher.

Kurze Zeit später stoppt der Papa das Auto vor dem kleinen Einfamilienhaus der Oma. Diese steht bereits an der Gartenpforte und sieht ihnen entgegen. Benni kann es gar nicht erwarten und verheddert sich mit seinem Anschnallgurt. Endlich ist es geschafft. Er steigt aus dem Auto und will zur Oma laufen. Prompt bleibt er stehen.

"Mama, Papa, seht nur!", ruft er und greift erschrocken zur Hand seiner Mutter.

Die Eltern haben ihn auch entdeckt. "Na, das ist ja ein niedliches Schoßhündchen", ruft der Vater lachend und begrüßt seine Mutter. Benni und seine Mama kommen langsam hinterher. Sie begrüßen die Oma und Benni hört ein leises Winseln.

"Darf ich euch meine neue Mitbewohnerin vorstellen? Das ist Lady, mein Berner Sennenhund. Das heißt, sie ist natürlich eine Hündin."

Als die Hündin ihren Namen hört, wird sie noch wachsamer. Benjamin staunt und geht zwei Schritte zur Seite. Oma hatte etwas von einem Hundebaby erzählt. Er erinnert sich, dass das schon vor ein paar Wochen war. Hunde wachsen sicher sehr schnell, überlegt er.

Langsam wagt er sich an Lady heran. "Oh, der hat aber weiches Fell", freut er sich, als er den Hund streichelt. "Ich meine natürlich, sie", korrigiert er sich.

Auch seine Eltern begrüßen jetzt die Hündin. Bennis Mutter findet sie auch allerliebst. Der Vater gibt zu bedenken: "Mutter, meinst du, sie wird noch in dein Haus hineinpassen, wenn sie ausgewachsen ist?"

"Weißt du", antwortet diese ihrem Sohn, "nur ein paar Wochen noch, dann soll sie hinten im Garten eine große Hundehütte bekommen. Das hatte ich mir von Anfang an überlegt."

Damit ist Bennis Vater einverstanden.

Benni hat sich inzwischen mit dem Hundefräulein angefreundet. Ist das eine Freude, zusammen zu toben. Beide springen auf dem Rasen hin und her.

"Gut, dass in den letzten Tagen die Sonne schien. Sonst wäre alles nass", sagt die Oma zu dem Jungen, als sie ihm und ihrer Hündin zusieht.

Langsam gehen sie ins Haus. Lady weicht während des Kaffeetrinkens nicht von der Seite des Jungen.

"Gib ihr nichts von dem Kuchen", bittet die Oma. "Das möchte ich gar nicht erst anfangen. Sie mag nämlich gerne Süßigkeiten."

Nach der Kaffeetafel erzählt die Oma, wie sie zu dem Hund gekommen ist: Des öfteren war sie im Tierheim gewesen und hatte sich dort die Tiere angesehen. Dass sie einen Hund haben wollte, stand für sie seit langem fest. Sie lebt allein in dem Haus und auch ihrem Sohn hatte diese Idee gefallen. So sei sie nicht mehr so allein und der Hund könne außerdem das Haus hüten.

"Für mich stand fest, dass es nur ein junger Hund sein darf", erzählt die Oma jetzt weiter. "Eines Tages bekam ich einen Anruf vom Tierheim, dass ein Welpe dort abgegeben worden sei. Lady war damals acht Wochen alt. Große Freude macht sie mir jeden Tag. Wir haben uns schnell aneinander gewöhnt und ich möchte sie nicht mehr missen."

`An Lady hätte ich mich auch schnell gewöhnt`, denkt Benni und fragt: "Darf ich sie spazieren führen?"

"Wird sie nicht zu sehr ziehen und dich vielleicht umreißen?" Mama betrachtet den großen Hund skeptisch.

Oma lenkt ein: "Der Junge kennt sich hier gut aus. Lady weiß auch Bescheid. Ich gehe jeden Tag dreimal mit ihr spazieren. Sie würde vermutlich sogar allein nach Hause finden."

Benni ist begeistert und holt die Hundeleine. Die Eltern mahnen noch einmal zur Vorsicht, Oma beruhigt sie aber: "Lady ist wirklich eine sehr ruhige Hündin. Sie wird schon auf Benni aufpassen."

Stolz ist Benni, als er mit Lady an der Leine lostrottet. Die Eltern und Großmutter gehen bis zur Gartenpforte mit und winken dem kleinen Jungen mit dem großen Hund an der Leine nach.

Kaum sind Hund und Junge um die Ecke verschwunden, zieht Lady an der Leine.

"Zieh nicht so, ich kann nicht so schnell", sagt Benni ein wenig ängstlich.

"Ich will dir nur klar machen, dass ich jetzt die Führung übernehme", erwidert eine dunkle Stimme.

Benni antwortet erschrocken: "Du kannst sprechen?"

"Hörst du doch", sagt Lady. "Aber nur du kannst mich verstehen. Erwachsene kennen die Hundesprache nicht. Nur kleine Kinder."

Das findet Benni total spannend. Und praktisch. So können sich beide unterhalten, während sie unterwegs sind.

"Jetzt wollen wir mal etwas erleben. Es ist furchtbar langweilig, immer nur spazieren zu gehen", erzählt die Hündin. "Keine Bange, wir finden schon wieder zurück. Wir Hunde können den Heimweg nämlich erschnüffeln", erklärt sie dem Jungen.

"Na, dann bin ich ja beruhigt", freut sich Benni. "Was wollen wir zuerst machen? Ich weiß", ruft er jetzt. Er hat nämlich einen Kiosk entdeckt. "Ich habe noch etwas Taschengeld. Magst du Eis? Dann kaufe ich uns eins."

An dem kleinen Holzhaus angekommen, erschrickt der Budenbesitzer. Ein Kind mit einem Hund, der fast genau so groß ist wie es selbst, hat er noch nie allein spazieren gehen sehen.

"Ich hätte gerne zwei Eis", sagt Benni zu dem Mann und zeigt auf der Eistafel, welches Eis er möchte. Gewissenhaft zählt er das Kleingeld auf den Geldteller und wickelt das Eis aus. Mit der rechten Hand füttert er Lady, mit der linken isst er sein eigenes Eis.

Der Eisverkäufer staunt. Lady nuschelt zwischen dem Eisschlecken: "Brauchst gar nicht so zu gucken. Hast du noch nie einen Hund gesehen, der Eis frisst?"

Langsam gehen sie weiter.

Nachdem sie das Eis aufgegessen haben, ist Ladys Maul völlig verschmiert.

"Wie kriege ich dich jetzt wieder sauber?", fragt Benni.

In seiner Hosentasche findet er ein gebrauchtes Papiertaschentuch. Mit ordentlich Spucke putzt er Lady, so gut er kann, sauber.

"Wir können zum Spielplatz gehen", schlägt Benni nun vor.

"Das ist gut. Da kann ich buddeln", stimmt die Hündin zu und rast los. Beinah wäre Benni gestürzt, weil Lady stark an der Leine zieht und er kaum hinterher kommt.

Beim Spielplatz eingetroffen, laufen die Kinder, die dort spielen, ängstlich beiseite.

"Das ist aber ein großer Hund", ruft ein Junge.

Benni erkennt seinen Freund Sascha. Wenn Benni bei der Oma zu Besuch ist, spielen sie jedes Mal miteinander.

"Das ist die Hündin meiner Oma. Die tut überhaupt nichts", erklärt er den Kindern.

Sascha nähert sich vorsichtig und fragt: "Wie heißt sie?"

"Ich heiße Lady", antwortet eine tiefe Hundestimme. "Und du?"

"Ich heiße Sascha", spricht dieser und schaut ganz perplex. "Du kannst sprechen?", fragt er.

"Nur wir Kinder können die Hundesprache verstehen", sagt Benni zur Erklärung.

Langsam kommen auch die anderen Kinder näher.

Lady erklärt: "Ihr braucht keine Angst vor mir zu haben. Ich bin noch ein Hundekind. Eigentlich bin ich ziemlich klein, denn ich wachse noch."

"Noch mehr?", fragt erstaunt ein kleines Mädchen. Sie traut sich an Lady heran, streichelt das Fell und ruft erfreut: "Du hast aber ein weiches Fell. Wie mein Kuschelhase zu Hause."

Alle anderen Kinder wollen die Hündin jetzt auch streicheln. Doch Lady mag nicht mehr und läuft zum Sandkasten. "Wenn ich schon einmal hier bin, will ich auch ein wenig buddeln. Dazu habe ich viel zu wenig Gelegenheit", erklärt sie.

Die Kinder lachen, denn Lady gräbt mir ihren großen Pfoten in dem weichen Sand, dass er nur so durch die Gegend fliegt.

"Auweia, da wird der Hausmeister aber schimpfen, wenn er den Sand wieder zusammenfegen muss", prustet Sascha vergnügt.

Alle haben viel Spaß doch nach einer Weile verabschieden sich Benjamin und Lady von den Kindern und ziehen weiter. Lady springt zwischendurch wie ein kleines Fohlen und Benni macht es ihr nach.

"Ich weiß, wohin wir noch gehen können", schlägt Lady vor. "Da hinten gibt es einen doofen Übungsplatz für Hunde. Es sieht richtig bescheuert aus, was die Hunde dort anstellen müssen. Nur weil ihre Herrchen und Frauchen es so wollen", erzählt er weiter.

Benni wird neugierig und beide laufen hin.

Am Hundeübungsplatz schauen beide vorsichtig durch den Zaun. Auf einem großen Platz sind allerlei Hindernisse aufgebaut. Frauen und Männer führen ihre Hunde dorthin. Diese müssen hinüber springen oder langsam gehen. Haben sie es richtig gemacht, werden sie gelobt.

Mitten auf dem Platz steht ein Mann in einem roten Overall. "Das ist der Trainer", erklärt Lady. "Der bildet die Hunde aus. Oder sagt den Besitzern, was ihre Hunde lernen müssen."

Benni und Lady gehen zur offenen Eingangstür. Dort reißt sich der Hund los und rennt auf den Platz.

"Komm zurück, Lady", ruft Benni, aber die fegt zwischen den anderen Hunden hin und her. Die Hunde sind begeistert und folgen der großen Hundedame.

"Werdet ihr wohl wieder in Reih und Glied stehen", brüllt der Trainer sichtlich verärgert.

"Nimm deinen Köter an die Leine", ruft ein Hundebesitzer Benni zu.

So schnell der Junge auch hinter dem Berner Sennenhund herläuft, er kann ihn nicht greifen.

"Warum macht ihr alle diesen Quatsch hier mit?", fragt Lady jetzt die anderen Hunde. "Das macht doch keinen Spaß. Kommt, wir springen lieber herum."

Ein wunderschöner Bobtail kommt auf Lady zu. "Wollen wir nicht lieber zu zweit einen Spaziergang machen?", fragt er.

Lady hält von diesem Vorschlag gar nichts. Noch bevor sie dem Schönling eine Antwort geben kann, rufen die Besitzer ihre Hunde zur Ordnung.

"Hier gefällt es mir überhaupt nicht. Die sind alle so langweilig", erzählt Lady dem Jungen und so entschließen sie sich, weiter zu gehen.

"Müssen wir nicht wieder nach Hause? Ich weiß gar nicht mehr, wo wir sind." Benni sieht sich ängstlich um.

"Ach was, ein Ziel habe ich noch. Das wird dir Spaß machen", antwortet Lady. "Danach bringe ich uns heim."

Eigentlich wird Benni langsam müde. Es ist anstrengend, ständig die Hundeleine zu halten. Lady aber trabt weiter und weiter.

Plötzlich hört Benni Pferdewiehern. Er erinnert sich: Als er mit der Oma schon einmal hier spazieren ging, hatte er den Pferden zugesehen. Jetzt freut er sich und läuft mit Lady zur Koppel. Neben der Pferdekoppel gibt es einen Reitstall.

"Wenn ich größer bin, darf ich hier auch reiten", erzählt Benni dem Hund. "Die Oma hat es versprochen."

Beide gehen zu dem Zaun, hinter dem einige Kinder auf Ponys und Pferden reiten.

Lady zieht, weil sie ein offenes Gatter entdeckt hat. Ein wenig ängstlich folgt ihr Benni. Die Pferde sind doch recht groß. Ganz wohl ist Benni dabei nicht. "Ich bin doch bei dir", sagt Lady und setzt sich neben ihn. Eine Reiterin kommt auf sie zu. Benni traut sich vorsichtig, das Pferd zu streicheln. In diesem Moment entdeckt das Pferd den Hund und scheut. Es läuft davon, und Benni wird von einem Huf getroffen.

Er schreit, denn ein Schmerz zieht durch sein Bein. "Aua, das tut so weh", ruft er und fängt an zu weinen.

Er will loslaufen, kann aber nicht auftreten. "Ich kann meinen Fuß nicht bewegen", sagt er zu Lady. "Was machen wir nur?" Benni ist voller Sorge. "Mein Fuß tut weh und wir müssen doch nach Hause!"

Lady hat eine Lösung: "Klettere vorsichtig auf meinen Rücken. Ich werde dich nach Hause tragen."

Es ist nicht einfach, auf Lady hinauf zu klettern. Endlich hat der Junge es geschafft. Er hält sich an dem Halsband fest und vorsichtig setzt Lady sich in Bewegung.

Der Junge findet es gar nicht so schlecht hier oben. Der Schmerz im Fuß ist nicht so schlimm, wie er am Anfang befürchtet hatte. Aber das Reiten auf der Hündin macht Spaß.

"Bin ich wirklich nicht zu schwer?", fragt er Lady.

"Ich bin kein Baby mehr und werde nicht gleich zusammenbrechen", antwortet diese und legt ein wenig Tempo zu.

Menschen, die vorüber gehen, wundern sich. Ein Junge, der auf einem Hund reitet? So etwas haben sie noch nicht gesehen.

"Ist irgendetwas?", fragt Lady einmal, als ein Mann böse schaut. Natürlich kann dieser den Hund nicht verstehen.

"Man sollte die Polizei rufen. Oder den Tierschutzverein", schimpft der Mann, bevor er weiter geht.

***

Bennis Oma und seine Eltern machen sich langsam Sorgen. "Wo der Junge nur bleibt?", fragen sie sich.

Sie gehen in den Garten, um nachzusehen, ob Hund und Kind zurückkommen. Niemand ist zu sehen.

"Soll ich sie suchen gehen?", fragt der Vater.

"Ach, sie können überall sein", gibt die Oma zu bedenken. "Hoffen wir, dass sie gleich zurück sind."

Sie wollen gerade wieder ins Haus zurückgehen, als sie etwas Merkwürdiges um die Ecke kommen sehen.

"Was ist denn das?", ruft die Mutter entsetzt. Dann aber fängt sie an zu lachen. Sofort öffnet der Vater die Gartentür und läuft los.

Benni kommt auf Lady angeritten. Erleichtert schauen die Eltern und die Oma dem merkwürdigen Gespann entgegen. Dann aber fragt der Vater: "Ist dir etwas passiert, mein Junge?", und schaut Kind und Hündin an.

"Ich habe mir den Fuß verletzt, Papa", antwortet Benni und fängt erneut an zu weinen. Sein Vater nimmt ihn von Lady herunter und trägt ihn ins Haus. Oma nimmt Ladys Leine und alle folgen ihnen.

Im Haus wird Benni auf die Couch gelegt. Vater ruft einen Arzt an. Erst danach erzählt Benni, was er mit dem Hund alles erlebt hat.

"Ein Pferd hat mich getreten. Ist aber schon gar nicht mehr so schlimm." Alle Einzelheiten berichtet er. Jetzt sieht er seine treue Freundin, Lady, an. "Ist sie nicht eine Heldin?", fragt er die Oma. "Sie hat mich den ganzen Weg getragen."

Lady wird jetzt von allen gestreichelt.

"Das hast du aber fein gemacht, mein Hundchen", sagt Bennis Mutter.

Lady fühlt, wie wichtig sie ist und ist stolz, dass sie Benni helfen konnte.

Der Arzt kommt und sieht sich Bennis Fuß an. "Es ist nur eine Prellung. Das wird schnell wieder. Ein paar Tage wird es wehtun. Wenn deine Mama Umschläge macht, kannst du bald wieder herumrennen", erklärt er nach der Untersuchung. "Wie ist es denn passiert?", fragt er den Jungen.

Benni erzählt die ganze Geschichte noch einmal. Und fragt: "Nicht wahr, Lady, so war's?"

Der Doktor widerspricht: "Aber der Hund kann doch nicht antworten."

Oma und die Eltern nicken zustimmend.

Benni aber denkt: `Wenn ihr wüsstet!`

Er lächelt Lady zu.

Blinzelt sie etwa zurück? ...



***** E N D E *****



© Karin Ernst

Bild: © Karin Scholles