Bleib nicht stehen!

Wenn es so weiter geht, wird der Sommer heiß. Es ist der 14. April, und das Thermometer zeigt 30 Grad.

Ich habe Zeit, möchte diese jedoch nicht in der Wohnung verbringen. Ohne festes Ziel, aber nicht ziellos, mache ich mich mittags auf den Weg. Diesem Tag biete ich die Chance, mir wohlgesonnen zu sein. Daher gibt es auch keinen Grund, mich über den Bus, der mir vor der Nase davon fährt, zu ärgern. Ich warte und genieße die Schattenwärme.

An der Umsteigehaltestelle erinnere ich mich an Gleisbauarbeiten, so dass an diesem Wochenende Straßenbahnen durch Busse ersetzt werden. Immer noch weiß ich nicht so recht, ob ich tatsächlich in die Stadt möchte. Dort wird es zu voll sein, grade bei der Hitze.

Plötzlich wird mir die Entscheidung abgenommen. Mein Augenmerk fällt auf eine kleine, wehende Fahne, auf der "Eis" steht. Ich staune, denn ich stehe vor einem neuen Eiscafé. Befand sich nicht vor kurzem hier noch ein Sonnenstudio? Egal!

Das einladende Ambiente, die Helligkeit des großzügigen (nicht nach frischer Farbe riechenden) Raumes, und weiche Sitzgelegenheiten lassen mich eintreten. Freundlich werde ich mit "Signora" begrüßt. Finde ich in der hübschen rosafarbenen, engelverzierten Speisekarte auch meinen Lieblingseisbecher (Amarena) nicht, so ist es für die nette Bedienung kein Problem, meine Bestellung entgegenzunehmen.

Während ich warte, schaue ich dem lebhaften Geschehen hinter der Theke zu und erfahre, dass heute Eröffnungstag ist. Das Eis wird gebracht und schmeckt hervorragend. Die Kalorienmenge ist bestimmt als Mittagessen geeignet.

Lesebrille, Stift und Papier liegen bereit, und ich versichere der zuvorkommenden Kellnerin, dass sie mich ganz gewiss nun regelmäßig hier sehen wird.

Angenehme Musikuntermalung und noch ein "Latte Macchiato" (mein allererster überhaupt!) entspannen mich, während ich schreibe oder durch große Fensterscheiben den Autoverkehr beobachte. Alles fließt - auch in mir. Momentan keine quälenden Gedanken sondern Zufriedenheit.

Plötzlich fällt mir etwas ein: Ein paar Häuser weiter weiß ich einen kleinen Blumenladen. Zwar blüht draußen alles frühlingszauberhaft, doch möchte ich mir gerne mal einen kleinen Strauß meiner Lieblingsblumen Freesien, Anemonen und Ranunkeln gönnen. Selten nur stehen welche in meiner Wohnung, doch ich frage mich, warum sich eine Frau nicht selbst Blumen schenken soll! Hoffentlich hat das Geschäft noch geöffnet.

Am Nebentisch höre ich fröhliches Geplapper. Ein kleines Mädchen, vielleicht im Alter meiner Enkelin, unterhält sich mit ihrer Mutter, einer Schweizerin. Ich drehe mich vorsichtig um, um die Kleine anzusehen, als mir einfällt, meine Visitenkarte weiterzugeben.

Die Frau setzt sich zu mir, und zwischen uns entwickelt sich ein lebhaftes Gespräch. Ich erzähle, dass ich Hobbyschriftstellerin bin, und Mutter und Kind sind angetan von der Möglichkeit, meine Kindergeschichten im Internet zu lesen, gar auszudrucken, weil Sina (so der hübsche Name des Mädchens) in der Grundschule grade an einem Leseprojekt teilnimmt.

Die junge Bedienung wird aufmerksam und erbittet für ihren dreijährigen Bruder ebenfalls eine meiner Visitenkarten, die ich ihr gerne aushändige.

Es werden Vorlesegelegenheiten meiner Geschichten und Kindergedichte angedacht, die Sinas Mutter eventuell vermitteln kann. Daneben erzählt sie von ihrem Beruf: Sie behandelt mit Shiatsu und Akupressur, gibt Yogaunterricht und betreibt eine Rückenschule. Während ich ein wenig über meine Beschwerden berichte, beobachtet sie mich und streicht sanft über meinen schmerzenden Ellbogen. Ich weiß sofort, dass ich mich bei dieser Behandlerin wohl fühlen werde, und auf meine Bitte hin notiert sie lächelnd ihre Anschrift.

Es ist kein Zufall, dass ich heute in dem neuen Eisladen diese Frau und ihr Kind getroffen habe. Denn im Leben kommt alles, wie es soll.

Ich lerne daraus, dass ich Belastendes loslassen muss um zu spüren, das Leben geht weiter.

Und auch ich
möchte nicht
stehen bleiben!

Als ich das Eiscafé verlasse und zum Blumengeschäft gehe, hat es bereits geschlossen. Trotzdem mache ich mich lächelnd auf den Heimweg.

Einen Blumenstrauß kann ich mir immer noch mal kaufen ….

 

(14. April 2007)
© Karin Ernst