Alles im Leben verändert sich. Auch eigene Entscheidungen können revidiert werden. So wird's nicht langweilig.

Ich habe eine neue Überlegung getroffen, nämlich, das Brotbacken wieder aufzunehmen.

Viele Jahre lang haben mein Mann und ich uns vollwertig ernährt. Damals die Ernährung nach und nach umgestellt. Weg von Weißmehl und Zucker, hin zu frisch gemahlenem Vollkornmehl und Mahlzeiten, hergestellt nicht aus Nahrungs-, sondern aus Lebensmitteln.

Es hat eine Weile gedauert, bis wir uns an die Vorgaben der Vollwertrichtlinien gewöhnt hatten, dann aber ging es uns gesundheitlich sehr gut. Meine damals vorhandenen Darmprobleme wurden weniger, und mein Mann, der ein paar Pfunde zu viel hatte, nahm an Gewicht ab. Einfach so, ohne sein Dazutun. Diese Nebeneffekte nahmen wir gerne hin.

Vor ca. drei Jahren fingen wir an, diese Ernährung zu vernachlässigen. Wollten wir zum Beispiel mal außerhalb zum Essen gehen, war es ein Problem, "unsere" Ernährung im Restaurant zu bekommen. Ich prägte den Satz: "Vollwerternährung macht einsam". Beinah alle Menschen um uns herum ernährten sich "normal", machten sich kaum Gedanken darüber, ob ihre Mahlzeiten aus gesunden Zutaten bestanden, oder etwas Fertiges in die Mikrowelle geschoben wurde.

Immer häufiger aßen wir ungesünder. Auf nähere Einzelheiten möchte ich nicht eingehen. Es kam sogar vor, dass wir zu McDonalds gingen, was wir früher verabscheut hätten.

Wir waren der Meinung, was die meisten Menschen essen und vertragen, könne auch uns nicht schaden. Falsch gedacht!

Nach und nach traf ein, was kommen musste. Meine Darm- und sonstigen gesundheitlichen Probleme wurden schlimmer, und auch mein Mann nahm wieder zu. Der Schlendrian hatte uns voll im Griff. Zu unserer Entschuldigung sagten wir uns, dass wir frische Zutaten, wie auch unser, nicht mehr selbst gebackenes, Vollkornbrot im Bioladen einkaufen. Das machte unser schlechtes Gewissen ein wenig leichter.

Es kam die Zeit, da ich solche schweren gesundheitlichen Probleme bekam, dass ich häufig zum Arzt ging, verzweifelt war. An falsche Ernährung dachte ich nicht. Eher an eine eventuelle Darmerkrankung. Der Arzt sprach von einem schweren Darmvirus, das würde schon werden. Es zog sich hin, wurde nicht besser!

Also wurde eine Darmspiegelung angeordnet. Wer diese einmal mitgemacht hat, weiß, es ist keine angenehme Sache. Auch hierauf möchte ich nicht in Einzelheiten eingehen. Das Ergebnis war - ich sollte mich freuen! - ohne Befund. Aber die Beschwerden mussten doch einen Grund haben? Etwas zerknirscht verließ ich die Praxis unseres Hausarztes, nachdem er mir, was er bereits vermutet hatte, das Untersuchungsergebnis mitteilte. Einen Rat, wie ich die Beschwerden loswerden würde, konnte er mir auch nicht geben. Typisch Arzt!

Vielleicht sollte es so kommen!

Ab diesem Tag überlegten mein Mann und ich, unsere Ernährung wieder umzustellen. Wir sprachen lange miteinander. Waren der Meinung, dass wir beide an einem Punkt angekommen waren, selbst etwas zu verändern. Also wurde angedacht, die Mahlzeiten erneut auf Vollwert umzustellen.

Gesagt, getan.

Wir beratschlagten, was wir an Vorräten einkaufen müssten. Getreide hatten wir keines mehr im Vorrat. Die Getreidemühle war inzwischen verschenkt worden, an liebe Freunde, die selbstgebackenes Brot sehr schätzen. Aber - oh Freude - die Küchenmaschine, die ich zum Teigkneten brauche, stand sauber verpackt im Keller.

Sie wurde hervorgeholt, gut abgewaschen, eine neue Getreidemühle angeschafft und Getreide eingekauft. Voller Eifer gingen mein Mann und ich an die Vorbereitungen, bis er da war: Der erste Brotbacktag seit Jahren.

*****

Heute Morgen bin ich richtig aufgeregt. Wie vor einer Prüfung. Ein besonderes Ereignis steht an: Brot backen. Wie gerne habe ich damals gebacken, überlege ich. Was ist nur passiert, dass ich es wieder aufgab? Egal! Der Gedanke daran ist müßig. Jetzt muss ich all meinen Ehrgeiz einsetzen, mich an die Handgriffe zu erinnern, die gleich nötig sind.

Blitzblank steht die neue Getreidemühle bereit, die Körner zu zermalmen. Fast zärtlich schaue ich sie an. Wir werden gut miteinander auskommen. An etwas Wichtiges erinnere ich mich nun, nämlich, die Heizung anzustellen. Die Küche muss mollig warm sein, damit der Teig gut gehen kann. Heizung läuft, nun suche ich die Zutaten und Gerätschaften zusammen, die ich brauche.

Ein Pfund Roggen, ein Pfund Weizen. Rein in die Mühle, anstellen zum Mahlen. Das macht sie ganz allein. Ah … welch ein liebliches Geräusch. Nun ja, leise mahlt die Mühle nicht, ich aber lächle. Bin wieder in meinem Element. Ein Beutel Trockensauerteig hinzu, zwei Teelöffel Salz. Bloß nicht vergessen. Ihr glaubt gar nicht, wie lasch Brot schmeckt, wenn man Salz vergisst.
Die Hundertprozentvollwertler würden jetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, weil ich keinen selbst angesetzten Sauerteig nehme. Aber so weit bin ich noch nicht. Dieses Pülverchen ist immerhin aus dem Bioladen. Sauerteig ansetzen kann ich später immer noch.

Nun einen Beutel Trockenhefe mit lauwarmem Wasser verrührt, sie muss zugedeckt gehen. Nicht weglaufen :-), sie wird noch gebraucht. Ich überlege weiter. Die Backform, ganz wichtig. Sie muss erst mal gründlich gespült werden, wurde ebenfalls lange nicht benutzt. Schnell erledigt, dann eingefettet.

Inzwischen ist das Mehl durchgemahlen. Wie es durftet *hmmm*. So riecht lebendiges Mehl, nicht wie das weiße, tote, wie der Ernährungsfachmann sagt. Einen Moment lang nehme ich mit geschlossenen Augen diesen Duft auf, schütte das Mehl dann in die Rührschüssel der Küchenmaschine. Aufgelöste Hefe hinzu, einen halben Liter warmes Wasser. Fehlt noch etwas? Ich denke, fürs erste Mal soll es genügen. Sonnenblumen-, Kürbiskerne, oder weitere Zutaten, wie Sesam, Leinsamen o. ä., gibt's nächstes Mal.

Etwas fällt mir noch ein. Brotgewürz wäre nicht schlecht. Hab ich doch noch irgendwo … Suche und finde einen Rest Kümmel, Anis und Fenchelsamen, ganze Körner. Zwei Esslöffel voll zur gesamten Mischung in die Schüssel geben, Deckel drauf, Einschaltknopf anstellen.

Was für ein berauschendes Gefühl sich entwickelt, als der Motor anfängt zu arbeiten, kann ich fast nicht glauben. Ich hab es geschafft, einen Brotteig vorzubereiten! Nachdem das Rührgerät sich einige Augenblicke durch den schweren Teig gewühlt hat, stelle ich die Maschine ab und decke sie liebevoll zu.

Im Backofen versetze ich das Rost auf die unterste Schiene, so dass die Form dort zum Backen abgestellt werden kann. Schaue mich anschließend in der Küche um. Nichts vergessen? Die Zeituhr noch einstellen. Bedächtig verlasse ich die Küche und schließe leise die Tür.

Nun darf sich der Teig ausruhen!

In der nächsten halben Stunde gehe ich meiner gewohnten Arbeit nach, gespannt darauf, wie sich der Teig entwickeln wird.

Die Zeituhr klingelt. Vorsichtig nehme ich Tuch und Deckel von der Maschine. Der Teig ist herrlich locker aufgegangen, so wie es sich für ein anständiges Vollkornbrot gehört. Nun wieder den Einschaltknopf gedrückt, und der Knethaken arbeitet sich erneut für einige Minuten durch das werdende Brot. Es scheint ihn nicht besonders anzustrengen.

Früher habe ich Brote mit der Hand geknetet, was mir damals viel Spaß gemacht hatte. Aber Hände, Schultern und Nackenmuskulatur würden die Arbeit heute nicht mehr ohne Beschwerden verkraften. Darüber mache ich mir aber keine Gedanken, nimmt mir doch die Küchenmaschine diese Arbeit ab. Wozu ist sie denn da?

Nachdem er nun gut durchgeknetet ist, nehme ich den Brotteig aus der Schüssel und verteile ihn gut in die Kastenform. Mit feuchten Händen drücke ich ihn überall gut an und streiche ihn glatt. Anschließend ritze ich mit einem Messer einige Schnitte in die Oberfläche, decke die Form erneut zu und stelle sie zur zweiten Ruhezeit an die Seite. Wieder wird die Uhr eingestellt, diesmal auf 25 Minuten. Nach einer Viertelstunde heize ich den Herd vor.

Die Uhr klingelt ein zweites Mal. Nun ist es soweit! Neugierig lüfte ich das Tuch und freue mich über den wunderbar aufgegangenen Laib. Vorsichtig mit einem Rest Frühstückskaffee bepinselt, und ab in den Ofen. Neben die Backform stelle ich eine Tasse heißes Wasser. Das wird durch die Hitze zum Kochen gebracht, so entsteht Dampf, dass dem Teig zur weiteren Lockerung verhilft.

Ein letzter Blick durch die Sichtschutzscheibe des Backofens überzeugt mich davon, dass das Backen gelingen wird. Die Uhr nun auf eine Stunde eingestellt. Danach kann ich die Heizung abstellen, denn die Backhitze wird die Küche kostenlos erwärmen.

Vorsorglich lege ich zwei Frühstücksholzbrettchen auf den Küchentisch. Darauf wird später das Backofengitter gelegt, auf dem das heiße Brot abkühlen muss. Damit das Holz des Tisches keine Sengstellen bekommt, lege ich aus Erfahrung die Brettchen drunter.

Jetzt heißt es wieder warten. Voller Spannung schaue ich immer mal wieder ins Guckfenster des Ofens. Der Brotteig hat sich weiter ausgedehnt, das ist ein gutes Zeichen. Die Schnitte platzen, so dass Luft entweichen kann. Alles richtig, freue ich mich. Es klappt doch noch!!

Kaum kann ich es erwarten, dass die Uhr ein letztes Mal klingelt. So schnell ich kann, verlasse ich den Platz am Computer und eile in die Kühe. Ein wunderbarer Duft umfängt mich, der meinen Geruchsnerven sehr behagt.

Ich stelle die Herdschalter ab und öffne langsam die Tür. Dampf entweicht, der mir heiß ins Gesicht steigt. Mit zwei Topflappen hebe ich das Brot heraus und stelle es auf den Herd. Dann lege ich das heiße Gitter auf die Holzbrettchen und stülpe das Brot darauf. Erneut nehme ich es kurz hoch und klopfe mit dem Handknöchel auf die Unterseite, es klingt hohl. So muss es klingen, wenn es richtig durchgebacken ist. Es dampft und riecht verlockend. Einen Moment lang genieße ich den bekannten Geruch. Dann pinsle ich das Brot erneut ein, damit die Oberfläche glänzt.

Mit den Topflappen in der Hand bewundere ich zufrieden mein "Werk". Es ist geschafft, und, vor allem, gelungen! Wie ich mich auf die allererste, frische Brotscheibe heute Abend freue, könnt ihr euch gar nicht vorstellen. Ein Häppchen trocken, dann nur Butter drauf - köstlich!

Mein Mann wird den Knust genießen, oder Kanten, wie man landesunterschiedlich sagt.

Wie?
Ihr sagt, das sei euch alles zu viel Arbeit? Zählt doch mal die eigentliche Arbeitszeit zusammen. Der Weg, den ihr fahren müsst, um beim Bäcker Brot zu kaufen, das Benzin, falls ihr mit dem Auto fahrt, und nicht zu wissen, was im Bäckerbrot an Zutaten enthalten ist, zählen gar nicht?

Ach!
Eure Familie würde ein dunkles Brot nicht essen. Schade!

Dann, bitte, lasst euch doch mal von
diesem Anblick inspirieren.






Als nächsten Schritt werden wir den Frischkornbrei wieder einführen, überlege ich.
Das aber ist ein neues Thema.

Die Anleitung dazu findet ihr unter "Gedichte".




***** E N D E *****




© Karin Ernst