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Nach dem Mittagessen fragt Cosimas Mutter ihre Tochter: "Willst du
heute gar nicht hinausgehen? Sieh nur, die Sonne hat es sich doch noch
überlegt. Sie scheint so schön."
Cosima schaut versonnen aus dem Fenster. "Ach ja, ich werde in den
Garten gehen."
Fröhlich hüpft sie los. Sie spielt im Sandkasten und schaukelt
eine Weile. Plötzlich fliegt etwas an ihrer Nase vorbei. Ein wunderschöner
Schmetterling.
"Ist der schön", ruft Cosima. "Den will ich fangen."
Schnell schlüpft sie aus ihren Sandalen, denn barfuß kann sie
schneller laufen. Das Gras ist trocken und es macht Spaß, ohne Schuhe
und Strümpfe zu gehen.
Es ist nicht leicht, den Schmetterling zu verfolgen. Ständig fliegt
er woanders hin. Nach einer Weile ist er verschwunden. "Auf Wiedersehen,
Schmetterling", winkt Cosima ihm nach.
Sie überlegt, was sie nun spielen kann. Ihre Freundin Lotta aus dem
Nachbarhaus ist nirgends zu sehen. "Ich werde Gänseblümchen
pflücken", beschließt sie. "Daraus kann ich mir einen
Haarkranz winden."
Auf dem Rasen wachsen viele dieser weißköpfigen kleinen Blüten.
Voller Eifer pflückt Cosima sich ein Sträußchen. Um sie
herum kreucht, fleucht und summt es. Die Gefahr erkennt sie nicht.
Eine Menge Gänseblümchen hat sie schon in ihrer Hand, als plötzlich
ihre Mutter angelaufen kommt. "Pass auf, Cosima", ruft sie ihr
zu. Von der Terrasse aus hatte sie beobachtet, dass mehrere Wespen um
ihr Töchterchen herumfliegen. "Siehst du nicht, dass hier Wespen
fliegen?"
Cosima schaut sich um und weiß gar nicht, warum ihre Mama so ängstlich
ist.
"Du hättest mit deinen nackten Füßen auf eine Wespe
treten können. Aber du hattest Glück, denn dein Schutzengel
hat gut auf dich aufgepasst", erklärt die Mutter, während
sie dem Mädchen wieder Strümpfe und Schuhe anzieht.
Später, als es dunkel geworden ist, spielt Cosima noch ein wenig
im Kinderzimmer. Ihre Mutter kommt herein, um Wäsche in den Schrank
zu räumen.
"Mama, was ist ein Schutzengel?"
"Jeder Mensch hat einen", erklärt die Mutter. "Er
ist ständig um dich herum, um aufzupassen, damit dir nichts passiert.
Wie ein Engel aussieht, weißt du doch. Du hast in deinen Bilderbüchern
schon welche gesehen."
Cosima staunt und schaut sich im Zimmer um. "Ich sehe ihn aber gar
nicht."
"Das kannst du auch nicht. Dein Schutzengel zeigt sich nicht. Trotzdem
ist er immer für dich da."
Die Kleine kann kaum glauben, was sie gehört hat. Sie setzt sich
auf ihr kleines Stühlchen, nimmt ihren Lieblingsbären in den
Arm und überlegt ganz angestrengt.
"Hast du gehört, Bärli? Ich habe einen Schutzengel. Ganz
für mich allein."
Bärli hat das natürlich auch gehört und nickt mit dem Kopf.
Einige Tage später ist wieder herrliches Wetter. Cosima möchte
draußen spielen.
"Mama, darf ich Roller fahren?"
"Ja, er steht noch hinter dem Haus. Aber sei schön vorsichtig,
hörst du?", gibt ihr die Mutter mit auf den Weg.
In der Straße, in der Cosima mit ihren Eltern wohnt, fahren nur
wenige Autos. Es macht viel Spaß, hier mit dem Roller zu fahren.
Als sie eine Weile gerollert ist, nähert sie sich dem Kastanienbaum.
Sie schaut sich um, ob vielleicht einige Kastanien vom Baum gefallen sind,
die sie aufsammeln kann. Wie es passiert, weiß sie später nicht
mehr genau. Sie kommt ins Rutschen, und der Roller fällt auf ihren
Fuß. Vor Schreck setzt sie sich unter den Baum und fängt an
zu weinen.
"Aua, das tut so weh."
Sie zieht den Kniestrumpf ein wenig herunter und entdeckt einen blauen
Fleck. Jetzt mag sie nicht mehr rollern. Sie will nur noch heim.
Cosima schiebt ihren Roller, denn die Stelle am Bein tut weh. Als sie
vor ihrem Haus ankommt, ist gerade der Papa von der Arbeit gekommen.
"Was hat denn meine Maus? Hast du dich verletzt?", fragt er,
als er sie humpeln und den Roller schieben sieht.
"Der Roller ist mir auf den Fuß gefallen. Nun tut es ganz doll
weh", fängt sie erneut an zu weinen.
Der Vater schaut sich vorsichtig ihr Bein an. "Das ist Gott sei Dank
nur ein blauer Fleck. Da hast du noch mal Glück gehabt. Dein Schutzengel
hat gut auf dich aufgepasst."
Cosima vergisst vor Staunen ihren Schmerz und hört prompt auf zu
weinen. `Schon wieder der Schutzengel`, denkt sie, `er muss doch irgendwo
sein.`
"Suchst du etwas?", fragt ihr Vater.
"Och, nöö."
Papa schiebt nun den Roller, und beide gehen ins Haus.
Mama klebt ein buntes Pflaster auf die kleine Verletzung. Cosima trägt
es voller Stolz. Sie lässt extra den Kniestrumpf runtergerutscht,
damit jeder das Pflaster sehen kann.
Als sie abends im Bett liegt, denkt sie über das, was ihre Eltern
gesagt haben, nach.
`Wo mag mein Schutzengel nur sein? Ich möchte ihn so gerne einmal
sehen.`
Über diesem Wunschgedanken schläft sie ein und träumt von
Engeln mit Schmetterlingsflügeln.
Am nächsten Tag spielt sie mit ihrer Freundin Lotta in der Sandkiste.
"Du, Lotta, sag mal. Hast du deinen Schutzengel schon mal gesehen?
Weißt du, wie er aussieht?"
Lotta schaut Cosima skeptisch an. "Was meinst du?"
"Du hast auch einen Schutzengel. Genau wie ich", erzählt
Cosima weiter. "Ich würde ihn so gerne einmal sehen."
Lotta weiß auch nicht mehr über Schutzengel, als ihre Freundin.
So geben sie das Thema bald wieder auf. Viel mehr Spaß macht es,
zu toben, zu lachen und zu singen.
"Pscht! Es ist jetzt Mittagsruhe. Könnt ihr euch nicht daran
halten?", ruft plötzlich eine Stimme.
Ach, du liebe Güte. Die Nachbarin schimpft über den Zaun.
"Wir müssen leise sein", sagt Cosima zu Lotta.
Die nickt, denn beide kennen diese Nachbarin.
"Meine Mama hat gesagt, sie steckt überall ihre Nase hinein",
flüstert Cosima ihrer Freundin zu, und beide prusten los.
`Vielleicht kann sie mir sagen, wo mein Schutzengel ist. Oder wie er aussieht`,
überlegt Cosima. `Wenn sie doch alles weiß.` Aber dann fällt
ihr ein, dass die Nachbarin noch nie freundlich zu ihr war. Nein, die
würde sie nicht fragen.
Am übernächsten Tag ist Samstag.
"Mama, weißt du noch, dass du versprochen hast, mit mir schwimmen
zu gehen?", fragt Cosima nach dem Frühstück ihre Mutter.
"Ja, das habe ich nicht vergessen. Wir fahren nachmittags ins Schwimmbad",
verspricht diese.
"Au fein", ruft das Töchterchen zurück und geht spielen.
Auf dem Weg in den Garten hört sie eine Fahrradklingel. Sie bleibt
stehen, weil der Briefträger kommt. "Bekommen wir Post?",
fragt sie ihn.
Er gibt ihr einen Brief für die Mama.
"Du kommst doch weit herum, nicht wahr?", fragt sie den netten
Postboten. "Weißt du vielleicht, wo Schutzengel wohnen, oder
wie sie aussehen?"
Er überlegt eine Weile mit ernstem Gesicht und antwortet: "Nein,
ich habe noch keinen getroffen. Doch auch ich habe einen, denn mich hat
noch nie ein Hund gebissen."
Erstaunt sieht Cosima den uniformierten Herrn an. `Also gibt es doch Schutzengel`,
denkt sie. Sie nimmt den Brief, ruft "Tschüss" und läuft
zurück ins Haus.
Nachdem sie ihrer Mutter den Brief ausgehändigt hat, geht sie in
den Garten. Sie setzt sich auf den Rand des Sandkastens und denkt an ihren
Schutzengel. `Ach, könnte ich ihn doch nur einmal sehen.`
Dann fällt ihr ein, dass auch ihre Oma erzählt hat, ihr Schutzengel
sei immer bei ihr, würde sich aber nie zeigen. Träumend beobachtet
sie eine Amsel. Mit seinem Schnabel pickt der Vogel immer wieder ins Gras,
bis er plötzlich einen Regenwurm gefunden hat. Er zieht und zieht.
Der Wurm steckt tief in der Erde.
"Ob sich der Schutzengel vielleicht in der Erde versteckt?",
überlegt Cosima. "Aber dann könnte er nicht hier auf mich
aufpassen", gibt sie sich selbst die Antwort. "Nee, da unten
kann er nicht wohnen."
Nach dem Mittagessen packen Cosima und ihre Mutter die Badesachen. Der
Papa hat etwas anderes zu tun und kann nicht mitkommen. Sie verabschieden
sich und fahren zum Schwimmbad. Ach, ist das schön hier. Es gibt
sogar eine Wasserrutsche.
"Sei bitte vorsichtig", warnt die Mutter, als Cosima die Treppe
zur Rutsche hinauf läuft.
Als sie rutscht, kommt plötzlich ein größerer Junge in
schnellem Tempo hinter ihr angerast. Er fällt auf sie drauf und Cosima
geht im Wasser unter. Sie verschluckt sich und kann nicht rufen. Plötzlich
weiß sie gar nicht, wie ihr geschieht. Starke Arme heben sie aus
dem Wasser. Der Bademeister lächelt sie an.
"Alles in Ordnung? Da hast du aber Glück gehabt."
Cosima reibt sich das Wasser aus den Augen und muss fürchterlich
husten. Ihre Mutter kommt angelaufen. "Bist du in Ordnung?",
fragt sie ängstlich.
"Es ist alles gut gegangen. Der Schutzengel hat auf ihre Kleine aufgepasst",
beruhigt der Bademeister sie.
Lächelnd verabschiedet er sich von Cosima und ihrer Mutter. Die beiden
haben jetzt keine Lust mehr hier zu bleiben und gehen in die Umkleidekabine.
Auf dem Weg dorthin denkt Cosima wieder an ihren Schutzengel. `Ich möchte
ihn so gerne sehen.`
Müde von den Ereignissen dieses Schwimmausfluges liegt Cosima abends
im Bett. Ganz fest drückt sie ihren Bärli an sich. "Weißt
du nicht, wo mein Schutzengel ist?", fragt sie ihn. Er aber schüttelt
verneinend den Kopf. Beide schlafen ein.
Am nächsten Morgen klingelt es nach dem Frühstück an der
Tür.
"Öffnest du mal", bittet die Mutter Cosima.
Diese läuft zur Eingangstür. Erschrocken starrt sie den Mann
an, der dort steht. Ganz schwarz ist er gekleidet.
"Ich bin der Schornsteinfeger. Du brauchst keine Angst zu haben."
Der schwarze Mann schenkt ihr ein Lächeln und seine weißen
Zähne blitzen. In diesem Moment kommt die Mutter hinzu und beide
begleiten den Schornsteinfeger in den Garten. Mit einer hohen Leiter klettert
er auf das Dach hinauf. Jetzt hat Cosima eine Idee.
"Du kannst doch ganz weit sehen von dort oben, nicht wahr?",
fragt sie den Schornsteinfeger.
"Ja, das kann ich wohl", antwortet er.
"Kannst du vielleicht meinen Schutzengel sehen?", fragt sie
zögernd.
Er sieht sich gewissenhaft in alle Richtungen um, dann antwortet er: "Nein,
ich kann ihn nicht finden."
"Schade", murmelt Cosima.
Den Nachmittag verbringt Cosima mit Lotta im Garten. Viel gibt es zu spielen
und zu erleben. Sie hat keine Zeit mehr, über ihren Schutzengel nachzudenken.
Als sie an diesem Abend ins Bett geht, denkt sie seit langem nicht daran,
dass sie ihren Schutzengel sehen möchte. Selig und tief schläft
sie ein.
"Hallo, Cosima", ruft eine leise Stimme.
Cosima stutzt. Sie schläft doch. Wer stört?
"Du wolltest mich doch einmal sehen. Ich bin dein Schutzengel",
spricht erneut die leise Stimme.
Cosima bekommt große Augen und rote Wangen. "Du bist mein Schutzengel?",
staunt sie und betrachtet ihn ganz genau. "Warum zeigst du dich denn
nicht am Tage?"
"Schutzengel dürfen sich nicht zeigen. Wir müssen nur aufpassen,
damit euch nichts Schlimmes passiert."
Cosima betrachtet glücklich ihren Schutzengel. "Jetzt weiß
ich wenigstens, wie du aussiehst. Und dass es dich gibt. Wirklich."
Ihre letzten Worte gehen im Schlaf unter.
Der Schutzengel streicht der Kleinen übers Haar und fliegt lächelnd
davon.
Am nächsten Morgen wacht Cosima fröhlich und ausgeschlafen auf.
"Mama, ich habe geträumt. Von meinem Schutzengel. Ich weiß
jetzt, wie er aussieht. Er ist wunderschön.
Und ich weiß jetzt genau, dass es ihn gibt.
Ganz in echt."
***** E N D E *****
© Karin Ernst
Bild: ©
Karin Scholles
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