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***** Ein Märchen *****
Larissa ist im
Kinderzimmer und zieht sich an.
`Verflixt`, denkt sie, `wo ist denn wieder mein zweiter Schuh? Dauernd
ist irgendein Schuh weg.`
Schon ruft Mama aus der Küche: "Beeile dich bitte, wir müssen
gleich zum Kindergarten."
Seufzend macht sich Larissa auf die Suche. `Bestimmt hat Julian ihn wieder
irgendwohin geschleppt`, überlegt sie. Aber ihr kleiner Bruder liegt
noch seelenruhig im Schlaf. Unter seinem Bettchen findet sie endlich den
Schuh. Schnell zieht sie ihn an. Leise will sie aus dem Zimmer gehen,
um Julian nicht zu wecken. Rums, fällt die Tür zu. Dabei hat
sie sich bemüht, sie leise zu schließen.
"Ich hatte dich doch gebeten, die Tür leise zu schließen.
Du weißt doch, dass Julian noch schläft", schimpft die
Mutter.
"Mama, das war ich nicht. Ich habe die Tür wirklich leise zumachen
wollen. Sicher war das der Wind."
"So so, dieses Mal war es der Wind", antwortet die Mutter und
muss lachen. "Was dir immer alles einfällt. Die Fenster sind
doch geschlossen."
Larissa horcht und meint, ein kleines Geräusch gehört zu haben.
Es hörte sich an, als wenn jemand hihihi gesagt hätte. Aber
ihre Fantasie hat ihr sicher wieder einen Streich gespielt. Dauernd hört
sie irgendwelche Geräusche, die außer ihr niemand bemerkt.
Sie nimmt ihre kleine Tasche und geht mit Mama zum Auto. Gerade will sie
in ihren Kindersitz klettern, als sie sieht, dass ihr Lolli auf dem Sitz
liegt. Den hatte sie gestern überall gesucht. Wie er wohl hierher
gekommen ist?
Sie nimmt ihn vom Sitz, um sich hinsetzen zu können. Träumend
schaut sie während der Fahrt aus dem Fenster, freut sich auf den
Kindergarten.
Plötzlich hat sie das Gefühl, ein kleines grünes Gesicht,
das lächelt, schaut zum Fenster herein.
`Was träume ich denn jetzt schon wieder?`, fragt sich Larissa. `Es
gibt keine grünen Gesichter.`
Aber Mama hat ihr eine ganze Menge von Halloween erzählt. So ganz
genau hat sie nicht verstanden, was die Kinder in dem Land Amerika, das
so schrecklich weit weg ist, da feiern. Es hörte sich aber lustig
an. Vielleicht auch ein ganz klein wenig erschreckend.
Als Mama Larissa mittags vom Kindergarten abholt, kann diese ihr Täschchen
nicht finden. Dabei weiß sie ganz genau, dass sie es an ihren Haken
gehängt hat, der nur für sie angebracht wurde. Es ist ein Fliegenpilz,
den sie gar nicht verwechseln kann. Alle gehen auf die Suche: Mama, Larissa
und ihre nette Erzieherin. Selbst Paul, ein Junge, der gleichzeitig mit
ihr zusammen in den Kindergarten kam, hilft suchen. Dabei kann Larissa
ihn gar nicht leiden. Er rennt immer hinter ihr her.
Endlich findet Larissa die Tasche. Sie hängt am Wasserhahn des Kinderwaschbeckens.
Natürlich wundern sich alle, wer sie dort angehängt hat. Larissa
hört wieder dieses komisch kichernde Lachen. Schnell schaut sie alle
an. Nein, niemand hier lacht. Merkwürdig.
Nach dem Mittagessen geht Larissa zum Mittagsschlaf ins Bett. Kindergarten
ist wunderbar, macht aber auch ganz schön müde. Richtig einkuscheln
will sie sich in ihr Bett. Irgendetwas drückt sie aber noch. Die
Puppe ist es nicht, ihr Lieblingskuscheltier hat sie ihm Arm, das kann
es auch nicht sein. Jetzt zwickt sie sogar irgendetwas. "Aua!",
ruft sie. Was kann das nur sein?
Sie sieht sich in ihrem Bett um und staunt: Ein kleines, grünes Männchen
liegt unter ihrer Decke. Es ist sehr klein und sehr grün und lacht
sie an. Larissa kann gar nicht anders, sie muss auch lachen.
"Wer bist du denn, und wie kommst du in mein Bett?", fragt sie.
"Hier ist es so schön gemütlich", antwortet das Männlein.
"Wer ich bin? Ja, weißt du das denn nicht? Ich bin das grüne
Männchen, das die Kinder ärgert. Ich bin so klein und so grün
und so hässlich, dass mich überhaupt keiner leiden kann. Darum
ärgere ich kleine Kinder, indem ich ihre Sachen verstecke und so
allerlei anderen Blödsinn mache."
Eigentlich findet Larissa das Männlein gar nicht so hässlich.
In Bilderbüchern und im Fernsehen sieht sie manchmal ganz andere
Gestalten. Vor dem kleinen Mann hat sie auch nur ganz bisschen Angst.
Es sieht ein wenig aus wie ein Geist. Julian hat nämlich ein Geist-Bilderbuch,
das darf sie sich auch anschauen.
`Traurig ist es schon, wenn jemand überhaupt keinen Freund hat und
immer so allein ist`, denkt sie. "Na gut, hier ist genug Platz für
uns beide. Dann lass uns jetzt schlafen", sagt sie, gähnt noch
einmal und schläft sofort ein.
Als sie aufwacht, ist das Männchen noch da. Sie unterhalten sich
leise. Das Männlein erzählt ihr, dass nur Menschen, die lieb
sind und Fantasie haben, es sehen können. Für alle anderen ist
es unsichtbar. Jetzt gehört es zu ihr, wird immer in ihrer Nähe
sein.
Mama kommt herein und öffnet das Fenster. Sie wollen jetzt gemeinsam
spazieren gehen.
"Du lächelst ja, mein Kind, hast du etwas Schönes geträumt?"
"Ja, Mama", antwortet Larissa und denkt: `Wenn du wüsstest.`
In nächster Zeit wundert sich Larissa, denn sie findet ihre Sachen
immer sofort wieder, die sie sonst sehr lange sucht. Es knallt keine Tür
mehr, wenn sie versucht, sie leise zu schließen. Auch verschüttet
sie keine Milch mehr. Das wollte sie vorher auch nicht, es ist aber hin
und wieder passiert. Dann hatte sie immer das Gefühl, jemand würde
sie beim Milcheinschenken schubsen.
Kommt sie aus dem Garten rein, ist das kleine Männchen wieder da
und erinnert sie daran, sich die Schuhe abzuputzen. Wenn Julian mal ein
Teil ihrer Spielsachen verschleppt, finden das Männchen und sie es
gemeinsam wieder. Es ist schon recht praktisch, einen kleinen, grünen
Freund zu haben. Nachts schläft er jetzt in ihrem Puppenwagen. Darin
hat er genügend Platz und eine schöne, warme Decke.
"Warum hast du mich ausgesucht?", fragt Larissa einmal das Männlein.
"Weil du so schöne blonde Locken hast", antwortet es. "Schau
dir meinen Kopf an. Ganz glatt, nicht ein Härchen ist zu sehen."
Von ihrer Puppe holt sie eine buntgeringelte Mütze. "Das sind
zwar keine Haare, aber damit hast du wenigstens etwas auf dem Kopf."
Das Männchen freut sich sehr. Die Mütze will es überhaupt
nicht mehr absetzen.
Mama denkt in letzter Zeit: `Meine kleine Larissa wird wirklich groß.
Sie ist nicht mehr so unordentlich. Findet alles wieder, was sie verlegt
und schlägt keine Türen mehr zu.` Allerdings wundert sie sich
manchmal, dass sie mit sich selbst spricht. Es hört sich an, als
würde sie sich mit jemandem unterhalten. Doch sie weiß, dass
Larissa sehr viel Fantasie hat.
"Ach!", seufzt sie. "Kinder werden zu schnell groß.
Die Fantasie soll sie lange noch behalten."
Larissa aber findet es richtig gut, wie es jetzt ist. Sie hat jemanden,
der ihre Sachen wieder findet, ein wenig auf sie aufpasst, und einen echten
Freund.
Auch wenn er klein und grün und für andere unsichtbar ist ...
***** E N D E *****
© Karin
Ernst
Bild: ©
Karin Scholles
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