Das Leben - entspannter sehen

Der herrliche Aprilsommer pausiert. Der heutige Tag erwacht milchiggrau, die Sonne blinzelt nur verhalten.

Hab ich auch traumunruhig geschlafen, fühle ich mich gar nicht mal so schlecht und sage mir: Wieder ein neuer Morgen, neue Hoffnung, dass der Seelenschmerz weiter abnimmt.

Zuversichtlich gehe ich hinaus, habe einen Termin. An der Haltestelle treffe ich eine Nachbarin, die ich lange nicht gesehen habe. Ich erschrecke, wie elend sie aussieht. Seit Jahren schon bekommt sie immer mehr Krankheiten, die sie geduldig erträgt.

Jetzt hat das Schicksal jedoch erbarmungslos zugeschlagen. Sie erzählt, dass Krebs ihren Körper geißelt.

Spontan nehme ich sie in den Arm. Einen Moment lang weinen wir miteinander, und ich frage, warum diejenigen, die schon belastet sind, häufig noch mehr aufgebürdet bekommen. Doch ahnen wir beide, dass es auf diese Frage keine Antwort gibt.

Kommen mir, weil der Bus naht, meine auf die Schnelle gesagten Trostworte auch total unzureichend vor, wünsche ich ihr doch alles erdenklich Gute für die anstehende schwere Operation.

Nachdenklich steige ich ein und spüre, wie meine eigenen Sorgen selbst klitzeklein werden. Was wiegen schon Herzschmerz und Seelenkummer gegen das Leid dieser Frau? Kann meine Tränen kaum zurückhalten, weine nun auch um mich.

Damit Mitfahrende meine Traurigkeit nicht sehen, schaue ich aus dem Fenster. Und, als sollte es so sein, öffnet der Himmel genau in diesem Moment das erste Stückchen Blau - scheinbar mir zum Trost. Möge die kranke Nachbarin ihn auch so empfinden!

Ich komme ins Sinnieren …

Wie schnell kann das Leben zuende sein.

Warum gibt es statt Kummer nicht mehr frohe Stunden?

Warum kann man nicht versuchen, Schwierigkeiten mit Leichtigkeit und Aussprechen unter der Prämisse zu lösen, das Leben nicht so schwer zu nehmen?

Warum bemühen wir uns nicht, die Schemata zu lockern, in denen wir uns oft selbst gefangen halten?

Und warum können wir nicht einfach ein bisschen entspannter leben und …lieben?

Entschlossen wische ich die Tränen ab und nehme mir vor, gezielt auf frohmachende Kleinigkeiten zu achten. Denn ich weiß, es gibt sie.

Wir müssen nur hinschauen um zu erkennen, wie sie unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit färben können.

 


(17. April 2007)
© Karin Ernst