Die Farbe Rot

"Es gibt Tage, da ergeben sich Kontakte und Gespräche. An anderen ist mir eher danach, Stöpsel im Ohr zu tragen", sagte die Frau in der Straßenbahn neben mir.

"Blau zu Blau", antwortete ich und zeigte auf ihren königsblauen Regenschirm. Er hatte fast die gleiche Farbe wie meine Gehstütze. Schon ergab sich eine lockere Unterhaltung während unserer gemeinsamen Fahrt.

Lächelnd betrachtete ich sie. "Ein netter kleiner Rucksack, könnte mir auch gefallen". Auf ihrem Rücken hing ein knallroter lederner "City-Bag", wie man sie heute nennt. Überhaupt trug sie anscheinend gerne Rot. Der Anorak war ebenso knallrot wie die hübschen Schuhe, die unter einer weißen Hose hervorlugten. "Warum nicht rot? Ich trage gerne Farben." "Ich auch, zumal bei dem Grau draußen", antwortete ich. Meine Jacke war hellblau, der Rollkragen darunter ebenfalls rot. Wenn auch nicht so knallig wie ihre Sachen, sondern in einem Kirschrot, das ich bevorzuge.

Die Frau war hellblond, das leuchtende Rot kleidete sie gut. Mir wäre es zu lebhaft. Es gibt Tage, da kann ich gar keine rote Farbe tragen, weil es mir zu unruhig darin wird. Und ich versichere, das ist keine Einbildung.

Wir sprachen noch eine kleine Weile und waren uns einig, dass es in jedem Leben Aufs und Abs gibt. Ich meinte, es ginge irgendwie immer weiter. Momentan bewegte ich mich in Babyschritten vorwärts, manchmal ging's auch einen Schritt zurück, doch ich kam voran. Auch sollte man immer einmal mehr aufstehen, als man hinfällt. Diesen Spruch fand ich irgendwo, und er passte in dieses Gespräch.

Sie neigte dazu, meistens zu schnell vorankommen zu wollen, erkannte, dass es nicht gut sei, nur linear vorwärts zu preschen. Ich schlug vor, Abzweigungen zu nehmen und die Neuigkeiten auf den Nebenwegen zu entdecken.

Bevor wir an der gleichen Haltestelle ausstiegen, gab ich ihr eine Visitenkarte. Sie wollte meine Homepage besuchen, und ich bin gespannt, ob sie es durch einen Gästebucheintrag beweist. Dann trennten sich unsere Wege.

Als ich langsam durch die lebhafte Innenstadt ging, fiel mir auf, wie viel Rot es doch zu sehen gab. Kinder waren häufig rot gekleidet, ein Kinderwagen gleicher Farbe gefiel mir sehr gut, und ich erblickte plötzlich überall rote Sachen. Sogar einem Hund hatte man ein rotes Nickituch um den Hals geschlungen. Dabei sah ich selbst nicht "Rot", denn mir ging es einigermaßen gut.

Als ich eine Frau mittleren Alters an mir vorbeischlendern sah, musste ich lächeln. Sie war tatsächlich von Kopf bis Fuß in Rot gekleidet. Welch eine Idee! Doch stand ihr der rote Trenchcoat genauso gut wie die rote Lederhose und Pumps in gleichem Ton. Die rote Handtasche war total In, und sogar das Haargummi, das einen Pferdeschwanz zusammenhielt, war rot. Selbstverständlich auch die dickperlige Kette, die ihren Halsausschnitt schmückte. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass ihre Fingernägel mit dieser Farbe lackiert und natürlich auch ihre Lippen gleichfarbig angemalt waren. Mehrere Männer schauten ihr mit offenem Mund hinterher. Ich gestattete mir die Überlegung, ob sie wohl auch rote Unterwäsche trug und wurde bei dem Gedanken beinah selbst rot. Doch warum nicht?? Rot soll belebend sein :-)

Spontan kam mir die Idee, dass ich für mein nächstes Paar Schuhe, das ich bei meinem Orthopädieschuhmacher anfertigen lasse, statt meiner Lieblingsfarbe Bordeaux vielleicht mal ein Knallrot nehmen sollte.

Warum eigentlich nicht? Denn auch die Farbe würde zu meinen Hosen passen, die ich meistens trug: Jeans.

Der Gedanke gefiel mir nicht nur, sondern stimmte mich irgendwie fröhlich.

Obwohl die Sonne sich schon wieder versteckte und es gerade anfing zu regnen …

 


(02. April 2008)
© Karin Ernst