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Miriam freut sich,
als sie morgens aufsteht. Die Sonne scheint und Mama will nachher mit
ihr einkaufen gehen. Sie liebt es, in die Schaufenster zu schauen. Hübsche
Dinge liegen dort.
Am Nachmittag ruft die Mutter sie vom Spielen rein. "Kommst du bitte,
Miriam. Wir wollen losgehen."
Das lässt sich das Mädchen nicht zweimal sagen. Schnell wäscht
sie sich die Hände, zieht ihre Jacke an, und Hand in Hand marschieren
beide los.
An vielen Geschäften gehen sie vorbei. Plötzlich ruft Miriam:
"Moment mal, Mama. Ich möchte mir dort im Schuhgeschäft
etwas im Schaufenster ansehen."
Die Mama war schon einige Schritte vorgelaufen und bleibt stehen, damit
ihre Tochter in Ruhe die Auslagen betrachten kann.
Miriam steht davor und schaut. `Ja, sie sind noch da`, denkt sie.
Ihre Mutter sieht sie lächeln. "Worüber freust du dich?",
fragt sie.
"Ach Mama, sieh mal, die roten Schuhe. Sind die nicht wunderschön?"
"Ja, schön sind sie. Aber Kind", antwortet ihre Mutter,
"deine Turnschuhe sind erst drei Wochen alt. Wir können nicht
schon wieder neue Schuhe kaufen. Du wächst so schnell aus ihnen heraus."
Miriam seufzt. Sie weiß, dass sie vor kurzem erst die Turnschuhe
bekommen hat. Damals wollte sie die auch unbedingt haben. Sie bettelte
so lange, bis Mama sie kaufte. Jetzt ist sie aber in die roten Schuhe
im Schaufenster richtig verliebt.
Sie gehen weiter, doch Miriam gehen die hübschen roten Schuhe nicht
aus dem Kopf. Ständig muss sie daran denken, sogar als sie auf dem
Rückweg bei der Oma vorbei schauen. Sie haben ihr vom Einkaufen etwas
mitgebracht und möchten es ihr jetzt bringen.
"Oma, weißt du was? Ich habe rote Schuhe im Schuhgeschäft
gesehen. Ach, die gefallen mir so gut. Könntest du mir die nicht
kaufen?", fragt sie kleinlaut die Großmutter.
Unmerklich schüttelt die Mutter den Kopf, so dass die Oma antwortet:
"Miriam, so geht das nicht. Deine Mama hat gesagt, du kriegst jetzt
keine neuen Schuhe. Da kann ich nicht sagen, ich kaufe sie dir. Bei nächster
Gelegenheit wirst du wieder ein paar neue Schuhe brauchen. Vielleicht
sind es dann die, die dir im Moment so gut gefallen."
Das Mädchen ist mit dieser Antwort nicht einverstanden. Aber was
soll es machen? Es schaut auf ihre Turnschuhe hinunter und denkt: `Wenn
ihr rot wärt, so wie die Schuhe im Schaufenster, das wäre schön.`
Natürlich weiß sie, dass das nicht geht.
Abends beim Zubettgehen denkt Miriam noch immer an die roten Schuhe. Wie
gerne sie diese doch hätte. `Ob ich träumen kann, dass ich sie
doch bekomme? Manchmal gehen Wünsche in Erfüllung`, denkt sie,
bevor sie einschläft.
Leider geht ihr Traum nicht in Erfüllung. Nicht in dieser Nacht.
Jedes Mal, wenn Miriam mit ihrer Mutter einkaufen geht, bleibt sie vor
dem Schaufenster des Schuhgeschäftes stehen. Ihr kleines Herz schlägt
richtig stark, wenn sie die roten Schuhe dort stehen sieht. Kein Kind
hat sie bisher gekauft. Vielleicht ... Nein, sie denkt lieber nicht weiter
darüber nach.
Nach einiger Zeit geht Miriam mit ihrer Mutter wieder einmal zum Einkaufen
in die Stadt. "Mama, darf ich schauen?", fragt sie, als das
Schuhgeschäft in Sichtweite kommt.
"Aber ja." Die Mutter lässt die Hand ihrer Tochter los,
damit diese loslaufen kann.
"Oh nein, das geht doch nicht. Wo sind denn die roten Schuhe?",
ruft sie plötzlich ganz verzweifelt.
Laufen ihr gar ein paar Tränchen über die Wangen?
"Was ist denn los?", fragt die Mutter.
"Sieh selbst! Die roten Schuhe sind weg", antwortet Miriam.
"Ach, mein Kind, einem anderen Mädchen werden sie ebenso gefallen
haben wie dir. Jetzt hat das Kind die roten Schuhe gekauft", sagt
die Mutter.
Als beide weitergehen, ist Miriam nicht mehr bei der Sache. Ganz traurig
ist sie und fragt sich, wer wohl ihre roten Schuhe gekauft haben mag.
So viel Hoffnung hatte sie. Sie kann sich heute gar nicht mehr freuen.
Am nächsten Tag ist Kinderturnstunde angesagt. Regelmäßig
geht Miriam einmal pro Woche dorthin. Viel Spaß macht ihr der Sport.
Sie packt eine blaue Leggings und ein gelbes T-Shirt in ihren kleinen
Turnbeutel, zieht ihre Turnschuhe an und macht sich auf den Weg. "Tschüss,
Mama", ruft sie.
"Mach bitte den Reißverschluss deiner Jacke zu. Es ist recht
frisch draußen", sagt die Mama und hilft ihr dabei.
Ein Küsschen gibt es noch mit auf den Weg, dann läuft das Mädchen
los. Die Turnhalle ist nur zwei Straßen weiter. Den Weg darf Miriam
schon allein gehen. Schließlich wird sie bald fünf Jahre und
viel Verkehr ist nicht auf den beiden Straßen, die sie überqueren
muss.
Im Umkleideraum der Turnhalle sucht sich Miriam ein Plätzchen, um
ihr Sportzeug anzuziehen. Sie sieht ihre Freundin Julia kommen. Julia
turnt mit ihr in der gleichen Gruppe.
"Hallo, Julia!", will sie rufen. Auf einmal stutzt sie und wird
ganz aufgeregt. "Julia, was hast du denn für Schuhe an?",
fragt sie die Freundin.
"Wieso? Ich habe neue bekommen. Meine Mutter und ich haben sie gestern
gekauft", antwortet Julia, doch richtig glücklich blickt sie
nicht auf ihre neuen Schuhe. "Eigentlich wollte ich ja lieber Turnschuhe.
Solche, wie du sie vor kurzem bekommen hast. Weißt du noch?",
fragt Julia. "Ach, die hast du heute sogar an." Sie seufzt ein
wenig.
Beide sehen gegenseitig auf die Schuhe der anderen.
"Meine Mutter wollte schon lange, dass ich ein paar rote Schuhe bekomme",
sagt Julia zu Miriam. "Darum haben wir diese gekauft. So richtig
bequem sind sie aber nicht."
Jetzt ruft die Trainerin die Kinder zusammen, so dass für beide das
Thema vorläufig beendet ist.
Nach der Turnstunde gehen Julia und Miriam gemeinsam zurück in den
Umkleideraum.
"Ich hab's!", ruft plötzlich Julia. "Ich weiß,
wie wir's machen. Ja, so müsste es gehen."
"Was meinst du?", fragt Miriam.
"Ich hab die Lösung. Wir werden einfach unsere Schuhe tauschen",
antwortet Julia.
"Meinst du wirklich?" Miriam strahlt.
Ganz aufgeregt sind beide bei der Überlegung.
"Aber meine Turnschuhe sind schon drei Wochen alt. Deine sind noch
völlig neu", fällt Miriam plötzlich ein.
"Das macht nichts. Sie sehen noch immer aus wie neu. Und wenn nicht,
wäre es mir auch egal", antwortet Julia.
Schnell tauschen sie die Schuhe. Vorsichtig zieht Miriam die geliebten
roten Schuhe an. "Die passen ja richtig", ruft sie begeistert.
"Auch mir passen deine Turnschuhe. Wie angegossen." Julia drückt
Miriam vor Freude an sich. Dann gehen sie ein paar Mal zur Probe durch
den Raum.
"Meine drücken nicht, deine etwa?", fragt Miriam.
Sie hatte schon "meine" gesagt, dabei gehören ihr die roten
Schuhe noch gar nicht. Sollte ihr Traum doch noch wahr werden?
"Nein, überhaupt nicht", antwortet Julia und freut sich
über die wunderschönen Turnschuhe.
Die Schuhe der Freundin passen Julia und umgekehrt. So beschließen
sie das Tauschgeschäft.
"Was werden unsere Mütter dazu sagen?" Miriam presst ängstlich
ihre Hand auf das wild klopfende Herz. Wird sie ihre innig geliebten Schuhe
wieder herausgeben müssen?
Auch Julia guckt betreten. "Ist doch egal. Schließlich haben
die roten bei mir ein wenig gedrückt. Das werde ich meiner Mama schon
klar machen", antwortet sie schließlich.
So ganz geheuer ist den beiden die Geschichte aber doch nicht. Trotzdem
machen sie sich beschwingt auf den Weg. An der Straßenecke winken
sie sich zu, denn Julia geht in eine andere Richtung.
"Viel Spaß mit deinen neuen Schuhen", ruft Miriam ihr
hinterher.
"Danke, gleichfalls", wünscht diese ihrer Freundin. Fröhlich
laufen beide nach Hause.
Kurz bevor Miriam ihr Zuhause erreicht, kommt die Angst zurück. Was
wird ihre Mutter sagen? Sie traut sich gar nicht zu klingeln. Doch die
Mutter hat sie bereits kommen sehen und öffnet ihr die Tür.
"Da bist du ja wieder. War's schön beim Kinderturnen?",
fragt sie Miriam. "War Julia auch da?" Skeptisch schaut sie
ihre Tochter an, weil diese sonst nicht so ruhig ist, wenn sie vom Turnen
nach Hause kommt. "Ist irgendwas?", fragt sie weiter und sieht
Miriam genauer an. Ob sie sich verletzt hat? Doch dann entdeckt Miriams
Mutter die roten Schuhe.
"Was sind denn das für Schuhe? Wo sind deine Turnschuhe?",
fragt sie.
Ganz verschämt erzählt Miriam ihrer Mutter die Geschichte mit
dem Schuhtausch.
"Soso, dann hat Julia jetzt deine Turnschuhe, und du trägst
ihre neuen roten Schuhe?", fragt sie ungläubig. Dabei dreht
sie sich ein wenig zur Seite, damit Miriam nicht sieht, dass sie lächeln
muss. "Was habt ihr euch nur dabei gedacht? Deine Turnschuhe waren
nicht mehr neu. Die roten Schuhe sind aber völlig neu. Na, ob Julias
Mutter damit einverstanden sein wird, müssen wir erst noch klären."
Miriam ist froh, dass sich das Schimpfen der Mutter in Grenzen hält
und geht schnell ins Kinderzimmer. Die roten Schuhe möchte sie am
liebsten gar nicht mehr ausziehen. Sie passen auch einwandfrei. Nirgends
drücken sie. Und viel schöner sind sie als ihre Turnschuhe,
die sie vor drei Wochen unbedingt haben wollte.
Miriams Mama ist inzwischen ins Wohnzimmer gegangen und ruft Julias Mutter
an. Auch die hatte sich gewundert, dass Julia mit anderen Schuhen nach
Hause gekommen war.
Nachdem Mama den Hörer aufgelegt hat, geht sie zu Miriam. "Julias
Mutter und ich sind uns einig: Ihr dürft es bei dem Tausch belassen.
Wenn ihr mit den anderen Schuhen unglücklich seid, ist es so für
alle die beste Lösung." Ihre lachenden Augen verraten, dass
sie nicht böse ist.
"Ich habe doch gewusst, dass du die beste Mutter der ganzen Welt
bist", sagt Miriam und umarmt ihre Mama stürmisch. Fröhlich
hüpft sie davon."Ich darf die Schuhe behalten", singt sie.
"Ich habe schöne rote Schuhe, trallala. Ich bin eine Prinzessin."
Als Miriam abends ins Bett geht, stellt sie ihre neuen Schuhe sorgsam
vor das Bett. Ihr lang ersehnter Traum ist doch noch in Erfüllung
gegangen.
Wie sagt ihre Oma immer? Wenn du dir etwas ganz intensiv wünschst,
geht es auch in Erfüllung.
Vielleicht kann ich mir für meine Puppe auch ein Paar rote Schühchen
wünschen, überlegt sie, bevor sie einschläft ...
***** E N
D E *****
© Karin
Ernst
Bild: ©
Karin Scholles
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