Am Frühstückstisch fragt Samantha ihre Eltern: "Können wir, wenn wir am Wochenende spazieren gehen, mal wieder ins Tierheim? Ach bitte, ich würde mich so darüber freuen", fügt sie noch hinzu.

Mama und Papa sehen sich an.

"Könnten wir eigentlich", antwortet der Vater.

"Au ja!", ruft Lars dazwischen. "Tiere angucken." Lars ist zwei und hat Tiere sehr gern.

Ostern steht vor der Tür, so dass die Familie genügend Zeit für Spaziergänge hat. Samantha freut sich schon jetzt auf den Besuch im Tierheim. Bereits mehrmals sind sie dort gewesen. Sie ist am liebsten bei den Hunden. Es tut ihr immer Leid, wenn sie die vielen Hunde im Zwinger sieht. Sie seufzt, wenn sie daran denkt, dass niemand die Tiere haben will.

"Mama, hättest du nicht gerne ein eigenes Haustier gehabt, als du so alt warst wie ich?", fragt sie.

Diese zögert einen Moment. "Ich glaube, ja, mein Kind. Wir hatten früher nur eine Mietwohnung. Meine Eltern haben mir dann von der Verantwortung erzählt. Also bekamen wir kein Tier. Irgendwann hatte ich den Wunsch vergessen", erklärt sie dann ihrer Tochter. Sie fügt noch hinzu: "Verantwortung zu übernehmen ist nicht einfach. Schließlich geht es um ein Lebewesen."

Samantha denkt eine Weile nach und fragt dann: "Was ist Verantwortung?"

Jetzt erklärt Papa: "Wenn die Mama in den Keller oder zum Mülleimer geht, bittet sie dich ab und zu, auf Lars aufzupassen. Damit er in der Zeit keinen Blödsinn anstellt oder sich nicht verletzt. Dann hast du Lars gegenüber Verantwortung. Verstehst du, was wir damit meinen?"

Heftig nickt Sam, wie sie liebevoll genannt wird, mit dem Kopf. Dann wird sie ganz mutig und fragt: "Wie ist das mit Verantwortung bei Tieren? Wenn ich zum Beispiel - sie macht eine kleine Pause - einen Hund hätte?"

Die Eltern lächeln sich zu und ihre Mutter erklärt: "Ein Hund braucht viel Betreuung. Du müsstest mehrmals am Tag mit ihm nach draußen. Er braucht viel Auslauf, will toben. Auch wenn es regnet und schneit. Regelmäßig benötigt er sein Futter. Das Fell muss auch ordentlich gebürstet werden. Das alles macht viel Arbeit."

Die Mutter sieht es Sam an, wie es in ihrem Kopf arbeitet. Sie grübelt vor sich hin. Was die Mutter nicht sieht, ist, was Sam denkt: `Das kann ich doch auch. Es würde mir sogar Spaß machen.`

Lars hat staunend die Eltern und seine Schwester beobachtet. Als wenn er das Gespräch verstanden hat, sagt er laut: "Hund haben." Oh ja, Hunde mag er auch, kann er doch prima hinter ihnen her laufen. Zur Probe hüpft er schon ein paar Mal im Raum umher.

Am nächsten Tag ist Karfreitag. Das Wetter ist herrlich. Die Sonne scheint den ganzen Tag, ist es auch noch recht kühl. Die ganze Familie zieht sich warm an, und auf geht's zum gemeinsamen Spaziergang.

"Einen Moment noch!", ruft Samantha, als alle losmarschieren wollen. "Ich habe noch etwas vergessen."

Sie läuft schnell zurück ins Haus. In der Speisekammer sucht und findet sie, was sie möchte. Einen harten Brotkanten steckt sie in die Jackentasche. Diese bewahrt Mama alle auf. Irgendwann, wenn sie genug beisammen hat, gibt es mittags Arme Ritter. Sam liebt dieses Resteessen. So richtig viel Zucker und Zimt kann sie darauf streuen.

"Bist du soweit?", fragt die Mutter, als sie aus dem Haus kommt. "Dann kann ich die Tür abschließen. Was hast du denn gesucht?"

"Och, gar nichts", nuschelt Sam und nimmt sich ihr Fahrrad. Lars schnappt sich seinen Roller, und endlich geht's los.

Auf ihrem Spaziergang kommen sie, wie üblich, an dem nahegelegenen Tierheim vorbei. Lars rollert schon voraus, als er das Hundegebell und Kreischen der Papageien in dem Freigehege hört. Auch Samantha tritt kräftig in die Pedalen. So schnell können die Eltern gar nicht hinterher kommen. Als auch sie am Tierheim angekommen sind, bettelt Sam: "Bitte, können wir nicht hineingehen?"

Viele Besucher sind heute hier. "Meinst du nicht, dass es zu voll ist?", gibt der Vater zu bedenken.

Die Kinder aber schütteln den Kopf und so gehen sie gemeinsam hinein.

Als Lars die vielen Tiere sieht, an deren Käfige sie vorbei kommen, nimmt er die Hand seines Vaters.

"Du brauchst keine Angst zu haben, mein Kleiner", tröstet ihn dieser. "Sieh nur, die Tiere können dir nichts tun. Sie sitzen doch alle hinter ihrem Zaun und wollen nur mit dir spielen."

So ganz geheuer ist es Lars trotzdem nicht. Ein Tierpfleger hat ihn beobachtet und kommt jetzt mit einem kleinen Kätzchen auf dem Arm zu ihnen.

"Möchtest du das Kätzchen einmal auf den Arm nehmen?", fragt er den Jüngsten.

Ganz vorsichtig legt er es Lars in die Arme. Zuerst ist dieser ein wenig ängstlich. Es ist aber ein schönes Gefühl, so ein weiches Wollknäuel im Arm zu halten.

"Papa, mitnehmen", ruft er.

"Das geht nicht, Lars", antwortet der Vater und gibt dem Pfleger die Katze zurück. Enttäuscht sieht der Junge hinterher, tröstet sich aber schnell. So viele andere Tiere sind noch anzusehen.

Samantha ist in der Hundeabteilung gelandet. Sie wundert sich, wie viele Hunde es hier gibt. Große, mittlere und auch kleine. Die ganz großen mag sie nicht. Die springen so am Zaun hoch, dass sie erschrickt. Vorsichtig geht sie zum nächsten Käfig. Sie schaut und sieht - nichts.

`Ist hier kein Hund?`, überlegt sie und sieht genauer hin. In der hintersten Ecke im Schatten liegt ein kleines Fellbündel. Sie geht näher heran und erkennt einen winzigen Hund. Weiß-braun ist er, mit Hängeohren.

"Ach, bist du niedlich", ruft sie aus und hockt sich hin. "Komm doch her, Kleiner."

Vorsichtig nähert er sich. Die Eltern sind inzwischen auch angekommen. Mama sagt: "Das ist ein Welpe, ein kleines Hundebaby."

Auch der nette Tierpfleger ist in der Nähe und ruft: "Das ist ein Mischling. Die Hundemutter wollte ihn nicht haben, weil sie nicht genug Milch hatte. Sie hatte mehrere Junge. In den ersten Wochen haben die Besitzer ihn mit der Flasche aufgezogen. Danach haben sie ihn hier abgegeben, weil niemand ihn wollte. Er ist acht Wochen alt und bekommt jetzt richtiges Hundefutter."

Sam findet es furchtbar traurig, dass ein so kleines Hundchen hier ganz allein in einem so großen Käfig sitzen muss.

"Wir würden diesen Welpen gerne in eine Familie mit Kindern vermitteln. Bisher wollte ihn aber noch niemand haben." Der Tierpfleger hat sich mittlerweile wieder zur Familie gesellt.

"Das verstehe ich nicht", sagt Sam, "der ist doch so süß."

"Ja, noch ist er recht niedlich", antwortet der Papa. "Aber er wird wachsen. Bei solch einem Mischling kann man nie sagen, wie groß er wird."

Die Eltern und Lars möchten bald weitergehen.

"Darf ich noch ein wenig bleiben?", fragt Sam.

Sie vereinbaren, dass sie sich nach dem Rundgang an dieser Stelle treffen. Der kleine Hund ist schon zutraulich geworden und leckt Sam die Hände.

Plötzlich taucht neben ihr ein größerer Hund auf. Ein Mädchen hält ihn an der Leine, beinahe wäre sie über Sam gestolpert.

"Hallo, Sam", ruft sie erschrocken.

"Hallo, Jasmin", antwortet die Angesprochene verblüfft. " Bist du auch mit deinen Eltern hier?"

Jasmin wohnt in der Nachbarschaft von Samantha und ihrer Familie. Die beiden Mädchen spielen oft miteinander.

"Nein, ich bin allein hier", sagt Jasmin. "Seit einigen Wochen komme ich hierher, wenn ich Zeit habe und meine Eltern es erlauben. Viele Kinder machen das. Man kann sich einen Hund aussuchen und den regelmäßig ausführen."

Sam staunt und sieht sich den Hund, den Jasmin an der Leine hält, genauer an. Ein mittelgroßer, grauer ist es. "Was ist das für einer?", fragt sie.

"Mittelschnauzer heißt diese Hunderasse. Terry ist mir richtig ans Herz gewachsen. Aber wir haben nicht so viel Platz. Sonst würde ich ihn gerne für immer nehmen", antwortet Jasmin und seufzt.

Vorsichtig streichelt Sam Terry. Der freut sich und wedelt kräftig mit dem Schwanz.

Mittlerweile sind die Eltern wieder hinzugekommen und haben die kleine Szene zwischen den Mädchen beobachtet.

"Siehst du, Sam, das ist das Thema, über das wir heute Morgen sprachen. Jasmin hat Verantwortung für den Hund übernommen, indem sie ihn regelmäßig ausführt", sagt Mama zu ihr.

"Das könnte ich doch auch", antwortet sie. "Ich könnte diesen Welpen auch ausführen."

"Darüber können wir zu Hause noch einmal sprechen", mischt sich jetzt der Vater ein. "Einen Hund nur ab und zu auszuführen, macht noch Spaß. Wer weiß, wie es aber wäre, hätte Jasmin den Hund für immer bei sich zu Hause."

Samantha widerspricht zwar, aber die Eltern bleiben bei ihrer Meinung.

Zuhause wird das Gespräch fortgesetzt.

"Könnte ich es nicht auch so machen wie Jasmin?" Voller Eifer fragt Sam ihre Eltern. "Ich bin doch kein Baby mehr. An meinem Geburtstag werde ich schon sechs. Und im Sommer komme ich in die Schule. Dann habe ich doch auch Verantwortung. Das habt ihr gesagt."

Sie schaut von Vater zu Mutter und wieder zurück. Die beiden haben es schwer, ernst zu bleiben. Die Tochter hört ihnen offensichtlich sehr genau zu.

"Na gut, wir können es versuchsweise probieren. Wir werden mit dem Tierpfleger reden. Geht es aber nicht gut, dann blasen wir die ganze Sache wieder ab."

Das findet Samantha in Ordnung. Als sie ihre Jacke aufhängt, fällt das Stück Brot heraus. "Das werde ich Jasmin mitnehmen", beschließt sie.

Klein-Lars schaut wieder von einem zum anderen. So viel hat er mitbekommen: Sam soll einen Hund bekommen. Jetzt kräht er dazwischen: "Will Kätzchen haben!"

"Na, das fehlte mir gerade noch." Die Mutter lacht und nimmt Lars liebevoll auf den Arm.

Samantha geht abends voller Vorfreude ins Bett. Sie träumt von dem Hundewelpen.

Am nächsten Vormittag fragt Samantha: "Darf ich zu Jasmin? Ich möchte sie fragen, ob ich mitgehen darf, wenn sie Terry wieder ausführt."

Die Eltern haben nichts dagegen. Sam nimmt das Stück Brot, und läuft zu Jasmin.

"Das kannst du Terry geben. Hunde mögen altes Brot", sagt sie.

Aber heute geht Jasmin nicht ins Tierheim, weil sie mit den Eltern die Oma besuchen möchte. "Morgen gehe ich wieder. Ich werde es ihm dann mitnehmen. Du kannst ja mitkommen, wenn deine Eltern es erlauben", bietet Jasmin an.

Sam ist begeistert.

Als sie ihren Eltern später davon erzählt, sind diese zwar nicht ganz überzeugt, aber es war so abgesprochen.

Ostersonntag kommt. Nachmittags wollen alle zusammen wegfahren, also geht Sam am Vormittag zu Jasmin. Gemeinsam laufen sie zum Tierheim. Jasmin geht gleich zu ihrem Hund. Der nette Tierpfleger ist auch wieder da.

"Da bist du ja, Sam", begrüßt er sie.

Diese schaut ihn ganz verdutzt an.

"Deine Eltern haben mit mir telefoniert. Ich weiß, dass du den Welpen gerne ausführen möchtest. Ich vertraue ihn dir an", sagt er.

Gemeinsam gehen sie zu dem Käfig. Ist das eine Freude, als Sam ihren Hund das erste Mal in den Arm nimmt. Der Tierpfleger bindet ihm ein Halsband um und gibt dem Mädchen die Leine in die Hand.

"Darf ich ihn Felix nennen?", fragt sie ihn.

"Gerne", antwortet er. "Bisher war er nämlich noch namenlos."

Stolz geht sie mit Felix zu Jasmin, die bereits am Ausgang auf sie wartet. Beide laufen mit ihren Hunden los.

Auch in nächster Zeit macht es Sam viel Freude, wenn sie zu ihrem Hündchen darf. Am liebsten würde sie jeden Tag ins Tierheim gehen. Ihre Mutter beobachtet sie und freut sich, dass ihre Tochter so vernünftig im Umgang mit dem Hund zu sein scheint. Vom Tierheim hat sie auch nichts Negatives darüber gehört, wie ihre Tochter mit dem Welpen umgeht.

Eines Tages fragt sie Sam: "Was wünscht du dir denn zum Geburtstag?"

"Ach, Mama", antwortet sie und traut sich beinahe nicht, es auszusprechen. "Ich hätte gerne Felix ganz für mich."

Die Mutter schaut sie prüfend an, aber Sam huscht davon und wartet die Antwort nicht ab.

Als Sam am nächsten Nachmittag wieder Felix ausführt, erschrickt sie furchtbar. Ein Radler kommt rasend schnell angefahren. Starr vor Angst, nicht fähig, zur Seite zu springen, steht sie da. Wie es passiert, kann sie nachher nicht mehr genau sagen. Ihr Hund wird angefahren. Ausgerechnet heute ist sie allein unterwegs. Jasmin hatte anderes zu erledigen. Regungslos bleibt der Hund liegen.

"Felix!", ruft sie. "Was hast du?"

Vorsichtig sieht sie ihn an. Er blutet aus einer Wunde. Sam weint. Der Radfahrer hat nicht mitbekommen, was er angerichtet hat und ist weitergefahren.

"Was soll ich nur tun?", fragt sie verzweifelt. "Ich bin groß und trage Verantwortung", ruft sie dann entschlossen und wischt sich die Tränen ab.

Sie nimmt ihr Nikkituch, das sie um den Hals trägt, und wickelt es vorsichtig um die Wunde des Tieres. Sie will Felix auf die Arme nehmen, möchte ihm aber nicht wehtun. Behutsam gelingt es ihr. Bis zu ihr nach Hause ist es nicht so weit wie zum Tierheim. Sie beschließt, Felix dorthin zu bringen. Er ist ganz schön schwer, aber sie schafft es.

"Mama", ruft sie schon von weitem.

"Was ist denn, Sam?", antwortet diese und kommt den Gartenweg entlang. "Was trägst du da?", will sie fragen, sieht aber den verletzten Hund.

Schnell gehen beide ins Haus. Sam lässt ihren Felix nicht aus den Armen, bis sie mit ihm im Kinderzimmer ankommt.

Lars stürmt sofort herbei und sieht ganz traurig aus. "Hund Aua", ruft er.

"Wir können Felix auf meine alte Krabbeldecke legen. Ich brauch sie doch nicht mehr."

Ihre Mutter sucht die Decke, und Sam legt den Hund vorsichtig darauf. Langsam öffnet er seine Augen. Alle sind erleichtert. Nachdem sie das Nikkituch entfernt hat, sieht Mama sich die Wunde an.

"Das hast du gut gemacht, Sam", sagt sie. "Ich bin stolz auf dich. Es ist nicht besonders schlimm. Felix wird bald wieder gesund."

Während Sam und Lars bei Felix bleiben, ruft Mama im Tierheim an. Sie erzählt, dass sie sich um den Hund kümmern werden, so lange er Pflege braucht. Der Tierpfleger empfiehlt, für die Wunde eine Salbe abzuholen, damit sie besser heilt. Die Mutter verspricht zu kommen, sobald ihr Mann von der Arbeit zurück ist.

Abends sieht sich auch der Vater den Hund an. Die Eltern beschließen, dass sie die Wunde gemeinsam pflegen werden.

"Nein, das übernehme ich", sagt Sam bestimmt. "Ich habe die Verantwortung für Felix übernommen."

Stolz sehen sich die Eltern an und lächeln dann ihrer Tochter zu.

In den nächsten Tagen kümmert sich Sam liebevoll um Felix. Schnell erholt sich das kleine Tier, humpelt anfangs jedoch noch ein wenig. Doch das geht schnell vorbei und die Eltern entscheiden, den Hund wieder zurück ins Tierheim zu bringen.

Samantha ist den Tränen nahe. "Kann ich ihn nicht behalten?", fragt sie voller Wehmut.

"Das geht nicht, Schätzchen. Wir haben versprochen, ihn zurückzubringen, sobald er wieder gesund ist. Versprechen muss man halten", antwortet die Mutter.

"Das weiß ich", sagt Samantha traurig. "Und trotzdem ..."

Am Nachmittag bringt die Familie den Hund zurück ins Tierheim. Samantha ist ebenso traurig wie ihr kleiner Freund Felix. Beim Abschied kann sie ihre Tränen nicht unterdrücken.

***

Als Sam an diesem Abend einschläft, hofft sie, dass ihr Geburtstagswunsch in Erfüllung geht. Sie möchte ihren Hund haben. Felix. Und sonst gar nichts.

Sie ahnt nicht, dass ihre Eltern sich im Wohnzimmer über den Geburtstagswunsch ihrer Tochter unterhalten.

Den Wunsch nach einem kleinen Mischlingshund namens Felix ...




***** E N D E *****





© Karin Ernst

Bild: © Karin Scholles