oder: "Wer sucht, wird finden"

Wie unter meiner Biographie lesbar, bin ich in Ostfriesland aufgewachsen, also auch dort zur Schule gegangen. Einen Bezug zu diesem Landstrich, oben im Norden, habe ich weiterhin. Irgendwie bleibt man, wenn man Jahre an der Küste verbracht hat, mit dieser verbunden. Außerdem mag ich das Meer - sehr.

Während meiner Jugendjahre hatte ich im Chor gesungen. Zunächst in der Schule, später dazu im Kirchenchor. Eine gewisse Musikalität wurde mir von meinem damaligen Musiklehrer zugesprochen. Auch heute noch liebe ich Musik, würde gern musizieren. Oder singen. Daran dachte ich erneut vor einigen Monaten.

Es ergab sich, dass mir das Programm einer kirchlichen Familienbildungsstätte in die Hände fiel. Ich blätterte das Heftchen aus reiner Neugier durch. Plötzlich stieß ich auf ein Angebot: "Chorsingen". Der Chor sollte neu gegründet werden, ein wöchentlicher Treff war angesagt, Mitglieder wurden gesucht, Notenkenntnisse nicht nötig.

Das war es!

Spontan meldete ich mich zu diesem Chor an und erwartete voller Spannung die erste Probe.

Der Donnerstag kam, an dem ich zum ersten Mal seit langer Zeit zum Singen gehen würde. Ich war voller Vorfreude, als mein Mann mich zu der Einrichtung fuhr. Nach Beendigung der Probe wollte er mich dort wieder abholen.

Ich fand die Etage, wo der Unterricht stattfinden sollte. In einem großen Raum, ähnlich einer Turnhalle, waren Stühle im Halbkreis aufgestellt. Einige Frauen und ein Mann waren bereits anwesend. In der Ecke stand ein einfaches Klavier. Der Raum wirkte nicht gerade einladend, aber das war mir egal.

Wir stellten uns gegenseitig vor und warteten. Die Gesangslehrerin war noch nicht erschienen. Wir plauderten ein wenig miteinander, erzählten, was wir uns von diesem Abend erhofften. Plötzlich öffnete sich die Tür erneut, herein kam eine korpulente, schwarzhaarige, fröhlich wirkende junge Frau.

"Guten Tag. Ich heiße Maja und bin Opernsängerin. Ich soll hier Gesangsunterricht geben."

Als ich das Wort Gesangsunterricht hörte, stutzte ich. Hier war ich nicht am richtigen Platz. Ich wollte einfach nur singen. Einer anderen Frau schien es ähnlich zu gehen, sie stand sofort auf, um den Raum zu verlassen. Doch Maja hob beschwichtigend die Hände.

Sie erklärte, sie sei Russin, hätte jedoch in Deutschland Gesang und Oper studiert. Da sie aber nur selten die Möglichkeit erhielt, auf einer Bühne aufzutreten, würde sie sich durch Gesangsunterricht Geld hinzuverdienen.

Eine lebhafte Unterhaltung begann. Maja entpuppe sich als sehr lustige Person, rollte das R, wie man es aus russischen Filmen kennt. Jeder Teilnehmer nannte seinen Vornamen und erzählte kurz, was er sich unter diesem Chorsingen vorstelle.

"Einfach nur singen, aus Spaß an der Freud'", war meine Antwort. Dieser wurde mit mehrfachem Kopfnicken zugestimmt. Ähnlich ging es wohl den meisten hier. Der Reihe nach brachte jeder vor, was sie oder ihn in die Probe geführt hatte.

"Dann beginnen wir doch einfach mal. Ihr werdet jetzt nacheinander etwas vorsingen", schlug Maja plötzlich vor und setzte sich ans Klavier.
Sie schlug einen Ton an, klimperte ein wenig hin und her, summte "hmmm" und es wurde unruhig im Raum. Ups! Damit hatte niemand gerechnet. Wir sollten jetzt einfach so lossingen? Allein? Vor Verlegenheit rutschten plötzlich alle auf ihren Stühlen hin und her.

Dennoch begann nun der Ernst der Stunde.

Nacheinander gaben alle eine Probe ihres Könnens zum Besten. Der Titel wurde genannt, Maja schlug die ersten Töne an, und es wurde gesungen. Hinterher gab es mehr oder minder kräftigen Beifall.

Als ich an der Reihe war, sah ich ein Problem, mit dem ich am Anfang nicht gerechnet hatte. Die Vorstellung fand im Stehen statt. Ich erhob mich und hielt mich an der Rückenlehne meines Stuhls fest. Ja, so würde es gehen, freute ich mich.

"Was wirst du uns vorsingen?", fragte Maja.
"Meine Lieblingsstrophe aus der Operette Der Zarewitsch.“ Ich spürte die Röte in meinem Gesicht. `Es fehlt nur noch, dass ich stottere`, dachte ich.
"Oh! Das ist schön", entgegnete Maja, schaute mich neugierig an und drehte sich zum Klavier, um den ersten Ton anzuschlagen.

"Hast du vergessen dort oben denn mich? Es sehnt doch mein Herz nach Liebe sich …", trällerte ich los.
Maja war begeistert, und ich beendete sogar die gesamte Strophe. Über den kräftigen Beifall hinterher freute ich mich sehr, er machte mich aber auch verlegen.
"An den hohen Tönen werden wir noch arbeiten", sagte Maja und strahlte mich an.
Voller Stolz setzte ich mich anschließend wieder auf meinen Platz.
Der Unterricht nahm weiterhin seinen Lauf.

Als mein Mann mich später abholte, sah er mir an, dass es mir gefallen hatte.
"Na, wie war's?", fragte er dennoch.
"Super. Genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte", antwortete ich fröhlich.
"Dann wirst du weitermachen?"
"Ich denke, ja", meinte ich, und wir fuhren nach Hause.

Am nächsten Morgen wunderte ich mich, dass ich total heiser war. Ich konnte nur noch krächzen. Meinen Stimmbändern schien die erste Gesangstunde nicht gefallen zu haben.

In der nächsten Woche war ich im Unterricht bereits nach kurzer Zeit so heiser, dass selbst Maja bedauernd den Kopf schüttelte. Außerdem quälte mich immer wieder ein Hustenreiz.
"Mach eine kleine Pause, vielleicht wird's dann wieder", empfahl sie, und ich hörte für den Rest der Stunde nur zu. Schade, aber sicher für diesen Abend das Beste, was ich machen konnte.

Auch bei der nächsten Chorprobe lief es bei mir auf Heiserkeit hinaus, so dass ich meinen Hals-Nasen-Ohren-Arzt aufsuchte.
"Tja, wenn Laien ohne gezieltes Stimmtraining nach vielen Jahren plötzlich wieder anfangen zu singen, leiden die Stimmbänder. Machen Sie so weiter, dann werden Sie bald mit wassergefüllten Stimmbandknötchen zur Operation geschickt werden", antwortete der Arzt. "So etwas müsste verboten werden! Jeder Opernsänger weiß, wie wichtig Stimmübungen sind." Wütend schüttelte er den Kopf.

"Ist mein Traum vom Singen nun wieder vorbei?", fragte ich zögernd und sah ihn hoffnungsvoll an. Ich erzählte, wie ich erst vor kurzem erneut dazu gekommen war.
"Sie können es gerne noch einmal versuchen. Doch eigentlich gehört intensives Training zum Singen dazu. Zwei- bis dreimal pro Woche wären nötig. Wenn Sie aber wieder so schnell heiser werden, hat es keinen Sinn. Ihre Stimmbänder sind überlastet. Auch durch die chronische Bronchitis, die Sie seit vielen Jahren haben."

Betrübt verließ ich die Praxis.
Wieder war ein Traum geplatzt, etwas in meine Freizeitgestaltung aufzunehmen, das mir Spaß machte.
Und doch wollte ich noch einmal zur Chorprobe gehen. Zumindest, um mich von allen zu verabschieden.

Der nächste Probedonnerstagabend nahte. Heute freute ich mich nicht, daran teilzunehmen. Mein Mann fuhr mich dennoch hin. Ich nahm Maja zur Seite und erzählte ihr von der Aussage des Arztes.
"Ach, das tut mir aber sehr Leid", sagte sie.
Ihr Gesichtsausdruck bestätigte, dass sie es Ernst damit meinte.
"Da können wir wohl nichts machen."
Fast war ich den Tränen nahe, wollte aber die Unterrichtsstunde noch einmal auskosten.

"Wir singen heute Santa Lucia, begann Maja nach unserem kurzen Gespräch den Unterricht. Ein Raunen ging durch die Sänger. Es stellte sich heraus, dass jeder das Lied kannte und es von allen geliebt wurde. Das Summen der Melodie war prompt zu hören. Textzettel wurden verteilt und Maja begann, den Ton am Klavier vorzugeben.

Nach den ersten Tönen stutzte ich. Da war doch etwas in meiner Erinnerung. Was war es nur?
"Santa Lucia, Santaaaaaa Lucia ...", klang das Lied aus.

Plötzlich wusste ich es!

Zu genau dieser Melodie hatten wir damals in der Schule im Musikunterricht ein ostfriesisches Lied gesungen. `Wie war noch der Titel`, überlegte ich.

Die letzte Chorprobe ging für mich zu Ende. Traurig verabschiedete ich mich von allen Mitsängerinnen und dem Mitsänger. Maja umarmte mich zum Abschied herzlich, und bedauerte särrrr, dass ich nun nicht mehr wiederkäme.

Während der Nachhausefahrt im Auto wunderte sich mein Mann über meine ungewöhnliche Schweigsamkeit.
"Hast du irgendwas?", fragte er.
"Na ja, es tut mir Leid, dass ich nicht mehr mitsingen kann. Außerdem überlege ich etwas."
"Was denn?", fragte er zurück. "Kann ich dir vielleicht helfen?"
"Weißt du, wir haben heute ein Lied gesungen, das ich aus meiner Schulzeit kenne. Jedoch hatte es einen ganz anderen Text. Ich werde mich sicherlich wieder genauer erinnern", entgegnete ich zuversichtlich und erzählte von Santa Lucia.

Meine Überlegung zog sich durch den nächsten Tag. Um die Mittagszeit erinnerte ich mich.
"Ja, das ist es!", rief ich erfreut aus. Ein Textstück des Liedes war mir eingefallen. Eala frya Fresena hieß der Refrain. Aber der Titel? Mir fiel beim besten Willen der Titel des Liedes nicht ein, das ich so gerne gesungen hatte.

Nun war guter Rat teuer. Aber ich bin ein Steinbock, die geben nicht so schnell auf. Im Gegenteil! Steinböcke sind hartnäckig und ausdauernd.

Immer wieder summte ich die Melodie. Das durfte ich auch weiterhin, hatte mir der Arzt gestattet. Es würde sogar mit der Zeit die Stimmbänder stärken.

Dann fielen mir meine Geschwister ein und ich rief sie nacheinander an. Einige von ihnen lebten noch im norddeutschen Raum, eine Schwester gar in der Stadt, in der ich zur Schule ging. Doch einige Jahre jünger als ich, konnte sie sich an dieses Lied überhaupt nicht erinnern. Die nächstältere Schwester genauso wenig. Sie versprachen beide, wenn sie etwas darüber in Erfahrung brachten, würden sie mir Bescheid geben.

Einer meiner Brüder war Lehrer. `Sicher kann er mir helfen`, ging es mir durch den Kopf.
Ich nahm den Telefonhörer ab, um ihn anzurufen.
"Die Melodie kenne ich auch. Doch ich erinnere mich nicht an den Text, werde mich aber umhören", versprach auch er. "Wenn du vorher den Text finden solltest, kannst du ihn mir bitte schicken? Den kann ich auch gebrauchen", bat er mich.
Enttäuscht legte ich auf. Wenn nicht er, wer konnte mir dann helfen?

Eine neue Möglichkeit fiel mir ein: Die OSTFRIESEN ZEITUNG. Ich brachte die Homepage dieser Zeitung über das Internet in Erfahrung und schrieb dorthin eine E-Mail.
Aufgeregt wartete ich in den nächsten Tagen auf eine Antwort. Leider blieb sie aus.
`Typisch!`, dachte ich, überlegte trotzdem weiter. Dachte über weitere Institutionen nach, die eventuell den Text kennen könnten. Heimatforscher? Aber wie sollte ich eine Anschrift erhalten? Ich war vor sehr vielen Jahren bereits von dort fortgezogen.

Der Ehrgeiz hatte mich gepackt, endlich den Text zu finden. Also suchte ich erneut im Internet. Mit Suchmaschinen kannte ich mich inzwischen gut aus. Ich fand mehrere Seiten, die zu Ostfriesland passten, schrieb in zwei Gästebücher, bat um Hilfe.

Einige Zeit, nachdem meine letzte Chorprobe stattgefunden hatte, schrieb ich eine E-Mail zu dieser Seite: http://www.freiesfriesland.de.

Der Verantwortliche der Plattform "Friesisches Forum" hatte ebenfalls Interesse an dem Liedtext, da er es >>> interessant fand zu erfahren, dass das Lied früher stark verbreitet gewesen sein musste, in den letzten Jahrzehnten aber ziemlich in Vergessenheit geraten zu sein schien <<<. Er versprach, meine Anfrage weiterzureichen und wollte Kopien der eventuell eingehenden Zuschriften an mich weiterleiten.

Die Tage verstrichen.
Beinah wollte ich meine Hoffnung aufgeben, aber ich glaubte an Versprechen, die Menschen gaben.
Immer wieder sagte ich mir: "Es wird schon werden."

Und - es klappte!

Eines Tages hielt ich, nachdem ich den Briefkasten öffnete, einen größeren Briefumschlag in der Hand. Den Absender konnte ich ohne Lesebrille nicht entziffern. Wer schickte mir etwas? Da meine Adresse mit der Hand geschrieben war und der Brief nicht wie eine Werbepost wirkte, wurde ich neugierig.

Nachdem ich meine Brille aufgesetzt und den Absender gelesen hatte, öffnete ich ihn. Gleich darauf entnahm ich dem Umschlag aufgeregt einige Papiere. Ein Anschreiben des Vereinsleiters, sehr freundlich verfasst, sowie die versprochenen Kopien der Zuschriften schickte er mir.

Ich war angenehm überrascht zu lesen, dass er meine Anfrage über zwei Zeitungen weitergereicht und prompt sieben Anrufe dazu erhalten hatte. Die beiden letzten Sätze des Briefes lauteten:
"Wir wollen das Material, was bisher eingegangen ist und noch zugesagt wurde, sichten, zusammenstellen und gegebenenfalls mit Erläuterungen auch veröffentlichen. Insofern haben Sie mit Ihrer Anfrage einen guten Anstoß für die umfassendere Beschäftigung mit diesem Lied gegeben."

Beinah konnte ich nicht glauben, dass ich solch einen Wirbel ausgelöst hatte, nur weil ich einen Liedtext suchte. `So hatte meine Anfrage sogar noch etwas Gutes`, dachte ich.
Wie schön!

Nach Lesen des Briefes sah ich mir die Anlagen an. Unter anderem lag ein handgeschriebener Zettel dabei, auf dem - endlich! - der Text meines gesuchten Liedes stand. Dazu ein nettes Anschreiben in plattdeutscher Sprache. Außerdem ein weiteres Blatt, auf dem sogar die zum Lied gehörenden Noten standen. Ich konnte es nicht fassen!

Ja! Jetzt erinnerte ich mich wieder. In Ruhe, beinah zärtlich, betrachtete ich den Zettel. "Gruß dir, du Land am Meer", so lautete die Liedüberschrift. Der gesamte Text folgte.

Natürlich bedankte ich mich bei dem netten Absender sehr herzlich für diese freudige Überraschung.

Wie gut, dass ich nicht aufgegeben hatte daran zu glauben, ich würde den Text des Liedes finden.

Irgendwo. Irgendwann …

Denn, wie hieß es so schön: Die Hoffnung soll man niemals aufgeben.

Gerührt vor Dankbarkeit dachte ich an die Unbekannten des „Friesischen Forum“, die mir diese Überraschung bereitet hatten.

Nun endlich konnte ich das vollständige Lied singen.

Wie damals zu meiner Schulzeit:

Gruß dir, du Land am Meer

Gruß dir, du Land am Meer, silberumflossen.
Wie hat mein Herz sich dir liebend umschlossen.
Hoch von des Deiches Rand
blick ich auf Meer und Land.

|:Eala frya Fresena,
Eala Fresena.:|

Weiß sehe ferne her Segel ich gleiten,
schau auf des Marschenlands blühende Breiten.
Haus und Hof, Hab und Gut,
sicher in Deiches Hut!

|: Eala ...

Wenn in der Winternacht bänglichen Schatten
brauset der Wogen Macht über die Watten,
klingt noch im Sturmgebraus
mutig mein Ruf hinaus:

|: Eala ...

Blaut dann in Sommerluft silbern die Flut,
oh, wie an ihrer Brust wohlig sich's ruht.
Leis' sich die Welle bricht,
leise ihr Rauschen spricht:

|: Eala ...

Drum dir, du Land am Meer, bleib' ich verbunden,
bis ich am Meeresstrand mein Grab gefunden.
Wenn ich einst scheiden muss,
tönt noch mein letzter Gruß:

|: Eala frya Fresena,
Eala Fresena!

*
*

Denn ich mag sie, die kleinen Freuden des Lebens …




***** E N D E *****




© Karin Ernst