Eine Melodie

Als ich heute Morgen den Computer einschaltete, klickte ich auf die Homepage einer Mailfreundin, die neuerdings auch Gedichte schreibt und für diese nun eine eigene Seite einrichten wollte. Wie ich sie kenne, würde sie auch noch herrliche Bilder dazu gebastelt haben.

Die Seite öffnete sich und ich lächelte. Eine wunderbare Melodie erklang! Während ich jedes Gedicht las und zauberhafte, zu jedem Gedicht passende Bilder ansah, summte ich mit. Diese Melodie kannte ich und mag sie sehr.

Ich versuchte mich zu erinnern, woher. Durchsuchte unseren CD-Schrank und fand die entsprechende, wo der Titel drauf ist. Ach ja, damals …

Zum ersten Mal hörte ich ELENI in der Praxis meines Akupunkteurs. Dort läuft zur Entspannung leise Hintergrundmusik.

Sofort setzte sie sich in meinem Kopf fest, und ich machte mich auf die Suche nach einer CD. In der Musikabteilung eines Kaufhauses summte ich tatsächlich dem Verkäufer die Melodie vor. Er lachte, wusste aber sofort, um welchen Titel es sich handelte. Unter der Rubrik "Griechenland" fand er DIE CD, die ganz frisch auf dem Markt war, und reichte sie mir. Ich erinnere mich noch genau, wie ich mich damals freute, nun noch weitere Titel hören zu können …

Ist die Hintergrundmusik auf der Homepage der Mailfreundin auch leicht verfremdet, nämlich nur als Midi zu hören, so ist sie doch dieselbe.

Später machte ich mich auf den Weg, heute zufällig wieder zur Akupunktur. Bereits an der Haltestelle hatte mich der Ohrwurm gepackt: Ständig summte ich die gehörte Melodie.

Als ich vom Bus in die Straßenbahn umstieg, saß mir gegenüber ein Mann mit einem besonders mürrischen Gesichtsausdruck. Ich fragte mich, welche Laus ihm wohl über die Leber gelaufen sei.

Irgendein Schalk ließ mich erneut anfangen zu summen. Zuerst schaute er irritiert; als er jedoch an der nächsten Haltestelle aussteigen musste, lächelte er mir zu. Geht doch, dachte ich und lächelte zurück.

An meinem Endziel angekommen, stieg ich summend aus und ging einige Meter, als mir eine Frau mit einem großen schwarzen Hund entgegenkam. Der Hund wollte auf mich zulaufen, mich anspringen, aber die Besitzerin hielt ihn zurück.
"Er mag Musik und wenn gesungen wird", erklärte sie lachend. Der Hund machte inzwischen Platz, ich streichelte ihn kurz, dann ging ich -wiederum summend- weiter. Das Tier drehte den Kopf zu mir um, wäre am liebsten mitgelaufen. Die Frau amüsierte sich.

Endlich erreichte ich die Praxis, drückte den Klingelknopf und betrat, immer noch die Melodie auf den Lippen, die Behandlungsräume. Timo kam mir entgegen, begrüßte mich staunend. Gestern noch ging's mir nicht so gut, und heute kam ich fröhlich daher.
"Ja", antwortete ich auf seinen fragenden Blick, "wenn ich eine Melodie mag, setzt sie sich in meinem Kopf fest, und ich muss summen oder trällern."
Er strahlte und bat mich in die Kabine.

Ja! Heute hatte ich wieder Grund zur Freude.

Und das gleich ab morgens, nachdem ich eine geliebte Melodie wiedergehört hatte.

 


(21. Juli 2005)
© Karin Ernst