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Erste Etage -
Altbau
Ich drücke
auf den Klingelknopf. Nachdem ein melodisches Summen ertönt, öffne
ich die Eingangstür und betrete einen imposanten Hausflur. Die Treppe
macht auf mich einen nicht gerade einladenden Eindruck, ist jedoch wunderschön
anzusehen. Aus Holz mit vielen Schnörkeln zeugt sie von der Handwerkskunst
vergangener Tage.
Mit Mühe mache ich mich auf den Weg in die erste Etage, drücke
die Klinke einer mächtigen Eingangstür und betrete einen Vorraum.
Freundlich werde ich begrüßt.
"Bitte folgen Sie mir. Es dauert aber noch ein wenig".
"Kein Problem. Ich habe Zeit", antworte ich.
Nachdem ich meinen Mantel an einen alten Garderobenständer gehängt
habe, betrete ich das Zimmer, zu dem ich geleitet worden war und setze
mich auf einen hübsch geformten Stuhl, auf dem ein weiches Kissen
liegt.
Ein Pluspunkt, denke ich. Endlich mal nicht so unbequeme Stühle,
wie oft.
Der Stuhl steht mit vier weiteren um einen großen, runden, weißen
Tisch mitten im Zimmer. Nun habe ich Zeit und Gelegenheit, meinen Blick
schweifen zu lassen.
Ich befinde mich in einem modernen Wohnraum mit hoher Decke, wie sie in
Altbauten zu finden sind. An zwei weiß gestrichenen Wänden
stehen offene, schwarze Bücherregale. Darin liegt eine große
Auswahl an Büchern, Bildbänden und Prospekten. Sorgfältig
nach Sachgebieten unterteilt. Viele der Buchtitel sind mir bekannt.
In einem der unteren Fächer eines Regals sitzen aufgereiht mehrere
Kuscheltiere. Ein roter Bär, ein grauer Elefant, ein kleinerer weißer
Bär. Neben dem Regal steht ein runder Weidenkorb, gefüllt mit
weiterem Spielzeug. Auch Bilderbücher sehe ich in einem Regalfach.
An alles ist gedacht.
An der dritten Wand aber steht das herrlichste Möbelstück dieses
Raumes. Es handelt sich um einen wunderschönen, alten Bauernschrank.
Handbemalt mit schmiedeeisernen Verzierungen ist er eine Freude für
meine Augen. Es macht Spaß, die einzelnen Motive des Schrankes zu
bestaunen. An der Oberkante kann ich ein Datum lesen: 1836.
Sicher ein Erbstück, überlege ich.
Mein Blick schweift weiter. Fußboden, Fenster und Türen ohne
jeden Schnörkel, weiß gestrichen.
Das Schönste an der Wohnung in dieser alten Villa jedoch ist der
Balkon. Ich erhebe mich von meinem Stuhl, öffne die Balkontür
und trete hinaus. Mit Blick in einen Gartenhinterhof ist er eine Augenweide
und bietet der Seele Ruhe. Geräumig, grünbewuchert und vogelbesucht.
Naturbelassener Steinfußboden und schmiedeeiserne Gitter runden
das Gesamtbild ab.
Witterungsbeständige kleine Metallstühle, ein kleiner runder
Tisch, und ein Schaukelpferd stellen das Mobiliar.
Wäre es nicht Ende November, würde ich auf einem der Stühle
Platz nehmen und meinen Blick ins Grüne lenken. So aber wird mir
kühl und ich gehe wieder hinein, schließe die Tür und
setze mich erneut an den Tisch.
Langsam vergesse ich die innere Anspannung und nehme mir einen Apfel aus
einer riesigen runden Schale. Rotgelbwangige Äpfel auf Schwarz muten
auf dem weißen Tisch fast japanisch-karg an. Fantastisches Ambiente.
Herzhaft beiße ich hinein.
***
Nach kurzer Zeit bittet mich eine zierliche Frau mit sanfter Stimme in
ihr Refugium, das Untersuchungszimmer.
Es erscheint mir wie der Besuch in einer anderen Welt, doch befindet sich
dieser Raum ebenfalls innerhalb der Wohnung. Hier herrscht weiße
und metallene Sterilität vor.
Nun ja.
Ich bin auch nicht zu Besuch bei einer Freundin, sondern habe einen Termin
bei meiner Frauenärztin..........
***** E N D E *****
© Karin Ernst
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