Es wäre doch gelacht …

Bereits beim abendlichen Zubettgehen spüre ich starke kribbelige Nervenschmerzen, so dass ich mich nach einer Weile entschließe, doch ein paar von den starken Schmerztropfen zu nehmen. Denn eine Tablette wird nicht genügen, weiß ich aus Erfahrung. Zwar mag ich die Nebenwirkungen überhaupt nicht, doch nehme ich die geringste Dosis, die mich nur insoweit "dopt", dass ich wenigstens kurzzeitig einschlafe. Nach zwei Stunden schaue ich zum ersten Mal auf die Uhr. Der Schmerz ist zwar aushaltbar, doch der Schlaf bis zum Morgen weiterhin unterbrochen.

Als ich nach einer viel zu langen Nacht die Augen aufschlage, fühle ich mich wie durch den Wolf gedreht. Ich weiß, dass es nichts nutzt, mich noch einmal umzudrehen, also verlasse ich mein warmes Bett. Fühle ich mich auch unausgeschlafen, nehme ich mir doch fest vor, mich dem Tag, der helles Licht durch die nicht ganz zugezogenen Vorhänge schickt, zu stellen.

Die Frau im Spiegel strahlt mich nicht unbedingt an, so dass ich ihr ein Grinsen schenke. Langsam widme ich mich den Morgentätigkeiten, setze Kaffeewasser auf, lüfte die Betten, überlege, ob ich heute hinausgehen soll. Draußen ist es kalt, und doch lockt die Sonne. Auch fällt mir ein, dass ich zur Bank muss. Morgen habe ich einen Augenarzttermin, und die Druckmessung dort wird nicht von der Krankenkasse bezahlt, also muss ich Bares mitbringen.

Der Vormittag vergeht mit den üblichen Tätigkeiten, zwischendurch sitze ich am Computer. Später ruft eine Mailfreundin an, ich schütte ihr mein Herz aus, sie versucht zu trösten.

Gen Mittag mache ich mich auf den Weg. Die strahlende Morgensonne hat sich zwar wieder verzogen, doch ist es trocken, und zwischen grauen Wolken zeigen sich kleine blaue Himmelsfenster zur Seelenaufmunterung.

Ich fahre mit dem Bus in die Stadt, schlendere durch mein Lieblingskaufhaus. Auf warmes Mittagessen habe ich keinen Appetit, also nehme ich mir im Selbstbedienungsrestaurant ein Stück Kuchen und eine Tasse Kaffee, finde einen gemütlichen Platz. Zuerst beobachte ich andere Gäste, nehme dann jedoch Block und Stift aus meiner Handtasche, weil ich Gedanken vergangener Tage zu Papier bringen möchte. Der Kugelschreiber flitzt übers Papier, und ich vergesse die Zeit.

Als ich fertig mit Kaffee, Kuchen und Schreiben bin, plane ich meine weiteren Ziele. Doch dann überlege ich: Warum soll ich mir heute nicht mal etwas Besonderes gönnen? Der Frühling draußen ist in vollem Gange, vielleicht könnte ich mir eine leichte Jacke kaufen, die die wollene ablöst. Nein, das ist nicht das, was ich möchte. Auch entscheide ich mich gegen einen neuen Haarschnitt. Plötzlich kommt mir eine Idee. Ich ziehe Schal und Jacke an, räume das Tablett ab und fahre eine Etage höher. Nein, auch ein neuer Teddy soll es genauso wenig sein wie eine CD oder DVD.

In der Buchabteilung finde ich gezielt den Tisch, auf dem das Buch liegt, das ich schon mehrfach in der Hand hielt, bei dem der Preis mich jedoch abschreckte. Ich lese die Zusammenfassung und gehe zur Kasse. Es ist ein gebundenes, kein Taschenbuch, doch ist mir der Preis dafür heute nicht zu hoch.

Nun zur Bank, Geld abheben, danach noch in den Drogeriesupermarkt - beides ist schnell erledigt. In der Straßenbahn bekomme ich einen Sitzplatz und fahre zu dem Eisladen, in dem ich fast täglich bin. Bestelle einen Milchkaffee, lege das Buch und meine Lesebrille auf den Tisch. Bereits beim Lesen der Umschlaginnenseite weiß ich, ich hab gut daran getan, mir dieses Buch zu gönnen, denn beinah kann ich laut lachen.

Der Buchtitel lautet: "Nein! Ich will keinen Seniorenteller!". Es handelt sich um das Tagebuch einer Frau, die demnächst sechzig wird und gar nicht daran denkt, das zu beschönigen.

Genauso empfinde ich es, als ich die erste Seite aufschlage und mich dem Text widme. Der Aussage auf der Umschlagrückseite kann ich nur zustimmen: "Ein wunderbar komisches Lesevergnügen. Es ist ungeheuer bezaubernd, macht richtig gute Laune ….", denn bereits nach einigen Zeilen fange ich an zu schmunzeln.

Während ich nebenher den Milchschaum von meinem Kaffee löffle, natürlich wieder ein wenig kleckere (wenigstens nicht auf das Buch!), denke ich mir: Es wäre doch gelacht, wenn ich mein Lachen nicht wiederfände. Und sei es auch nur durch dieses fröhliche Bucherlebnis.

Auf dem Heimweg im Bus lese ich weiter und weiß, heute Abend bleibt der Fernseher aus…

 

(28. Februar 2008)
© Karin Ernst