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Linda Engelmann
steht im Schlafzimmer vor ihrem Kleiderschrank. Sie blickt zu dem kleinen,
abgegriffenen Koffer, der geöffnet auf ihrem Bett steht und überlegt,
was sie einpacken soll. Viel braucht sie nicht mehr. Dieses letzte Mal.
Sie seufzt und beginnt, den Koffer zu füllen.
Nachdem sie den gepackten Koffer vor die Wohnungstür gestellt hat,
wandert sie ruhig durch ihre Wohnung. In jedem Zimmer sieht sie nach dem
Rechten. Papiere und andere Unterlagen, alles liegt bereit auf dem Wohnzimmertisch.
Ihre Nachbarin Lara, die ihr in letzter Zeit häufig bei der Hausarbeit
zur Hand ging, wird alles finden. Hätte sie Lara nicht gehabt ...
Diese fröhliche junge Frau war immer gerne gekommen, obwohl sie drei
Kinder hat und ständig auf Achse ist.
Linda lächelt, als sie an Lara denkt. Ob sie auch die Postkarte ihres
Sohnes findet? Die einzige, die sie vor vielen Jahren von ihm aus der
Ferne erhalten hatte. Die bunte Karte, völlig zerschlissen vom häufigen
Ansehen, befindet sich in dem Taschenkalender, der ebenfalls auf dem Tisch
liegt. Bewusst hat sie ihn ganz nach oben gelegt.
Sie kommt ins Sinnieren. `Hätte ich mich vielleicht doch noch einmal
bei Bastian melden sollen? Aber nach all den Jahren?` Sie überlegt
nicht lange, denn sie weiß, dass es fast 20 Jahre her sind, als
sie ihren Jungen das letzte Mal gesehen hat. Er verließ das Haus
nach einem Streit mit dem Vater. Ihr kommen die bösen Worte ins Gedächtnis,
die damals zwischen den Männern gefallen waren. Als wäre es
gestern gewesen. Sie konnte dabei nicht einlenken, weil ihr Mund wie zugeschnürt
war. Bastians Vater war nie über den Kummer hinweggekommen. Er starb
nach wenigen Monaten.
`Schluss mit den Gedanken`, ruft Linda sich zur Ordnung. `Ich habe Wichtigeres
zu tun, als der Vergangenheit nachzuhängen.`
Sie schaut noch in der Küche nach, ob Herd und Wasser abgestellt
sind. Während sie vor dem Flurspiegel ihr adrettes Äußeres
überprüft, klingelt es an der Haustür.
"Wer ist dort?", fragt sie durch die Sprechanlage, drückt
aber gleichzeitig auf den Türöffner. Sie weiß, dass es
der Taxifahrer ist, der sie zum Krankenhaus bringen wird.
Linda wartet, bis er mit dem Fahrstuhl auf ihrer Etage angekommen ist.
"Guten Tag, Frau Engelmann", begrüßt ein freundlicher
Herr sie. "Ist es wieder soweit?"
"Ja! Ich muss wieder einmal zur Behandlung. Würden Sie bitte
meinen Koffer tragen? Ich fühle mich nicht ganz fit", antwortet
sie.
Der Taxifahrer nimmt den Koffer und hält Linda, nachdem sie sorgfältig
die Wohnungstür verschlossen hat, galant seinen Arm hin. "Bitte
sehr, gnädige Frau. Auf geht's."
Vor dem Haupteingang des Krankenhauses angekommen, öffnet ihr der
Taxifahrer fürsorglich die Autotür. Ihren Koffer trägt
er bis vor die Eingangstür. "Alles Gute für die Behandlung
wünsche ich Ihnen", sagt er.
Linda lächelt freundlich. "Vielen Dank", antwortet sie
leise. Die Traurigkeit auf ihrem Gesicht sieht der nette Fahrer nicht
mehr, da Linda sich schnell umdreht.
Auf der onkologischen Station wird sie freundlich, beinah freudig begrüßt.
Dort ist sie bekannt, weil sie schon mehrmals zur Behandlung hier war.
Sie hat Glück. Schwester Deborah, ihre Lieblingskrankenschwester,
hat Dienst. Die zierliche Debbie, wie Linda sie nennt, umarmt sie herzlich.
"Schön, Sie wiederzusehen, Frau Engelmann. Sie sehen aber gut
aus", begrüßt sie ihre Patientin.
Beide lächeln sich an, wissend, dass Lindas Zustand dieses Kompliment
Lügen straft.
Debbie ist Inderin. Mit ihrem Mann, einem indischen Arzt, kam sie vor
Jahren nach Deutschland, um hier ihren geliebten Beruf als Krankenschwester
ausüben zu können.
Nachdem Linda sich im Schwesternzimmer angemeldet hat, greift sich Debbie
deren Koffer und beide gehen zum Krankenzimmer, das Linda für die
nächsten Wochen bewohnen wird. Debbie öffnet die Tür, als
Linda enttäuscht spricht: "Ach, bekomme ich nicht das hübsche
Eckzimmer? Ich liebe den Blick aus dem Fenster in den kleinen Park. Vor
allem den gemütlichen Korbstuhl, der darin steht." `Und die
Vögel, die ich durch das Fenster beobachten kann`, denkt sie weiter.
Langsam folgt sie aber der Krankenschwester hinein in das Dreibettzimmer.
"Noch ist das Zimmerchen nicht frei, liebe Frau Engelmann. Aber Sie
wissen schon. Es kann nicht lange dauern, dann ziehen Sie dorthin um",
antwortet Debbie.
Linda weiß, dort liegt jemand im Sterben. Es ist ihr recht, für
einige Tage in diesem Dreibettzimmer untergebracht zu werden.
Nach drei Tagen betritt Schwester Debbie Lindas Krankenzimmer erneut.
Wortlos macht sie sich daran, Lindas Sachen zu packen.
"Ist es soweit?", fragt diese leise.
Debbie nickt unmerklich bejahend mit dem Kopf.
Als ihre wenigen Habseligkeiten verstaut sind, verabschiedet sich Linda
von den beiden Mitpatientinnen, wünscht ihnen alles Gute und verlässt
ruhig das Zimmer. Jetzt wird sie das niedliche Eckzimmerchen beziehen,
das sie von einem früheren Aufenthalt bereits kennt und lieben gelernt
hat. Damals dachten alle, sie würde das Krankenhaus nicht mehr lebend
verlassen. Aber die Ärzte hatten sich getäuscht. Sie hatte ihren
Krebs noch einmal überlistet. Dieses Mal wird sie es aber nicht noch
einmal schaffen, das weiß sie.
Linda schaut sich entzückt um und nimmt probeweise in dem Korbstuhl,
der in der Ecke vor dem Fenster steht, Platz. Ein buntes Kissen lädt
zum bequemen Verweilen ein. Die Wände dieses Zimmers sind pastellfarbig
gestrichen und vor dem Fenster hängen zart geblümte Vorhänge.
Hier lässt es sich aushalten.
"Wenn Sie noch etwas benötigen, klingeln Sie bitte", bittet
Debbie, als alles zu beider Zufriedenheit hergerichtet ist.
"Danke, liebe Debbie. Für alles", antwortet Linda.
Debbie verlässt den Raum und schließt geräuschlos die
Tür.
Linda schaut aus dem Fenster. `Ob ich ihn wiedersehen werde?`, überlegt
sie. Sie sucht den kleinen Park vor ihrem Fenster nach einem Vogel ab.
Einen ganz bestimmten Vogel möchte sie wiedersehen. Bei ihrem letzten
Besuch kam er bis zum Fenster. Scheu, wenn sie näher heran ging.
Nie hatte sie einen ähnlichen gesehen. Seine Stimme klingt wie Lachen.
Sein Gefieder ist hellbraun-weiß gefärbt. Er hat die Form einer
kleinen Taube. Bisher sah sie ihn nur ein einziges Mal. `Vielleicht zeigt
er sich erneut`, denkt sie, bevor sie den Blick zurück ins Zimmer
wendet.
Der Krankenhausalltag nimmt weiterhin seinen Lauf. Linda lässt Behandlungen
und Essen über sich ergehen. Sie kennt sich aus, niemand erzählt
ihr etwas Neues. Ärzte und Schwestern sind nett zu ihr. Zu nett.
Wenn eine Behandlung besonders schlimm ist, gönnt sie sich eine Auszeit.
Sie flüchtet sich gedanklich in die Vergangenheit. Bastian ist ein
kleiner Junge, der Ehemann an ihrer Seite. Sie sind eine glückliche
Familie. Minutenlang lässt sie sogar den Gedanken an die Hoffnung
zu, sie könnte ihren Sohn noch einmal sehen. Dieser Gedanke ähnelt
eher einem Traum, der sich wiederholt. Immer, wenn sie besonders starke
Schmerzmittel bekommt. Zärtlich sieht sie dann das Gesicht des jungen
Mannes vor sich, wie er damals das Haus verließ ...
Auch ihr Lachvogel, wie sie ihn getauft hat, kehrt zurück. Sie hört
ihn häufig von ihrem Bett aus. Als wolle er sie aufmuntern. Möchte
sie ihn aber endlich einmal wiedersehen, zeigt er sich nicht. So kann
sie sich nur an seiner wunderbaren Stimme erfreuen. Besonders in ihren
Schmerzphasen.
Tage gibt es, an denen es ihr erstaunlich gut geht. Dann kleidet sie sich
richtig an, läuft nicht im Bademantel herum. Sie macht sich mit Debbies
Hilfe vor dem Spiegel zurecht. Debbie möchte immer, dass sie hübsch
aussieht.
Langsam wandert Linda über den Stationsflur. Am anderen Ende befindet
sich die Kinderstation, hinter einer gesonderten Glastür. Sie schaut
auf die Pinnwand, die sie noch nicht bewusst wahrgenommen hatte. Heute
Vorlesestunde steht in großen bunten Buchstaben auf einem leuchtend
gelben Pappplakat. Da sie ihre Lesebrille im Zimmer vergessen hat, kann
sie kaum entziffern, was unter der Überschrift steht. Frau ... liest
eigene Geschichten. Jeden Dienstag. So viel kann sie erkennen. Plötzlich
lächelt sie, denn heute ist Dienstag. Sie schaut auf die große
Uhr, die an der Flurwand hängt. Auch die Zeit stimmt. Sie hat Glück.
In zehn Minuten soll die Lesestunde beginnen.
Vorsichtig öffnet sie die Glastür zur Kinderkrebsstation. Hier
kennt sie sich aus. Die kranken Kinder rühren sie. Ich bin eine alte
Frau, hatte sie bei ihrem ersten Besuch in diesem Krankenhausbereich gedacht.
Aber warum diese unschuldigen Kinder? Warum lässt Gott es zu, dass
so liebe Geschöpfe so schwer krank werden? Und sterben. Sie würde
gerne mit ihnen tauschen. Aber auch ihr Leben neigt sich dem Ende zu.
Vor einer geöffneten Zimmertür steht eine Reihe unbequemer Kunststoffstühle.
Linda setzt sich bedächtig auf einen und wartet. Beinah fallen ihr
die Augen zu, als eine fröhliche Stimme sie hellhörig macht.
Eine wunderhübsche Kinder-Geschichte wird vorgelesen. Die Kinder
lauschen mit angehaltenem Atem. Auch Linda ist begeistert von dem, was
sie hört und lächelt. Zum Schluss stimmt die Vorleserin ein
Liedchen an und alle singen begeistert mit. Linda summt, denn ihre Stimme
hat den Klang verloren. Frohen Herzens geht sie anschließend zurück
auf ihre Station.
Sie beschließt, zur nächsten Lesestunde wieder hinzugehen.
Nach einigen Tagen geht es Linda besonders schlecht. Sie kann nicht mehr
aufstehen. Debbie hat Dienst und kümmert sich rührend um ihre
Patientin. Sie ahnt, wie es um sie steht.
"Eines müssen Sie mir versprechen, Frau Engelmann. Wenn Sie
dann dort droben sein werden, lassen Sie mir bitte ein Zeichen zukommen,
ja?" Dabei lächelt sie freundlich.
Sie und Linda machen sich schon lange nichts mehr vor. Debbie weiß,
dass Linda sterben wird. Genau wie diese selbst.
"Na klar doch. Ich schicke Ihnen dann eine Feder von meinen Engelsflügeln",
entgegnet diese humorvoll und schon schläft sie wieder ein.
Debbie verlässt leise den Raum. In der Ferne hört sie eine Vogelstimme.
Beinah klingt diese wie ein Lachen.
Linda erholt sich nicht mehr. Nur noch selten kann sie das Bett verlassen.
Sie freut sich, wenn sie zum Waschen auf einem Höckerchen vor dem
Waschbecken Platz nehmen kann. In den Spiegel schaut sie längst nicht
mehr. Sie merkt, dass es zu Ende geht.
Am nächsten Tag betritt Debbie das Zimmer und erschrickt über
Lindas Zustand. Sie lässt sich aber nichts anmerken, sondern fragt
fröhlich: "Sie sollten wirklich etwas essen. Kann ich Ihnen
einen besonderen Wunsch erfüllen?"
Linda antwortet leise: "Wie gerne würde ich noch einmal ein
Stück Ananas essen. Aber frische, keine aus der Dose", fügt
sie hinzu. Ihre Augen glänzen bei der Vorstellung an die frische
Frucht.
Am nächsten Morgen bringt Debbie die Ananas. Hübsch in kleine
Häppchen auf einem Tellerchen drapiert, genießt Linda ein paar
Bissen. Mehr kann sie nicht essen ...
*****
Ein hochgewachsener Mann von ca. 40 Jahren kommt den Stationsgang entlang.
Er sieht sich suchend um und eilt auf das Schwesternzimmer zu. Schwester
Debbie hält einen Teller in der Hand und schaut ihn fragend an.
"Where is Mrs. Engelmann ...", beginnt er. Sich einer längst
vergessenen Sprache erinnernd, setzt er erneut an: "Wo, bitte, finde
ich Frau Engelmann? Man benachrichtigte mich, dass sie hier liegt."
Debbie beobachtet ihn, denn kaum merklich fügt er hinzu: "Sie
ist meine Mutter."
Debbie lächelt tief in sich hinein. "Bitte, folgen Sie mir."
Leise öffnet sie die Tür zu Lindas Zimmer, bittet ihn einzutreten
und schließt behutsam die Tür hinter ihm. Erst jetzt bringt
sie den Teller mit den restlichen Ananasstückchen in die kleine Stationsküche.
Hier kann sie ihre Tränen nicht mehr unterdrücken.
Linda befindet sich im Halbschlaf, als sie ein Geräusch wahrnimmt.
Nein, eigentlich sind es zwei. Ihr geliebter Lachvogel lässt deutlich
seine Stimme vernehmen. Sein Lachen genießt sie in diesem Moment
besonders.
"Debbie, sind Sie das?", fragt sie leise.
Es fällt ihr sehr schwer, die Augen zu öffnen. Am liebsten würde
Linda sie für immer geschlossen halten dürfen. Es ist das bekannte
Geräusch der sich schließenden Zimmertür. Langsam wendet
sie ihren Kopf diesem Laut zu und öffnet mühsam ihre Augen.
Kam der Laut eben aus ihrer Kehle? Er klang wie ein Schrei.
"Bastian. Du?"
Linda überlegt, ob sie vielleicht schon gestorben ist. Oder nur intensiv
träumt. Aber wirklich und wahrhaftig steht ihr Sohn an ihrem Krankenbett.
Überall auf der Welt und sogar im Himmel hätte sie ihn wiedererkannt.
Obwohl sie ihn 20 Jahre nicht gesehen hat. Tränen laufen ihr unaufhörlich
übers Gesicht. Auch der große Mann weint.
"Mum, kannst du mir verzeihen?", fragt er und umarmt sie vorsichtig.
"Es gibt nichts zu verzeihen, du Lieber", antwortet sie leise.
Er drückt ihre Hand, und sie weiß, dass sie nun in aller Ruhe
sterben kann. Sie wendet den Blick zum Fenster. Der fremde Vogel sitzt
davor und fliegt nun davon ...
*****
Debbie öffnet die Tür zu Lindas Zimmer. Sie muss sich zusammenreißen,
denn sie hat die Aufgabe, das Zimmer für eine neue Patientin herzurichten.
Zuallererst geht sie zum Fenster, um es zu öffnen. Frische Luft strömt
herein. Sie stutzt und schaut genau hin. Auf der Fensterbank liegt eine
kleine hellbraunweiße Flaumfeder.
Sie schaut Richtung Himmel und sagt leise: "Danke, Linda, für
das versprochene Zeichen."
Zaghaft winkt sie ...
***** E N D E *****
© Karin
Ernst
Bild: ©
Karin Scholles
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