|

Diesen Satz wollte ich nie sagen, hat er mich doch früher geärgert.
Viele alte Menschen - auch meine Großmutter - haben ihn gerne ausgesprochen.
Damals dachte ich: Sie ist alt, was weiß sie von heute? Heute ist
doch alles viel schöner. Und lächelte.
Diese Erzählung will sicher auch niemand lesen, daher möchte
ich sie für mich aufschreiben.
Je älter ich werde, desto mehr kann ich meine Oma verstehen. Die
Zeit vergeht so schnell, dass ich mich wundere, wenn wieder ein Jahr vergangen
ist. Die Entwicklungen vollziehen sich so rasant, dass ich manche Veränderung
gar nicht so richtig mitbekomme. Für alt und senil halte ich mich
dennoch nicht.
Denke ich an meine Kindheit zurück, fällt mir heute vieles auf,
was mich stört. Hat es damals schon so viel Schmutz auf den Straßen
gegeben? Ich wuchs in einer Kleinstadt auf. Jeden Samstag hatte jedermann
anscheinend die Aufgabe, vor seinem Haus zu kehren. Heute beobachte ich
das nicht mehr. Ab und zu sehe ich einen Arbeiter der Stadtreinigung mit
einem Besen. Den hält er verkehrt herum beim Fegen, so dass er den
Schmutz mehr verteilt, als zusammenfegt. Ansonsten fahren ab und zu Reinigungsfahrzeuge
durch die Straßen. Getränkedosen und Zigarettenschachteln werden
häufig einfach fallen gelassen, ohne dass sich jemand bemüht,
diese zu beseitigen. So sammeln sich allerlei auf Straßen, Gehwegen,
in Wald und Flur. Wie vielerlei weiterer Müll. Und keiner ist zuständig,
ihn wegzuräumen.
Damals hat es noch gar keine Getränkedosen gegeben. Vielleicht hatten
die Menschen auch noch nicht das Geld, um sich so viele Zigaretten kaufen
zu können, wie heute.
War damals der Lärm schon so stark wie heute? Das frage ich mich
oft. Sicher nicht, denn es fuhren nicht so viele Autos. Sicherlich flogen
auch nicht so viele Flugzeuge. Die Anzahl derer nimmt auch stetig zu,
nur achtet niemand mehr drauf. Immer mehr Menschen haben immer länger
Urlaub, den sie in einem anderen Land verbringen möchten. Dorthin
reisen können sie nur mit dem Flugzeug, also werden immer mehr gebaut.
Ebenso ist es mit den Autos. In manchen Familien gibt es für jedes
Familienmitglied eines. Es ist doch heute oft üblich, dass ein/e
Schüler/in zum bestandenen Abitur ein Auto geschenkt bekommt. Der
Führerschein wird vorher gemacht. Der 18. Geburtstag und das Abitur
fallen häufig zeitlich zusammen.
Diese Jugendlichen haben in ihrem Leben vielleicht noch keinen Pfennig
Geld verdient.
Viele Autos und Flugzeuge zusammen erzeugen viel Lärm. Zu viel. Heute
muss ich diesen Lärm ertragen, ohne dass ich etwas daran ändern
kann. Auch wenn ich selber mit Bus und Bahn fahre. Der Geräuschpegel
erhöht sich auch dadurch, dass aus vielen Autos Musik heraus schallt.
Fast jedes Auto hat heutzutage ein Radio, oder sogar eine ganze Musikanlage.
Den Menschen reicht der Lärm draußen nicht. Sie müssen
auch die Musik meist recht laut hören. Es ist eine dauernde Geräuschkulisse
vorhanden.
Hat es in meiner Kindheit das Ozonloch schon gegeben? Viel gehört,
damals, habe ich nicht darüber. In der Schule redeten wir nicht davon.
Wird heute in den Nachrichten oder wissenschaftlichen Beiträgen darüber
berichtet, interessiert sich kaum jemand dafür. Warum nicht? Vielleicht,
weil der Einzelne darüber nachdenken müsste, in seinem Leben
etwas zu ändern. Damit das Ozonloch kleiner wird. An den Veränderungen
des Ozonlochs sind nicht nur einzelne Menschen schuld, sondern wahrscheinlich
jeder ein kleines bisschen.
Viele Sachen beobachte ich heute, mit denen ich nicht einverstanden bin.
Dann denke ich wie meine Oma: Früher war alles besser. Die Welt verändert
sich nun mal. Das ist so, sollte ich mir sagen. Aber nicht alle Änderungen
sind positiv. Das fällt mir auf.
Dass Kinder und Jugendliche heute viel zu früh Alkohol trinken und
rauchen, stört mich sehr. Ich kann keinen Einfluss darauf ausüben,
meine Kinder sind erwachsen. Aber warum wird nicht mehr dagegen geredet,
heute? Gab es "zu meiner Zeit" mehr Druck und Verbote? Oder
hatte meine Generation nur nicht so viel Geld in der Hand? Haben sich
unsere Eltern mehr getraut, als die Eltern von heute? Sind die Jugendlichen
so frei und aufmüpfig geworden, dass die Eltern den Mut verlieren
an der Erziehung? Wiederum kann ich nur sagen: Früher war das besser.
Oder nur anders? Aus welchen Gründen auch immer.
Vieles machen die Jugendlichen heute mit, damit sie eine Mutprobe bestehen.
Diese Mutproben hat es immer schon gegeben. Aber nicht so extrem wie heute.
Ein Thema dazu ist auch die Garderobe. Wir hatten kaum Einfluss auf die
Dinge, die wir anzuziehen hatten. Es wurde angezogen, was die Eltern kauften.
Auch wir waren nicht immer damit einverstanden. Heute bestimmen die Jugendlichen
selbst, was sie tragen. Kosten die Sachen noch so viel Geld, sie müssen
der Tradition der Jugend genügen. Kleidung, die nicht "in"
ist, wird häufig nicht angezogen.
Um die Ansprüche der Kinder zu erfüllen, gehen daher in vielen
Familien beide Elternteile arbeiten. Vieles zieht diese Entscheidung nach
sich. Tagsüber sind die Kinder lange Zeit sich selbst überlassen.
Manchmal ist kein Essen vorbereitet. Irgendetwas wird stattdessen gekauft.
Kommen beide Eltern von der Arbeit, sind sie müde und gestresst.
Dann haben sie kein Ohr mehr für die Sorgen der Kinder. So zieht
eines das Andere nach sich.
Meine Erziehung damals empfand ich als viel zu streng. War nicht einverstanden
damit. Mit dem Erziehungsstil von heute bin ich es aber auch nicht. Es
gibt zu viel Freiheit, zu wenig Grenzen. Das ist meine Meinung. Diese
äußere ich nicht laut, bekäme sonst vielleicht zur Antwort:
"Heute ist alles anders".
Vielerlei würde mir noch einfallen zu dem Thema. Heute würde
meine Oma lächeln, könnte sie mich sehen und hören, wenn
ich sage: "Früher war alles besser".
Meine Kinder, die mich heute belächeln, wenn ich aus meiner Kindheit
erzähle, werden eines Tages an mich zurückdenken.
Genauso, wie ich an meine Großmutter....
***** E N D E *****
© Karin Ernst
|