Gegensätze im Bus

Genüsslich schlendere ich zum Bus. Meine Füße berühren raschelndes Laub. Gestern noch nass, hat es die strahlende Sonne heute getrocknet. So macht das Gehen Spaß. Ist es auch frisch, weht doch kein so kalter Wind wie gestern.

An der Haltestelle habe ich Zeit, bin früh dran. Überlege, ob ich noch Block und Stift aus der Handtasche nehmen soll, weil mir eine Gedichtidee kommt, entscheide mich aber dagegen. Lieber lehne ich mich an eine Plakatwand und lasse die Sonne mein Gesicht streicheln.

Plötzlich sehe ich neben dem Bordstein auf der Straße ein kupfernes Geldstück liegen. Ob es ein Pfennig oder ein Centstück ist, erkenne ich nicht und gehe näher ran. Es fällt mir schwer, mich zu bücken. In dem Moment kommt eine junge Frau hinzu und hebt es auf.
"Bitte schön."
"Nein, jetzt gehört es Ihnen", antworte ich.
"Aber Sie haben es gefunden."
Dankend stecke ich es in meine Jackentasche und wir lächeln uns zu.

Im Bus betrachte ich das Geldstück genauer. Anscheinend sind schon einige Busse darüber gerollt, denn es ist platt und kaum erkennbar, dass es sich um ein 5-Cent-Stück handelt.

Ich stelle fest, dass heute ein wunderbarer Tag ist. Die Sonne scheint, es geht mir einigermaßen gut, mit meiner Erkältung geht's aufwärts, und jetzt habe ich sogar einen Schatz gefunden. Denn sind es auch nur 5 Cent, so bedeutet der Fund für mich ein kleines Stückchen Glück.

Zwei Frauen setzen sich auf die beiden Plätze vor mir und beginnen ein eifriges Gespräch. Sie reden so laut, dass ich mithören kann. Es geht um eine gemeinsame Bekannte, die die Diagnose Krebs erhalten hat.
"Und denken Sie sich! Warum will die sich noch operieren lassen? Was das soll, in ihrem Alter. Sie ist doch schon 69."
Eine mir unsympathische Stimme spricht weiter. "Danach fällt sie doch nur der Familie zur Last. Ihre Enkelin wird sich bedanken."
Die beiden Frauen quatschen noch eine Weile recht unfreundlich über die abwesende, so dass ich denke: Typisch! So wird geredet, wenn jemand nicht dabei ist.

Ich versuche, nicht mehr hinzuhören, weil mir die kranke Frau sehr Leid tut. Überlege, dass ein Mensch auch mit 69 vielleicht noch eine Chance auf Heilung hat. Würde ich mich operieren lassen? Den Gedanken verdränge ich jedoch.

Auf einem freien Zweierplatz links vom Gang nimmt an der nächsten Haltestelle eine Frau Platz und fängt mit ihrer Sitznachbarin sofort ein Gespräch an. Irgendwann werden auch die beiden so laut, dass ich wieder alles hören kann: "Die ganze Welt taugt nichts mehr. Wer soll das überhaupt alles noch bezahlen?" In diesem Tenor geht es eine ganze Weile munter weiter.

Gemurre breitet sich in mir aus, denn gerne würde ich antworten, dass nicht die ganze Welt schlecht sei. Doch einmischen möchte ich mich natürlich nicht.

Nun hält der Bus etwas unsanft und viele Schulkinder steigen ein. Ich schätze die Kleinen auf zweite, höchstens dritte Klasse. Fröhlichkeit zieht durch den Bus, denn jedes Kind hält eine Laterne. In der Schule war heute Basteln angesagt, und jedes Kunstwerk wird vorsichtig durch den Gang getragen. Lustige Plaudereien übertönen die negativen Unterhaltungen.

Was für krasse Gegensätze!

Lieber konzentriere ich mich nun auf die Vorfreude der Schulkinder auf's Laternelaufen zu Sankt Martin, blicke in leuchtende Augen.

Die Mädchen und Jungen rücken zusammen, als eine Mutter mit Kinderwagen einsteigt. Sonnenstrahlen scheinen ins Fenster, auch Mutter und Kind machen einen zufriedenen Eindruck. Das Kleinkind schaut mit großen Augen neugierig zu den größeren Kindern mit den Lampions.

Doch plötzlich entdeckt es etwas viel Aufregenderes. Durch die Fahrt des Busses verändert sich ein kecker Sonnenstrahl andauernd. Es sieht aus, als würde er hüpfen. Auch bescheint er das kleine Gesichtchen, was dieses zum Lachen bringt. Immer wieder versuchen kleine Hände, den Strahl zu erhaschen.

Ein allerliebstes Bild bietet sich mir, als I-Tüpfelchen auf diesem bisher so schönen Tag.

Was interessieren mich plappernde Frauen mit ihrer Negativeinstellung, wenn ich einem so herzigen Kind zuschauen darf, das mit Patschhändchen versucht, die Sonne zu fangen?

Beim Aussteigen sehe ich, dass sich der Himmel bewölkt. Und doch nehme ich ein Herzenssonnenstrahllächeln mit nach Hause.

 

 

(09. November 2005)
© Karin Ernst