|
Glück
gehabt!
Hinterher betrachtet, hat mein Schutzengel wieder einmal gut aufgepasst Es ist ein kalter, sonniger Januartag. Ich ziehe mich warm an: Die dicke, selbstgestrickte schafwollne Mütze, ein verschiedenbunt gefärbtes Dreiecktuch aus Wolle um den Hals, Handschuhe und meinen dicken Kurzmantel aus Walkstoff. Richtig eingemummelt mache ich mich auf den Weg zu meinem Orthopädietermin. Seit vor Weihnachten quälen mich Oberarmbeschwerden im rechten und seit drei Tagen nun noch Schulterbeschwerden im linken Arm. Nein, das macht keinen Spaß. Meine Physiotherapeutin verzweifelt langsam, weil sie der Meinung ist, ich "halte zu sehr an irgendetwas fest." Na ja, meine Unterarmgehstütze brauche ich nun mal zum Festhalten. Dass sich im Laufe der Zeit Beschwerden einstellen würden, weiß ich seit vielen Jahren. Natürlich ist mir ebenfalls bewusst, dass vieles Sitzen am Computer nicht unbedingt günstig ist. Dennoch möchte ich auf mein Hobby, das Schreiben, nicht verzichten, weil es mir mein Leben mit Beschwerden erleichtert. Während der Bus- und U-Bahnfahrt spekuliere ich, was der Arzt wohl machen wird. Glücklicherweise muss ich dort nicht, wie häufig schon, stundenlang warten. Zuerst behandelt er mein rechtes Bein, indem er kräftig daran zieht. Dieses ist eine chirotherapeutische Behandlung, die ich ca. zweimal im Jahr machen lasse, wodurch Muskeln und Sehnen im gesamten Beckenraum gedehnt werden. Hinterher fühle ich mich zwar ein wenig angegriffen, dennoch sind meine Beschwerden eine Zeitlang besser. Im Anschluss daran berichte ich von meinen Schulterbeschwerden, lehne jedoch ab, mir eine Spritze geben zu lassen. Der Orthopäde testet die Beweglichkeit beider Schultern und rät zu gezielteren therapeutischen Maßnahmen, die ich meiner Krankengymnastik ausrichten soll. Etwas leichter im Bein, wenn auch mit unveränderten Schmerzen im Schulterbereich verlasse ich die Praxis. Inzwischen ist es nach 12 Uhr mittags, Hunger meldet sich. Während ich zur U-Bahn-Haltestelle gehe, überlege ich, wo ich eine Kleinigkeit essen kann und entscheide mich für ein belegtes Brötchen und einen Becher Kaffee. Bei meinem Lieblingsschnellrestaurant ist es um diese Zeit viel zu voll, also fahre ich zu einer Bäckerei, der ein Cafe und Imbiss angeschlossen sind. Hier gibt es mittags kleine "Snacks." Der Laden ist zwar voll, trotzdem finde ich einen gemütlichen Platz, so dass ich Block und Papier herausnehme, um nebenher ein unterwegs angefangenes Gedicht zu Ende zu schreiben. Nach dem Essen schaue ich draußen auf eine große Uhr, die über einem Geschäft hängt und freue mich. In einer Minute soll der Bus kommen, mit dem ich nach Hause fahren kann, den Fahrplan habe ich im Kopf. Ich warte und warte Endlich naht er mit sechs Minuten Verspätung. Nun ja, um diese Zeit ist das normal. Wie so oft, lässt mich niemand vor. Ich steige als vorletzte ein und stöhne innerlich. Kein freier Sitzplatz, denn es ist Schulschluss. Mich an einer Stange festhaltend, bitte ich einen Jungen, vielleicht 10 Jahre alt, freundlich um dessen Platz. Mit einem Augenaufschlag und in Zeitlupe steht er auf, während der Bus anfährt. Ich setze mich und fühle einen Schmerz. Der Sitz hat links einen Haltegriff, den ich nicht gesehen habe, also komme ich mit meiner linken Pohälfte dagegen. Ich verstaue Gehstütze, Handschuhe und Handtasche und ziehe meinen Mantel glatt. Nun fühle ich mich sicher. Ich blicke mich im Bus um und bin erstaunt, wie voll er ist. Überlege, ob ich an der übernächsten Haltestelle überhaupt an der Mitteltür aussteigen kann, entscheide mich jedoch dagegen. Plötzlich vernehme
ich die ziemlich laute Stimme eines Jugendlichen mir schräg gegenüber.
Er sieht mich grinsend an und fragt einen neben ihm sitzenden Jungen:
"Hast du eine Ahnung, ob es ein Gesetz gibt, dass der Junge aufstehen
muss? Die Frau kann doch nicht einfach verlangen, dass er ihr seinen Platz
gibt." Ich kann nicht fassen, was ich höre, entscheide mich jedoch, nicht zu reagieren und schlucke meinen Ärger runter. Außerdem nähert sich der Bus meinem Ziel. Als er um die Ecke fährt, suche ich nach einer Haltemöglichkeit hinter mir und stehe langsam auf. Wie es passiert, weiß ich erst hinterher. Ich rutsche mit meiner Gehstütze aus, obwohl rutschfeste Gummipuffer darunter montiert sind. Ein Sturz, ein Schrei, ich finde mich auf der rechten Hüftseite liegend auf dem Boden wieder. Ausgerechnet auf der Dauerschmerzseite. Meine rechte Schulter schlägt zusätzlich noch gegen eine Radabdeckung, auf der sich ein Sitz befindet. Ich höre eine Stimme "Entschuldigung" sagen und weiß jetzt, was geschehen ist. Neben mir sitzt eine Frau, die einen langen Umhang trägt. Ein Stück davon berührt den Boden, so dass meine Stütze ein Stück Stoff erfasst haben muss, ich so ins Rutschen kam. Der Busfahrer hat angehalten, weil die Haltestelle erreicht ist. Mehrere Hände versuchen mir hoch zu helfen, doch ich muss mich erst sammeln. Bitte um eine kurze Bedenkzeit um festzustellen, ob womöglich etwas gebrochen ist oder ich ohne Probleme aufstehen kann. Da ich bereits mehrfach mit dem Ergebnis einer Fraktur gefallen bin, habe ich Erfahrung und horche in mich hinein. Ich komme zu der Überlegung, dass eventuell mein dicker Mantel mich vor einem Bruch geschützt hat. Nun lasse ich zu, dass freundliche Hände mir aufhelfen, denn allein schaffe ich es nicht. Meine Gehstütze ist irgendwohin gefallen, jemand reicht sie mir. Von anderer Seite ebenso meine Handtasche. Eine Frau bietet mir ihren Sitzplatz an, ich lehne höflich ab. Dann spüre ich Tränen über mein Gesicht laufen. Wut, Enttäuschung, Schmerz - all das empfinde ich auf einmal. Der Busfahrer fragt: "Ist alles in Ordnung oder soll ich einen Arzt rufen? Sonst steigen Sie bitte aus, ich muss meinen Fahrplan einhalten." Er öffnet die Vordertür und Fahrgäste wollen einsteigen. In diesem Moment drängt es mich hinaus. Nur noch raus, mich in der Wartezone ausruhen ist mein Wunsch. "Können Sie nicht hinten aussteigen?", höre ich eine Stimme. Eine andere aus dem Bus ruft mir hinterher: "Die sollte besser mit einem Taxi fahren." Auch diesmal schlucke ich eine Antwort herunter. Als ich mich vorsichtig
auf einen harten, kalten Kunststoffsitz niederlasse, fange ich leicht
an zu zittern. Der Busfahrer steigt netterweise aus und fragt, ob wirklich
alles in Ordnung ist. "Ich denke ja, gebrochen ist wohl nichts." Im Wartehäuschen stehen zwei Kinder. Erschrocken beobachtet mich der kleinere der beiden, vielleicht 8jährige Junge. "Ich weine sonst nicht so leicht", erkläre ich. "Doch ich bin eben im Bus gefallen und nun tut mir mein Bein weh." Ein mitleidiger Kinderblick trifft mich, und ich muss an meinen Enkel denken, der ungefähr in seinem Alter ist. Eine Frau spricht mich an und rät mir, die Ankunftszeit des Busses zu notieren, falls sich doch schlimmere Verletzungen herausstellen sollten. Ich bedanke mich für den Hinweis, wische mir die Tränen ab und mache mich langsam auf meinen Nachhauseweg, für den ich sonst drei Minuten benötige. Heute gehe ich langsamer. In der Wohnung angekommen, trinke ich zuerst ein Glas Wasser. Danach ziehe ich mich aus und betrachte meine schmerzenden Stellen im Spiegel. Ich setze mich hin, bewege alle Gelenke, die in Mitleidenschaft gezogen sind und stelle fest, dass ich sehr zufrieden sein kann. Zwar weiß ich aus leidvoller Erinnerung, dass Prellungen schmerzhaft sind, doch habe ich mir nichts gebrochen. Dessen bin ich mir sicher. Nun erst rufe ich meinen Mann im Büro an und berichte von meinem Unfall. "Und doch bin ich froh, dass du Glück gehabt hast", sagt er, und ich höre sein erleichterndes Seufzen durchs Telefon. Ich gebe ihm Recht und weiß, dass ich Schmerzen, die in den nächsten Tagen auf mich zukommen werden, aushalten kann. Denn sind auch Oberschenkel und Hüfte geprellt und schmerzt die Schulter, die vorher bereits lädiert war, noch mehr, so bin ich doch von einem Knochenbruch verschont geblieben. Nach einer Weile habe ich mich beruhigt und kann wieder lächeln. Danke, lieber Schutzengel!
(24. Januar 2006)
Und hier das erwähnte Gedicht:
Winterglanzleistung Arktische Kälte, doch wunderschön eingemummelt zum Draußensein würde gerne schliddern können Himmel schenkt uns Helligkeit hat auch der Frost uns noch im Griff
© Karin Ernst
|