| Grau
- nein danke!
Schwer hängen dicke graue Wolken am Himmel, schwer hängen Tropfen des Nieselregens in den Zweigen, und schwer an Schmerzen fühle ich das feuchte Februarwetter nicht nur in meiner Schulter. Das Wetter wirkt niederdrückend. Grau möchte sich auch in meine Seele einnisten. Müdigkeit breitet sich aus, Trägheit will von mir Besitz ergreifen. Nein! Ich werde nicht zulassen, dass Melancholie meine positiven Gedanken verdrängt. Auch sonst bin ich häufig die Kämpferin. Also, auf geht's! Ich schiebe meinen Bürostuhl vom Schreibtisch weg und komme in Schwung. Plötzlich muss ich lachen, fühle mich wie ein kleines Mädchen. Ein paar Mal drehe ich mich mit dem Stuhl im Kreis herum - huii - es erinnert mich an eine Karrusselfahrt. Lang, lang ist's her. Und doch fühle ich, dass gute Laune stetig zunimmt. In der Wohnung ist es warm. Die Heizung funktioniert, überall brennen Lampen, die Behaglichkeit verbreiten. Ich stehe auf und gehe kurz auf den Balkon. Nehme ein paar tiefe Atemzüge, die meine Bronchien mit Frischluft versorgen. Das Thermometer zeigt fünf Grad plus, der Wind verstärkt sich. Da ist er wieder! Ein Vogel, den ich nicht kenne, jedoch in den letzten Tagen wieder häufiger höre. Ich nenne ihn den "Zweitonpfeifer." Hoch, tief, hoch, tief lustig hört es sich an, wie er fleißig vor sich hinflötet, scheinbar mir zur Freude. Denn nun gehe ich viel fröhlicher zurück ins Zimmer, verschließe die Balkontür fest. Mich fröstelt ein wenig. Wenn ich an die armen Obdachlosen denke, die bei dieser Nässe und Kälte draußen "wohnen." Habe ich einen Grund zum Jammern? Gewiss nicht! Ich schalte das Radio ein, höre einen deutscher Schlager. Ich summe die Melodie mit: "Wie viele Stunden hat die Nacht, wenn meine Zärtlichkeit erwacht ." Beim Blick aus dem Fenster sehe ich, dass der Regen aufgehört hat, Dämmerung nimmt zu. Durch das Gelb der hauchzarten Übergardinenschals spiegelt sich Licht der eingeschalteten Stehlampe in der Fensterscheibe, gemütlichkeitsspendend Ich mag unser Wohnzimmer. Für einen klitzekleinen Moment setze ich mich auf die hellblaue Couch, auf dem ein Schaffell meinen Stammplatz kennzeichnet. Mein Blick fällt auf eine Uhr, die vor einem Stapel Bücher in der Schrankwand steht. Sie zeigt halb Sechs. Freude lässt mich aufspringen, denn du hast bald Feierabend. Ich schalte das Radio wieder aus, hole mir ein frisches Glas Wasser aus der Küche. Auf dem Rückweg zum Computerzimmer greife ich zu meinem regenbogenbunten, handgestrickten Lieblingsdreiecktuch, das meiner Halswirbelsäule beim Sitzen am PC Kuscheldienste leistet. Warum bin ich eigentlich aufgestanden? Ein bekanntes Klingelzeichen ertönt. Mails sind eingetroffen, darunter auch zwei liebe Nachrichten. Jetzt erinnere ich mich, dass ich mich beinah vom Februarnassgrauhimmel hätte anstecken lassen. Doch letzte Negativgedanken lösen sich nun auf in den warmen Farben eines Zufriedenheitsabends. Grau? Nein danke!
(07. Februar 2006)
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