Ich war wütend …

…werde aber trotzdem nicht brav sein!

Gestern war für mich ein aufregender Tag. Voller Spannung wartete ich morgens darauf, bei meinem Hausarzt anrufen zu können, um das Ergebnis der neuen Blutuntersuchung zu erfahren. Es ging um erhöhtes Cholesterin, das vor fünf Wochen bei einer Routineuntersuchung entdeckt worden war.

Kurz nach 10 Uhr nahm ich mit Herzklopfen den Hörer ab, wählte und ließ mich von der Arzthelferin zu ihrem Chef durchstellen. Die Verbindung kam sofort zustande, auch hatte er meine Werte nach kurzem Suchen auf dem Monitor.

Ich ließ mir jeden einzelnen der vier Blutwerten nennen und notierte sie auf dem Zettel, auf dem bereits die der ersten Untersuchung standen. Als ich sie verglich, steigerte sich mein Herzklopfen noch, und zwar vor Freude! Die vorher zu hohen Werte hatten sich allesamt verbessert - ich war sehr zufrieden.

Und doch wich kurz darauf diese Zufriedenheit einer Enttäuschung.

Es war unglaublich, wie der Arzt mich anfuhr. An dem Ergebnis konnte er angeblich erkennen, dass ich das von ihm verordnete Medikament nicht genommen hatte. Er blaffte mich an, dass sich nur durch Ernährungsumstellung die Cholesterinerhöhung nicht auf einen Normwert einstellen ließe. Zumindest wäre eine Behandlung ohne Tabletteneinnahme nicht "unser Endziel."

Kurzzeitig war ich am Boden zerstört! Der vorher schlechte Wert hatte sich doch um ca. 10 Prozent verbessert! Wieso konnte er sich nicht mit mir freuen? Mich darin unterstützen, mit der gesunden Ernährungsform weiter zu machen?

Ich war fassungslos! Erzählte ihm, dass mein Mann und ich unsere Ernährung ab dem Tag des ersten Blutergebnisses radikal auf fettarme vegetarische Kost umgestellt und wir beide bereits an Gewicht verloren hatten. Worüber wir sehr froh waren. Er fand das zwar lobenswert, es interessierte ihn in meinem speziellen Fall jedoch überhaupt nicht.

Ich erwähnte die Nebenwirkungen des Medikaments, weshalb ich mich weigerte, es zu nehmen. Bat um Verständnis, weil ich doch seit langem seine Patientin war und er meine Probleme kannte. Wenn ich Beschwerden bekommen sollte, könnten "wir" es immer noch absetzen. Ich hätte es aber besser erst mal versucht, war seine Meinung dazu.

Mit dem Satz, es läge nun in meinem Ermessen, ob ich das Medikament schluckte oder nicht, beendete er, reichlich unfreundlich, das Telefonat.

Nachdem ich mich ein paar Minuten gesammelt hatte, wurde ich furchtbar wütend! "So nicht, Herr Doktor", sagte ich laut zu mir selbst! "Und ich bleibe doch bei meinem Weg. Jawohl!"

Ich düste, so schnell ich konnte, ins Badezimmer. Die Wut in mir ließ mich unvorsichtig sein, wodurch ich meinen Ringfinger dermaßen an der Unterkante des Spiegelschrankes stieß, dass mir vor Schmerz die Tränen kamen. Ich ließ ihnen freien Lauf … und das Weinen tat mir richtig gut!

Kurze Zeit später wischte ich mir das Gesicht ab und verglich in Ruhe erneut beide Blutwerte. Dann rief ich meinen Mann im Büro an, denn er wartete gespannt auf meinen Anruf. Wir waren beide zufrieden, dass sich durch die gesunde Ernährung der Wert nun positiv entwickelte.

Nach diesem Trostgespräch ging es mir wieder richtig gut. Der Ärger war verflogen, die Wut verraucht. Ich trug meinen Kopf wieder oben!

Denn meine innere Überzeugung war, dass ich es selbst schaffen würde, die Cholesterinwerte auf ein gesundes Maß runter zu schrauben. Allein dadurch, dass wir uns auch zukünftig so gesund ernähren würden, wie wir es seit fünf Wochen taten!

Nein, Herr Doktor, ich werde Ihnen den Gefallen nicht tun, das Medikament einzunehmen. Sondern mir und Ihnen beweisen, dass es auch ohne geht!

Ich werde nämlich überhaupt nicht brav sein…



(19. August 2005)
© Karin Ernst