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Die kleine Jenny
sitzt im Kinderzimmer auf ihrem Kinderstühlchen. Intensiv konzentriert
sie sich auf ihr Bilderbuch, das sie auf dem Schoß hält.
"... und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute",
beendet sie ihren Satz. "Ach Manda, musst du denn immer rumlaufen.
Du sollst doch zuhören. Wenn man vorgelesen bekommt, muss man zuhören!",
schimpft sie mit ihrem kleinen schwarzweißen Mischlingshund. Dieser
aber hat keine Geduld mehr und läuft davon.
Seufzend legt das kleine rothaarige Mädchen ihr Lieblingsmärchenbuch
aus der Hand und folgt ihm. Sie hat ein Herz für Tiere, hat ihre
Oma einmal gesagt.
`Warum erinnere ich mich gerade jetzt daran?`, überlegt Jenny, gibt
der Oma aber Recht. Sie mag Tiere.
Manda läuft aus dem Zimmer, das kleine Mädchen hinterher. Vor
der Wohnzimmertür hält Manda plötzlich an und macht Platz.
Auch Jenny verlangsamt ihre Schritte, weil sie ihre Eltern in dem Zimmer
reden hört.
"... aber Jenny darf es nach Möglichkeit auch weiterhin an nichts
fehlen", spricht ihre Mutter. "Verstehst du das, David?"
Jenny weiß, dass sie eigentlich nicht an der Tür lauschen soll,
aber ihre Neugier siegt. Mucksmäuschenstill hört sie zu, was
die Eltern zu sagen haben.
"Aber in der Küche müssen wir auch ein wenig einsparen,
Eva. Das schaffen wir schon", antwortet jetzt der Vater.
Ein anderes Geräusch nimmt Jenny noch wahr. Die Mutter weint! Ganz
traurig wird sie, und auch Manda fängt leise an zu winseln.
"Was ist nur los?", fragt Jenny leise und umschlingt das Hündchen.
Die Geräusche im Wohnzimmer verstummen, und die Tür öffnet
sich.
"Ach, hier seid ihr", spricht ihre Mutter. "Wolltest du
keine Bilderbücher mehr ansehen?"
"Och nö! Hab keine Lust mehr. Iss langweilig, wenn Manda nicht
still sitzt beim Zuhören", antwortet ihr Töchterchen und
versucht, im Gesicht ihrer Mutter Tränenspuren zu entdecken. Doch
ihre Mama lächelt sie freundlich an.
Manda trottet hinter Jenny ins Wohnzimmer. "Papa, kommst du mit raus?
Manda muss Gassi gehen, und ich wollte noch ein wenig in den Park. Aber
allein möchte ich nicht. Du weißt schon, dort sind manchmal
die großen Jungs, die ärgern Manda immer." Kleinlaut schaut
sie zum Vater auf. Er macht ein sorgenvolles Gesicht. `Was mag nur los
sein?`, fragt sie sich.
Der Vater überlegt einen Moment. "Ja, es könnte mir eigentlich
nicht schaden, an die frische Lust zu kommen. Werde in nächster Zeit
häufiger Gelegenheit dazu haben", fügt er mit leiser Stimme
hinzu, aber Jenny hat es trotzdem gehört.
Manda beobachtet Jenny ungeduldig. Er ist ein schlauer Hund und weiß
genau, dass es jetzt hinausgeht. Voller Erwartung läuft er im Flur
auf und ab und springt an Jenny hoch.
"Nicht so doll! Ich muss doch erst meine Jacke anziehen." Sie
holt ihre alte Jacke, die sie immer anzieht, wenn sie ihr Hündchen
ausführt. Eigentlich findet sie, dass es eine Babyjacke ist, aber
ihre Mutti meint, zum Schmutzigmachen genügt sie noch.
Papa zieht seinen Anorak über, beide verabschieden sich von der Mutter
und ziehen los.
"Platz!", ruft Jenny, als sie aus dem Haus kommen.
Manda wird angeleint und gemeinsam gehen sie zum nahe gelegenen kleinen
Park.
"Papa, über was hast du dich vorhin mit Mama unterhalten?",
fragt Jenny mit einem vorsichtigen Seitenblick auf ihren Vater.
"Ach, weißt du, das ist eigentlich nichts für kleine Mädchen",
antwortet er und streichelt ihr über die roten Locken.
"Ach bitte, sag schon! Ich habe bemerkt, dass Mama geweint hat. Es
muss doch etwas Trauriges sein, was du erzählt hast." Ihre kleine
Hand schiebt sich vertrauensvoll in seine große.
"Na gut, du bist unser Kind, darum will ich dir sagen, was los ist",
beginnt Papa zu reden. "Ab nächste Woche werde ich oft zu Hause
sein. Ich bin nämlich arbeitslos."
Jenny denkt über dieses Wort nach. Arbeitslos hat sie schon mal im
Fernsehen gehört. Sie meint, sich an eine Kinder-Nachrichtensendung
erinnern zu können.
"Wenn ich ohne Arbeit bin, bleibe ich immer zu Hause. Dann gehe ich
mit dir und Manda oft spazieren", verspricht er nun.
"Das ist doch toll, Papa. Dann brauchst du doch gar nicht traurig
sein."
"Ach Kind, was weißt du schon", seufzt er leise.
Als sie den Park erreichen, wird Manda abgeleint und saust sofort los.
Das ist eine Freude! Hier kennt er sich gut aus. Sofort beginnt er, seine
Lieblingsecken zu beschnüffeln.
Jenny überlegt immer noch, warum die Mama so traurig war. "Aber
warum hat die Mama vorhin geweint?", fragt sie vorsichtig.
"Jennylein, wenn ich arbeitslos bin, verdiene ich kein Geld mehr.
Ich werde dann zum Arbeitsamt gehen. Dort bekomme ich Geld, das nennt
man Arbeitslosengeld. Es wird aber nicht annähernd so viel sein,
wie ich verdient habe. Also müssen wir sparen. Darum hat die Mama
geweint."
Jenny schaut ihren Vater von der Seite an. Er wirkt niedergeschlagen.
"Natürlich ist sie auch traurig, dass ich nicht mehr zur Arbeit
gehen kann", fügt er hinzu.
"Ach so. Dann kannst du ja immer im Garten arbeiten. Oder hilfst
der Mama in der Wohnung", überlegt die Tochter fürsorglich.
"Kann ich zur Schaukel gehen?", wechselt sie plötzlich
das Thema und läuft los.
`Kinder!`, denkt ihr Vater. `Sie vergessen schnell. Gut so!` Langsam geht
er hinter ihr her.
Während Jenny schaukelt, kommt Manda angeflitzt. Irgendetwas trägt
er in der Schnauze.
"Was hast du da?", fragt Jenny und sieht sich an, was Manda
ihr vor die Füße legt. Sie lässt sich langsam ausschaukeln
und steigt ab. Was mag das sein? Eine kleine grüne Kugel hat er angeschleppt.
"Papa, sieh nur. Manda hat etwas gebracht."
Als der Hund seinen Namen hört, wedelt er freudig mit dem Schwanz.
"Das ist eine Walnuss", antwortet Papa.
"Eine Walnuss? Dann kann ich sie essen", sagt Jenny und will
hineinbeißen.
"Nein, so geht das nicht. Sie ist noch in der Schale, die erst geöffnet
werden muss." Ihr Vater nimmt ihr lächelnd die Nuss ab.
Beide suchen einen harten Gegenstand, mit der sie die Umhüllung der
Nuss öffnen können. Manda springt neugierig um sie herum. Der
Vater findet ein kleines, dickes Aststück und schlägt einmal
auf die grüne Außenhaut. Heraus springt eine hellbraune, frische
Walnuss. Solche hat Jenny noch nie gesehen. Interessiert riecht auch Manda
an dem unbekannten Objekt. Es erscheint ihm nicht essbar, und er springt
wieder umher.
"Siehst du, in dieser Schale versteckt sich die Walnuss. Sie muss
nur noch ein wenig trocknen, dann kannst du sie mit unserem Nussknacker
öffnen", erklärt der Vater seiner Tochter.
Jenny kann sich an Weihnachten erinnern, als sie auf dem bunten Teller
auch Nüsse fand.
"Ich weiß noch. Auf dem Weihnachtsteller waren Hasennüsse.
Die haben wir dann geknackt."
Ihr Vater lacht. "Die heißen nicht Hasen-, sondern Haselnüsse."
"Iss doch egal", entgegnet Jenny und schlurft davon.`Und für
mich sind es doch Hasennüsse`, denkt sie.
Sie betrachtet die Nuss von allen Seiten. Da sie aber nichts von dem Innenleben
entdecken kann, wird es ihr zu langweilig und sie steckt sie in ihre Jackentasche.
Ihr Vater hat sich auf eine Bank gesetzt und vertieft sich in eine Zeitschrift.
Jenny und Manda toben noch eine Weile. Der Hund hat Jenny auch zu dem
Platz geführt, an dem er die Nuss aufgestöbert hat. Dort bekommt
Jenny große Augen, so viele Nüsse liegen um den Baum verstreut.
Sie hebt den Kopf und schaut nach oben. Auch am Baum hängen noch
viele. `Bestimmt eine Million`, denkt Jenny.
Sie bückt sich, sammelt einige Walnüsse auf und wirft sie ihrem
Hund zu, was ihm sichtlich Spaß bereitet. Voller Freude springt
er den kleinen Kugeln nach und bellt. Mittlerweile ist es dämmrig
geworden.
"Wir sollten nach Hause gehen", ermahnt Jennys Vater und erhebt
sich von der Parkbank.
Manda wird am Ausgang des Parks wieder angeleint und sie marschieren los.
Alle freuen sich aufs Abendbrot.
Als Jenny in ihrem Zimmer die Jacke an den Kleiderhaken hängt, fällt
die Walnuss aus der Tasche und kullert unter ihr Bett. Manda verfolgt
die Nuss aufmerksam und flitzt los. Er findet sie und trägt sie schwanzwedelnd
zurück zu Jenny.
"Gib ab!", ruft sie und legt die Nuss in ein kleines Körbchen,
das sie zwischen ihre Kuscheltiere aufs Regal stellt. Dort kann sie trocknen,
wie Papa gesagt hat.
Das Wochenende vergeht mit wunderschönem Wetter und Spaziergängen.
Im Park läuft Manda flugs zum Walnussbaum und schleppt die einzelnen
grünen Früchtchen Jenny vor die Füße. Mit einem Stein
entfernt sie die grüne Hülle. Jenny stopft sich jedes Mal die
Taschen mit Walnüssen voll und trägt diese heim. Es ist immer
wieder ein Erlebnis für Kind und Hund, an dem beide Spaß haben.
Das Körbchen zu Hause füllt sich zusehends. Die Eltern haben
sich so viel zu erzählen, dass sie von den Nüssen, die ihre
Tochter sammelt, gar nichts bemerken.
Am Montagmorgen wundert sich Jenny, weil Papa zu Hause bleibt. Dann erinnert
sie sich an seine Erklärung, dass er nun für lange Zeit auch
tagsüber daheim sein würde. Sie freut sich auf mehr Gemeinsamkeiten.
Das Kind spürt aber auch die gedrückte Stimmung zwischen den
Eltern, wenn diese sich auch bemühen, Jenny gegenüber fröhlich
zu wirken.
"Wenn ich nur etwas tun könnte", sinniert sie eines Tages.
Geld verdienen kann sie noch nicht. Das weiß sie.
Bei den Mahlzeiten bemerkt sie, dass der Tisch nicht mehr so üppig
wie sonst gedeckt ist. Auch ihre Süßigkeiten fallen sparsamer
aus, aber das findet Jenny nicht schlimm. Wenn die Oma kommt, bringt sie
ihr immer eine Nascherei mit. Außerdem hat der Zahnarzt bei ihrem
letzten Besuch davor gewarnt, zu viele Süßigkeiten zu essen.
Jenny bekam einen gehörigen Schrecken. Kaputte Zähne, nee, die
will sie nicht. Wenn sie zur Schlafenszeit mit dem Bürsten ihrer
widerspenstigen roten Locken fertig ist, bemüht sie sich, die Zähne
besonders gründlich zu putzen. Manchmal aber ist sie so müde,
dass es doch nur Huschhusch geht.
Das Erntedankfest naht. Jenny freut sich in diesen Tagen besonders darauf,
morgens in den Kindergarten zu gehen. Dort basteln alle Kinder hübsche
Sachen für dieses Ereignis. Aus Blättern, Kastanien und Eicheln,
die sie bei ihren gemeinsamen Waldspaziergängen sammeln. Auch bunte
Bildchen werden gemalt. Jenny freut sich auch zu Hause auf diesen Tag.
Mama backt nämlich jedes Jahr eine besonders leckere Nusstorte. Hm!
Wenn sie sich den Geschmack dieser Leckerei vorstellt, läuft ihr
das Wasser im Mund zusammen. Obwohl es jetzt bereits nach dem Abendessen
ist.
"Manda, es gibt bald die leckere Nusstorte", erzählt Jenny
ihrem Hündchen.
Er hört artig zu und freut sich mit ihr.
"Du weißt ja, dass ich die Hasennüsse dann in der kleinen
Maschine durchdrehen darf. Das geht ganz schön schwer, macht aber
auch viel Spaß", erklärt sie überzeugend. "Komm,
wir fragen die Mama, wann's denn los geht mit dem Backen."
Beide laufen in die Küche, wo Mama mit Bügeln beschäftigt
ist.
"Mama, was ist denn dieses Jahr mit Backen zum Erntedankfest? Geht's
bald wieder los? Hast du denn schon die Nüsse eingekauft?",
fragt sie eifrig ihre Mutter. "Ich möchte so gerne wieder durchdrehen."
Einen Moment zögert Jennys Mutter, bevor sie leise antwortet: "Weißt
du, Schätzchen, ich habe mir überlegt, wie ich es dir erklären
soll. Es ist so, dass Nüsse in diesem Jahr schrecklich teuer geworden
sind. Du weißt außerdem, dass der Papa nicht mehr so viel
Geld bekommt, weil er keine Arbeit mehr hat. Das Arbeitslosengeld ist
nicht gerade üppig. Also können wir keine Nüsse kaufen."
"Keine Nusstorte wird es geben", hört sich Jenny sagen
und hält die Hand vor den Mund.
"Ich habe mir überlegt, dass wir einen tollen Napfkuchen backen
können. Du kannst mir auch dabei helfen. Er muss kräftig gerührt
werden", bietet die Mutter an. "Auch die Eier kannst du aufschlagen.
Das macht dir doch sicher Spaß."
"Ja, iss schon okay", antwortet die Kleine. "Na gut. Den
Napfkuchen mag ich auch."
Enttäuscht sieht sie Manda an. "Hast du gehört, Manda,
dieses Jahr gibt es leider keine Nusstorte. Aber das macht gar nichts,
oder? Napfkuchen ist auch lecker. Und ich kann nach dem Rühren sicher
die Schüssel auslecken. Dann gebe ich dir auch ein ganz klein wenig
ab", verspricht sie dem Hund ganz leise, der voller Vorfreude mit
dem Schwanz wedelt.
Mama nimmt sie in den Arm, so dass Jenny die kleine Träne, die der
Mutter übers Gesicht läuft, nicht sehen kann.
"Ziehst du dich bitte aus? Es ist Schlafenszeit."
Das Mädchen verlässt die Küche und Manda folgt ihr zurück
ins Kinderzimmer. Dort setzt sich Jenny auf ihr Bett und denkt über
die Neuigkeit nach. Sie seufzt. Dann beginnt sie, sich zum Zubettgehen
fertig zu machen. Als sie ihre Sachen aufhängt, fällt ihr Blick
plötzlich auf das Körbchen mit den Walnüssen.
"Manda, ich habe die Lösung!", ruft sie erregt. "Das
ist es! Warum bin ich nicht gleich darauf gekommen?" Sie läuft
zur Mama, Manda natürlich sofort hinterher.
"Mama, sag mal, können wir für die Nusstorte, die wir sonst
immer backen, eigentlich auch andere Nüsse nehmen? Nicht die teuren
Hasennüsse?" Sie zögert einen Moment und fügt hinzu:
"Vielleicht gehen auch Walnüsse?"
"Ja, Walnüsse sind auch sehr gut geeignet", antwortet die
Mutter. "Aber auch die haben wir nicht. Außerdem wären
sie sicher genauso teuer oder gar noch teurer. Warum fragst du?"
"Och, nur so", antwortet Jenny langsam und verschwindet wieder
im Kinderzimmer.
Nachdem die Eltern Jenny später einen Gutenachtkuss gegeben, sie
sorgfältig zugedeckt und das Zimmer verlassen haben, flüstert
Jenny: "Manda, weißt du was? Es wird doch eine Nusstorte geben.
Jawohl. So wahr ich Jenny mit dem roten Haar bin! Wir beide haben so viele
Walnüsse gesammelt. Die werde ich der Mama morgen früh zum Backen
geben. Na, die wird sich aber freuen. Ganz doll, nicht wahr?", fragt
sie ihren Hund, der müde in seinem Körbchen liegt.
Ein kurzes freudiges Jaulen bestätigt Jennys Entscheidung.
`Und die Nüsse haben noch die ganze Nacht lang Zeit zum Trocknen`,
denkt Jenny, bevor sie einschläft.
`Das wird die beste Nusstorte der Welt ...`
***** E N D E *****
© Karin Ernst
Bild: ©
Karin Scholles
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