|

Anna wohnt mit
ihren Eltern in einem Dorf. Die meisten Menschen in der Nachbarschaft
kennen sie. Sie ist ein verträumtes Mädchen und hört gerne
zu, wenn ihr jemand Geschichten vorliest. Am liebsten hört sie etwas
über Tiere, Blumen und Elfen. Und über Engel.
Seitdem sie größer ist, darf sie auch allein auf die Straße
gehen. Am Ende der Straße ist Annas Lieblingsplatz, eine große
Wiese. Im Sommer liebt sie diese Wiese besonders, weil dort viele bunte
Blumen blühen. Viele kleine Tiere kann sie dort beobachten. Auch
Schmetterlinge fliegen umher, mit denen sie Fangen spielt. Auf ihrer Wiese
hat sie schon mal eine Elfe gesehen. Aber das will ihr niemand glauben.
Wenn sie davon erzählt, heißt es, sie habe zu viel Fantasie.
Anna weiß aber, dass es Elfen gibt. Ganz in echt.
Auf dem Weg zu ihrer Wiese kommt sie an einem Bauernhof vorbei. Die Bauersleute
kennen Anna seit ihrer Geburt. Gerne sieht sie sich auf dem Hof und im
Stall die Tiere an. Sie bekommt dann immer ein Glas frische Milch. Oft
schon hat sie zugesehen, wie die Kuh Lise gemolken wurde. Lise mag Anna
und muht freudig, wenn sie zu Besuch kommt. Anna mag Lise auch.
Eines Tages, als Anna wieder auf dem Weg zur Wiese ist, besucht sie Lise.
Die Bäuerin und der Bauer sind heute ein wenig traurig und erzählen
Anna, warum. Die Kuh erwartet ein Kälbchen und ist vor der Geburt
recht unruhig. Lise hat schon Kälbchen geboren, doch nie sei sie
dabei so unruhig gewesen. Alle machen sich Sorgen. Der Tierarzt ist schon
auf dem Weg.
Anna stromert ein wenig über den Hof. Die Bäuerin hat sie weggeschickt,
aber zu ihrer Wiese will sie jetzt nicht laufen. Sie geht in den Hühnerstall
zu den kleinen Küken. Die mag sie besonders leiden. Unter einer Wärmelampe
liegen die Kleinen und fühlen sich richtig wohl. Die Hofkatze hat
auch kleine Kätzchen bekommen, die springen lustig umher. Anna nimmt
eines und streichelt es. Hoffentlich geht es der Lise bald wieder
besser', denkt sie.
Die Kätzchen wohnen im Stall. Anna ist sehr müde und legt sich
ins Heu. Sie schläft ein, so dass die Bäuerin sie wecken muss.
"Das Kälbchen ist geboren", erzählt sie, sieht dabei
aber gar nicht glücklich aus.
Anna geht mit ihr in den Kuhstall. Sie ist ganz aufgeregt, hat sie doch
noch nie ein neu geborenes Kälbchen gesehen. Lise sieht ihr mit großen
Augen entgegen. Ganz vorsichtig schaut Anna in das Gatter. Ein kleines
schwarz-buntes Kälbchen liegt im Stroh. Es hat riesige Kulleraugen,
und Anna schließt es sofort in ihr Herz. Ein kleines Muhen gibt
es von sich und blickt Anna an.
Der Bauer erzählt, das Kälbchen sei mit einem kranken Bein auf
die Welt gekommen. Kranke Tiere können auf einem Bauernhof nicht
gebraucht werden. Es würde wohl sterben müssen, weil niemand
richtig Zeit habe, sich um das kranke Tier zu kümmern.
Anna ist sehr traurig. "Ich kann mich doch kümmern", schlägt
sie vor. "Jeden Tag kann ich vorbeikommen, um das Kälbchen zu
pflegen." Dicke Tränen kullern ihr die Wangen entlang. Nein,
sterben soll das kleine Tierchen nicht. Das könnte sie nicht ertragen.
Ganz traurig geht sie nach Hause.
Die Bauersfrau unterhält sich mit Annas Mutter. Diese erlaubt, dass
Anna sich um das Kälbchen kümmern darf. Weiß sie doch,
dass ihre Tochter Tiere sehr gerne hat. Anna ist glücklich und verspricht,
alles richtig zu machen.
Abends überlegt sie sich einen Namen für ihr kleines Kälbchen.
Es soll Annalise heißen. Benannt nach ihr und der Mutterkuh. Lächelnd
schläft sie ein.
** Annalise **
Annalise hat ein steifes Bein, das bei der Geburt auch noch verletzt wurde.
Aufstehen kann das Kleine schon, aber das kranke Bein stellt es nicht
auf. Anna überlegt, wie sie ihrem Kälbchen helfen kann.
Geht Anna zu ihrer Wiese, kommt sie an einem kleinen roten Häuschen
vorbei. Darin wohnt eine ganz alte Frau. Viele Leute nennen sie die Kräuterhexe.
Anna sieht sie oft, weil sie manchmal vor ihrem Garten stehen bleibt.
Dort blühen so viele bunte Blumen, wie Anna sie noch nie gesehen
hat. Sie hat keine Angst vor der Frau, lächelt sie ihr doch immer
zu, wenn sie vorbei kommt.
Anna eilt zum Haus der alten Frau. Ein bisschen Herzklopfen hat sie schon,
denn sie hat mit der Frau noch nie gesprochen. Weil keine Klingel an der
Tür vorhanden ist, klopft sie an. Die alte Frau kommt und lässt
Anna herein. Sie heißt Kräuter-Vroni und hört sich Annas
Geschichte an. Viele gute Ratschläge kann sie ihr geben, damit Anna
das Kälbchen behandeln kann. Sie mischt ihr eine Salbe für Annalises
Bein. Wenn die Wunde verheilt ist, soll Anna wiederkommen. Anna bedankt
sich und läuft davon.
Mama gibt ihr ein paar Läppchen, damit sie mit ihnen die Salbe auf
Annalises Bein streichen kann. Die hält auch ganz still, als wüsste
sie, dass Anna ihr helfen will. Jeden Tag wiederholt Anna die Behandlung,
so dass die Wunde bald verheilt. Alle sind zufrieden. Selbst der Bauer
freut sich, dass Anna sich so um das Kälbchen bemüht.
Nach einiger Zeit kann Annalise laufen. Sie hinkt mit dem kranken Bein,
aber das stört sie fast gar nicht. Wie ein Hund trottet sie hinter
Anna her. Gemeinsam gehen sie schon bald zu Annas Wiese. Dort kann Annalise
sich gut ausruhen. Anna erzählt ihr viele Geschichten von Blumen
und Tieren und Elfen. Annalise hört genau zu, und kaut und kaut.
Hier wächst das beste Gras. Davon wird sie groß und stark.
Als die Wunde am Bein des Kälbchens geheilt ist, geht Anna wieder
zur Kräuter-Vroni. Annalise darf mit und wird am Zaun festgebunden.
Kräuter-Vroni gibt Anna aus ihrem Garten ein bestimmtes Kraut. Sie
zeigt Anna, wie sie ein Blatt auf das Bein von Annalise legen muss. "Kind,
dazu brauchst du viel Geduld", erzählt sie ihr, "aber das
Bein kann dadurch viel besser werden."
So ist es auch. Viele Blätter sind nötig, bis selbst die Bäuerin
und der Bauer erstaunt bemerken, dass Annalise viel besser laufen kann.
Das Bein ist nicht mehr so steif, wie nach der Geburt. Alle freuen sich,
dass Anna so viel Geduld und Liebe für das kleine Kälbchen aufgebracht
hat.
Aus dem kleinen Kälbchen ist ein wunderschönes, großes
Kalb geworden. Bald steht es mit den anderen Kühen auf der Weide.
Weiterhin geht Anna es jeden Tag besuchen und bringt ihm eine Hand voll
seiner Lieblingsblätter mit. Anna freut sich jedes Mal, dass Annalise
fast ganz gesund geworden ist.
Sie beschließt, wenn sie groß ist, Tierärztin zu werden.
*** E N D E ***
© Karin
Ernst
Bild: ©
Karin Scholles
|