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*** Ein Märchen ***
In einem Land,
sehr weit von hier, leben winzig kleine Menschen. Sie wohnen unter der
Erde, deshalb heißen sie Erdmenschen. Diese Wesen kommen nicht gerne
ans Licht. Zwischen vielen Wurzeln haben sie sich wunderschöne Häuser
gebaut. Alles, was sie zum Leben brauchen, haben sie dort.
Um Tannenzapfen und Blätter zu sammeln, mit denen sie ihre Wohnungen
schmücken, gehen sie ins Land der Waldmenschen. Dort in den Wäldern
lauern viele Gefahren. Große Tiere leben dort.
Auch die Waldmenschen sind kleine Wesen, nicht viel größer
als die Erdmenschen. Sie sind miteinander befreundet. Gegenseitig helfen
sie sich bei der Nahrungssuche.
Ein junger Erdenmann sammelt gerne Vogelfedern. Jeder kennt ihn. Er ist
nicht sehr beliebt, weil er immer mürrisch aussieht. Sehr stark ist
er. Grob wie ein Stück Holz. Hände hat er so rau wie Baumrinde.
In seinem Herzen aber ist er ein seelenguter Mann. Mürrisch ist er
nur geworden, weil er lieber über der Erde leben würde. Darum
ist er lieber bei den Waldmenschen. Nur viel reden mag er nicht. Der Name
des jungen Mannes ist Ingver. Das bedeutet "Wurzel".
Mitten im tiefen Wald liegt eine große Lichtung. Saftiger grüner
Rasen wächst dort und die wunderschönsten Blumen, die man sich
denken kann. Hier beginnt das Elfenland.
Elfen sind wunderschöne, zarte Wesen. In den schönsten Farben
sind ihre Kleider, und ihre Stimmen zart wie ein Windhauch. Manche sind
so klein, dass sie gerne in den Köpfen der großen Blumen schlafen.
Wenn die Blumen abends ihre Blüten schließen, liegen sie dort
geschützt und warm.
Viele Elfen wohnen im Elfenland. Sie verstehen sich gut mit den Waldmenschen.
Auch einige Erdmenschen haben sie schon gesehen. Doch die Eltern möchten
am liebsten, dass ihre Kinder in ihrem Land bleiben, damit ihnen nichts
passiert. Sie sind sehr besorgt um sie.
Ein kleines Elfchen heißt Pünktchen. Es wird so genannt, weil
es zwei niedliche Sommersprossen hat. Sie mag die Sommersprossen gar nicht
leiden, aber alle anderen mögen diese.
Pünktchen ist zu allen freundlich und hilfsbereit. Und obwohl sie
zart wie Seide wirkt, hat sie einen Dickkopf. Wenn ihre Mutter sie ruft,
versteckt sie sich gerne in den großen Blütendolden, damit
sie sie nicht findet. In den Wald soll sie eigentlich nicht gehen, wäre
sie dort doch in großer Gefahr. Aber vorwitzig, wie Kinder sind,
gehorcht sie der Mutter nicht immer. Sie weiß nicht, dass ihr Schutzengel
immer um sie herum ist. Jeder Mensch hat einen Schutzengel. Egal, ob Erdmensch,
Waldmensch, Zwerg oder Elfe. Sogar die Weltmenschen, die viel größer
sind, haben einen Schutzengel.
Eines Tages, als Pünktchen wieder mal durch den Wald stromert, erschrickt
sie heftig. Ein kräftiger Mann steht plötzlich vor ihr. Er sieht
aus wie ein Jäger. Eine ganz dunkle Stimme hat er. Sie will weglaufen,
aber der Mann spricht sie an: "Ach, Kleine, du brauchst keine Angst
zu haben. Ich will dir doch nichts tun. Nur die Federn der bunten Vögel
sammle ich."
Pünktchen versteckt sich hinter eine Pusteblume, aber wie ein Räuber
sieht der Fremde nicht aus.
Freundlich fängt er an zu erzählen, dass er bei den Erdmenschen
wohnt, aber lieber sei er hier im Wald. Immer schon wollte er einmal ins
Elfenland gehen, hat sich aber nie getraut, weil alle denken, er sei ein
grober Klotz. Dabei ist er doch ganz sanft. Er mag nur nicht immer in
der Dunkelheit sein, wie seine Verwandten.
Pünktchen erzählt von ihrer Familie, dass die Verwandten alle
sehr besorgt um sie seien, weil sie gern eigene Wege geht. Und Elfen sind
doch sehr schutzbedürftig.
Ingver erzählt ihr, dass sie einen Schutzengel hat, der immer auf
sie aufpasst. `Und jetzt bin ich auch noch da`, denkt er. `Was für
ein niedliches Wesen sie doch ist!`
Immer häufiger kommt Ingver auf die Erde. Mit einigen Zwergen, die
auch hier wohnen, schleicht er zaghaft bis an den Rand des Elfenlandes.
Die Zwerge sind gut befreundet mit Pünktchen und den anderen Elfen,
so dass sie sich im Elfenland gut auskennen.
Eines Tages wagt Ingver es, die Grenze zu überschreiten. Er trifft
sich dort auf einer Mooswiese unter einem Büschel Wiesenschaumkraut
mit Pünktchen. Sie haben sich ineinander verliebt. Pünktchen
hat schon gemerkt, dass in dem groben Mann ein ganz sensibles Herz steckt.
Sie unterhalten sich oft und machen Pläne für die Zukunft.
Ingvers Eltern wollen nichts von dem Umgang ihres Sohnes mit dem Elfenkind
hören. Sie haben andere Pläne für ihn. Sie gehören
zu den Erdmenschen, und Ingver möchte auf einmal bei den Waldmenschen
wohnen. Er setzt sich aber mit seiner tiefen Stimme durch, so dass die
Eltern seufzend zustimmen, als von Heirat gesprochen wird. So liebevoll
beschreibt er seine kleine Elfe, dass seine Eltern lächeln.
Fast wie eine große Reise kommt es ihnen vor, als sie mit Ingver
Pünktchens Elfenfamilie besuchen. Sie wurden eingeladen, damit sich
alle kennen lernen. Und jetzt soll die große Hochzeit vorbereitet
werden. Das wird ein Fest!
Ingver baut ein wunderschönes Haus. Die Waldmenschen helfen ihm dabei,
und alle Ameisen schaffen das Holz heran. Ganze Legionen sind damit beschäftigt.
Damit der Hausbau zügig voran geht, leuchten die Glühwürmchen
abends viele Stunden. Alle sind sehr gespannt.
Einige Waldmenschen und ein paar Zwerge haben sich heimlich verabredet,
die Hochzeitskutsche für das Brautpaar zu bauen. Ausgepolstert wird
sie mit Moos und den schönsten Blumen. Pünktchen soll alles
wunderschön vorfinden. Ihr Hochzeitskleid wird aus Spinnweben genäht.
Viele Elfenfrauen sind damit beschäftigt. Andere winden winzige Blüten
zu einem Kranz.
Es wird eine große Hochzeit. Die Sonne scheint, es ist ein schöner
Tag. Alle sind gekommen. Die Erdmenschen, die Waldmenschen, die Zwerge
und die Elfen. Sogar einige Weltmenschen stehen ganz versteckt hinter
den Büschen und schauen zu. Ach, ist das hübsch. Ein großer
Elfenchor singt für die Brautleute wundersame Melodien. Die Kinder
der Zwerge tanzen einen Zwergenhochzeitstanz. Danach tanzt Ingver mit
seinem jungen Elfchen einen wunderschönen Wiesenblumenbrautreigen.
Ihre Hochzeitsreise machen Pünktchen und Ingver in ihrer Hochzeitskutsche.
Durch den großen Wald fahren sie und hinaus aus dem Elfenland. Sie
wollen zu den Weltmenschen fahren. Ihr Freund, ein Zwerg, hat ihnen davon
erzählt. Dort soll alles riesengroß sein. Der Zwerg schmunzelte,
als er von den Weltmenschen erzählte. Auf der Hochzeitsreise ist
er der Kutscher.
Er hat sich nämlich in eine kleine Weltmenschin verliebt ...
*** E N D E ***
© Karin
Ernst
Bild: ©
Karin Scholles
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