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Ich traf ihn jedes Mal, wenn ich in der Stadt war. Er saß nicht, wie andere Obdachlose, immer an derselben Stelle, sondern wechselte gerne seinen Aussichtspunkt, wie er mir einmal erzählte. Die Rede ist von Kurti. So wurde er genannt. Er hieß Kurt. Seinen Nachnamen habe ich nie erfahren. Er ist auch nicht wichtig. Irgendwie hatte ich das Gefühl, jeder kannte Kurti. Sein Alter war schwer zu schätzen. Er konnte 50 Jahre alt sein, vielleicht aber auch bereits über 60, oder gar noch älter. Seine Gesichtshaut war wettergegerbt, voller Falten, die ihn markant aussehen ließen. Es ist lange her, als ich ihn das erste Mal sah. Beinah wollte ich an ihm vorbei gehen, die Augen gesenkt. Aber irgendwas an diesem vor einem Kaufhaus sitzenden Mann zog mich an. Etwas an ihm war anders, als bei den anderen Männern und Frauen, die verteilt über die Innenstadt vor Geschäften oder an anderen Ecken saßen und bettelten. Kurti bettelte nicht. Das hatte er nicht nötig. Kurti verdiente Geld, welches er für sein anspruchsloses Leben benötigte. Kurti war tatsächlich anders, er strickte. Ich habe schon einen Mann sticken sehen, wunderschöne Kreuzstickereien, ausgeführt in sehr feinen Stichen. Meinen Ehemann. Eine Zeit lang hatte er das Sticken zu seinem Hobby auserkoren. Aber ein strickender Mann war mir bisher nicht über den Weg gelaufen. Die größte Überraschung aber war nicht das Stricken an sich, sondern Kurti strickte nur Socken. Als ich mich traute, auf ihn zuzugehen, fiel mir zuerst sein wuscheliger, hellgrauer Vollbart auf. Wenn er eine kleine Strickpause einlegte, strich er sich immer liebevoll durch diesen Bart, vielleicht, um ihn ordentlicher aussehen zu lassen. Schließlich konnte man glauben, Kurti lebte auf der Straße. Auch trug Kurti immer eine von der Sonne verblasste Kappe, die seinen Augen beim Stricken Schatten spendete. Noch bewusster fielen
mir allerdings seine Hände auf. Sie waren nicht schmutzig, mit überlangen,
ungepflegten Fingernägeln, wie häufig an Menschen, die auf der
Straße leben. Nein, Kurti hatte feingliedrige, lange, fast gepflegte
Hände. Verlegen stand ich
vor ihm, wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Ich sah keinen Becher,
keine Schale oder Ähnliches, in die ich Kleingeld hätte hineinlegen
können, wie ich es von anderen Bettlern kannte. Irgendwie erinnerte mich Kurti an ihn. Er saß nämlich auf einem dicken, dunkelgrünen, prall gefüllten Seesack, mit Messing verzierten Ringen, durch die eine zerschlissene Kordel gezogen war. Das entdeckte ich aber erst ein anderes Mal. Ich wunderte mich nur, dass er nicht auf dem Boden, sondern höher saß, so dass seine Beine angewinkelt waren, als säße er auf einem Stuhl. Kurti war früher zur See gefahren. Das erzählte er mir irgendwann, also war er Hans Albers auch hierin ähnlich. Allerdings hörte ich nie Näheres über seine Seefahrerzeit. Ich bemerkte, dass Kurti nichts Abgerissenes an sich hatte, seine Kleidung nicht zerfetzt war. Sie war nicht neu, vielleicht geschenkte Sachen, aber sauber, wenn auch ungebügelt. Vor ihm lagen ausgebreitet auf jeweils einer gebrauchten Plastiktüte mehrere Paar fertig gestrickter Socken. Ein Paar schöner als das andere. Liebevoll war ein Restfaden zusammengerollt und mit einer Sicherheitsnadel am Bündchen festgesteckt, so dass die Käufer bei einem eventuell entstehenden Loch dieses damit stopfen konnten. Ich überlegte, ob heute noch jemand Socken stopfen würde. Doch es war Kurtis Art, ein Fädchen hinzuzugeben. Mein Blick fiel auf etwas, das nichts mit seiner Handarbeit zu tun hatte: In einer Prospekthülle, vor Regen geschützt, erkannte ich einen Zeitungsartikel. Sogar mit Foto. Kurti war irgendwann einmal, wie er voller Stolz berichtete, von einem Journalisten interviewt worden. Der Artikel wurde dann in einer Zeitung abgedruckt, worin Kurti als "Der strickende Kurt" bezeichnet wurde. Einer, der zu Düsseldorf gehörte, wie der Rhein. Die Hülle war zu stark zerdrückt, als dass ich den Artikel hätte lesen können. Ich freute mich für ihn, wunderte mich allerdings, dass dieser Zeitungsbericht Kurti nicht zu einem normalen Leben hatte verhelfen können. Bei unserem ersten Treffen verabschiedete ich mich bald und wünschte Kurti weiterhin viel Freude am Stricken. Socken kaufte ich keine. Hinterher schämte ich mich deshalb. Seitdem traf ich Kurti immer wieder. Irgendwo, wenn ich in der Stadt oder Altstadt unterwegs war, saß er und strickte Socken. Wir begrüßten uns wie Bekannte und plauderten ein wenig. Eines Tage entschloss ich mich, ihm ein Geschenk zu machen. Also kramte ich in meinem Schrank. Da ich das Stricken aus gesundheitlichen Gründen lange vorher aufgegeben hatte, hatte sich Wolle angesammelt, auch Strumpfwolle. Es war eine große Tüte voll, die ich Kurti übergab. Er freute sich, fand es aber völlig normal, Wolle geschenkt zu bekommen. Von seinem Privatleben berichtete er bruchstückweise und auch nur, wenn er Lust dazu hatte. Hatte er sie nicht, brummelte er in seinen langen Bart und strickte einfach weiter. Runde für Runde an einem Socken. Mit einem kurzen Blick nahm er mich wahr, aber er wollte sich dann einfach nicht unterhalten. Kurti war verheiratet gewesen, erzählte er irgendwann. In seinem früheren Leben, wie er es nannte. Ob er Kinder hatte, erfuhr ich nicht. Stolz berichtete er allerdings, dass er keine Sozialhilfe in Anspruch nähme, auch nicht in Obdachlosenunterkünften wohnen würde. Mit anderen "seiner Garde" wollte er sowieso nichts zu tun haben. Er unterschied sich nämlich in einem weiteren Punkt von Nichtsesshaften: Kurti trank nicht. Zwar stand immer eine Flasche Wasser neben seinem Seesacksitz, jedoch roch er nie nach Alkohol. Kurti war Antialkoholiker. Er schimpfte auf "das faule Pack", das nur vom Betteln lebte, und sich von dem eingenommenen Geld Schnaps kaufen würde. Oh ja! Kurti konnte wirklich wütend werden und dann wurden seine blauen Augen ganz dunkel und seine Stimme laut. Sonst redete er eher leise, beinah sanft. Kurti wohnte auf einem alten, leer stehenden Fabrikgelände. Er hatte sich in einer der Hallen seine eigene kleine Wohnung eingerichtet. Irgendwer hatte es ihm gestattet, erzählte er. Er brauchte nicht viel, hätte es aber richtig gemütlich. So lange das Gelände nicht neu bebaut würde, dürfe er dort wohnen bleiben, wenn er niemanden störe. Oft war ich nicht die Einzige, die bei Kurti stehen blieb. Auch Fremde interessierten sich für diesen strickenden Mann, doch viele kannten ihn. Oft war er von einer kleinen Menschenmenge umrundet, er wie ein König mittendrin. Die Stricknadeln ruhten selten. Kurti konnte sich gleichzeitig unterhalten und stricken. Er war stolz darauf, dass alle Socken, die er herstellte, verkauft wurden. Irgendwann bekam ich in einem Geschäft eine Unterhaltung mit, bei der von Kurti die Rede war. Unauffällig spitzte ich die Ohren und hörte, dass Kurti angeblich sogar viel Geld haben sollte. Er wäre nur sehr geizig, wolle nicht erkennen lassen, dass er nicht arm sei. Im Herbst sah ich Kurti nicht mehr regelmäßig. Doch als ich ihm wieder einmal begegnete, saß er wie immer strickend an einem wunderschönen, bunten Sockenmuster. Er trug fingerlose Handschuhe, dennoch flitzten die Stricknadeln hin und her. Kurti sah müde aus. Er tat mir Leid, und ich fragte ihn, ob er krank sei. "Nein, ich denke, ich muss weiter. Muss meine Zelte mal wieder abbrechen", antwortete er ruhig. "In dieser Stadt war ich schon viel zu lange. Habe Sehnsucht nach dem Süden." Er berichtete weiter, dass er angeblich schon in der halben Welt unterwegs gewesen war. Ich dachte an seine Seefahrerzeit. Er meinte aber, während seiner Strickperiode, obwohl er als Seefahrer auch schon strickte. Es hätte ihm damals die Zeit vertrieben. Als ich mich an diesem Tag von Kurti verabschiedete und ihm alles Gute wünschte und mich kurz darauf noch einmal zu ihm umdrehte, blickte er mir traurig nach. Auch mich ergriff ein beengendes Gefühl: Wehmut. Ich sah Kurti nie wieder. Niemand wusste, wohin er gegangen war. Hoffentlich hatte er sich wirklich nur auf die Reise in eine andere Stadt begeben
Bild: © Karin Scholles
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