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Lebensspuren
Der Blick in den Spiegel heute Morgen gefällt mir gar nicht. Ringe unter den Augen, blasshäutig. Verdammte Schmerztropfen, die nachts wieder nötig waren. In alten Filmen kneifen sich die Diven gerne in die Wangen, um leichte Röte zu erzielen. Damals gab es wohl noch kein Rouge. Ein Versuch stellt mich nicht zufrieden. Nein, das bin ich nicht. Dann sehe ich eben so aus, wie ich mich fühle - innerlich. Basta! Bevor ich dusche, klipse ich meinen Pony zurück. Überlege erneut, ihn mal wachsen zu lassen. Durchhalten ist die Parole, Geduld gefragt. Die Frau im Spiegel ist eher ungeduldig. Auf der anderen Seite total hartnäckig. Widersprüchlich? Nein - Charakter. Ist Charakter angeboren? Doch was sehe ich da? Auf der Stirn eine schmale, blasse Narbe. Ich benutze den Vergrößerungsspiegel, überlege, woher sie stammt. Tief in meinem Gedächtnis finde ich die Erklärung. Als Kind, ein Fahrradunfall. Mein erstes Rad, hellblau, stolze Besitzerin. Ihre Zöpfe flattern im Wind. Sie hört noch die kreischenden Autobremsen, sieht sich in Zeitlupe fallen, der Bordstein viel zu groß Fort, Erinnerung! Eine weitere Narbe wird sichtbar, an meiner Oberlippe. Ebenfalls kaum zu sehen. Trotzdem ein Lebensabdruck. Auch diese Erinnerung ist sofort da. Das Entfernen der Klammern, nachdem die Wunde geheilt war. Vorbei! Heute gibt es Klammerpflaster. An meinem Körper befinden sich mehrere Vernarbungen. Von Unfällen, Operationen. Auch im Inneren, von außen nicht sichtbar. Jede einzelne gehört zu mir, hat mich geprägt, stellt ein Stück meines Lebens darf. Einen Schönheitswettbewerb würde ich nicht gewinnen. Wie gut, dass ich nie die Absicht hatte, an einem solchen Konkurrenzgerangel teilzunehmen. Plötzlich entdecke ich noch andere Unebenheiten im Gesicht: Falten! Was für ein Wort! Falten haben nur die Alten > das Zitat wird's geben. Warum sind Menschen (meist Frauen) häufig entsetzt, wenn sie das erste Fältchen entdecken? Die kleinen Furchen gräbt das Leben in die Haut. Unbarmherzig, unerwünscht. Zwar trage ich meine Falten nicht unbedingt selbstbewusst zu Markte, doch übertünche ich sie auch nicht. Außerdem sind Lachfalten doch ganz hübsch. Na ja. Hallo, Mädel dort im Kosmetikspiegel! Lächeln ist angesagt! Sieht doch gleich viel freundlicher aus. Ich klappe die Spiegeltür zu, das Lächeln lässt nach, und ich komme ins Sinnieren Denn da gibt es auch noch andere Narben. Tief drinnen, für niemanden erkennbar. Und solche können verdammt schmerzen. Wundschmerz an Operationsnarben hört irgendwann auf. Doch Verletzungen des Herzens, genau wie vielleicht noch blaue Flecken auf der Seele, vergehen nie. Auch dort verblasst die Heftigkeit des Schmerzes, doch die Narben bleiben und erinnern. - Ein Leben lang. Dennoch sollte mein einziges Ziel sein, inneren Frieden zu erlangen. Trotz oder gerade wegen der Narben. Die ich Lebensspuren nenne. Denn vom Haften an der Vergangenheit sollte ich mich lösen, mich mit ihr versöhnen. Ein mutiger wenn auch schwerer Schritt, damit künftige Narben locker akzeptiert werden können. Für heute kann mein Motto sein: "Diesen Tag will ich in vollkommenem Frieden verbringen." Mag es mir gelingen
(06. Juli 2008)
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