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Leidenschaft
Lesen
oder: Das Kätzchen-Bilderbuch
Es war
einmal ein kleines Mädchen namens Carina. Sie liebte Bücher über
alles und hörte sehr gerne Geschichten, die ihr vorgelesen wurden. Das
aber kam in ihrer Kindheit nicht oft vor. Carina hatte nämlich viele
Geschwister, und ihre Mutter hatte tagsüber viel zu viel zu tun, als
dass sie Zeit zum Vorlesen gehabt hätte. Der Vater der Kinder musste,
wie alle anderen Väter auch, oft arbeiten.
Also dachte Carina sich sehr bald eigene Geschichten aus. Von der Mutter
gab es deshalb häufig einen Rüffel: "Träumst du schon wieder? Du
hast deine Schularbeiten noch nicht gemacht."
Als Carina in der Schule lesen und schreiben lernte, schrieb sie sehr
gerne Aufsätze. Darin konnte Carina sich so richtig auslassen, weil ihr
meistens ganz viel zu dem vorgegebenen Thema einfiel. Deutsch war daher
auch ihr Lieblingsfach und der Deutschlehrer ihr Lieblingslehrer.
Doch eines Tages bekam Carina eine schlechte Note. Sie weinte und
verstand die Welt nicht mehr. Unter dem Aufsatz stand: "Die
Fantasie ging mit ihr durch."
Sie fasste sich ein Herz und sprach nach dem Unterricht den Lehrer an:
"Herr Lehrer, warum bekomme ich denn eine schlechte Note? Ich trau
mich gar nicht damit nach Hause. Ich habe doch so viel
geschrieben."
"Ja, Kind, das hast du. Aber du hast zu viel geschrieben. Du bist
sozusagen über das Ziel hinaus geschossen. Trotzdem wird dir die
Fantasie, die du hast, eines Tages zugute kommen. Vergiss das nie. Nutze
sie, wenn die Zeit da ist. In dir steckt viel Potenzial!"
Was es bedeutete, über das Ziel hinaus zu schießen und was Potenzial
war, hatte Carina nicht recht begriffen. Sie nahm sich aber vor, dass
das nie mehr vorkommen sollte. So wurden ihre Aufsätze wesentlich kürzer,
denn die Schimpfe, die sie zu Hause bekam, hatte sie nie vergessen.
Carina besaß nicht viele Bücher, denn das Geld der Eltern war knapp.
Es gab eines zum Geburtstag und eines zu Weihnachten. Daher las sie ihre
Bücher mehrmals, bis sie diese beinahe auswendig konnte. Ihre
Geschwister hatten auch Bücher, aber jedes hütete die eigenen wie
einen Schatz. Selten liehen sie diese untereinander aus. Nur mit einer
ihrer Schwestern tauschte Carina die Bücher regelmäßig.
Als sie größer wurde, las sie immer noch sehr gerne, wenn auch die
Zeit dafür knapp wurde. Die Schularbeiten nahmen zu, außerdem musste
sie nach der Schule der Mutter im Haushalt helfen.
Irgendwann begannen Carina die Bücher auszugehen. Sie hatte nichts mehr
zu lesen und war sehr traurig. Immer nur dieselben Bücher wollte sie
jetzt nicht mehr lesen. Da entdeckte Carina öffentliche Büchereien.
Eine gab es innerhalb der Schule, dort wurden die Bücher kostenlos
ausgeliehen. Das war für Carina günstig, da sie kein Taschengeld
bekam.
Die zweite Möglichkeit bestand darin, in die Stadtbücherei zu gehen.
Hier fühlte Carina sich unbeschreiblich wohl und versank bei ihrem
Besuch jedes Mal in eine andere Welt. Es roch nach Papier und altem
Holz, aus dem die Regale gebaut waren, in denen die Bücher aufbewahrt
wurden. Außerdem musste sehr leise gesprochen werden. Häufig vergaß
Carina die Zeit, wenn sie in diesen Räumen war. Ein Buch auszuleihen,
kostete damals 10 Pfennig. Das hört sich nicht teuer an, aber wenn man
kein Taschengeld bekommt, sind 10 Pfennige viel. Also überlegte Carina,
wie sie sich ein wenig Geld verdienen könne. Sie grübelte, bis ihr
eine Möglichkeit einfiel: Das Kirchenbüro suchte eine Botin, die Das
Sonntagsblättchen, eine kleine Zeitung, austragen würde.
Carina hatte Angst, die Mutter zu fragen, ob sie diese Arbeit annehmen dürfe.
Doch mutig trug sie ihren Wunsch vor und nach vielem Bitten und Betteln
gestattete diese es. Aber nur unter der Bedingung, dass immer erst die
Schularbeiten und die Hilfe im Haushalt erledigt waren. Freudestrahlend
verdiente Carina sich bald darauf ihr erstes eigenes Geld. Endlich
konnte sie sich so viele Bücher ausleihen, wie sie wollte. Nur blieb
ihr jetzt nicht mehr viel Freizeit. Daher versuchte Carina, abends im
Bett zu lesen. Häufig schlief sie allerdings über dem Buch ein.
Carina wuchs heran. Lesen blieb weiterhin ihre Leidenschaft. Sie
beendete die Schule und machte danach eine Kaufmannslehre. Nun war
Carina den ganzen Tag im Büro. Abends musste Carina zu Hause noch
helfen und nach dem Abendbrot musste sie noch Arbeiten für die
Berufsschule erledigen. Außerdem hatte Carina einen Zusatzkurs in
Schreibmaschine und Stenografie belegt. Danach war sie viel zu müde, so
dass ihre Leidenschaft des Lesens immer mehr nachließ.
Carina, jetzt eine junge Frau, lernte einen Mann kennen und heiratete
ihn nach Beendigung der Lehrzeit. Sie zog zu ihrem Ehemann in eine Großstadt,
viele Kilometer fort aus der Stadt, in der sie groß geworden war.
Traurig war Carina darüber nicht, denn nun konnte sie schalten und
walten, wie sie es selbst wollte. Und Lesen nahm in ihrem neuen Leben
wieder einen hohen Stellenwert ein. Sie teilte sich die Zeit so ein,
dass immer noch genügend Lesezeit übrig war, obwohl sie in den ersten
Jahren der Ehe auch arbeiten ging.
Nach drei Jahren wurde die erste Tochter, Antonia, geboren. Das Lesen
als Lieblingsbeschäftigung hielt an, denn auch nach der Schwangerschaft
las Carina alles über Kinder, was sie in die Hände bekam. Es war eine
faszinierende neue Welt, die sich ihr auftat.
Als das Baby im Körbchen lag, konnte Carina nicht genug staunen. Dieses
kleine Wesen sollte ganz allein zu ihr gehören? Sie konnte es kaum
fassen.
"Und du, Antonia, sollst auch ganz viele Bücher bekommen",
sagte sie eines Tages zu ihrer kleinen Tochter.
Und so war es auch. Das Mädchen wuchs von klein an mit Bilderbüchern
auf.
"Was können wir ihr nur schenken?", wurde Carina häufig
gefragt.
"Ein schönes Bilderbuch", antwortete diese und freute sich über
jedes, das ihr Kind geschenkt bekam.
Obwohl es Bücher für Kleinstkinder waren, blätterte Carina diese
selbst zuallererst mit Hochgenuss durch, versank in den Bildern und
holte dadurch nach, was sie in ihrer eigenen Kindheit vermisst hatte.
Antonia wuchs heran und fand ebenso Gefallen an Bilderbüchern, wie ihre
Mutter.
Nach drei Jahren bekam Carina eine weitere Tochter, Maren. Sie hatte
jetzt sehr viel Arbeit mit den zwei kleinen Mädchen. Lagen diese
allerdings abends in seligem Schlummer, griff Carina, wie bisher, immer
wieder gerne nach einem Buch. Lesen war neben den Handarbeiten, die sie
ebenfalls gut beherrschte, weiterhin ihre Lieblingsbeschäftigung. Viele
Jahre gab's in ihrem Haushalt damals keinen Fernseher und so vermisste
sie ihn nicht.
Auch Maren wuchs mit Bilderbüchern auf, an denen sie ebenso viel Freude
hatte, wie ihre Schwester.
Die beiden Mädchen wurden größer. Mutter und Töchter liebten Bücher
gleichermaßen. Auch las Carina abends gerne vor. Es machte allen Spaß,
in Buchläden zu stöbern, wenn sich die Gelegenheit bot. Viele Bücher
stapelten sich zu Hause. Von Antonia auf dem einen Regal, die von Maren
auf dem anderen, und die Bücher von Carina füllten eine ganze
Regalwand im Wohnzimmer.
Die Töchter kamen in die Schule, doch ihr Interesse galt weiterhin den
Büchern. Das der Größeren mehr als der Kleineren, die lieber draußen
tobte.
Die Zeit verging. Die Mädchen wurden Teenager, beendeten die Schule und
Antonia verließ das Haus. Es zog, wie es im Leben nun mal ist, von der
Mutter, die inzwischen einen anderen Mann geheiratet hatte, fort.
Carina hatte in den letzten Jahren viel Leid erleben müssen, war häufig
krank geworden. Sie hatte aber nie den Mut verloren und viele Bücher
hatten sie trösten können. Sie zog eines Tages mit ihrem neuen Mann
und Maren in eine andere Stadt, weit weg von der, in der die Töchter
aufgewachsen waren.
Alles war hier fremd, sie kannte sich nicht aus. Der Mann ging zur
Arbeit, Maren zur Schule, und Carina hatte Zeit, die Stadt zu erkunden.
Eines Tages hörte sie von jemandem, dass es hier einen großen
Buchladen geben sollte. Sie ließ sich den Weg erklären und fuhr hin.
Staunend stöberte sie durch das riesige Buchgeschäft. Eine neue Freude
tat sich auf, und so lebte Carina sich endlich in der neuen Stadt ein. Häufig
besuchte sie den neuen Lieblingsbuchladen und erwarb viele schöne Bücher.
Maren verließ nach einiger Zeit ebenfalls ihr Zuhause. Sie hatte
inzwischen einen Beruf gewählt, ging arbeiten und lebte ihr eigenes
Leben. Nach einigen Jahren heiratete sie.
Antonia bekam bald darauf einen Sohn. Carina war jetzt Großmutter. Es
machte ihr viel Spaß, erneut in ihrem Lieblingsbuchladen nach Bilderbüchern
stöbern zu können. Also würde ihr Enkel ebenfalls von Anfang an mit Büchern
aufwachsen. Der Tochter war es recht, kannte sie doch selbst die
Leidenschaft des Lesens, und die der jetzigen Großmutter nach Büchern.
Es amüsierte Antonia ein wenig, mit wie viel Spaß ihre Mutter an den
Bilderbuchkauf heran ging, sie aber kannte diese und würde ihr die
Freude nicht verderben.
Ein Jahr später bekam Maren ein Töchterchen. Carina wurde zum zweiten
Mal Großmutter und freute sich sehr. Wieder konnte sie Bilderbücher für
die Allerkleinsten kaufen. Voller Seligkeit durchstöberte Carina die
Buchläden danach.
Der Tag kam, an dem der Mann von Carina einen Computer kaufte. Nie,
hatte sie sich geschworen, wollte sie mit diesem Kasten etwas zu tun
haben. Doch die Neugier siegte. Irgendwann lockte auch sie das Internet,
und neue Welten taten sich auf. Alles war möglich innerhalb dieses
elektronischen Mediums.
Carina, die bald dreifache Großmutter sein würde, begann außerdem,
selbst zu schreiben. Die kleinen Enkel entlockten ihr Kindergeschichten,
die zu schreiben ihr viel Spaß machten. Nebenbei fing sie mit großer
Freude eifrig an, Gedichte zu Papier zu bringen.
Ein völlig neues Lebensfenster eröffnete sich ihr. Dunkel erinnerte
sie sich irgendwann an die Worte ihres früheren Deutschlehrers. Aha,
das meinte er mit Potenzial, denn der Stift flog nur so übers Papier,
wenn ihre Gedanken flossen.
Die Computerbedienung war bald erlernt, so dass die geschriebenen
Gedichte und Geschichten abgespeichert werden konnten. Nichts ging
verloren und jeder, der ein Gedicht oder eine Geschichte wollte, konnte
es ausgedruckt bekommen.
Der PC und das Schreiben brachten Carina, die immer so gern Bücher
gelesen hatte, einen völlig neuen Lebensrhythmus. Das Lesen trat ein
wenig in den Hintergrund, denn Schreiben war ihr wichtiger geworden, gar
ihre jetzige Lieblingsbeschäftigung.
Inzwischen hatte Maren das dritte Enkelkind, einen Jungen, geboren.
Wieder ging Carina mit Freude in den Lieblingsbuchladen, um neue
herrliche Bilderbüchlein zu kaufen, die sie selig vor dem Verschenken
selbst las.
Die Kindergeschichten, die Carina schrieb, entsprangen ihrer Fantasie.
Sie kam auf die Idee, die Geschichten müssten Bildchen bekommen, wie
die Bilderbücher, die sie kaufte. Nur konnte sie leider selbst nicht
zeichnen. Also machte sie sich auf die Suche nach passenden Bildern im
Internet. Mit der Vielfalt, die sich ihr bot, hatte sie nicht gerechnet.
Bald war sie in einem neuen Element eingetaucht: Bildersuche.
Alle hübschen Geschichten, die sie geschrieben hatte, wurden nach und
nach bebildert. Die Bildchen setzte sie zwischen den Text, so dass alles
recht nett aussah und ihr, wie auch den Töchtern, gefiel.
Nach einigen Monaten kannte Carina sich gut in Bilderseiten aus. Sie
fand immer wieder Motive von Künstlerinnen, die ihr besonders gut
gefielen. Eine Zeichnerin hieß LISI MARTIN. Sie zeichnete wunderbare
Bilder, in der Carina, obwohl Großmutter, versinken konnte. Es waren
immer Kinderbilder, die eine Welt darstellten, in der die Frau als Kind
gerne selbst gelebt hätte.
Immer mehr von diesen LM-Bildern suchte und fand sie, konnte diese aber
nicht in ihre Kindergeschichten übernehmen, weil das Urheberrecht
beachtet werden musste. Von dieser Künstlerin wollte sie aber unbedingt
etwas besitzen.
Also ging Carina erneut auf Suche und fand eine Internetseite, auf der
sie las, dass es Postkarten mit eben diesen Bildern zu kaufen gäbe.
Allerdings las sie auch, dass es diese Karten nur im Ausland gab. Zudem
hatte die Künstlerin ein Bilderbuch illustriert. Es ging um ein kleines
Mädchen und ein Kätzchen. Dieses Buch interessierte Carina natürlich
sehr und sie forschte voller Eifer nach, ob sie es irgendwo kaufen könne.
Enttäuscht erfuhr sie, dass das Buch nicht mehr lieferbar sei und es
davon nur noch wenige Exemplare geben sollte. Und zwar ausgerechnet in
Amerika! Dazu nur in Englisch, da die deutsche Übersetzung schon lange
nicht mehr verlegt wurde.
Carina gab die Hoffnung auf, jemals ein Buch dieser wunderbaren Künstlerin
kaufen zu können.
Sie begnügte sich damit, sich an den Bildern, die sie im Internet fand,
zu erfreuen. Auf einer Seite, auf der viele Bilder von LISI MARTIN
anzusehen waren, fand sich auch ein abgedruckter Text der deutschen Übersetzung
des nicht mehr lieferbaren Bilderbuches. Sie las die veröffentlichte
Geschichte dort.
*******
Vor einigen Monaten teilte die jüngste Tochter der Mutter die Neuigkeit
mit, dass ihr Ehemann beruflich nach Amerika gehen würde. Angedacht war
vorerst ein Jahr, eventuell länger. Näheres wisse man noch nicht
genau. Maren und die Kinder würden nachreisen.
`Nun ja`, dachte Carina, `das ist eben so. Die Kinder haben ihr eigenes
Leben.`
Sie musste ihre Jüngste ziehen lassen, wenn auch mit Herzblut. Selbst
die kleinen Enkelkinder würde sie eine lange Zeit nicht sehen. Sie war
sehr traurig.
Dieses Erlebnis erinnerte sie an eines ihrer Lieblingsbücher aus der
Jugendzeit: Nesthäkchen und ihre Jüngste. Darin war ein ähnliches
Erlebnis geschildert, nur ging es dort um Südamerika.
Unter Tränen verabschiedeten sich alle voneinander, und die junge
Familie zog über den großen Teich. Von Anfang an lernten die Kinder
dort Englisch und sprachen es nach kurzer Zeit umgänglich gut.
Carina hatte häufig Kontakt per Telefonat oder Email nach "drüben",
so dass die Trauer über den Abschied nicht so stark blieb.
Während eines Telefonats mit der Tochter erzählte diese, dass die
Enkelin, die jetzt vier Jahre alt war, bereits englische Bilderbücher
anschaute.
Im Kopf von Carina machte es Klick. `Da war doch mal was`, überlegte
sie. `Was war es nur?` Ihr fiel das Bilderbüchlein ein von der
Lieblingskünstlerin. Lisi und die Kätzchen, ja, das war der
deutsche Titel.
Vorsichtig wagte sie die Frage, ob Maren, die nun in Amerika, sozusagen
"vor Ort", sei, bitte im Buchladen danach fragen könnte. Nach
einer Weile erhielt sie einen Anruf. Die Antwort war niederschmetternd.
In ganz Amerika gäbe es wohl nur noch ungefähr drei Exemplare. Dazu
gebraucht. Wie sollte das Buch in der kurzen Zeit, in der die
Jungfamilie dort weilen würde, gefunden werden?
"Ich hab in mehreren Buchläden hier in der Gegend gefragt. Es ist
nicht zu bekommen", sagte Maren.
"Vielleicht aber Postkarten, was meinst du? Magst du nicht mal
schauen?", wagte die Mutter hoffnungsvoll nachzufragen.
"Auch keine Postkarten, Mum. Leider nicht!"
"Okay, dann kann man wohl nichts machen", antwortete Carina.
Sie war sehr traurig und dachte: `Immer wenn ich mir etwas sehr wünsche
...`
Aber nein, sie wollte nicht ungerecht sein. Die Tochter hatte sich bemüht.
Wieder verbannte Carina die Hoffnung, das Buch besitzen zu können, aus
ihrem Kopf. `Nun gut`, dachte sie, `nicht alle Wünsche werden erfüllt.
An den Bildern im Internet kann ich mich weiterhin erfreuen.`
Sie bemühte sich erneut, die Angelegenheit zu vergessen. Ein kleines
Reststück Hoffnung behielt sie aber in ihrem Herzen.
Maren und die Kinder kamen nach sieben Monaten - endlich - zurück.
Voller Freude sah man sich wieder und umarmte sich. Die Kleinen waren
ein wenig fremd geworden, sprachen andererseits ein lustiges Mischmasch
aus Englisch und Deutsch. Die Enkelin hatte eine fantastische
Aussprache, so dass es Freude machte, ihr zuzuhören.
Bald ging alles seinen gewohnten Gang. Nur der Schwiegersohn würde später
nachkommen.
Als die Zeit seines Urlaubes kam, waren Maren und die Kinder voller
Aufregung und endlich war es soweit: Ehemann und Vater kam aus Amerika.
Große Freude herrschte bei der jungen Familie.
Carina und ihr Mann wollten sie
in dieser Zeit auch besuchen, doch der Termin sollte noch abgesprochen
werden, denn der Schwiegersohn war nur für knapp zwei Wochen zu Hause.
********
Als Carina einige Tage, nachdem ihr Schwiegersohn angekommen war, aus
der Stadt heim kam, öffnete sie ihren Briefkasten, um die Post zu
entnehmen. Ein großer Umschlag fiel ihr auf. Absender war Maren. Was
sollte ihr das Töchterchen schicken? Sie fühlte, es war etwas Festes,
Großes in dem Umschlag. Etwa ein Buch?
Ihr Herz begann heftiger zu schlagen. So schnell es mit ihrer
Gehbehinderung möglich war, schloss Carina den Briefkasten und die
Haustür auf, drückte den Fahrstuhlknopf und den dicken Briefumschlag
fest an sich. Eine ganz leichte Ahnung hatte sie ... `Aber nein, das
kann doch nicht sein. Sie hat doch gesagt, es gibt keines. Wenn aber
doch? ...`
Verschiedenes raste durch ihren Kopf, während sie die zwei Etagen
hinauf fuhr. Nun noch fünf Stufen, die Wohnungstür aufschließen. Schlüssel
aufhängen, Handtasche und Einkaufstüte abstellen und den Umschlag auf
den Schreibtisch legen. Beinah traute sie sich nicht, den Brieföffner
zu nehmen, doch die Neugierde siegte.
Sie schlitzte den gut verschlossenen braunen Umschlag auf und entnahm
ihm ein in dickes Packpapier eingewickeltes großformatiges …
Bilderbuch.
Carina fühlte, wie ihr Gesicht vor Freude errötete.
Das konnte doch nicht sein!
Es gab tatsächlich noch Wunder.
Sie hielt IHR Buch, nach dem sie sich so lange gesehnt hatte, in den Händen.
Drehte und wendete es, bevor sie sich endlich auf den Schreibtischstuhl
setzte, um diese Freude in Ruhe genießen zu können.
Es war die englische Ausgabe, und sie las den Titel: Lisi and the
Kittens.
Nach einer langen Weile, in der sie bedächtig das wunderschöne
Bilderbuch durchgeblättert und die herrlichen Bilder genossen hatte, lächelte
sie.
Ihr Schwiegersohn musste das Buch in Amerika über Umwege besorgt haben,
um es IHR nach Deutschland mitzubringen. Ihr Wunschbuch.
Welch eine Freude!
Sie konnte es immer noch nicht glauben.
"Das hätte ich ihm gar nicht zugetraut", sagte Carina laut
vor sich hin.
"Sag ich doch immer: Wünsche gehen in Erfüllung, wenn man nur
lange genug daran glaubt."
Danach griff sie zum Telefon, wollte Tochter und Schwiegersohn anrufen,
um ihnen ganz herzlich zu danken.
Als Carina erst mit dem Schwiegersohn, danach mit Maren sprach, freuten
die beiden sich ebenso sehr über die große Überraschung, die ihnen
gelungen war, wie Carina sich über das Buch gefreut hatte.
Geteilte Freude ist doppelte Freude!
Nach dem Telefonat hatte Carina eine Idee: Dieses kostbare Buch würde
sie ihrer Enkelin, die so schön Englisch sprach, im August zu ihrem fünften
Geburtstag schenken.
Denn Dinge, die man besonders liebt, soll man weitergeben. Hierbei
bliebe es zudem in der Familie.
Bis dahin aber würde sie es selbst immer wieder anschauen.
Und die Freude an den herrlichen Bildern genießen.
Von ganzem Herzen ...
© Karin Ernst
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