Leid und Freud'

Die junge Mutter war mir bereits mehrfach aufgefallen. Sie fuhr immer mit dem gleichen Bus wie ich. Nie lächelte sie, und ich fragte mich insgeheim, was sie quälte. Da sie fast immer schwarz gekleidet war, befand sie sich vielleicht in Trauer.

Heute nun traf ich sie wieder …

An einer Bushaltestelle wartete ich auf meine Heimfahrt. Der Bus fuhr ein, und ich fand sogleich einen Sitzplatz. Neben mir auf dem dafür vorgesehenen Stellplatz stand ein Rollstuhl. Ich schaute ein wenig erschrocken, denn in diesem saß ein Kind. Ein Kinderrollstuhl in fröhlichen Farben, festgehalten von der jungen Frau, die ich bereits einige Male gesehen hatte.

Vorsichtig beobachtete ich Mutter und Kind. Es war schwer zu erkennen, ob es ein Junge oder ein Mädchen war, denn bis auf zart nachwachsenden Flaum hatte es keine Haare. Doch dann hörte ich eine weibliche Stimme, die die Mutter ansprach. Zärtlich beugte diese sich über den Kopf des Mädchens, streichelte ihn liebevoll, und beide flüsterten miteinander.

Zum ersten Mal sah ich die Frau lächeln. Das Kind wirkte müde, kraftlos, lächelte nicht. An den kleinen Händen sah ich blau unterlaufene Stellen, die von Infusionsnadeln zeugten. Mir wurde es schwer ums Herz, als ich zu dem Ergebnis kam, das kleine Mädchen hätte Krebs.

Es schlief irgendwann nickend ein, die Mutter sah verloren aus dem Busfenster. Traurigkeit hatte sie erneut übermannt.

An einer anderen Haltestelle stieg eine junge asiatische Frau ein, die eine Kinderkarre schob. Sie stellte sich hinter die Mutter mit dem Rollstuhlkind. Der kleine Junge mit seinen hübschen, schrägen Augen lachte mich strahlend an. Seine quietschende Fröhlichkeit war ansteckend. Eine heitere Stimmung entwickelte sich im Bus, auch andere Fahrgäste freuten sich.

Seufzend betrachtete die Mutter des kranken Mädchens den kleinen Jungen, der sich bemühte, ein Figürchen, das am Rollstuhl hing, zu ergreifen. Seine Mutter half nicht, und dennoch fing der Kleine nicht an zu quengeln.

Plötzlich ein weiterer, aus reiner Lebensfreude hervorquellender Gluckser.

Das Mädchen im Rollstuhl hatte das Kleinkind bisher nicht beachtet. Nun spürte es aber, dass der Kleine Interesse an dem Figürchen hatte. Es drehte sich mit langsamen Bewegungen nach hinten um. Tief in den Höhlen liegende Augen betrachteten das fremde Kind voller Neugier.

Und plötzlich ging - auch bei grauem Himmel - die Sonne auf. Das größere Mädchen stimmte, wenn auch leise, in das erneut aufflackernde Lachen des kleinen Jungen ein. Aus vollem Herzen.

Sah ich in den Augen der Mutter etwa Tränen? Ja! Aber es waren …Freudentränen!

Auch mir war zum Weinen zu Mute. Und gleichzeitig nach Lachen.

 


(20. Oktober 2005)
© Karin Ernst