Letzter Schultag

Was für ein Tag!

Bereits morgens fing er ein wenig ungewöhnlich an, weil das Thermometer nur knapp 14 Grad anzeigte. Und das im Juli. Wir hatten schon einige Tage mit über 30 Grad gehabt, und nun dieser aprilnovembrige Tagesanfang.

Große Hitze mag ich zwar auch nicht, möchte aber im Hochsommer keinen Pullover anziehen. Später fing es auch noch an zu regnen, so dass ich für meine Termine, die ich erledigen musste, einen Schirm benötigte. Ich machte mich kurz nach zehn Uhr auf den Weg zum Bus, um zum Zahnarzt und zur Krankengymnastik zu fahren.

Kurz vor der Haltestelle stutzte ich. Dort stand eine Gruppe Jugendlicher. Alle plauderten fröhlich miteinander, versperrten aber auch den Weg. Ich bemühte mich, ohne jemanden anzurempeln hindurchzukommen. Als ich endlich im Bushäuschen vor dem Regen sicher war, fiel mir ein, dass heute der letzte Schultag vor den Sommerferien war. Es hatte Zeugnisse gegeben, die sich die Jungen und Mädchen untereinander zeigten.

Als der Bus kam, stürmten natürlich die jungen Menschen zuerst zur Eingangstür. Niemand ließ mich vor, aber die Gruppe wollte gewiss beisammen bleiben. Ein älterer Herr ließ mir zum Schluss den Vortritt und so konnte ich mich wenigstens setzen, bevor der Bus anfuhr. Ich schaute mich um. Die Teenies freuten sich auf die Ferien, ich hörte lebhafte Unterhaltungen.

Von Haltestelle zu Haltestelle füllte sich der Bus mehr. Als wir die Stadt erreichten, wo ich aussteigen musste, stieg eine Gruppe Schüler ebenfalls aus. Wieder drängten alle zur Tür, ohne mich zu beachten. Obwohl ich niemandem einen Vorwurf machte, weil alle froh über den letzten Schultag waren, hatte ich Mühe auszusteigen.

Ich machte mich auf den Weg zu meinem Zahnarzt und wunderte mich unterwegs, wie viele Jungen und Mädchen sich in der Stadt aufhielten. Was wollten sie nur alle hier? Hatten sie sich verabredet, um sich vor Beginn der eventuellen Familienferien noch einmal zu treffen? Ich konnte es mir nur damit erklären, denn so viele junge Menschen hatte ich lange nicht um diese Zeit in der Stadt gesehen.

Als ich bei meinem Zahnarzt fertig war, ging ich zur Krankengymnastik. Die Praxis lag nur fünf Minuten von der Zahnarztpraxis entfernt, und immer noch schien mir die Stadt total überfüllt.

Nach Beendigung der Behandlung wollte ich in der Stadt noch eine Kleinigkeit zu Mittag essen. Direkt neben der Praxis gab es zwei türkische Schnellrestaurants. Ich erschrak, als ich mich dem ersten zuwandte. Menschen, meist Kinder und Jugendliche, standen bis auf den Bürgersteig an. Ich ging weiter. Beim nächsten Döner-Laden das gleiche Bild. Nein, diese Warterei wollte ich mir nicht antun.

Nach einigen Metern erreichte ich McDonalds, wollte das Restaurant betreten, drehte mich aber sofort wieder um. Der Laden war rappelvoll. Auch hier waren hauptsächlich Jungen und Mädchen jeglichen Alters die Kunden. Es lockten die 1-Euro-Angebote.

Wieder setzte ich meinen Weg fort, als Ziel nun einen amerikanischen Imbiss, in dem es frisch belegte Baguettes gab. Als ich dort ankam, ging ich gar nicht erst hinein, denn auch hier standen die Kunden bis nach draußen.

Ich fluchte innerlich, wusste nun nicht, wo ich mein heutiges Mittagsmahl bekommen würde, denn an einen Sitzplatz war auch hier nicht zu denken.

Ich überquerte die Straße, um auf die Speisekarte eines Kaufhauses zu schauen. Hier gingen ebenfalls Mädchen und Jungen hinein, während andere Gruppen sich vor dem Eingang zum Plausch trafen. Nun hatte ich jegliche Lust verloren, unterwegs etwas zu essen. Direkt gegenüber dem Kaufhaus befand sich eine Haltestelle, von der aus ich mit der Straßenbahn weiter fuhr. Auch diese Bahn war überfüllt mit lärmenden Schülern und Schülerinnen, die sich auf die Ferien freuten.

Ich gönnte sie ihnen von Herzen, obwohl ich mich fragte, warum es kaum jemanden nach Hause zog, um zuerst das Jahresabschlusszeugnis zu zeigen.

An der nächsten Haltestelle, wo ich in einen Bus umsteigen musste, stieg ich aus. Dort entdeckte ich auf der anderen Straßenseite eine Bäckerei mit Stehcafé und begab mich für mein Mittagessen dorthin. Ein belegtes Brötchen und ein Becher Kaffee mussten heute genügen. Hier endlich fand ich auch einen Sitzplatz!

Der Bus anschließend war schon überfüllt, als er in die Station einfuhr … Dennoch hatte ich nur noch einen Gedanken: nach Hause!

 

(06. Juli 2005)
© Karin Ernst