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Aufgeregt fliegt
Herr Spatz zu seinem Nest. Schon von weitem erkennt er, dass seine Frau
auf den Eiern brütet.
"Ist es immer noch nicht so weit?", fragt er sie. "Unsere
Kleinen lassen sich aber viel Zeit."
"Ich glaube, das erste wird heute noch schlüpfen", antwortet
die Spätzin. Sie erhebt sich von den drei im Nest liegenden Eiern,
um den mitgebrachten Wurm gierig zu verschlingen.
Am Abend ist es tatsächlich so weit. Bei zwei Eiern zerbricht die
Schale. Heraus schlüpfen zwei winzige kleine Spatzen. Entzückt
betrachtet das Spatzenpaar seinen Nachwuchs.
"Jetzt sind wir Eltern. Schau nur, wie allerliebst unsere beiden
ersten Kinderchen sind", sagt der soeben Vater gewordene Spatzenmann
zu seiner Frau. Auch sie schaut voller Stolz ihre beiden Kleinen an. Es
sind ein Mädchen und ein Junge.
"Als du unterwegs auf Futtersuche warst, habe ich mir Namen für
die Kinder ausgedacht. Das Mädchen soll Liese heißen und der
Junge Fratz", erzählt die Spätzin.
Dem Vater der Kleinen ist es recht. "Die Namen sind passend für
die beiden", antwortet er zufrieden.
"Das letzte Kleine lässt sich wirklich viel Zeit", seufzt
die Spatzenmutter.
Die beiden neu geborenen Spatzen sind bald richtig munter. Sie beginnen,
mit ihren kleinen Schnäbeln auf dem letzten Ei herumzuhacken, damit
das Küken darin es leichter hat, herauszuschlüpfen. Alle sind
schon auf das letzte Familienmitglied gespannt.
Nach einer Weile krabbelt auch das letzte Spatzenkind mühevoll aus
seinem Ei. Kopfüber plumpst es ins Nest.
"Hoppla", ruft seine Mutter und lacht. "Na, du hattest
es nicht besonders eilig, zu uns zu kommen." Liebevoll sieht sie
ihren zweiten Sohn an.
Auch der Vater des Kleinen schaut voller Stolz. "Jetzt habe ich zwei
Söhne. Meinst du, er kann Max heißen?", fragt er die Spätzin.
Diese nickt lächelnd. Ja, dem dritten Kind soll er gerne einen Namen
geben.
"So wird nämlich der kleine Menschenjunge gerufen, der dort
in dem Haus wohnt", erzählt der Spatzenvater nun seiner Familie.
"Ich finde, Max ist ein hübscher Name. Auch für ein Spatzenkind."
Alle stimmen zu.
Die drei kleinen Spatzen wachsen heran. Vater und Mutter Spatz fliegen
oft auf Futtersuche, denn kleine Vögelchen haben viel Hunger. Den
größten Hunger aber hat ihr Letztgeborener.
"Max frisst uns noch die Federn vom Kopf", bemerkt der Spatzenvater
eines Tages, als es dem Kleinen beim Füttern wieder nicht schnell
genug geht.
Er versucht, die dicksten Würmer zu erhaschen. Liese und Fratz sind
ihm nicht böse, sie kabbeln lieber miteinander.
"Bald werden wir unser eigenes Futter suchen", sagt Liese zu
Fratz. "Soll Max doch alles fressen, was Mama und Papa bringen."
Max ist ein ängstliches Spätzchen. Als seine Geschwister schon
lange fleißig piepsen können, will er immer noch nicht mitmachen.
"Du musst dich doch melden können, wenn wir mal unterwegs sind",
erklärt ihm seine Mutter. "Piepsen ist für uns Vögel
genauso wichtig, wie für die Menschen das Sprechen." Aber ihm
ist das egal. Ängstlich schaut er mit großen Augen in die Runde.
Fratz und Liese schubsen ihn ein wenig.
"Max ist ein Angsthase", foppt Liese ihn und singt: "Uns'ren
Bruder Max, den holt noch mal die Katz`."
Vater und Mutter Spatz erzählen ihren Kindern sehr genau, welche
Gefahren außerhalb des geschützten Nestes auf sie lauern können.
"Auf die großen schnatternden Elstern müsst ihr besonders
acht geben. Aber auch die Katze aus dem Haus, in dem der Menschenjunge
Max wohnt, ist gefährlich. Sie schleicht sich leise heran",
erzählt die Mutter.
"Ja, und dann springt sie plötzlich hoch", fährt der
Vater fort. "Ich habe mich selbst einmal heftig erschrocken, als
es abends schon dunkel war. Nur ihre leuchtenden Augen haben mich vor
Schlimmerem bewahrt."
Die Kinder hören aufgeregt zu und versprechen, Obacht zu geben. Nur
Max seufzt: "Ich werde noch lange nicht aus dem Nest fliegen. Dazu
fühle ich mich zu schwach. Ich muss noch ganz viel fressen, damit
ich groß und stark werde. Husten habe ich auch schon wieder",
fügt er hinzu und hüstelt ein wenig.
Seine Familie lächelt, denn sie weiß, dass ihr Mäxchen
ein kleiner Angsthase ist. Sobald der leiseste Windhauch ums Nest schleicht,
verkriecht er sich unter das Gefieder seiner Mutter.
"Ach, er ist doch unser Jüngster", verteidigt die Spätzin
ihren Sohn. "Er wird schon alles lernen." Dabei schaut sie Max
zärtlich lächelnd an.
Sehr schnell beginnen Liese und Fratz herumzuhüpfen. Hui, das macht
Spaß. Viel mehr können sie so von der umliegenden Welt entdecken.
Bald hüpfen sie zum ersten Mal aus dem Nest heraus auf einen Ast.
"Aber gut festhalten", ruft ihnen der Vater hinterher.
Plumps, ist es schon geschehen. Fratz ist abgerutscht und fällt zu
Boden. Kläglich piepst er. Nun ist er doch nicht so mutig, wie sonst.
"Pah, das macht mir gar nichts", ruft er kurz darauf. "Ich
übe es gleich noch einmal." Beim zweiten Mal hält er sich
an einem Ast fest. Liese sitzt schon dort. Gemeinsam genießen sie
die herrliche Aussicht.
Max folgt den beiden mit seinen Blicken.
"Komm, versuche es doch auch einmal", lockt Liese ihren Bruder.
Dieser duckt sich sofort ängstlich und kuschelt sich tief ins warme
Nestchen.
"Auch du musst bald das Hüpfen und Fliegen lernen, sonst wirst
du zu schwer für unser Nest. Wir können dich nicht immer nur
füttern. Du musst dich auch bewegen", ermahnt Vater Spatz seinen
Sohn.
"Ach, lass ihn doch. Das kommt ganz von alleine", wehrt die
Mutter ab.
Liese und Fratz werden immer mutiger. Aus dem Hüpfen werden schnell
erste Flugversuche, die ihnen viel Spaß machen.
"Schau, Mama. Ich kann schon ein ganzes Stück allein fliegen",
sagt eines Tages Fratz. Er ist der wildeste der Geschwister. Bautz, landet
er auf seinem Schnabel. Er hat nicht aufgepasst. "Aua, das tut weh",
mault er.
"Du musst schon schauen, wohin du fliegst, mein Sohn", warnt
sein Vater und macht es ihm erneut vor.
Die Kinder verfolgen staunend seinen Flug. Ja, so wollen sie auch bald
fliegen können. Nur Max blickt ihm, wie immer, ängstlich nach.
"Ich will aber nicht abstürzen", jammert er. "Ich
werde mir noch die Flügel brechen." Alle lachen.
Liese und Fratz üben fleißig weiter. Wenn sie von ihren Flugversuchen
zurück ins häusliche Nest kommen, berichten sie voller Eifer
von ihren Erlebnissen. Ein wenig neidisch schaut Max dann doch und hört
genau zu.
"Ich war heute auf der Glockenblumenwiese", erzählt Liese.
"Dort habe ich besonders dicke Regenwürmer gefunden. Ach, und
so hübsch bunt ist es dort." Verträumt schaut sie in die
Runde.
`Unsere kleine Romantikerin`, denkt lächelnd ihre Mutter.
"Dann flog aber ein merkwürdiges Würmchen heran. Ich wollte
es schnappen, da hat es mich gepiekst", fährt Liese kläglich
fort.
"Das war eine Biene", erklärt die Spatzenmutter. "Davor
müsst ihr euch auch hüten. Ebenso vor den Wespen. Sie sehen
ähnlich aus wie die Bienen. Außerdem sind sie ungenießbar.
Ich habe mal eine probiert, als sie schon tot war. Nein danke!"
Fratz wirkt ein wenig bedrückt, als Liese ihre Geschichte erzählt.
"Hast du heute nichts erlebt?", fragt ihn der Vater.
"Ähm, ich ...", stottert Fratz mühsam.
"Erzähl schon, was hast du angestellt?", fordert sein Vater
ihn auf. "Bist du wieder mit den Meisenkindern herumgeflogen?"
"Ja", antwortet Fratz lang gezogen.
"Nun aber raus damit, lass dir doch nicht alles aus dem Schnabel
ziehen", bittet jetzt auch die Mutter.
"Wir haben die Elstern gejagt", antwortet Fratz kleinlaut.
"Ach, Kind, hatten wir euch nicht davor gewarnt?", fragt ihn
die Mutter. "Ihr könntet verletzt werden."
"Ach, Mama, du brauchst keine Angst haben, wir waren doch viele.
Die Elstern haben richtig Angst bekommen und sind abgehauen", berichtet
er voller Stolz. Trotzdem schaut er ein wenig unruhig.
"Ist etwas passiert?", fragt Liese.
"Nö. Weiß nicht. Vielleicht. Ein bisschen. Ist aber nicht
schlimm", antwortet der Bruder.
Mutter Spatz untersucht den Kleinen genauer. Seine Schwanzfeder ist ein
wenig geknickt.
"Das tut natürlich weh", erklärt sie. "Jetzt
hast du die Strafe. Du musst dich in den nächsten Tagen ruhig verhalten."
Das gefällt Fratz überhaupt nicht. Einige Tage kann er nicht
mit den Meisenfreunden herumtollen, sondern nur vorsichtig hüpfen.
Sonst spürt er den Schmerz. Aber alle Freunde kommen zu ihm auf die
Wiese. Dort spielen sie Fangen. Das macht auch Spaß.
Max bleibt weiterhin ängstlich. Von dem guten Futter, das ihm die
Eltern bringen, wird er immer dicker.
"Allmählich mache ich mir Sorgen, meine Liebe", sagt der
Spatzenvater zur Spätzin. "Er müsste langsam mal zum Flug
ansetzen."
"Sieh doch, Mann, Hüpfen kann er doch schon ganz gut",
antwortet seine Frau mit einem liebevollen Blick auf ihren Sohn. "Das
wird schon."
Trotzdem macht auch sie sich ihre Gedanken. Es wird allmählich immer
schwieriger, den Hunger ihres kleinen Nesthäkchens zu stillen. Sie
ist schon recht erschöpft von der Suche nach Futter. Obwohl Max sich
Blattläuse immerhin schon selbst sucht. Bei seinen Hüpfversuchen
erreicht er bereits so manchen Ast in der Nähe des Nestes.
Eines Tages setzt ein großer Regen ein. Tagelang öffnet der
Himmel seine Schleusen. Das Nest durchweicht immer mehr.
"Du solltest dort nicht sitzen bleiben", warnt die Spatzenmutter
Max, "sonst bekommst du einen richtigen Schnupfen."
"Ach Mama, draußen werde ich doch noch nässer. Das mag
ich überhaupt nicht", jammert er.
Die Eltern haben sich mit Liese und Fratz in die Baumwipfel verzogen.
Dort sind sie einigermaßen vor dem heftigen Regen geschützt.
Die Familie beobachtet Max von oben. "Komm doch zu uns herauf",
ruft Liese ihm zu. "Es ist schön hier oben. Richtig gutes Futter
finden wir hier auch", versucht sie ihn zu locken. Keine Reaktion.
Max bleibt stur im durchweichten Nest sitzen. "Na, dann eben nicht",
resigniert seine Schwester und schnappt sich eine fette grüne Raupe.
Plötzlich raschelt es unter dem Ast, auf dem alle sitzen. Die Vögel
sehen hinunter. Ihr schönes Heim rutscht durch die nassen Äste
bis auf das Gras unter dem Baum. Alle erschrecken und gucken traurig.
Auch Max. Plötzlich rappelt er sich auf.
"So ein Mist", schimpft er vor sich hin und schüttelt sein
Gefieder. Gerade, als er es sich unter dem Baum bequem machen will, fährt
ihm ein Knurren durch Mark und Bein. Vorsichtig dreht er sich um. Vor
ihm steht groß und mächtig die Katze, vor der die Mutter gewarnt
hat.
"Pass auf!", ruft im selben Moment entsetzt die Mama von oben.
Alle beobachten Max fassungslos. Sein Herz fängt an zu klopfen. `Was
soll ich bloß tun?`, überlegt er kurz. `Pah, das wäre
doch gelacht!`
Max hebt seine Flügel und setzt zum Flug an. Erstaunt über sich
selbst fliegt er höher und höher. Seine Familie verfolgt überrascht,
wie er immer größere Kreise zieht.
"Es ist herrlich", ruft er. "Das hätte ich schon lange
machen sollen."
Alle freuen sich mit ihm. Sie machen sich auf, ihm entgegen zu fliegen.
"Mein Sohn", sagt der Spatzenvater voller Stolz zur Spätzin.
Sie aber denkt: `Ich wusste, er wird es schaffen.`
Und lächelt ...
***** E N D E *****
© Karin
Ernst
Bild: ©
Karin Scholles
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