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Meine
grüne Oase
Fast kann ich es nicht glauben, dass der Oktober sich bereits dem Ende neigt. Am Nachmittag zeigt das Thermometer auf dem Balkon fast 22 Grad. Ich rücke einen Stuhl in eine geschützte Ecke, hole das zugehörige Kissen und mache es mir gemütlich. Schließe die Augen und überlasse mein Gesicht der Sonne. Sie streichelt meine Haut, angenehme Wärme durchflutet meinen Körper. Ich komme ins Sinnieren Nun wohnen wir bereits über 20 Jahre in dieser Wohnung. In einem Doppelmehrfamilienhaus, dem an der Rückseite ein großer Garten angeschlossen ist. Die Größe schätze ich auf ein Viertel eines Fußballfeldes, eingesäumt von Büschen und Bäumen. Das Prunkstück des Gartens ist, mitten auf der Rasenfläche, eine riesengroße Kiefer. Als wir damals unsere Wohnung bezogen, konnte ich nicht ahnen, zu welcher herrlichen Oase sich dieser Garten entwickeln würde. Noch schützt die Blätterwand vor neugierigen Blicken, doch der Winter naht. Dann erst kann man das gegenüber liegende Nachbarhaus sehen, wie einen daneben befindlichen Parkplatz. Wenn Laub Bäume und Büsche bekleidet, sieht man nur die Dächer anderer Häuser. Oder kann in den Garten des Hauses neben unserem blicken. Dort spielen noch Kinder. Auch heute höre ich fröhliche Stimmen, die mich ein wenig seufzen lassen. Ich liebe Kinder, habe selber zwei (und drei Enkel), aber aus unserem Garten dringen keine Kinderlaute zu mir hinauf. In den beiden aneinander gebauten Häusern gab es einige Kinder. Jungen und Mädchen, die gerne den Garten zum Spielen nutzten, den ich nun zu meiner Grünoase auserkoren habe. Jetzt - nachdem sie herangewachsen, teilweise bei den Eltern auszogen sind, ist der von der Hausverwaltung damals in den Rasen eingelassene Sandkasten verwaist. Kein Kind mit Buddeleimer, Schaufel und Förmchen spielt mehr darin. Die Abdeckplane ist verrottet, bietet nur Vögeln herrliche Möglichkeit zum Baden, wenn sich nach Regen Pfützen bilden. Irgendwann sprachen Eltern sich ab und es wurde ein Schaukel gekauft. Grün gestrichen mit einer knallroten Anhängeschaukel war sie Freude der Kleinen. Sehr selten wird sie noch benutzt. Nur dann, wenn Enkelkinder bei Nachbarn zu Besuch kommen. Der Vater zweier Kinder pflanzte einen Apfelbaum in die Nähe der Kiefer. Der Baum wuchs, genau wie die beiden Mädchen, heran, trägt inzwischen viele Früchte, die achtlos herabfallen, Vögeln als Futter dienen. Vor dem Sandkasten steht eine alte Holzbank. Sie wurde vor Jahren von der Hausgemeinschaft beider Häuser spendiert. Mütter trafen sich nachmittags zum Kaffeetrinken, Plaudern und Handarbeiten, während ihre Kinder um sie herum spielten. Es konnte nichts passieren, der Garten ist nur über den Kellerzugang erreichbar, kein Weg führt auf die Straße. Auch diese Bank zerfällt immer mehr. In den ersten Jahren gab es Sommerfeste. Beinah alle Nachbarn kamen zusammen, jeder brachte etwas zu essen und trinken mit, man lernte sich kennen. Diese Feste wurden immer seltener, bis niemand mehr bereit war, sie auszurichten. Schade! Doch Mieter zogen aus, die nächsten neu ein. Obwohl der Wechsel in unserem Haus nicht groß war. Viele sind mit uns als Erstbewohner eingezogen. Dennoch bin ich nicht traurig, dass keine Kinder mehr den Garten bevölkern. Lachen und Singen tönen immer noch aus dem angrenzenden Garten herüber, an dem ich mich erfreuen kann. Und unser Garten hat sich zu einem wunderbaren Paradies entwickelt. Für Vögel aller Arten: Elstern, Spatzen, Meisen und Amseln. Seit kurzem gibt es ein Türkentaubenpärchen, das ein herrliches Bild der Zweisamkeit abgibt. Vor nicht allzu langer Zeit zeigten sich Eichelhäher, und ab und zu erfreue ich mich an der fröhlichen Stimme meines Lachvogels, von dem ich lange Zeit nicht wusste, wie er heißt. Es ist ein Grünspecht. Sucht er auf dem Rasen sein Futter, vermischt sich sein grünes Gefieder beinah mit der Grasfarbe. Nur das rote Köpfchen weist, wo er sich aufhält. Eine weitere Überraschung bietet seit kurzem ein neuer Vogel mit einem knallroten Bauch. Er hackt und knabbert an der Kieferrinde mit einer Ausdauer, dass es Entspannung bedeutet, ihm, dem Buntspecht, zuzuschauen. Ab und zu verirren sich andere Tauben oder gar Enten in unseren Garten. Eine Fledermaus zieht in der Dämmerung schon seit mehreren Jahren ihre Kreise. Seit kurzem fliegen sogar zwei umher. Also scheint die Tierwelt ums Haus herum noch in Ordnung zu sein. Was in den Büschen alles noch herumkraucht, weiß ich nicht. Gewiss gibt es auch Igel und anderes Kleingetier. Auch kommt immer wieder ein Eichhörnchen zu Besuch, das ebenfalls genüsslich sein Futter in der dicken Kiefer findet. Ihm zuzusehen, wie es von Ast zu Ast hüpft, ist jedes Mal erneut ein Zusehen wert. Manchmal darf der Berner Sennenhund eines Erdgeschossbewohners im Garten sein, liegt dort ruhig auf dem Rasen. Niemals höre ich ihn bellen. Sicher ist er froh, ein wenig mehr Auslauf zu haben. Ein dicker Kater aus dem Nebenhaus stromert tagsüber durch die Gärten, legt sich abends vor die Kellertür, bis sein Frauchen ihn hinein ruft. Auch er ist im Laufe der Jahre alt geworden, kennt sich im Gebüsch gut aus, hat manchen Vogel als Futter erwischt. Für eine Nachbarin im Erdgeschoss sind die Singvögel ihre Kinder. Früher verschenkte sie an die kleinen Mädchen und Jungen im Sommer Eis oder Schleckereien. Heute kauft sie tütenweise Sonnenblumenkerne, um den kleinen Vögeln den Tisch zu decken. An all dem herrlichen Gezwitscher, Gezirpe, Geschnatter kann ich mich erfreuen. Wie auch an den vielen Ständchen, die Amseln abends bei Sonnenuntergang bringen. Fast so schön wie "eine kleine Nachtmusik" von Mozart. Und an den schimmernden Schmetterlingen in vielerlei Farben, die im Sonnenlicht umherflattern. Oder den zarten und doch herrlich glitzernden Libellen, die sich an die warme Hauswand krallen. Ich möchte sie einfach nicht missen: Meine grüne Oase hinter unserem Haus.
(26. Oktober 2005)
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