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Meine Lieblingsgeschichte
Solange ich denken kann, bin ich eine Leseratte. Auch heute noch, obwohl
das Lesen, seitdem auch mein Mann und ich zu den Computerbesitzern gehören,
etwas zu kurz kommt. Und doch wird Lesen immer zu meinen Lieblingsbeschäftigungen
gehören.
Neben Romanen lese ich sehr gerne Geschichten. Bücher mit Kurzgeschichten
haben den Vorteil, dass ich das Buch schnell wieder aus der Hand legen
kann. Auch kann ich eine Geschichte schnell zwischendurch lesen, wenn
ich noch Minuten Zeit habe, ohne den Faden zu verlieren.
Seit vielen Jahren gehört "Die kleinen Leute von Swabedoo"
zu meinen Lieblingsgeschichten, wenn sie nicht die Lieblingsgeschichte
überhaupt ist. Es ist ein romantisches Märchen voller Gefühl,
das es als kleines Buchheft zu kaufen gibt. Ich entdeckte es irgendwann
in meinem Lieblingsbuchladen in der Märchen-Abteilung und war angetan
von der äußeren Aufmachung.
Mitten auf der Titelseite prangt ein Stückchen Pelz, das den Inhalt
der Geschichte darstellt. Dieses weiche Pelzchen streicheln, ist bereits
eine Wonne. Das Lesen tut ein Übriges.
Als ich das Büchlein damals kaufte, kannte die Geschichte niemand
meiner Bekannten oder Verwandten. Ich erzählte vielen davon, verschenkte
das Büchlein auch mehrfach.
Irgendwann machte ich mir die Arbeit und tippte die Geschichte ab, druckte
sie auf hübsches Papier und hatte dadurch ein eigenes hergestelltes
Geschenk, das gefiel. Damals wusste ich noch nichts über eventuelle
Copyright-Verletzungen. Auf das Titelblatt klebte ich ein Reststück
Schaffell, von denen ich welche im Vorrat habe.
Da ich seit langer Zeit Rückenprobleme habe, schlafe ich nachts auf
einem echten Schaffell. Mein erstes kaufte ich in einer Schäfereigenossenschaft,
die "alles vom Schaf " vertreibt. In deren Warenkatalog entdeckte
ich, dass es auch einen Beutel Schaffell-Reste zu kaufen gibt. Für
- damals - wenige Mark. Ich bestellte einen Beutel mit der Überlegung,
ich könne ihn sicher irgendwann einmal gebrauchen.
Aus dieser Zeit hatte ich also kleine Restchen Felle vorrätig.
Als ich irgendwann ein neues Schaffell brauchte, las ich in einer Testzeitschrift
die besten Ergebnisse von Fellen. Eine kleine Gerberei im süddeutschen
Raum bekam diese für ihre Schaffellprodukte. Da deren Felle sich
außerdem noch durch den deutlich günstigeren Preis von meinen
bisher gekauften unterschieden, bestellte ich telefonisch das neue Fell
dort.
Nach drei Tagen erhielt ich ein Paket. Ich öffnete es mit Spannung
und ein bekannter Schafgeruch stieg mir entgegen. Ich streichelte mit
geschlossenen Augen über das herrlich weiche Fell und hielt mein
Gesicht hinein. Behutsam packte ich es aus, um es über den Balkonstuhl
zu hängen. Eine Nacht lang lasse ich das neue Fell etwas "ausduften",
bevor ich es in mein Bett lege.
Als ich den Karton zur Seite stellen wollte, entdeckte ich darin noch
eine kleine Rolle, die unter der Rechnung lag. Neugierig nahm ich das
Teil heraus, hatte ich doch gar nichts Weiteres in Auftrag gegeben.
Ein Lächeln überzog mein Gesicht, als ich sah, was es war. Meine
Lieblingsgeschichte, gedruckt auf einem Blatt Papier, das in ein Fellstückchen
eingewickelt war. Zugebunden mit einem bunten Bändchen. Ach, welch
eine hübsche, kleine Beigabe zu dieser Bestellung.
Vor Rührung und Freude, dass noch jemand diese Geschichte mag, rief
ich spontan bei der Lieferfirma an, um mich für diese nette Geste
zu bedanken. Ein junger Mann war am Telefon. Er erzählte u. a., er
sei gerade Vater geworden und sein Baby würde von Anfang an auf einem
Fell schlafen. Wir hatten eine sehr nette Unterhaltung.
Meine drei Enkelkinder schlafen im Übrigen ebenfalls auf einem Schaffell,
das sie von mir zur Geburt als Geschenk bekamen. Jedes Mal, wenn es geliefert
wurde, bekam ich ein kleines Fellchen mit Geschichte geschenkt. Ein geliebtes
Mitbringsel statt Blumen, wenn ich auf Besuch gehe. Oder als Verpackungsschmuck
zu einem Geburtstagsgeschenk. Dadurch haben inzwischen weitere Menschen
meine Lieblingsgeschichte kennen gelernt.
Eine meiner Schwestern hatte ich über einen langen Zeitraum nicht
gesehen. Als wir erneut begannen, telefonischen Kontakt aufzunehmen und
häufig miteinander telefonierten, erzählten wir uns irgendwann
auch von unseren Vorlieben beim Lesen.
Ich schwärmte über "die kleinen Leute von Swabedoo".
Welch herrliches, kleines Märchen es sei. Beinah hörte ich das
Lächeln im Gesicht meiner Schwester, als sie erzählte, dass
auch sie diese Geschichte seit vielen Jahren liebt. Auch, dass sie sie
bereits häufig verschenkt habe.
Mein Wahlspruch ist: Es gibt keine Zufälle. Immer wieder stelle ich
fest, dass sich dieser Spruch bewahrheitet.
Ein weiteres Erlebnis hatte ich vor kurzem im Internet. Ich lernte eine
Frau kennen, die eine umfangreiche Homepage besitzt. Wir kamen in Mailkontakt,
ich stöbere gern auf ihrer Seite und entdeckte, dass sie ein sensibler
Mensch ist.
Eines Tages erzählte ich ihr per Mail von meiner Lieblingsgeschichte.
Sie machte mich freudig darauf aufmerksam, dass genau diese Geschichte
auch auf ihrer Homepage zu finden sei. Auch wir haben den gleichen Geschmack,
was diese kleine Geschichte betrifft.
Ich erzählte ihr, dass ich den Text auf schönes Papier ausdrucke,
ein Stück Fell hinzu packe und so kleine Geschenke habe. Auch berichtete
ich ihr von der Schaffell-Firma, bei der es bei Bestellung eines Schaffells
ein kleines Geschenk gäbe. Sie will sich überlegen, ob sie vielleicht
auch eines kauft, denn ihr Rücken macht ebenfalls Probleme.
So bekommen immer mehr Menschen "die kleinen Leute von Swabedoo"
zu lesen.
Und haben hoffentlich genauso viel Freude daran, wie ich.
An meiner Lieblingsgeschichte ........
***** E N D E *****
© Karin Ernst
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