Mein Traum von Patchwork

Vor kurzem gab es im Fernsehen einen Film, den ich mir zum dritten Mal ansah. "Ein amerikanischer Quilt" basiert auf einem Buch, das ich vor vielen Jahren kaufte, und von dem ich damals begeistert war. Mein Wahlspruch lautet: Es gibt keine Zufälle. Auch dieses Buch hat damit zu tun.

Als mir das Buch mit dem Titel "Quilt" in der Antiquariatsecke eines Buchladens in die Hände fiel, kaufte ich es, ohne darin zu blättern. Das kommt selten vor, denn ich lese ein Buch gerne vor dem Kauf "an", um mich danach erst zu entscheiden. Bei diesem Buch war es anders. Es hatte eine magische Anziehungskraft, allein aufgrund seines Titelbildes.

Selbst jetzt, wo ich darüber schreibe, habe ich das Bild auf dem Buchtitel vor Augen. Es ist ein wunderschöner, herrlich bunter Quilt. Zusammengesetzt aus einzelnen, kleinen Stoffquadraten. Dieser Quilt brachte die Erinnerung an eine Zeit zurück, in der ich ein Hobby hatte, das ich besonders liebte: Patchwork.

Heute ist Patchwork nicht mehr sehr gefragt. Obwohl auch ich diese Handarbeit aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben kann, wird es immer zu meinen Interessen gehören. Ich kann in keinem Buchladen oder Handarbeitsgeschäft an dem Thema vorbei gehen. Wie oft bekomme ich einen Bildband in die Hand, den ich mir voller Freude anschaue. Oder ich entdecke in einer fremden Stadt einen Stoffladen mit einer Patchwork-Zubehör-Ecke. In diesen Laden muss ich dann unbedingt hineingehen, auch wenn ich nichts kaufen will.

Sehnsüchtig schaue ich zuerst ins Schaufenster, wage mich vorsichtig wie ein Kind an den Eingang des Ladens, bis ich mich traue, hineinzugehen.
"Darf ich mich bei Ihnen nur einmal umsehen?", frage ich.
"Auch wenn ich nichts kaufe?"
Immer bekomme ich dann die Antwort:
"Aber gerne. Sehen Sie sich in Ruhe um."
Vielleicht habe ich eine Sehnsucht in meinen Augen, die nur die Ladeninhaberin nachvollziehen kann. Denn wer einmal diesem Hobby verfallen ist, ist es für alle Zeiten. Das höre ich immer von den Frauen, denen ich, z. B. bei Ausstellungen, beim Quilten über die Schulter schaue.

Angefangen hat alles vor vielen, vielen Jahren......

Handarbeiten hat mich schon immer fasziniert, selbst in meiner Kindheit. Zuhause bekam ich damals aber nicht die nötige Unterstützung, so dass sich mein Tun zu der damaligen Zeit auf die schulischen Aufgaben im Handarbeitsunterricht beschränkte.

Mit 18 Jahren heiratete ich und kaufte mir bereits nach kurzer Zeit eine Nähmaschine. Nun war ich frei und konnte meine Wünsche in Richtung Handarbeiten ausleben. Stricken und Häkeln gingen mir gut von der Hand, Nähen kam nun hinzu.

Geld saß damals noch nicht so locker, wie heute in manchem Portemonnaie. Auch war ich Sparsamkeit immer gewohnt, behielt sie bei. Als ich das Nähen entdeckte, suchte ich nach Stoffen. Entdeckte in Kaufhäusern die entsprechenden Ecken, fand Spezialgeschäfte, in denen ich stöbern und kaufen ging. Auch wurde ich zur Sammlerin. Ich konnte an keiner Stoffrestekiste vorbei gehen, ohne dass ich nicht irgendein Stückchen kaufte. Mein Schrank zuhause füllte sich zusehends.

Ich nähte Tischdecken und Gardinen. Gerade Teile waren einfach. Ich lernte immer mehr hinzu, indem ich Schnittmodenhefte kaufte. Dann begann ich, meine eigene Garderobe zu schneidern. Es machte mir immer mehr Spaß, weil mir niemand über die Schulter sah und mit erhobenem Zeigefinger mahnte, es ordentlich zu machen. Ich hatte Spaß am Nähen.

Eines Tages, nachdem das Nähen bereits zum festen Bestandteil meines Lebens gehörte, fand ich in einem Modeheft die Anleitung für eine Babydecke, aus Stoffresten zusammengesetzt. Voller Begeisterung stürzte ich mich auf die Vorbereitung. Eine Freundin erwartete gerade ihr erstes Baby, so dass ich ein schönes Geschenk herstellen würde.

Das Wort Patchwork war mir bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht geläufig. Jetzt aber wurde etwas in mir wachgerüttelt. Nannten manche Leute es auch "Flickwerk". Für mich war es reinste Kreativität, denn nun konnte ich meine Fantasie spielen lassen. Und von meinen Stoffvorräten Gebrauch machen. Mit Eifer machte ich mich an die Arbeit und war von dem Ergebnis begeistert. Viel Zeit, Arbeit und Liebe legte ich in diese Handarbeit. Als die Decke fertig war, breitete ich sie eine Zeitlang auf dem Fußboden aus und konnte mich an dem Endergebnis nicht satt sehen. Vielleicht war noch die eine oder andere Naht nicht vollkommen gerade, aber die Decke war gelungen!

Das Gesicht meiner Freundin zu diesem selbst gemachten Babygeschenk werde ich nie vergessen.

Nach und nach kamen weitere Decken hinzu. Immer die gleiche Art, nur jeweils andere Farben. Die Freude in den Gesichtern der Beschenkten war für mich Lob und Dank.

Bald wurde ich selber das erste Mal schwanger. An Patchwork dachte ich in der Zeit nicht, aber das Nähen blieb mein Hobby. Ich baute das Nestchen (Bettchen) für mein erstes Kindchen selbst. Wir kauften ein gebrauchtes Kinderbett, das von Grund auf restauriert und neu gestrichen wurde. Die Innenbekleidung und den Himmel nähte ich selbst. Auch die Bettwäsche. Ebenfalls mancherlei kleines Teilchen, das ein Baby so braucht. Nebenbei wurde gestrickt und gehäkelt.

An diese Schwangerschaft, wie später auch an die zweite, habe ich schöne Erinnerungen.

Als meine beiden Töchter heranwuchsen, konnte ich das Nähen selten als Hobby ansehen. Es wurde eine Pflicht, die mir aber weiterhin Spaß machte. Es ging mir inzwischen mühelos von der Hand.

Patchwork behielt aber die ganze Zeit über eine Faszination für mich. Hatte ich irgendwo Gelegenheit, mir selbst gefertigte Quilts anzusehen, so tat ich es. Besuchte Handarbeitsausstellungen, oder Handwerkermärkte mit entsprechenden Ständen, kam mit den Künstlerinnen ins Gespräch und bewunderte ihre Stücke.

Mehrere Bücher hatte ich inzwischen gekauft, mich mit den verschiedenen Mustern und deren Namen vertraut gemacht, wusste über die Ursprünge Bescheid. Auch las ich über die Amish-People, deren Frauen die herrlichsten Quilts herstellen. Eines meiner Lieblingsbücher spielt bei den Amishen, auch darin geht's um Nähen von Patchwork.

Viele Jahre gelangte dann Patchwork in die letzte Ecke meiner Gedanken. Nie ganz vergessen, gab es in meinem Leben andere Wichtigkeiten. Die Kinder wuchsen heran, nahmen meine Zeit in Anspruch.

Nach einigen Jahren begann ich wieder zu arbeiten, für Hobbys war nicht mehr viel Zeit. Dann kam der schwärzeste Tag in meinem Leben. Ich hatte einen schrecklichen Unfall. Wie ich es aber heute sehen kann, bekam ich damals ein neues Leben geschenkt.

Kurz nach der Einlieferung in eine Spezialklinik kam ich wieder mit Handarbeit in Berührung. Diesmal war es allerdings das Korbflechten. Um meine Armmuskeln zu stärken, brachte man mir ans Bett, in dem ich 9 Wochen lang stramm auf dem Rücken liegen musste, Peddigrohr, das ich zu Körbchen und anderen Teilen verarbeiten lernte. Es machte mir nach anfänglichen Schwierigkeiten bald viel Spaß. Der Muskelaufbau war gewährleistet, ich bekam neuen Lebensmut.

Nach knapp 7 Monaten Rehabilitation wurde ich als Gehbehinderte nachhause entlassen. Ein schweres Leben begann, ich erhielt aber auch die Chance, diesen Kampf zu gewinnen. Nach einer Anfangszeit der Eingewöhnung suchte ich nach erneuter Beschäftigung, da ich kaum noch Hausarbeit erledigen konnte. Ich erinnerte mich an meine Nähmaschine.

Wer näht, weiß, dass zu einer elektrischen Nähmaschine ein Fußpedal gehört, ohne das der Motor nicht läuft. Wie sollte ich mit meinem gelähmten Fuß das Pedal bedienen können? Beinah verzweifelte ich, wollte bereits den Gedanken an eine Handarbeit wieder aufgeben, als ich die Lösung fand: Ich legte das Pedal auf den Tisch, um es mit einem Ellbogen zu bedienen. Es funktionierte, brauchte allerdings eine Zeit der Übung. Die aber lohnte sich.

Nun begann ich erneut, mich für Patchwork zu interessieren. Immer noch nicht nach Regeln, wie z. B. die Patchwork-Gilde sie empfiehlt, aber die Lust, Stoffstücke zusammen zu setzen, war geweckt. Ich fing an, Einkaufstaschen zu nähen. Als Muster nahm ich mir einen geschenkten Stoffbeutel, wie man ihn beim Einkaufen in jedem Laden für wenige Cent heute noch bekommt. Das Maß übertrug ich auf Stoffreste.

Bis heute weiß ich nicht, wie viele dieser bunten Stoffbeutelchen ich inzwischen genäht und verschenkt habe. Jeder, der wollte, konnte einen bekommen. Niemand brauchte mehr Werbung für ein Geschäft zu laufen, sondern konnte mit einem Beutelchen aus hübschem buntem Stoff einkaufen gehen. Es machte mir viel Spaß.

Nach einer Weile begann ich, kleinste Stoffstückchen zurecht zu schneiden. Diese legte ich auf den Schriftzug der gekauften Werbebeutel, um diesen zu übernähen. Patchwork nahm Fortschritte an. Auf diese Idee wurde ich häufig angesprochen, und ich bin sicher, dass sie mehrfach übernommen wurde. Selbst alte Geschirrhandtücher konnte ich verwerten, wie auch Teile von ausrangierten Oberhemden oder Blusen.

Nach den Einkaufsbeuteln folgten kleine Kissen oder Tischsets. Quadrate und Streifen wurden aneinandergesetzt zu einer Kissenhülle, oder Sets mit Servietten. Ich konnte mit Farben und Materialien spielen. Es war reinste Wonne, meine Kreativität ausleben zu können und half mir bei der Bewältigung meiner Schmerzen.

Fast vergaß ich meine Behinderung.

Eines Tages wagte ich mich daran, mir einen langgehegten Wunsch zu erfüllen. Endlich wollte ich einen richtigen Quilt herstellen. Eine Bettdecke, aus kleinsten Stoffstückchen genäht. In meinem Kopf wurde zwar eine Stimme laut, die mich vor der vielen Arbeit warnte, aber die überhörte ich geflissentlich. Ich wollte es schaffen.

Eine mühsame Vorbereitung begann. Mein Schwager schnitt mir aus festem Kunststoff meine Schnittvorlagen zurecht, weil ich dieses Hobby nun auf Dauer ausüben wollte. Pappe würde sehr schnell kaputt gehen, wenn ich viele Sachen nähen wollte.

Dann begann das Zuschneiden der Einzelteile, die ich zur Decke benötigte. Ich bin ein geduldiger Mensch, denn Geduld ist unbedingt erforderlich. Aber diese Arbeit hatte ich mir nicht so schwer vorgestellt. Das Zuschneiden ging mir noch einigermaßen von der Hand, weil ich es auf dem Küchentisch erledigen konnte.

Nachdem ich alle Teile ausgeschnitten und stapelweise nach Farben sortiert hatte, musste ich ein Muster legen. Das wiederum ging nur auf dem Fußboden. Man beginnt in der Mitte des Musters und legt nach und nach außen die Teilchen aneinander. Ein Stück habe ich geschafft, danach flossen die Tränen.

Ein Traum war zerstört.

Aufgrund meiner Behinderung fiel es mir schwer, auf dem Boden zu krabbeln, um die Muster aneinander zu legen. Ich hätte auf die Stimme in meinem Kopf, bzw. auf die meines Mannes hören, vielleicht auch bei meinen Stoffbeuteln oder Kissenhüllen bleiben sollen.

Über tausend passende Stoffstückchen waren zurecht geschnitten. Der Stoff vorher gewaschen und gebügelt. Jetzt nahm ich allen Mut zusammen und trocknete erst mal meine Tränen. Dann sammelte ich alle Stoffstückchen sorgsam wieder ein und legte sie beinah feierlich in einen Karton, stapelweise nach Farben sortiert.

Mit einem letzten Seufzer packte ich sämtliches Zubehör, das zu dieser Decke gehörte, dazu. Auch die Schablonen, die mein Schwager geschnitten hatte. Die Frau, an die ich diesen Karton weitergeben würde, würde sie gut gebrauchen können.

Meine damalige Haushaltshilfe, die im Nähen ebenfalls recht geschickt war und mein Tun bewunderte, freute sich sehr, als ich ihr den Karton schenkte. Sie konnte es gar nicht fassen, und wir umarmten uns unter Tränen.

Nach einigen Monaten lud sie mich einmal zum Kaffee ein, damit ich mir "meine" fertige Patchworkdecke ansehen konnte.

Es war nur ein kleiner Trost.

Seitdem habe ich nie wieder ein Stück Stoff angefasst.

In Gedanken lockt das Hobby aber weiterhin. Manchmal schlendere ich wieder in Kaufhäusern träumend durch die Stoffabteilungen. Fantasiegebilde entstehen in meinem Kopf, aber ich halte mich zurück.

Endlich habe ich mich mit dem Gedanken abgefunden, dieses Hobby nicht mehr ausüben zu können, und meine Nähmaschine inzwischen meiner Tochter geschenkt. Sie wird aber wahrscheinlich nie an Patchwork interessiert sein.

Vielleicht kann ich irgendwann einmal jemandem von meiner Freude über dieses geliebte Hobby erzählen.

Vielleicht hat diese Frau danach Interesse an ... Patchwork.

Ich wüsste schon jemanden.........

 

***** E N D E *****



© Karin Ernst