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Zu meinen Besorgungen
fahre ich meistens mit dem Bus. Gerne beobachte ich während der Fahrt
mitfahrende Menschen. Woher kommen sie? Wohin fahren sie? Alles Unbekannte,
alle haben ihr Leben....
Die alte Frau dort hinten. Mit Falten im Gesicht, die von einem langen
Leben erzählen. Lebt sie allein, jetzt, in ihrer Wohnung? Vielleicht
ist sie Witwe. Hoffentlich hat sie Kontakte, auch zu anderen Menschen.
Vielleicht sind ihre Kinder und Enkel weit weg. Mag sie jetzt träumen
von ihnen. Vielleicht hat sie nur wenige Bekannte. Traut sich nicht, Neues
zu wagen. Gehört vielleicht zu denen, die krank geworden sind. Viel
zum Arzt gehen. Dort finden sich im Wartezimmer Gesprächsmöglichkeiten,
wenn auch nur für kurze Zeit. Ich gönne es ihr. Möge sie
manch freundliches Wort hören. Heute.
Die junge Mutter mit dem Kinderwagen. Sie macht ein sorgenvolles Gesicht.
Eigentlich könnte sie sich freuen über ihr kleines Kindchen.
Ich schaue genauer hin. Es ist noch klein, das Kind. Aber ein kleines
Mongo. Jedenfalls höre ich zwei Jungen sich darüber unterhalten.
Sie benutzen dieses Wort. Vielleicht hat die Mutter es gehört. Vielleicht
wollten die Jungen, dass sie es versteht. Es klang abfällig. Ich
sehe mir das Kind an. Lächle ihm zu. Das Down-Syndrom ist unverkennbar.
Aber es strampelt und freut sich, als ich schaue. Will erzählen.
Die Augen der Mutter treffen sich mit meinen. Ich lächle ihr zu,
als wolle ich sagen: Du schaffst das schon. Lass dich von den dummen Jungen
nicht beirren. Dein Kind wird seinen Weg gehen. Heute hat es viele Möglichkeiten.
Und du wirst ihm dabei helfen.
Ein Mann in feinem Zwirn hält seinen Aktenkoffer auf dem Schoß.
Holt ein Handy heraus, will telefonieren. Sicherlich mit seinem Büro.
Jetzt packt er sein Laptop aus, fängt an zu tippen. Er gehört
wahrscheinlich zu den Menschen, die nur an ihre Karriere denken. Immer
und allzeit einsatzbereit sind. Er könnte die Zeit der Busfahrt auch
nutzen, um zu entspannen. Oder aus dem Fenster zu sehen. Zu erkennen,
daß es noch ein anderes Leben gibt. Außerhalb des Büros.
Ganz vorne sitzt ein Ehepaar. Beide sind schwarz gekleidet. Die Frau trägt
einen Blumenstrauß. Beide sehen traurig aus. Möglicherweise
fahren sie zu einer Beerdigung. Hoffentlich nicht zu der ihres eigenen
Kindes. Dann wären sie aber sicherlich von anderen Verwandten mitgenommen
worden. Also vermute ich, daß es sich um eine Nachbarin oder einen
Nachbarn handelt, die oder der gestorben ist. Sie wollen ihr oder ihm
das letzte Geleit geben.
Oft genug lese ich, daß Menschen sterben, die allein gelebt haben.
Keine Verwandten, keine Bekannten. Nur Nachbarn. Traurig werde ich bei
der Vorstellung, selbst eines Tages so allein zu sein. Hoffentlich habe
ich dann nette Nachbarn, mit denen ich mich gut verstehe. Die werden dann
zu meiner Beerdigung kommen. So werde ich wenigstens einen Blumenstrauß
bekommen, zum Abschied.
Kurz hinter mir sitzt eine junge Frau. Sie trägt ein Kopftuch. An
der übrigen Kleidung ist zu erkennen, dass sie keine Muslimin ist.
Sehr blass sieht sie aus, hat starke Augenränder. Ihr Kopftusch verrutscht
ein wenig. Ich erschrecke kurz, denn sie hat keine Haare. Sicher hat sie
eine schwere Krankheit, vielleicht Krebs. Zu der Behandlung kann auch
Chemotherapie gehören. Des öfteren las ich, dass durch eine
solche den Patienten die Haare ausfallen. Vielleicht fährt sie jetzt
zu einer weiteren Behandlung ins Krankenhaus. Muss leiden für einen
Tag, oder mehrere Stunden. Warum fährt sie allein? Sie ist höchstens
16 - 18 Jahre alt. Hat sie keine Eltern, die sie begleiten können?
Oder einen Freund, eine Freundin? Fast muss ich schlucken, so traurig
werde ich bei der Vorstellung, wie sie ganz allein auf einer Behandlungsliege
liegen wird. Innerlich wünsche ich ihr von ganzem Herzen, daß
sie wieder gesund wird. So jung, wie sie noch ist.
In einer Ecke sitzt eine weitere junge Frau. Auch sie sieht nicht gut
aus. Ausgemergelt, unsauber, verfilzte Haare. An ihren kurzen Ärmeln
kann ich erkennen, dass sie stark vernarbte Arme hat. Sie zittert stark
und sieht mit starrem Blick geradeaus. Vielleicht ist sie eine Obdachlose.
Muss versuchen, Geld zu verdienen für ihren nächsten Schuss
Rauschgift. Dieses Gift hat sie vielleicht noch nicht. Weiß nicht,
wie sie es beschaffen kann. Für den Moment.
Sicherlich ist mein Gedanke nicht richtig. Meistens möchte ich eher
helfen, wenn ich Elend sehe. In diesem Falle aber drehe ich den Kopf weg,
denke nur: Armes Luder. Auch ihr wünsche ich ein besseres Leben,
das sie hoffentlich hatte. Früher.
Zu meiner Freude sitzt auf einem anderen Platz eine Frau mit einem kleinen
Mädchen. Das Mädchen hält ein Püppchen ganz fest im
Arm. Die Puppe trägt einen Verband am Arm. Mutter und Kind sehen
ernst aus. Ich stelle mir vor, dass das Kind der Mutter erzählt hat,
Püppchen sei gefallen. Es hat einen kaputten Arm. Mutter hat den
Arm verbunden und versprochen, zum Puppendoktor zu fahren. In unserer
Stadt gibt es eine Puppenklinik. Vielleicht sind beide auf dem Wege dorthin.
Das würde mich freuen, hätte doch die Mutter für dieses,
ihr Kind, Verständnis. Das ist heute nicht selbstverständlich.
Dass sich eine Mutter Zeit nimmt für etwas "Unwichtiges".
Ein Musiker fährt ebenfalls mit dem Bus. Er trägt ein Instrument.
Ich denke, es könnte ein Blasinstrument sein, vielleicht eine Klarinette.
Er summt leise vor sich. Vielleicht fährt er zur Orchesterprobe,
stellt sich gedanklich das zu spielende Werk noch einmal vor. Er sieht
glücklich aus. Oder zufrieden. Oft beobachte ich, dass Menschen,
die musizieren, glücklich aussehen. Ob sie singen oder ein Instrument
spielen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie froh Musik machen kann.
Auch wenn ich selber kein Instrument spiele, nur ein wenig Mundharmonika.
Ich wünsche mir innerlich, er möge Mozart spielen. Vielleicht
mein Lieblingsstück, das Klarinettenkonzert. Innerlich summe ich
mit.
Vorne im Bus, auf dem Kinderwagenplatz, steht ein Mann mit einem Tiertransportkorb.
Darin sitzt ein Kätzchen. Sicher ist dieses Kätzchen krank,
es miaut kläglich. Oder es fühlt sich nur eingesperrt, kann
es doch nicht rumrennen. Der Mann lebt vielleicht allein. Seine ganze
Freude ist diese kleine Katze. Ich wünsche beiden, dass die Katze
nicht sehr krank ist, so dass sie geheilt werden kann. Vielleicht braucht
sie auch nur eine Impfung. Ich lächle dem Mann zu, er lächelt
zurück.
Auch gibt es Schülerinnen und Schüler, die zur Schule müssen.
Sie unterhalten sich lauthals, oder sehen noch richtig müde aus.
Dann wirken sie wie kleine Kinder. Wollen sie doch sonst cool erscheinen.
Frauen mit Taschen und Körben fahren auch mit. Jede geht ihren Gedanken
nach. Gedanken daran, was sie einkaufen müssen.
Nie werde ich erfahren, was in Wirklichkeit in ihnen vorgeht. In den Menschen,
die mit mir im gleichen Bus fahren. Jeder hat sein Leben. Auch ich......
***** E N
D E *****
© Karin
Ernst
Bild: ©
Anja
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