Mittagspause in der Stadt

Wenn ich unterwegs in der Stadt bin, oder nach einer krankengymnastischen Behandlung, esse ich gerne mittags bei meinem "Lieblings-Türken".
Es ist ein großes Restaurant, schlicht eingerichtet, mit Selbstbedienung. Das Essen ist schmackhaft, immer frisch zubereitet, und es gibt auch Grillfleisch vom berühmten Drehspieß.
Dazu kostenloses Fladenbrot, das allein, wenn es frisch ist, eine Delikatesse ist. Die Bedienung ist durchweg freundlich. Meist wird mir geholfen, das Essentablett an meinen Tisch zu bringen. Ein kleiner Plausch ergibt sich.

Wenn ich dort esse, lasse ich mir Zeit. Die brauche ich sowieso zum Essen, weil ich sehr langsam esse. Gerne gehe ich daher schon am frühen Mittag zum Essen.

Wenn ich mit meinem Essentablett am Tisch sitze, hole ich zuerst Block und Stift aus meiner Tasche, deponiere sie auf dem Tisch. Beides habe ich gern griffbereit zum Notieren meiner Gedanken.

Oft schon bemerkte ich, wie plötzlich der Sturm los brach. Anders kann ich es nicht nennen. Es scheint, als würden Menschen zu gleicher Zeit zum Essen kommen. Ganze Menschenscharen rennen - so scheint es - auf einmal in den Raum, in dem ich sitze und nehmen Platz zum Essen.

Jeder trägt ein Essentablett, meist noch ein Dosengetränk. Stühle werden gerückt, Menschen schwatzen und lachen. Aus einer Ecke dröhnt fremde Musik. Manches Handy klingelt, der Anrufer meldet sich. Der Geräuschpegel hat sich innerhalb weniger Minuten derart erhöht, dass ich mich in Ruhe umsehen kann, denn an Schreiben ist nicht mehr zu denken.

An manchen Tischen sitzen Gruppen von Menschen, die sich zu kennen scheinen. Sie schaufeln die teilweise übervollen Teller in einer Zeit leer, die mich amüsiert. Das Brotstück hinterhergestopft, oder den Teller damit abgewischt, schnell einen Schluck aus der kalten Dose hinterher. Das dauert nur wenige Minuten. Den letzte Bissen noch nicht runtergeschluckt, erheben sie sich schon wieder. Stuhl zurückgeschoben, Tablett geschnappt, zur Geschirrablage gebracht.

Ein Gast trifft einen anderen. "Ach hallo", du auch hier". Ich höre: "Keine Zeit", oder: "Bin im Stress", "wir telefonieren", und tschüß.

In der Küche, die Helfer, schaffen es kaum, das abgestellte Geschirr so schnell abzuräumen, wie es nachgereicht wird. Schnell werden die Menschen unruhig, sie haben doch keine Zeit....

Immer noch sitze ich an meinem Tisch, als es langsam ruhiger wird. Die Schnelligkeit, mit der der Menschenstrom wieder verschwunden ist, fasziniert mich jedes Mal.

Selbst Mütter mit Kindern kommen in dieses Lokal. Oft mehrere zusammen, ein Durcheinander von Kindern. Die Geräuschkulisse wächst. Ich überlege, wie viel das kostet, wenn Mütter mit mehreren Kindern hier essen. Wird heute nicht mehr gekocht, zuhause? Welch eine Unruhe für die manchmal kaum wenige Wochen alten Säuglinge.

Aber das sind Gedanken, die ich für mich behalte. Sonst würde ich mich sicher unbeliebt machen. Ich habe nämlich selbst zwei Töchter aus dieser Generation....

Ich denke an meinen Mann, der jetzt im Büro sitzt. Er wird dort in Ruhe sein Butterbrot auspacken, dazu Obst und frisches Gemüse. Statt der Hektik, die ich hier beobachte, kann er die Mahlzeit verzehren, die ich ihm morgens liebevoll zurecht mache. Manchmal macht er danach noch einen kleinen Spaziergang.

Den allerdings machen die Kunden, die hier gegessen haben, auch, denn sie müssen ja hin- und herlaufen zu diesem Restaurant. In Ruhe geschieht das sicherlich nicht.

Nun sitze ich wieder fast allein. Immer noch an meinem Platz, Teller leergegessen, Stift und Papier neben mir.

Ich überlege: Sollte ich etwa die Einzige sein, die ZEIT hat?

Beim Hinausgehen beobachte ich, wie manche Kunden sich das Essen einpacken lassen, zum Mitnehmen an ihren Arbeitsplatz. Ist es nicht bereits kalt, wenn sie dort ankommen? Das kann doch nicht mehr schmecken. Gesund ist diese Mahlzeit gewiß nicht.

Aber das ist meine Meinung.

Auch ich werde wiederkommen, um hier zu essen. Ab und zu. In aller Ruhe. An meinem Stammplatz, mit Stift und Block neben mir.

Bis er wieder losbricht, der Sturm der Mittagspause.

 

***** E N D E *****



© Karin Ernst