Heute steht mal wieder ein Arztbesuch an. Beim Orthopäden, dem ich seit vielen Jahren treu bin.

Ich habe - wie immer - einen festen Termin, treffe auch pünktlich in der Praxis ein. Aber - oh Schreck! - meine Laune sinkt, als ich durch die Glastür ins Wartezimmer sehe. Außer einem ist jeder Stuhl besetzt und fünfzehn weitere Patienten stehen im Raum. Ich setze mich auf den noch freien Platz.

Meine Stimmung bessert sich zusehends. Ich erinnere mich an den Schreibblock, den ich zu dichterischen Zwecken ständig in meiner Handtasche bei mir trage. In Warteräumen ausliegende Zeitschriften nehme ich nicht gerne, weil sie häufig zerlesen und unansehnlich sind. Außerdem neige ich dazu, meine Lesebrille zu Hause zu vergessen. Schreiben geht (noch) ohne diese.

Bevor ich mich entschließe, Block und Stift aus der Tasche zu nehmen, sehe ich mich verstohlen um. Gerne beobachte ich andere Menschen, versuche, ihre Gesichter zu studieren. Außerdem steht in diesem Zimmer ein wunderschönes, großes Aquarium mit herrlich bunten Fischen. Es fasziniert mich bei jedem Besuch erneut. Ich halte es für eine einfallsreiche Idee, die sich das Praxisteam zur Überbrückung der Wartezeit seiner Patienten einfallen lassen hat. Besonders für Kinder ist dieses Aquarium eine Ablenkung für längere Zeit.

Nach einer Weile bin ich des Herumsehens müde. Ich möchte schreiben. Unter Menschen werde ich oft inspiriert. Also nehme ich Block und Lieblingskugelschreiber aus meiner Tasche, ausnahmsweise eine dicke Illustrierte als Unterlage und beginne, über die ersten Worte eines Gedichtes nachzudenken. Bald fliegt der Stift übers Papier.

Während ich zwischendurch nachdenke, schaue ich mich um. Mitpatienten beobachten mich interessiert. Ich sehe ihnen an, dass sie überlegen, was ich wohl schreibe. Vor allem liegt ein Lächeln auf meinem Gesicht. Selten lächeln Menschen, wenn sie beim Arzt warten müssen. Ich lächle, weil ich gerne schreibe.

Nach und nach leert sich der Raum. Letztendlich sitzen, außer mir, noch zwei Leidensgenossen hier. Eine Frau spricht mich an: "Darf ich fragen, was Sie schreiben? Sie sehen so glücklich aus."
Ich spüre die Hitze in meinem Gesicht. Glücklich? Das kann man mir ansehen? Es freut mich, dass ich einen solchen Eindruck hinterlasse.
"Ich schreibe Gedichte und entwerfe gerade ein neues", antworte ich. "Aber ich bin keine Frau Goethe", werfe ich schnell noch ein. Mein Gedicht ist inzwischen grob fertig. Ein paar Änderungen soll es daheim noch erfahren.
Der männliche Patient schaut interessiert von seinem Kreuzworträtsel hoch. "Dass es so etwas heute noch gibt", staunt er.

Mutig wagt die Patientin, mich zu fragen: "Würden Sie vielleicht netterweise vorlesen, was Sie zu Papier gebracht haben?"
Ich bekomme abermals einen roten Kopf. Das ist eine Frage, mit der ich nicht gerechnet habe. Noch nie las ich außerhalb meiner Wohnung etwas aus meinen Werken vor. Die Freude in mir jedoch siegt. Ich nehme allen Mut zusammen und lese, nach anfänglich leichtem Stottern, mein Gedicht "Herbstanfang" zwei fremden Menschen vor. Nachdem ich geendet habe, ist es völlig ruhig im Raum. Der Mann ergreift als Erster das Wort: "Das ist ja fantastisch. Und so etwas haben Sie in der kurzen Zeit, während Sie hier sitzen, geschrieben?" Beinah fassungslos blickt er mich an. Die Frau spricht ebenfalls ihre Begeisterung aus, wird dann aber durch den Lautsprecher zur Behandlung gerufen. Wir verabschieden uns freundlich voneinander. Sie wünscht mir weiterhin gutes Gelingen beim Schreiben.

Einen Moment lang unterhält sich der Mann weiter mit mir. Ich erzähle, dass ich sehr gerne auch Kinder-Geschichten schreibe und ab und zu auch etwas für Erwachsene. Er findet es sehr interessant, eine Person kennen zu lernen, die Interesse am Schreiben hat. Dann gilt der Ruf durch die Sprechanlage mir. Schnell raffe ich Handtasche, Block und Stift, ergreife meinen Gehstock und begebe mich über den Flur ins Sprechzimmer.

Gerade, als ich meinen Stift in der Handtasche verstaue, kommt der Arzt herein. Ihm habe ich bereits vor längerer Zeit erzählt, dass mir das Schreiben bei der Bewältigung meiner Schmerzen hilft. Er begrüßt mich, sieht meinen Block und fragt: "Haben Sie wieder etwas geschrieben?"
Erneut erröte ich und wundere mich darüber. Ich dachte bisher, aus dem Alter, in dem man rot anläuft, sei ich bereits seit längerem heraus.
"Ja, ich hatte genügend Zeit und habe ein Herbstgedicht geschrieben", antworte ich.

Er schaut erst mich an, dann auf den Block und fragt leise: "Würden Sie es mir eventuell vorlesen? Bitte! Ich könnte ein paar Minuten Entspannung wirklich gebrauchen. Der Vormittag war hektisch, wie so oft."
Einen kurzen Augenblick lang studiere ich sein Gesicht, das sehr müde wirkt, und überlege, ob er es ernst meint.
Der Doktor hat es sich bereits auf seinem Schreibtischstuhl bequem gemacht, die Hände locker auf den Schreibtisch gelegt und wirkt ehrlich interessiert.
Zum zweiten Mal am heutigen Tag beginne ich, mein Gedicht, das noch als gekritzelter Entwurf auf dem Block steht, vorzulesen. Erst ein wenig schüchtern, dann immer offener.

Hinterher schüttelt der Arzt kurz, wie irritiert, den Kopf. "Das haben Sie eben, in der Zeit, in der Sie gewartet haben, geschrieben? Ich kann's nicht fassen." Er sieht mich skeptisch an.
"Ja! Ich hatte fast eine Stunde Zeit", antworte ich.
"Das ist ja fantastisch. Richtig lyrisch", meint er. "Sie sollten Lesungen veranstalten."
Ich freue mich über seinen Ausspruch und strahle.
Spontan wechselt er das Thema und fragt mich nach meinen Beschwerden. Wir gehen zur Tagesordnung über.

Als wir uns nach meiner Behandlung voneinander verabschieden, sieht er mir lächelnd ins Gesicht. Er reicht mir sogar die Hand, wozu er sich sonst selten Zeit nimmt.

Auf dem Heimweg denke ich darüber nach, dass solche Lesungen die Zeit der Patienten im Wartezimmer des Orthopäden verkürzen könnten. Den Gedanken verwerfe ich zwar wieder, gehe aber froher Dinge, pfeifend und - für meine Verhältnisse - forschen Schrittes zur Haltestelle.

Nachdem ich später zu Hause das Gedicht im Computer gespeichert habe, denke ich spontan darüber nach, dem netten Arzt ein Exemplar zu senden.

Ich hole einen Umschlag...



***** E N D E *****

 

 

© Karin Ernst