Erschrocken fährt Franziska im Bett hoch. Was war das für ein Geräusch? Sie schaut auf das Nebenbett, aber Björn, ihr Mann, ist bereits aufgestanden. In diesem Moment kommt er ins Schlafzimmer. "Guten Morgen, mein Schatz. Hast Du Dich erschrocken?" fragt er. "Oben ziehen wohl gerade die neuen Nachbarn ein. Jedenfalls steht der Möbelwagen schon vor der Tür". Jetzt fällt es Franziska wieder ein. Die Wohnung über ihnen stand eine Weile leer. Sie wußten aber, daß sie neu vermietet ist.

Ein wenig schwerfällig erhebt sie sich aus dem Bett. Morgens geht's bei ihr besonders langsam. Sie hat das Gefühl, erst ihre Knochen sortieren zu müssen. Daran hat sie sich aber seit langem gewöhnt. Ihre Gehbehinderung hat sie durch einen Unfall vor vielen Jahren zurückbehalten. damit kommt sie aber ziemlich gut zurecht. "Ach ja, die meisten Menschen haben nur am Wochenende Zeit, ihren Umzug zu planen. Na gut, dann stehe ich auf", sagt Franziska zu Björn und folgt ihm in die Küche. Der Frühstücktisch ist gedeckt. Wie jeden Morgen. Björn verwöhnt sie regelmäßig morgens, weil er eine Stunde vor ihr aufsteht. Er ist Banker. Die aktuellen Aktienkurse morgens im Fernsehen zu verfolgen, ist für seinen Beruf wichtig. In aller Ruhe ein Täßchen Kaffee dazu. Das ist sein Rhythmus. Mit dieser Lösung haben sich beide arrangiert.

Franziska schaut neugierig aus dem Küchenfenster. Ein großer Möbelwagen steht unten vorm Haus. "Kannst Du das Autokennzeichen erkennen?" fragt sie ihren Mann. "EUT", liest er vor. "Das bedeutet Eutin. Die neuen Mieter kommen aus Schleswig-Holstein. Na, mal sehen, was für Leute es sind". Beide setzen sich zum Frühstück.

"Wenn Du nachher zum Einkaufen bist, kann ich ja mal schauen gehen", überlegt Franziska. "Vielleicht kann ich eine Tasse Kaffee anbieten". Ihr Mann hält das für eine gute Idee. Bald darauf fährt er los. Franziska zieht sich an und räumt anschließend die Wohnung auf. Im Treppenhaus ist es ruhiger geworden. Sie nimmt ihren Handstock, den Hausschlüssel und geht eine Etage höher. Im dritten Stock ziehen die neuen Mieter ein. Die Wohnungstür oben ist geschlossen. Sie klingelt. Nach kurzer Zeit öffnet ein kleines Mädchen.

"Guten Tag. Ich bin Eure Nachbarin aus der zweiten Etage". In diesem Moment kommt eine rothaarige junge Frau. "Entschuldigen Sie, daß ich nicht selbst geöffnet habe. Meine Tochter hat die Klingel wohl zuerst gehört", sagt sie lachend. Einen fröhlichen, wenn auch leicht chaotischen Eindruck macht sie. "Mein Name ist Franziska Erdmann. Ich sagte schon zu Ihrer Tochter, daß ich unter Ihnen wohne". Die Frauen geben sich die Hand. "Ich heiße Saskia Fischer. Und das ist Merle", stellt die junge Frau sich und ihre Tochter vor. "Hast Du auch ein Kind?" fragt jetzt neugierig Merle und gibt Franziska die Hand. "Nein", lacht die. "Das heißt, ich habe Kinder. Zwei Töchter. Beide sind aber schon erwachsen und wohnen nicht mehr hier". "Ach, schade!" ruft jetzt Merle.

"Ich möchte nicht stören, Frau Fischer. Wollte nur fragen, ob ich Sie vielleicht zu einer Tasse Kaffee einladen darf. Ihre Familie natürlich auch. Ihr Mann ist wohl sehr beschäftigt?" Das Gesicht von Frau Fischer verändert sich leicht. Sie lacht nicht mehr. "Ich werde mit Merle hier allein wohnen. Als alleinerziehende Mutter. Aber wir kommen ganz gut zurecht, nicht wahr, Merle?" fragt sie ihre Tochter. "Gerne nehme ich Ihre Einladung an. Dürfen wir in einer Viertelstunde kommen? Dann werden die Möbelpacker wohl fertig sein".

Franziska geht zurück in ihre Wohnung und richtet ein zweites Frühstück. Eine große Kanne Kaffee kocht sie. Wenn Björn zurück kommt, wird auch er eine Tasse trinken wollen. Was gebe ich nur der Kleinen? überlegt sie. Der Apfelsaft im Kühlschrank fällt ihr ein. Am Wochenende hatten sie Besuch von ihrer Tochter und den Enkelkindern. Die Kleinen trinken am liebsten Apfelschorle, so daß noch Apfelsaft übrig geblieben war. Dann bestreicht sie einige Scheiben Brot. Die beiden werden Hunger haben, denkt sie.

Björn kommt vom Einkauf zurück. "Ich war oben und habe unsere Nachbarn eingeladen. Sie kommen gleich herunter", erzählt Franziska ihrem Mann. "Es sind eine junge Frau mit ihrer Tochter. Saskia Fischer heißt sie, und die Kleine Merle". "Welch hübsche Namen", antwortet Björn. Kurz danach klingelt es. Die Nachbarin und Merle kommen herein. "Nun langen Sie aber auch zu", fordert Björn sie auf, nachdem er sich vorgestellt hat. Ein wenig unsicher nimmt Frau Fischer Platz. Merle sieht sich neugierig um. "Die Wohnung ist genau wie unsere", sagt sie. "Ja, hier im Hause sind sie alle gleich aufgeteilt", antwortet Franziska. "Du darfst Dich gerne umsehen".

Frau Fischer erzählt, daß sie eine Halbtagsstelle an der Kunsthochschule bekommen hat. In Eutin gab es keine Möglichkeit, ihren Beruf als Kunstlehrerin auszuüben. "Künstler sind dort oben nicht so gerne gesehen. Die werden als Spinner abgetan. In der Zeitung habe ich die Stellenanzeige für hier gelesen, und nun bin ich da. Sicher werde ich noch ein wenig Geld mit Privatunterricht verdienen müssen", berichtet sie weiter. "In meinen Finanzen herrscht aber ziemliches Chaos. Ich bin halt eine Chaotin. Muß mir erst mal einen Überblick verschaffen".

Franziska schaut lächelnd ihren Mann an. Er grinst zurück und sagt zu Saskia Fischer: "Ich weiß, warum meine Frau mich so ansieht. Ich bin Bankangestellter, habe täglich mit Finanzen zu tun. Wenn Sie Hilfe brauchen, sagen Sie bitte Bescheid. Dann setzen wir uns zusammen und beratschlagen, wie Sie am besten zurecht kommen. Wenn Sie möchten". "Darauf komme ich mit Sicherheit zurück", freut sich die Nachbarin.

"Ich denke, ich muß jetzt wieder rauf. Die Arbeit macht sich nicht von allein", sagt sie einige Minuten später. "Merle, kommst Du bitte, wir müssen nach Hause". "Och Mensch, es ist so durcheinander bei uns. Kann ich nicht noch hier bleiben?" fragt Merle. Dabei sieht sie Franziska mit großen Augen an. Die schaut ihren Mann an, der nickt. "Vielleicht wäre es Ihnen eine kleine Hilfe", überlegt Franziska.

"Meistens ist Merle sehr ruhig. Sie ist ganz anders als ich", sagt Merles Mutter. "Eher ernst und intelligent. Woher sie das wohl hat? Ihr Vater ist auch Künstler", fügt sie leise hinzu. Sie erzählt weiter, daß er von dem Kind nichts wissen wollte. So sei sie von Anfang an allein für Merle verantwortlich. "Er ist dann einfach nach Indien gefahren. Das wollte er lange schon", schließt sie ihre Erzählung.

Spontan macht Björn den Vorschlag, daß sie sich alle duzen. "Ich heiße Björn, das ist Franziska, meine Frau", stellt er sich beide vor. "Ich heiße Saskia. Meine Mutter hat diesen Namen ausgesucht. Weil unser Nachname ein Allerweltsname ist, sollte es ein besonders hübscher Vorname sein. Und das ist Merle", stellt sich Frau Fischer nun vor. Beim Duzen wollen es alle belassen. "Wir werden uns jetzt sicher öfter sehen. Das läßt sich in solch einem Mietshaus nicht vermeiden", lacht Franziska. Sie lädt Saskia zum Nachmittagskaffee ein, so daß diese bis dahin eine Menge einräumen kann.

Nachdem ihre Mutter nach oben gegangen ist, verhält sich Merle ein wenig scheu. "Ich könnte den Tisch abräumen helfen", schlägt sie vor. "Das können wir gerne gemeinsam machen", antwortet Franziska überrascht. "Wie alt bist Du denn?" "Ich bin fünf. Aber bald werde ich sechs", antwortet Merle und überrascht Franziska und Björn mit einer Selbständigkeit, die sie einer Fünfjährigen nicht zugetraut hätten. "Was machst Du denn am liebsten, wenn Du nicht gerade beim Tischabräumen hilfst?" fragt Franziska. "Ich höre gerne zu, wenn mir jemand Geschichten vorliest. Am liebsten aber male ich. Mama sagt, das habe ich von ihr geerbt. Und von meinem Papa", fügt sie leise hinzu. An dem Vaterthema möchte Franziska nicht rühren.

Beide gehen ins Wohnzimmer. In einer Schublade finden sie Papier und verschiedene Stifte. "Die habe ich bereit liegen, falls meine Enkel zu Besuch kommen. Larissa malt auch recht gerne. Sie ist drei. Julian, ihr Bruder, ist knapp zwei. Interesse am Malen hat er noch nicht. Lieber spielt er mit Autos. Und Max spielt gerne Brettspiele. Er wird schon fünf und ist der Sohn unserer anderen Tochter". Merle freut sich, daß sie irgendwann einmal Franziskas Enkelkinder kennen lernen wird. In aller Ruhe sitzt sie am Schreibtisch und beschäftigt sich mit den Buntstiften.

Björn hat inzwischen die Spielzeugkiste aus einem Schrank geholt, die sie zur Beschäftigung ihrer Enkelchen haben. Merle aber möchte lieber weiter malen. Er schaut der kleinen Nachbarin über die Schulter und stutzt. Das soll eine Fünfjährige gemalt haben? Er kann nicht glauben, welch hübsche Bildchen Merle zustande bringt. "Wie zauberhaft", ruft jetzt auch Franziska, als sie sich die Zeichnungen ansieht.

Nach einer Weile hat Merle genug vom Malen. "Hast Du Geschichtenbücher?" fragt sie. Franziska lacht und Björn antwortet an ihrer Stelle. "Natürlich haben wir Bücher. Aber auch einzelne Geschichten zum Vorlesen. Bei uns schreibt Franziska selber welche für Kinder. Vielleicht magst Du davon eine hören". "Au ja, gerne", freut sich Merle und setzt sich zu Franziska auf die Couch. Björn geht derweil an seinen Computer.

Nachmittags kommt Merles Mutter herunter und sie trinken alle zusammen Kaffee. Merle hat Franziska geholfen, Rosinenbrötchen aufzubacken und den Tisch zu decken. "Du hast aber eine gewissenhafte Tochter", erzählt Franziska Saskia. "Wie fünf wirkt sie nicht". "Ich wundere mich auch immer wieder, wie weit sie schon ist", lacht Saskia zur Antwort. "Mama", ruft jetzt Merle, "weißt Du, daß Franziska selber Geschichten schreibt?" "Nein, woher soll ich das wissen? Ich war doch heute Vormittag das erste Mal hier", antwortet diese.

Björn hat für Merle eine Geschichte am Computer ausgedruckt, die sie jetzt ihrer Mutter zeigt. "Schau mal, richtige Bildchen sind auch darin". Saskia sieht sich die Seiten an und lächelt gerührt. "Die Bilder könnte man eigentlich selber zeichnen", sagt sie. "Ja, sogar Deine Tochter könnte welche malen. Björn und ich sind ganz begeistert von ihren Kinderzeichnungen. Wie gerne würde ich so zeichnen können", antwortet Franziska. "Mein Traum ist nämlich, daß handgemalte Bilder in die Geschichten hineinkommen. Aber was nicht ist, ist nicht. Mir macht halt das Schreiben Spaß". Eine muntere Plauderei ergibt sich noch.

Als Saskia mahnt, die Arbeit oben würde sich nicht von allein erledigen, verabschiedet sie sich mit ihrer Tochter. "Meine Geschichte", ruft Merle und Björn gibt sie ihr. "Da haben wir aber Glück gehabt, daß wir jetzt solche netten Nachbarinnen haben", sagt Franziska zu ihrem Mann. Der stimmt ihr zu. Franziska lächelt in sich hinein. Sie freut sich, daß jetzt ein Kindchen im Hause wohnt, das vielleicht mal bei ihr klingelt. Die eigenen Kinder und Enkel vermißt sie doch sehr.

Einige Wochen später trifft Franziska vor dem Haus Saskia. Sie will in ihren alten Käfer einsteigen. "Ist etwas mit Dir?" fragt Franziska, denn sie sieht der Nachbarin an, daß irgendetwas nicht stimmt. "Ich will Merle aus dem Kindergarten abholen", antwortet Saskia ausweichend, kann aber die Tränen nicht verbergen. "Weißt Du was?" überlegt Franziska, "ich komme am frühen Abend kurz zu Dir hoch. Dann kannst Du mir erzählen, was Dich bedrückt." "Gerne", antwortet Saskia mit Erleichterung in der Stimme.

Björn kommt etwas früher aus dem Büro. Franziska sagt ihm Bescheid und geht nach oben. Als sie bei Saskia und Merle an der Tür klingelt, freuen sich beide. Die beiden Frauen machen es sich auf der Couch gemütlich. Merle sieht sich ein Bilderbuch an. "Nun erzähl mal, was los ist", bittet Franziska. "Ach, ich kann Dich doch nicht mit meinem Kram behelligen", antwortet Saskia. "Ich muß sehen, wie ich allein zurecht komme. Das schaffe ich sonst auch". "Nun aber heraus mit der Sprache. Wozu sind wir Nachbarinnen", bittet Franziska. Saskia fängt an zu reden. Sie muß für ein paar Tage ins Krankenhaus. "Nichts Großes, aber es sollte gemacht werden. Ich weiß nur nicht, wohin mit Merle".

Franziska überlegt. "Können Deine Eltern nicht kommen? Oder wenigstens Deine Mutter?" "Ich habe keine Eltern mehr. Die sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen", antwortet Saskia leise. "Ach, das tut mir leid. Nun hat Merle gar keine Großeltern. Denn von dem Vater hörst Du wohl nichts?" fragt sie zaghaft zurück. "Nein, ich erzählte Euch bereits, daß er in Indien ist. Seine Eltern habe ich nie kennen gelernt, denn wir hatten uns an der Uni in Kiel getroffen. Eigentlich hat er in einer ganz anderen Stadt gewohnt. Ich weiß gar nicht, ob er noch Eltern hatte. Wir haben nie darüber gesprochen".

Franziska läßt sich die Sache durch den Kopf gehen. Eine Lösung muß her. "Mama, ist doch ganz leicht", spricht auf einmal Merle und sieht von ihrem Buch hoch. "Ich gehe in der Zeit zu Franziska und Björn". Die Frauen sehen sich an und lächeln. Kinder haben doch spontane Ideen. "Ich weiß nicht, Merle. Franziska ist doch nicht so gut zu Fuß", erklärt sie ihrer Tochter. "Björn arbeitet tagsüber und kann nicht mit aufpassen". "Ach bitte, Mama. Ich bin auch ganz vorsichtig. Und laufe nicht über die Straße. Du weißt doch, daß ich an der Ampel immer nach rechts und links sehe. Das habe ich doch im Kindergarten gelernt", erklärt die Kleine.

"Die Idee ist vielleicht gar nicht so schlecht", überlegt nun Franziska. "Bitte, Merle, klingele doch mal bei uns unten und sage Björn, er möge heraufkommen". Die Kleine hüpft die Treppen hinunter und kommt mit Björn zurück. Die Frauen erzählen ihm die Sache. Björn erklärt sich bereit, Merle morgens auf dem Weg zur Arbeit zum Kindergarten zu bringen. "Mittags kann ich sie abholen. Der Bus hält genau vor der Tür. Kein Problem. Den Rest kriegen wir schon gemeinsam hin", sagt Franziska. Weitere Einzelheiten werden besprochen.

Merle mischt sich ein. "Wo soll ich denn bei Euch schlafen?" "Wir haben für unsere Enkelkinder ein Reisebett. Ach, nein, dafür bist Du schon zu groß. Aber im Arbeitszimmer steht doch eine Couch. Weißt Du noch?" fragt jetzt Björn. Letztendlich ist es beschlossene Sache. Wie Merle es vorgeschlagen hat, soll's geschehen. "Sonntagvormittag muß ich in der Klinik sein. Merle kann nach dem Frühstück zu Euch kommen", sagt Saskia. Franziska fragt, ob sie noch etwas helfen kann. Als Saskia verneint, verabschieden sich Björn und Franziska.

Sonntagmorgen ist Franziska aufgeregt. "Ich freue mich, als würden unsere Kleinen kommen", erzählt sie Björn. "Hoffentlich macht Dir die Unruhe nichts aus". "Das werden wir schon hinkriegen. Die wenigen Tage", lacht ihr Mann zurück. "Ich weiß doch, daß Du Dich freust, tagsüber Leben im Hause zu haben. Und sollte irgendetwas sein, kannst Du mich jederzeit anrufen. Das weißt Du doch". Beide gehen eine Treppe höher und klingeln. "Mama, sie sind da", ruft Merle und läßt die beiden hinein. Björn nimmt sich Merles Tasche. "Hast Du auch Dein Lieblingskuscheltier?" fragt Franziska. Sie erinnert sich nämlich, daß Larissa und Julian ihre Kuscheltiere zum Schlafen brauchen. "Franziska, ich bin doch kein Baby mehr", gibt die Kleine entrüstet zur Antwort. Alle lachen, so daß der Abschied schnell überbrückt werden kann. "Mach's gut, Nachbarin", wünscht Franziska Merles Mutter und umarmt sie. Merle läuft bereits zur Tür. "Tschüß, Mama. Wir besuchen Dich dann im Krankenhaus. Franziska hat's versprochen". Schnell schließt Saskia hinter ihnen die Tür.

Merles Besuch macht Franziska weniger zu schaffen, als sie befürchtet hatte. Heute ist Björn zuhause, so daß sie sich aneinander gewöhnen können. Er baut die Couch auseinander, auf der ihr Gastkind schlafen wird. "Bringst Du das Bettzeug, dann kann ich es beziehen", bittet Franziska ihn. Merle beobachtet alles sehr genau. "Das Kopfkissen möchte ich aufziehen, das kann ich schon", sagt sie. Franziska amüsiert sich über die kleine Helferin. Was liegt obenauf in Merles Reisetasche? Ein Teddy. Franziska lächelt. Nein, die Kleine ist kein Baby mehr. Aber ein Kuschelbärchen braucht sie noch. Das ist gut so! Als sie Merle abends zudeckt, legt sie ihr vor dem Gutenachtsagen das Bärchen in den Arm. "Damit Du nicht so allein bist", sagt sie.
Die erste Nacht hat die Kleine gut überstanden. Allerdings haben Franziska und Björn jetzt einen neuen, ungewohnten Rhythmus. Montagmorgen nach dem Frühstück nimmt Björn Merle mit und fährt sie, wie besprochen, zum Kindergarten. Saskia hatte mit ihrer Erzieherin geregelt, daß Familie Erdmann auf Merle aufpassen wird. "Tschüß, Merle. Ich hole Dich mittags vom Kindergarten ab", verabschiedet sich Franziska von Pflegekind und Mann.
Anschließend versorgt sie ihren Haushalt und bereitet das Mittagsessen für sich und Merle vor. Sie freut sich, daß sie in den nächsten Tagen einen Mittagsgast hat.

Pünktlich kommt Franziska mittags beim Kindergarten an. Es sind nur drei Stationen, die sie mit dem Bus zu fahren hat. Auf dem Heimweg geht Merle ruhig an ihrer Hand, so daß ihr das Laufen nicht schwer fällt. Sie braucht sich keine Sorgen zu machen. Immer wieder wundert sie sich, wie umsichtig Merle ist. Die Kleine paßt sich dem Laufrhythmus Franziskas leicht an. Beim Einsteigen in den Bus gibt es auch keine Schwierigkeiten. "Das macht Spaß. Mit Mama fahre ich immer nur mit dem Käfer", erzählt Klein-Merle.

Nach dem Mittagessen beratschlagen beide, was sie am Nachmittag anfangen wollen. "Wollen wir heute in den Park gehen? Es ist noch trocken draußen. Wer weiß, ob's morgen regnet", bietet Franziska an. Merle ist einverstanden und beide traben los. Der Park ist in der Nähe. In der Mitte befindet sich ein Spielplatz. Franziska setzt sich auf eine Bank und schaut Merle beim Spielen zu.

Zuhause hört Merle gerne zu, wenn Franziska erzählt. Von ihrer eigenen Kindheit. "Wir konnten damals auf der Straße Ball spielen. Oder Rollschuh laufen. Oder Roller fahren", sagt sie. "Es gab nur wenige Autos. Kam eines, sind wir an die Seite gegangen". Merle kann sich gar nicht vorstellen, daß es nur wenige Autos auf der Straße gibt. Vor dem Haus fahren immer sehr viele.

Merle schaut zu, als Franziska am nächsten Tag ihre Nähmaschine aufstellt. "Meine Mama hat keine Nähmaschine", erzählt sie. Franziska zeigt ihr, wie sie den Faden in die Nadel einfädelt. Sie liebt Patchwork. Viele bunte Stoffe hat sie, die Merle zu einem hübschen Muster legt. Auch in dieser Beschäftigung kann Franziska die Künstlerin erkennen. "Siehst Du, dieses Kissen ist aus solchen Stoffen entstanden", sagt sie und zeigt Merle das fertige Kissen. "Kannst Du mir das auch zeigen, wenn ich größer bin?" bittet Merle. "Sehr gerne" lautet die Antwort.

"Erst mal habe ich für Dich etwas Leichteres", freut sich Franziska und sucht in einer Schublade. Aufgeregt wartet Merle ab, was Franziska für sie findet. "Dieses ist eine Strickliesel. Als ich so alt war, wie Du, habe ich damit Schnüre geknüpft". Franziska holt eine Häkelnadel, einen Rest rote Wolle und zeigt der Kleinen, wie das Gerät funktioniert. Das macht Spaß. Voller Eifer macht sich Merle an die Arbeit. Bald hat sie glänzende Augen und rote Bäckchen. Zentimeter für Zentimeter wächst das Wollschnürchen.
Als Björn an diesem Abend nachhause kommt, wundert er sich nicht. Er freut sich mit seiner Frau, daß jemand Anteil an ihrem Hobby nimmt. Jetzt ist es dieses kleine Nachbarmädelchen. Vor dem Zubettgehen sagt Franziska zu Merle: "Morgen gehen wir Deine Mama im Krankenhaus besuchen". Mit dieser Vorfreude schläft das Kind ein.

Am nächsten Tag machen sich Merle und Franziska nachmittags auf den Weg zum Krankenhaus. Wieder fahren sie mit dem Bus. "Was können wir Deiner Mama denn mitnehmen?" fragt Franziska unterwegs. "Eine Kleinigkeit möchte ich schon besorgen". Merle überlegt. "Sie liest gerne eine Zeitschrift. Kunst heißt die". Am Kiosk des Krankenhauses kaufen sie die Zeitschrift und gehen zu Saskia. Wie freut sich die Mutter, als sie ihr Töchterchen wieder sieht!

"Und, wie kommt Ihr beide zurecht?" fragt sie Franziska. Die lacht. "Wunderbar klappt es mit uns beiden. Nicht wahr, Merle?" "Mama, es ist ganz prima bei Franziska und Björn. Du kannst in aller Ruhe wieder gesund werden", antwortet das kleine Mädchen. "Heute Abend liest mir Franziska eine neue Geschichte vor".

Als Merle und Franziska sich später von Saskia verabschiedet haben, überlegt diese: "Ich werde Franziska Malunterricht geben. Sie hat es verdient. So viel Nachbarschaftshilfe gibt es selten".

Merle hat an diesem Abend einen Traum. Sie träumt, daß sie, sobald sie groß ist, Franziskas Geschichten illustrieren wird.

Viele Buntstifte hat sie.

Die Mama hat richtige Farben. Und viele Pinsel .....


***** E n d e *****


© Karin Ernst

Bild: © Karin Scholles