|
Ob Engel wohl nachdenken? Wir schreiben den 14. Dezember. In zehn Tagen ist Heiligabend, das Fest der Liebe kündigt sich an. Nicht nur die Zeit läuft, sondern auch Menschen haben es eilig, hetzen durch die Gegend. Die Städte sind voll, alles drängelt, rennt, hastet nach Geschenken. Schutzengel haben momentan Hochkonjunktur. Ich komme ins Träumen, stelle mir vor, ich sei ein Engel Sitzend auf einer watteweichen Wolke, blättere ein wenig in einem Buch, habe Zeit. Dann schaue ich mir das Weihnachtsgeschehen einer Großstadt an. Wie gut, dass ich nicht hinunter muss. Was mir in diesen Tagen alles vor die Augen kommt, stimmt mich nicht froh. Eine Straßenbahn hält mit kreischenden Bremsen. Beinah wäre eine Frau davor gelaufen. Sie trägt viele Taschen, sieht erschöpft aus. Im Schlepptau ein kleines Kind. Die Beinchen können nicht so schnell, wie die Mutter es hinter sich her zieht. Tränen laufen über ein verschnupftes Gesicht. Vor einem Kaufhaus dröhnen Weihnachtslieder aus einem Lautsprecher. Niemand hat Zeit zuzuhören. Doch - dort, auf einer zerschlissenen Decke, sitzt ein Obdachloser. Ein wenig Gepäck in einer Plastiktüte neben, einen zerbeulten Pappbecher vor sich. Ich sehe nur wenige kleine Münzen darin. Es scheint, als würden vorbeilaufende Menschen ihn überhaupt nicht wahrnehmen. Er macht dennoch einen fast zufriedenen Eindruck, was mich wundert. Gar höre ich ihn eine Melodie mitsummen. Ihm gegenüber ein Imbissstand. Hungrige Menschen stehen nach Bratwürsten an, Duft zieht ihm in die Nase. Herzhaft beißt ein dicker Mann in seine heiße Wurst, die in ein Brötchen eingebettet ist. Nach dem Essen betrachtet er das Brötchen kurz. Nein! Das geht doch nicht! Und doch ist es geschehen. Mit dem Pappteller landet auch das Brötchen im Mülleimer. Der Obdachlose schluckt traurig, obwohl dieses Bild für ihn alltäglich ist. Nun wende ich meinen Blick in eine andere Richtung. Schaue in Häuserfenster. Nicht alle sind übertrieben weihnachtlich geschmückt. Dort erkenne ich eine kleine alte Frau. Beinah im Dunklen sitzt sie, kein Kerzenlicht ist zu sehen. Ich weiß, sie hat keine Angehörigen. Noch kommt sie im Alltag zurecht, kann die wenigen Einkäufe selbst besorgen, soweit ihre karge Rente es ermöglicht. Nein, sie erwartet nichts vom Weihnachtsfest. Wer sollte sich dafür interessieren, wie es ihr geht? Wer sie besuchen? Die Nachbarn in dem Mietshaus haben Familien, mehr oder weniger eigene Sorgen. Ein Stückchen weiter in einem kleinen Park sitzt ein alter Mann auf einer Bank. Die Kälte spürt er nicht, ist sie gewohnt. Seine Frau ist vor kurzem gestorben. Wie gerne haben beide hier gemeinsam gesessen, den Vögelchen bei der Futtersuche zugeschaut, Kinder beim Spielen zugesehen, sich an ihrem Lachen erfreut. Täglich kommt er in diesen Park, setzt sich auf diese Bank, um IHR nahe zu sein. Was soll er zu Hause? Allein in seiner Wohnung. Ein Stückchen weiter an einer Haltestelle wartet eine junge Frau. Traurig sieht sie aus, neben ihr steht eine schwere Tasche. Sie ist auf dem Weg ins Krankenhaus. Dort liegt ihr Liebster, dem sie Sachen bringen möchte. Er wird wohl eine lange Zeit dort bleiben müssen. Im nächsten Jahr wollen sie heiraten. Nun aber hat ihn das Schicksal ereilt. Zusammen gebrochen ist er. Einfach so, mit heftigem Kopfweh. Die Ärzte diagnostizierten einen Gehirntumor. Als der Bus kommt, wischt sie sich Tränen aus den Augen und steigt ein. Ich schaue in ein weiteres Fenster. Eine Frau steht in der Küche und ist mit Plätzchenbacken beschäftigt. Das kleinste ihrer vier Kinder wuselt um sie herum. Die Mutter bemüht sich um ein Lächeln und doch ist ihr nach Weinen zu Mute. Sie erzieht die Kinder allein, ihr Mann hat sie verlassen. Wenig Geld hat sie nur zur Verfügung, während er sich mit einer Jüngeren amüsiert, seine Freiheit braucht, den Krach und die Wünsche der Kinder nicht aushalten kann. Auch nicht, dass seine Frau über Haushalt und Kinder ständig nur müde ist. Auf meiner Wolke wechsle ich ein wenig den Platz, schaue wieder in die Innenstadt. Diese vielen Menschen, dieser Lärm, diese Hetze. Kann das denn noch der Sinn der besinnlichen Vorweihnachtszeit, der stillen Adventszeit sein? Im Getümmel entdecke ich nun eine gehbehinderte Frau. Tapfer versucht sie ihren Weg zu gehen. Doch immer wieder wird sie angerempelt. Was macht sie jetzt? An einer bunt geschmückten, hell erleuchteten Weihnachtsbude bleibt sie stehen. Frisches Gebäck wird dort verkauft. Viele Kunden stehen davor, sie reiht sich in die Schlange der Wartenden ein. Als sie dran ist, stellt sie ihre Gehstütze ab, jemand stößt dagegen. Mühsam bückt sie sich. Die Leute werden ungeduldig, ein Mann hinter ihr fängt an zu murren. Sie gibt ihre Bestellung auf, bezahlt und verstaut das Portemonnaie gewissenhaft in ihrer Handtasche. Dann nimmt sie zwei Servietten, wickelt die noch warmen Waffeln ein, ergreift ihre Gehstütze und geht zurück. Nun kann ich zum ersten Mal lächeln. Nein, das Gebäck ist nicht für sie. Sie schenkt es dem Obdachlosen, der dem Imbissstand gegenüber auf seiner Decke sitzt. Vor dem Kaufhaus, wo die Weihnachtsmusik aus dem Lautsprecher dringt. Beinah liebevoll hält er das Päckchen in Händen, wärmt seine Hände daran. Dann bekommt die Frau ein Geschenk zurück. Ein freundliches "Vergelt's Gott" und ein Lächeln, das seinem Herzen entspringt. Ich möchte kein Engel mehr sein, träume mich zurück von der herrlich weichen Wolke in die Realität. Noch ist nicht alles verloren. Ich wünsche mir, dass es immer wieder solche kleinen, liebevollen Ereignisse gibt. In dieser ansonsten so hektischen Vorweihnachtszeit.
(14. Dezember 2005)
|