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Pauline spielt
im Kinderzimmer. Als ihre Mutter herein kommt, beobachtet sie die Tochter
einen Moment. Mit einem Teddy in der Hand sitzt Pauline vor weiteren Kuscheltieren
und all ihren Puppen und spielt ihnen Kasperletheater vor. Voller Eifer
schüttelt sie den Kopf mit, so dass ihre Zöpfe lustig hin und
her baumeln.
Pauline ist ein verträumtes Mädchen. Eigene Geschichten denkt
sie sich für das Spiel aus, so dass die Mutter lächelt. "Wir
müssen jetzt zum Kindergarten", unterbricht sie das Kind.
"Och, schade. Ich spiele gerade so schön."
"Heute Nachmittag kannst du weiterspielen."
Puppen und Tiere bleiben sitzen, bis die Puppenmutter nachmittags zurückkommt.
Auf dem Weg zum Kindergarten sieht Pauline ein großes, buntes Plakat.
"Mama, was steht da drauf?"
"Puppentheater. Im Großzelt. Von Dienstag bis Sonntag",
liest die Mutter vor.
"Und was steht dort unten?", fragt Pauline.
Die Mutter bückt sich, um die Schrift am unteren Ende des Plakates
lesen zu können. "Kinder zum Mitmachen gesucht."
Als sie weitergehen, arbeitet es in Paulines Kopf. "Du, Mama, könnte
ich das auch? Mitmachen."
"Mein Kind, ich glaube, dafür bist du noch zu klein. Vielleicht,
wenn du zur Schule gehst."
Pauline antwortet nicht. Sie denkt aber: `Ich bin doch schon fünf.
Die paar Monate, bis ich zur Schule komme. Bald werde ich sechs.`
Am Nachmittag hat sie ihr Puppenspiel im Kinderzimmer vergessen. Das Wetter
lockt hinaus. Ihre Freundin Inga aus dem Nachbarhaus ist gekommen. Die
Mädchen spielen im Garten.
"Du bist heute so verträumt. Ist irgendwas?", fragt Inga.
"Nö", zögert Pauline die Antwort hinaus. "Nur
... hast du vielleicht das Plakat gesehen? Es gibt ab Dienstag ein Puppentheater."
"Ja, gesehen habe ich es auch", antwortet die Freundin. "Gehst
du hin?"
"Weiß noch nicht. Ich glaube schon. Und du?"
"Geht nicht. Ich habe dir doch erzählt, dass wir übermorgen
in die Ferien fahren."
Beide Mädchen finden es schade, dass Inga nicht ins Theater gehen
kann. Aber Ferien sind auch schön. Darin sind sich beide einig.
Am Dienstag ist Pauline furchtbar aufgeregt. "Wann gehen wir denn
los? Dass wir bloß nicht den Anfang verpassen", gibt sie zu
bedenken, als ihre Mutter sie zum Kindergarten bringt.
"Keine Bange. Wir verpassen nichts. Ich hole dich, wie immer, um
12 Uhr ab. Die Vorstellung beginnt erst um drei. Wir können in aller
Ruhe zu Mittag essen."
Obwohl Pauline gerne in den Kindergarten geht, ist sie heute nicht bei
der Sache. Voller Vorfreude springt sie mittags der Mutter entgegen. Nicht
schnell genug geht es ihr, nach Hause zu kommen.
Um halb drei machen sich Mutter und Tochter auf den Weg. Das Zelt, in
dem das Theater gastiert, ist nicht weit. Trotzdem zerrt Pauline an der
Hand der Mutter.
"Kannst du nicht schneller laufen? Sie werden noch ohne uns anfangen."
Nachdem sie die Eintrittskarten gekauft haben, betreten beide das bunte
Zelt. Pauline staunt. "Wie im Zirkuszelt sieht es aus. Weißt
du noch, Mama?"
Die Mutter erinnert sich natürlich genau an den gemeinsamen Zirkusbesuch
und gibt ihr Recht.
Pauline und ihre Mama setzen sich. Plötzlich wird es dunkel. Dafür
wird die Bühne von einem großen Strahler beleuchtet. Ein Mann
tritt aus der Dunkelheit auf die Bühne und ruft: "Guten Tag
liebe Kinder, liebe Eltern und sonstige Gäste. Herzlich Willkommen
in unserem Puppentheater. Sind auch alle da?"
Die Kinder lachen.
"Dann können wir beginnen."
Die Bühne sieht aus wie ein überdimensionales Kasperletheater.
Ein weinroter Vorhang ist vorgezogen, den eine unsichtbare Hand jetzt
zur Seite schiebt. Die Vorstellung beginnt.
Wie in eine andere Welt hinein versetzt kommt Pauline sich vor. Gespannt
beobachtet sie, was auf der Bühne passiert. So viele Puppen spielen
dort ihre Rollen. Ein böser Zauberer kommt vor und eine Fee. Ein
wilder Tiger und ein Äffchen. Eine Königin und eine Prinzessin.
Einige Zwerge und zwei kleine Elfen. Diese niedlichen kleinen Wesen haben
es Pauline besonders angetan. "Mama, sieh nur. Sind die nicht niedlich?"
"Ja, das sind sie", antwortet ihre Mama und freut sich an dem
Spaß, den ihre Tochter hat.
Als das Licht wieder angeht, reckt sich Pauline, als wäre sie aus
dem Schlaf erwacht. "Ach, ist das schön", ruft sie voller
Überzeugung.
Das Theater macht eine Pause. Mutter und Tochter stehen auf, um ins Vorzelt
zu gehen. Hier können sie ein wenig herrumlaufen und Mineralwasser
trinken.
"Mama, der Zauberer ist ganz schön böse, nicht?",
fragt Pauline, der das Bühnengeschehen gar nicht aus dem Kopf geht.
"Gut, dass es nur Theater ist", antwortet die Mutter lächelnd.
"Aber böse ist er schon."
Als die Pause vorbei ist, läutet eine Glocke.
"Es geht weiter, komm schnell." Pauline drängt die Mutter
zu ihren Plätzen und sie setzen sich wieder.
Erneut betritt der Direktor die Bühne und schaut fragend ins Publikum:
"Nun kommen wir zum zweiten Teil unseres Theaters. Hier wird es spannend.
Ich suche zwei Kinder, und zwar einen Jungen und ein Mädchen. Wer
möchte dabei sein?"
Ehe Pauline sich versieht, hat sie ihre Hand gehoben. Wie das so schnell
passieren konnte, weiß sie selbst nicht genau. Erst als der Direktor
sie und einen Jungen, der sich ebenfalls gemeldet hat, auf die Bühne
bittet, erkennt sie ihre Chance. Sie wird ihrer Mutter beweisen, dass
sie doch nicht zu klein ist.
Lächelnd redet die Mama ihr zu: "Nun lauf schon nach vorne",
und gibt ihr einen kleinen Klaps.
Als die Kinder auf die Bühne kommen, ruft der Direktor: "Und
jetzt einen besonderen Applaus für unsere mutigen Mitmachkinder."
Alle Besucher klatschen kräftig.
"Guten Tag, meine kleine Schauspielerin. Wen haben wir denn hier?"
"Ich heiße Pauline", antwortet sie.
"Und ich heiße Max", sagt der Junge.
"Begrüßen wir alle gemeinsam Pauline und Max", ruft
der Direktor, und wieder tost Applaus.
Klopfenden Herzens und mit roten Wangen folgen beide Kinder dem Direktor
hinter die Bühne. Wie auf Wolken scheint Pauline zu schweben. Völlig
unwirklich kommt ihr alles vor. Sie seufzt so laut, dass der Direktor
ihr zuflüstert: "Du brauchst keine Angst haben. Das kriegen
wir gemeinsam prima hin."
"Ich habe keine Angst", piepst Pauline. Sie wundert sich selbst,
dass sie kaum ein Wort herausbekommt. Ach, ist das alles aufregend!
Der Direktor bringt die Kinder in einen Raum, wo die Frauen und Männer
sitzen, die die Puppen bewegen. Die Kleinen werden herzlich begrüßt.
"Pauline, du hast eine so zarte Stimme, du kannst eine der kleinen
Elfen spielen."
Eines dieser kleinen Wesen, die sie so sehr mag, darf sie spielen? Pauline
kann ihr Glück kaum fassen. "Was darf Max denn spielen?",
fragt sie.
"Max kann eine Zwergenrolle übernehmen", hört sie
die Antwort.
Auch der Junge freut sich auf seine Arbeit.
Pauline bekommt von einer Frau erklärt, was sie zu tun hat. Den Text,
den die Elfe zu sagen hat, darf sie sich selbst ausdenken.
"Das mache ich zu Hause auch immer, wenn ich meinen Puppen Kasperletheater
vorspiele", erzählt sie begeistert.
"Dann haben wir es hier also mit einer erfahrenen Schauspielerin
zu tun", freuen sich die anderen.
Das Publikum wird unruhig. Endlich geht es weiter mit der Vorstellung.
Pauline findet sich in die Rolle der Elfenpuppe so intensiv hinein, dass
sie alles andere um sich herum vergisst. Sie spielt und spielt. Beinah
glaubt sie, das Elfchen zu sein.
Erst nachdem es hell um sie herum wird, bemerkt sie, dass die Vorstellung
zu Ende ist. Riesenapplaus setzt ein. Die Leute rufen "Bravo",
"Zugabe", und alle Puppenspieler gehen nach vorne, um sich zu
verbeugen. Pauline schaut sich um, kann aber wegen des grellen Lichtes
keine Gesichter erkennen. Rotglühend vor Aufregung verbeugt sie sich
vor dem Publikum. Max sieht sie von der Seite an.
"Das war toll, nicht?", fragt er leise.
Alle sind zufrieden mit den schauspielerischen Leistungen des Mädchens
und des Jungen. Die Mütter der beiden Kinder werden hinter die Bühne
gebeten.
"Wenn Sie wollen, können Ihre Kinder für die Zeit, die
wir hier gastieren, gerne ihre Rolle weiter spielen", schlägt
der Direktor vor.
"Au ja", rufen diese vor Freude.
"Mama, darf ich?", fragt Pauline.
"Gerne, wenn du jetzt so berühmt bist."
Auch Max bekommt die Erlaubnis seiner Mutter. Einzelheiten werden besprochen.
Max und Pauline verabschieden sich.
"Dann bis morgen."
Alle gehen heim.
Abends erzählt Pauline dem Papa begeistert von ihrem heutigen Erlebnis.
Der ist ganz stolz auf die Leistung seiner Tochter. "Samstag kann
ich dich zum Puppentheater bringen. Dann kann ich mir gleich die Vorstellung
ansehen, und dich in der Elfenrolle."
Allein soll Pauline nicht zum Theater gehen. Die Eltern besprechen, dass
bis Sonntag täglich jemand mitgehen soll.
"Der Direktor hat gesagt, wir sind alle eingeladen", erzählt
die Mutter. "Solange Pauline spielt, können Verwandte mitkommen."
Am nächsten Tag ist Mittwoch. Da will die Mama noch einmal mitgehen.
"Donnerstag wird die Oma dich begleiten", erklärt Mama
Pauline, nachdem sie mit deren Großmutter telefoniert hat. "Sie
freut sich schon drauf, dich zu hören. Und natürlich auch zu
sehen."
Freitag soll Paulines Tante mitgehen. Der Samstag war geklärt.
"Was machen wir mit Sonntag?", fragt die junge Schauspielerin.
"Vielleicht können wir beide noch einmal gehen", antwortet
der Vater und sieht seine Frau an.
So wird es besprochen, und so soll es geschehen.
Wunderbare fünf Tage kommen für Pauline. Jeden Nachmittag darf
sie ihre Elfen-Rolle vorspielen. Das Püppchen in der Hand ist ihr
so vertraut, als gehöre es ihr. Nachts träumt sie, sie ist das
Elfchen und morgens wundert sie sich, dass sie wieder als Pauline erwacht.
Sonntagnachmittag, nachdem sich der letzte Vorhang schließt, sind
alle Mitspieler den Tränen nahe.
"Es war so schön", ruft Pauline verzweifelt. "Wann
kommt ihr denn wieder in unsere Stadt?"
"Das weiß man nie. Wir reisen durch ganz Europa", antwortet
der Direktor. Er selbst macht auch einen bedrückten Eindruck, weil
es an der Zeit ist, weiterzureisen. "Ihr wart beide so toll in eurer
Rolle", sagt er zu Pauline und Max. "Ihr seid richtige Begabungen."
Die beiden Kinder gucken voller Stolz in die Runde der ihnen vertraut
gewordenen Mitspieler. Dann geht es ans Abschiednehmen. In manchem Auge
hängt eine kleine Träne, als die Mitmachkinder umarmt werden.
Die Mütter der beiden bekommen einen Umschlag mit der Gage für
die Puppenspieler in die Hand gedrückt, dann ist das Theater endgültig
geschlossen.
"Mach's gut, Max", sagt Pauline und gibt ihrem kleinen Kollegen
die Hand.
"Du auch, Pauline", antwortet der cool. "Vielleicht trifft
man sich mal."
Pauline kann nicht glauben, dass ihr wunderbares Puppentheatererlebnis
vorbei sein soll. Sie schwebt immer noch wie auf der Bühne.
Als sie an diesem Abend in ihrem Bett liegt, denkt sie noch lange an den
herrlichen Spaß, der hinter ihr liegt.
Sie weiß schon heute: `Wenn ich groß bin, werde ich eine richtige
Schauspielerin.`
Aber nur in einem echten Theater für Kinder.
Nur für Kinder ...
***** E N D E *****
© Karin
Ernst
Bild: ©
Karin Scholles
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