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*** Eine Traumgeschichte ***
"Astrid, kommst
du bitte zum Mittagessen?", ruft die Mutter. Doch ihre Tochter reagiert
nicht. "Wo sie nur wieder ist?"
Papa antwortet lächelnd: "Wo wird sie sein? In ihrem Buch."
Tatsächlich betritt Astrid mit ihrem Lieblingsbuch in der Hand die
Küche.
"Zum Essen legst du das Buch zur Seite", entscheidet ihre Mutter.
Nach dem Mittag regnet es immer noch, so dass Astrid heute nicht draußen
spielen kann. Sie klemmt sich ihr Buch unter den Arm und verzieht sich
in den Wintergarten. Hier ist ihr Lieblingsplatz. Es ist der Korbstuhl
ihrer Mutter mit den bunten Kissen in der Orchideenecke. So wunderbar
sind die Blüten, dass Astrid immer wieder verträumt umher sieht.
Das Buch, das sie heute bei sich trägt, heißt: Kleine Wesen
im Zauberwald. Einhörner sind darauf abgebildet. Lesen kann Astrid
noch nicht. Zu den Bildern denkt sie sich aber gerne eigene Märchen
aus. Gerade hat sie eine Engelgeschichte im Kopf, als sie hoch sieht und
durch die große Glasscheibe hinaus schaut. Sie stutzt. Dann guckt
sie in ihr Buch und vergleicht. Eine Wolke draußen am Himmel sieht
genauso aus, wie die in ihrem Buch.
Astrid fängt an zu träumen.
"Ach, wäre das schön. Auf einer Wolke sitzen. Über
allem schweben. Ganz langsam. Alles von oben betrachten."
Plötzlich sitzt sie auf der Wolke aus ihrem Buch. So stark hat sie
es sich gewünscht, dass ihr Wunsch in Erfüllung ging.
"Guten Tag, Astrid."
Sie erschrickt. "Huch, woher kennst du denn meinen Namen?" Sie
schaut sich auf der Wolke um. "Und wer bist du?"
"Ich bin Wolke Acht. Ich erfülle Kindern, die intensiv davon
träumen, ihre Wunschreise."
Astrid staunt. Sie hatte zwar davon geträumt, aber dass dieser Wunsch
in Erfüllung geht, hat sie nicht gedacht. Ein wenig ängstlich
sieht sie nach unten. "Kann ich hier nicht herunterfallen?"
"Nein. Du merkst es zwar nicht, bist aber unsichtbar befestigt. Es
kann dir wirklich nichts geschehen", erklärt die Wolke.
Astrid beruhigt sich. "Dann ist es ja gut."
"Nun wollen wir aber endlich losdüsen. Wohin möchtest du
denn?"
Astrid überlegt. Sie findet es gar nicht so einfach, sich aussuchen
zu können, wohin sie fliegen will. "Vielleicht erst einmal nur
über die Häuser, Frau Wolke?"
"Okay. Du kannst einfach Wolke Acht zu mir sagen."
"In Ordnung, Wolke Acht", antwortet Astrid und los geht's.
Sie treiben über Dächer und Bäume. Hui, macht das Spaß!
"Kannst du auch ein bisschen langsamer?", fragt Astrid.
"Klar, kein Problem. Ich lege einen anderen Gang ein."
Von unten klingt Musik herauf. Lieblich hört sich das hier oben an.
"Ach, das ist ja meine Ballettschule. Eine Gruppe hat gerade Unterricht.
Daher kommt die Musik", erzählt Astrid und sie fliegen weiter.
"Jetzt kommt das Krankenhaus. Ich könnte dich dort auf dem Hubschrauber-Landeplatz
herunterlassen", schlägt Wolke Acht vor.
Astrid überlegt. "Ich glaube nicht, dass ich das möchte.
In einem Krankenhaus gibt es viele Kranke. Dort ist es nicht schön.
Vielleicht könnten mal einige Schutzengel dort vorbeischauen? Wir
fliegen lieber weiter."
Wolke Acht verspricht, später bei den Engeln Bescheid zu sagen.
Astrid schaut und schaut. Was ist das? Unten windet sich eine große
blaue Schlange.
"Dort fließt der Fluss. Den kennst du doch. Du gehst manchmal
auf dem Weg neben ihm spazieren", erklärt Wolke Acht.
"Was du alles weißt. Von hier sieht er aber viel schöner
aus." Astrid freut sich. Die Schiffe auf dem Fluss sehen wie Spielzeugschiffe
aus. Richtig niedlich. "Wo die wohl alle hinfahren?", überlegt
sie laut.
"In die ganze Welt."
"Wo ist die ganze Welt?", fragt Astrid zurück.
"Weit weg. Es würde jetzt zu lange dauern, wenn ich alles aufzählen
würde, was zur ganzen Welt gehört", sagt die Wolke.
"Warst du schon überall?"
Die Wolke bewegt sich ein wenig, weil sie ihre Augenbrauen runzelt. Sie
denkt nach. "Ich glaube wohl, dass ich schon überall war. Jedenfalls
kommt es mir so vor. Genau weiß ich das aber nicht."
"Auch in Afrika?", fragt Astrid. Afrika hört sich an, als
wäre es furchtbar weit weg.
"Da war ich schon. Daran kann ich mich gut erinnern", antwortet
Wolke Acht.
Plötzlich erschrickt Astrid. Vor lauter Unterhaltung hat sie nicht
bemerkt, wie ein Flugzeug dicht an ihrem Kopf vorbei fliegt. Der Lärm
des Flugzeuges dröhnt ihr jetzt in den Ohren.
Die Wolke sieht ihre Ängstlichkeit und tröstet sie: "Ist
ja schon vorbei. Schau, wie schnell es weg ist."
Nach einer Weile hat Astrid sich wieder beruhigt und sich an die erneute
Ruhe gewöhnt. Doch wieder kommt etwas angeflogen. `Wer winkt denn
da?`
"Das sind die Engelchen", sagt Wolke Acht zu Astrid.
Kann sie etwa Gedanken lesen?
"Hast du gesehen? Dort hinten fliegt auch dein Schutzengel. Er ist
immer in deiner Nähe", erklärt die Wolke.
"Das weiß ich", antwortet Astrid leise.
Einige Vögel begleiten die beiden auf ihrer Reise. Astrid betrachtet
sie. Hier oben kann sie diese genau erkennen. Zwei Graugänse fragen:
"Na, wen haben wir denn hier? Wolke Acht, machst du wieder einen
Ausflug? Wer hat sich denn dieses Mal die Traumreise gewünscht?"
"Ich heiße Astrid", antwortet diese. Sie wundert sich,
dass sie die Vogelsprache versteht. Aus Märchenbüchern weiß
sie jedoch, am Himmel ist alles möglich. Ebenso wie in Träumen.
Sie winkt den Graugänsen und anderen Vögeln zu, und hurtig geht's
weiter.
Nach einer Weile, während Astrid nichts Aufregendes anzusehen hat,
taucht ein wunderschöner Wald unter ihr auf.
"Der sieht aus wie der Zauberwald in meinem Lieblingsbuch",
erklärt sie Wolke Acht voller Eifer. "Kann ich mir den Wald
vielleicht aus der Nähe ansehen? Wie komme ich hinunter?"
"Eigentlich kein Problem. Ich rufe Frau Sonne. Vielleicht hat sie
Zeit, uns einen Strahl zu schicken. Sie hat nämlich viel zu tun.
Überall auf der Welt wollen Menschen, dass sie scheint."
Eine Weile gleiten sie über dem Wald, da taucht ein Sonnenstrahl
über ihnen auf. Geblendet schließt Astrid die Augen. Anschließend
geht es schwuppdiwupp hinab zur Erde. Wie auf einer Rutsche fühlt
sich Astrid, als sie auf dem Sonnenstrahl sitzt. Nur ist der Weg viel
länger. Hui - macht das Spaß!
Auf dem Waldboden angekommen, rappelt sich Astrid auf und putzt die Erde
von ihren Kleidern.
"Hast du dir weh getan?", fragt Wolke Acht besorgt.
"Nein, nein, keine Sorge. Nur ein paar Krümel Erde", ruft
Astrid.
"Ich werde auf dich warten. Bleib nur nicht zu lange im Wald. Es
könnte schnell dunkel werden", bittet die Wolke. "Dein
Schutzengel ist immer in deiner Nähe. Solltest du die Zeit vertrödeln,
schicke ich dir Herrn Wind vorbei, damit er dir Bescheid pustet."
"Alles klar", antwortet Astrid. Sie winkt ihrer Wolke zu und
macht sich mutig auf den Weg.
Astrid traut kaum ihren Augen. Der Wald entpuppt sich tatsächlich
als der Zauberwald, den sie aus ihrem Buch kennt. Geht sie um einen Baum
herum, glaubt sie, sich auszukennen. Hier wohnen Feen und Elfen. In großen
Blüten haben die Elfchen ihre Wohnungen.
Als Astrid an eine helle Lichtung kommt, erkennt sie dort viel Bewegung.
Sie stellt sich hinter einen Baum, um alles zu beobachten. Kleinste Wesen
feiern ein Fest. Sie ist ganz leise, um genauer hinhören zu können.
Zuerst hört sie nur ein Wispern. Je mehr sie sich jedoch konzentriert,
desto deutlicher kann sie verstehen, was gesprochen wird.
Zum Krönungsfest der Elfenkönigin sind alle hier zusammengekommen,
hört das Mädchen in einer Ansage. In einigen Minuten soll sie
auf einem Einhorn angeritten kommen. Astrid sieht, wie viele Zwerge sich
in einer Reihe aufstellen. Sie bilden das Empfangskomitee.
"Ich glaube, ich träume", sagt sich Astrid selbst vor.
"Das kann doch alles nicht wahr sein."
So leise sind hier die Geräusche, dass sie vor ihrer eigenen Stimme
erschrickt. Eine Geschichte mit einer Elfenkönigin hat sie sich beim
Lesen ihres Buches auch schon einmal ausgedacht. Die Situation ist so
märchenhaft, dass sie Zeit und Raum vergisst.
Plötzlich fegt ein Windzug durch den Baum, unter dem sie steht. Sie
schüttelt sich, weil ihr kalt wird. Jetzt erinnert sie sich. "Ach,
ist die Zeit schon wieder um?", fragt sie und schaut nach oben.
Die Wolke nickt ihr zu. "Wir müssen weiter."
Im gleichen Moment kommt hinter dem Baum ein Sonnenstrahl hervor, auf
den sie sich setzt. Er hievt sie in Sekunden zur Wolke hoch, so dass ihr
beinah schwindelig wird.
Zurück geht die Reise. Unter ihnen taucht jetzt eine große
Wiese auf. Menschen, klein wie Ameisen, laufen dort herum. Als Astrid
sie "Tor" rufen hört, weiß sie, dass es ein Fußballplatz
ist.
`Meinen Spielplatz müsste ich auch sehen können. Er liegt in
der Nähe des Fußballplatzes`, überlegt Astrid. Genau kann
sie ihn aber nicht sehen, denn die Dämmerung hat inzwischen eingesetzt.
Wolke Acht erkennt die Unruhe in dem Kind. "Keine Bange, du kommst
noch früh genug nach Hause. Noch ist es nicht dunkel."
Auf der Wolke ist es so kuschelig weich, dass Astrid sich einen Moment
hinlegen möchte, so müde ist sie geworden von der weiten Reise.
Sie bekommt Sehnsucht nach ihrem Bett. Wolke Acht lächelt, als das
Mädchen einschläft.
***
Astrid hört Mamas Stimme. "Sieh nur, unsere Kleine war über
ihrem Buch eingeschlafen."
`Wo bin ich?`, denkt Astrid. Sie sieht sich um und kann es nicht glauben.
In ihrem Lieblingskorbstuhl sitzt sie. Auf dem bunten Kissen. Der Stuhl
steht im Wintergarten in der Orchideenecke.
Sie glaubt zu träumen.
War sie nicht eben? ...
***
"Hast du etwas Schönes geträumt?", fragt jetzt ihre
Mutter. "Du lächelst so glücklich."
Sie schaut von der Mutter zum Vater. Und lächelt weiter vor sich
hin.
Nein, geträumt hat sie nicht.
Sie war auf einer Reise. Mit Wolke Acht.
Aber das würden ihre Eltern doch nicht verstehen ...
***** E N D E *****
© Karin Ernst
Bild: ©
Karin Scholles
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