Schmerz, lass nach!

Nach einer guten Nacht wachte ich erholt auf, bereit, mich den Anforderungen dieses neuen Tages zu stellen.

Fröhlich begann ich mein Tagwerk, frühstückte, verabschiedete meinen Mann zur Arbeit, räumte die Küche auf, lüftete die Betten, las elektronische Post, antwortete, schrieb ein Gedicht. Insgesamt war ich guter Dinge.

Plötzlich aber spürte ich einen stechenden Schmerz! Nein, dachte ich, nicht jetzt! Nicht schon wieder diesen schrecklichen Schmerz! Wo es mir doch momentan so gut ging.

Vor Wochen war ich aus einer mehrwöchigen Kur gekommen, die mir ein bisschen Schmerzlinderung und große Erholung gebracht hatte. Sollte die Wirkung schon wieder vorbei sein?

Ich wollte den Schmerz vergessen, er war aber da. Hartnäckig hielt er sich am Kopf, im Knorpelbereich hinter meinem rechten Ohr, bis hinunter in den Nackenbereich. "Okzipitalneuralgie", was für ein Wort. Aber ich erinnerte mich an frühere Schmerzzustände in dem Schädelansatzbereich, und welche Qual sich daraus entwickeln konnte.

Ich sehnte mich nach einer warmen Hand, die sich auf den Schmerz legte, oder nach Schafwolle, die sich aber nicht befestigen ließ. Mich irgendwo einkuscheln, wäre auch nicht schlecht. Oder weit, weit weg zu sein, den Schmerz hinter mir lassend.

Meine gute Laune bekam einen Dämpfer, also beschloss ich, die Angelegenheit sachlich anzugehen. Ich wusste, wie sehr der Schmerz sich entwickeln würde, wenn ich keine Schmerztablette nähme. Hatte aber auch für heute einen Termin bei meinem Akupunkteur, den ich natürlich bitten würde, auf diesen Schmerz gezielt einzugehen.

Es pochte erneut im Schmerzbereich. Stechend, klopfend, bohrend. Wie soll man einen Schmerz beschreiben? In der Umgebung fühlte ich außerdem Wärme, die allerdings unangenehm war. Als ich die Stelle berührte, reagierte sie empfindsam. Später konnte ich kaum die Haarbürste benutzen.

Ich überlegte, wodurch sich der neue Schmerz entwickelt haben mochte. Mir fiel die gestrige Busfahrt ein. Eine Kindergartengruppe mit vier Erzieherinnen hatte im vorderen Busteil Platz genommen, so dass ich bis hinten durchgehen musste. Einen Platz fand ich nur direkt unter einem geöffneten Dachfenster. Der Zug, den ich spürte, könnte der Schmerzauslöser gewesen sein. Was aber nutzte mir die Erkenntnis nun?

Ursächlich entwickelt sich solch ein Schmerz aufgrund meiner verletzten Halswirbelsäule. Diese Diagnose erhielt ich vor einigen Jahren von einem Arzt, den ich bei der ersten Attacke dieser Art an einem Wochenende im Notdienst aufsuchte. Ich erfuhr damals, dass nur eine Schmerzbehandlung helfen könnte.

Als es jetzt immer häufiger an der Stelle zuckte, verzog ich schmerzhaft das Gesicht. Entschied mich vorerst jedoch gegen ein Medikament und beeilte mich mit dem Anziehen, um zur Akupunktur zu fahren. Während des Ankleidens überlegte ich, ob ich lieber ein Taxi nehmen sollte, entschied mich aber dagegen. Ein Auto schaukelt auch, und häufig plappern Taxifahrer, was ich heute überhaupt nicht ertragen hätte.

Also ging ich zur Bushaltestelle. Natürlich tat jeder Ruck, wenn der Bus durch Schlaglöcher fuhr, meinem Kopf weh. Auch schmerzte beinah der Straßenlärm. Nachdem ich in die Straßenbahn umgestiegen war, war es erträglicher.

Mein Akupunkteur sah meinen Augen an, dass ein Akutzustand mich beherrschte. Sofort setzte er eine zusätzliche Nadel, die für kurze Zeit den übelsten Schmerz nahm. Ich ruhte eine halbe Stunde in der üblichen Behandlung, auf Linderung hoffend. Als ich die Praxis verließ, merkte ich den leider wiederkehrenden Schmerz. Schade, dachte ich, wusste aber aus Erfahrung, dass Akupunktur diese starken Schmerzen nur selten beeinflussten.

Tapfer machte ich mich auf den Weg zu meinem Schnellrestaurant, um heute eine warme Mahlzeit zu mir zu nehmen. Nach einem kalten Salat war mir heute nicht, denn der Dauerschmerz hatte sich inzwischen ebenfalls verstärkt. Ein Phänomen, das ich zwar kannte, mir aber niemals erklären konnte. Auf positive Nachwirkung der Akupunkturbehandlung hoffte ich weiterhin.

Insgesamt hatte diese mich ein wenig beruhigt, ich fühlte mich, bis auf den Akutschmerz, gut. Zu Hause würde ich eben doch eine Tablette nehmen müssen.

Auf dem Rückweg wurde ich kurzzeitig traurig, wollte nicht, dass sich der Schmerz heftigst hochschaukelte. Erinnerungen an frühere Schmerzpaniken stellten sich ein. An Tränen, die ich nicht unterdrücken konnte. Dass ich nicht mal meine Haare waschen, sie kaum kämmen konnte. Jede Berührung im Nackenbereich war höllisch. Auch die Hilflosigkeit meines Mannes, wenn er mir nicht helfen konnte, außer mich zu trösten, fiel mir ein. Eine körperliche Nähe konnte ich dann allerdings kaum zulassen.

Das alles sollte heute nicht so werden!

Also nahm ich sofort nach meiner Rückkehr eine starke Schmerztablette, litt noch kurze Zeit, bis ich die Wirkung spürte. Der Schmerz ließ mich nicht ganz los, doch war er jetzt aushaltbar. Auf die Dauerschmerzen nahm das Medikament auch ein wenig Einfluss, so dass sich zwar meine Leber ärgern würde, ich aber wieder ohne schmerzverzerrtes Gesicht atmen konnte.

Für eine Weile würde ich nun Ruhe haben, hoffte, dass sich der Zustand nicht über mehrere Tage hinziehen würde, weil ich rechtzeitig zur Vernunft gekommen war, mit einem Mittel den Schmerz zu unterdrücken. Wie ich es in der Schmerztherapie gelernt hatte.

Auch heute tauchte tief in meinem Inneren nun wie immer die gleiche Frage auf: Warum kommen solche Zusatzschmerzen? Hab ich nicht schon genug auszuhalten?

Oder trifft mich der Schmerz, weil es mir lange sehr gut ging? Darf ich mich nicht des Lebens freuen, ohne eine zusätzliche "Strafe" zu erhalten?

Diese Frage stelle ich mir in Zeiten der Schmerzattacken immer wieder.

Und finde keine Antwort …


 

(05. August 2005)
© Karin Ernst