Schneechaos am ersten Advent

Friedlich-fröhlich
begann sie nicht
die diesjährige Adventszeit

vielerorts zwar Klingglöckchen
rote Kerzen auf grünen Kränzen
Werbung und Glitzerndes
zur Vorweihnachtszeit

doch nahte über Nacht
drohend Herr Winter
Schneeberge im Gepäck
kaltes Weiß überzog dick
Teile des Landes

eine Viertel Million Menschen
ohne Strom, Heizung, Wasser
Strommasten brachen zusammen
wie Streichhölzer
auf Autobahnen und Schienen
lief gar nichts mehr

Novemberwetterkapriolen …
bis Mitte des Monats
Sonne und Wärme
nun unerwarteter Wintereinbruch
zum ersten Adventswochenende

Schneechaos
jedoch nicht nur bei uns
halb Europa winterweiß zugedeckt
Verkehr brach zusammen
Autofahrer übernachteten
in ihren Fahrzeugen

im fernen Moskau
kämpfen über zehntausend
teils noch kleine Straßenkinder
ums nackte Überleben
ein aktueller Fernsehbericht
trieb mir Tränen in die Augen

auch unsere Obdachlosen
(er)frieren
werden unter vielen Menschen
übersehen
Nein!

mir ist nicht
nach heiler Welt zumute
indem ich Kerzen anzünde
eine CD einlege
Glühwein trinke
und mir Lebkuchen schmecken lasse

ich möchte
meine Gedanken erst mal sortieren
kann das viele Elend der letzten Tage
nicht begreifen
Nachrichten kaum aushalten
fühle mich sandkornklein
Schmerzen werden unbedeutend

trotzdem
atme ich tief durch
denn mir geht's richtig gut
ich sitze im Trockenen
habe es kuschelig warm
genug zum Essen und Trinken
ein weiches Bett

ich werde still-bescheiden
fühle zufriedene Dankbarkeit
und in mein Inneres zieht etwas ein
das selten geworden ist
…. Demut.

 


(28. November 2005)
© Karin Ernst