| Sind
Sie vom Fach?
Nein, diese Wetterverhältnisse sind auch dieses Jahr - wie in jedem Herbst - nichts für mich. Seufzend wende ich mich vom Fenster ab und mache mich bereit für den Weg zum Bus. Meine Schuhe haben neue rutschfeste Sohlen bekommen, also wird's schon gut gehen, überlege ich, während ich meine Kapuzenjacke anziehe. Als ich aus der Haustür trete, hat es wenigstens aufgehört zu regnen. Nun brauche ich den Schirm nicht aufzuspannen, sondern hänge ihn über meine Schulter. So kann ich mich etwas besser auf den Bürgersteig konzentrieren, wo nasses Laub Rutschgefahr bedeutet. Schritt für Schritt versuche ich, zwischen nassen Blättern ein Stückchen unbelaubten Fußweges zu erwischen. Als ich die Bushaltestelle erreiche, bin ich froh. Nachdem jedoch auch der Boden im Bus nass ist, fällt mir ein Stein vom Herzen, als ich mich setzen kann. Zufrieden lehne ich mich zurück und kann entspannen. Jedes Jahr dasselbe, denke ich beim Blick aus dem Busfenster. Viele Zentner Laub verstopfen Straßen und Wege. Auch wenn es die Jahreszeit nun mal mit sich bringt, ist das Laufen für alte und gehbehinderte Menschen doch problematisch. Ich erreiche meine Zielhaltestelle und bin erleichtert, dass ich beim Aussteigen auf dem jetzigen blätterfreien Gehweg trockenen Fußes vorankomme. Beschwingt begebe ich mich zu meiner Behandlung. Nachdem ich dort fertig bin, möchte ich noch mit der Straßenbahn weiterfahren. Anders als beim Hinweg muss ich nun ein Stück Fußweg benutzen, auf dem viel Laub liegt. Ich kenne die Gefahr, es gibt jedoch kein Ausweichen. Doch ich bin zufrieden, als ich in der Ferne ein kräftiges Orange erkenne. Mehrere Männer der Stadtreinigung in ihrer auffälligen Schutzkleidung sind anscheinend damit beschäftigt, Laub zu beseitigen. Jedenfalls sehe ich vier Personen, die in der Nähe eines hinten offenen Kleintransporters stehen. Als ich mich vorsichtig durch nasses Laub vorwärts traue, stehen drei der Männer an einer Straßenkante und unterhalten sich, während einer dabei ist, Blätter zusammenzuschieben. Wut packt mich, als mir die drei anderen entgegenblicken. Im Auto sitzt ein Fahrer und wartet drauf, dass Laubberge in den rückwärtigen Kasten geschippt werden. Große Mengen gekehrten Laubs kann ich nicht entdecken, und die Schaufel voll, die der arbeitende Straßenfeger nun ins Auto wirft, ist nicht das, was ich erhoffe. Beinah die Hälfte verliert er wieder, um danach erneut den Besen zu benutzen. Einen Moment lang bleibe ich stehen um abzuwarten, ob einer der drei anderen Männer sich eventuell bemüht, das Stück Weg vom Matsch zu befreien, auf dem ich gehe. Jedoch bequemt sich niemand. Vielleicht ist bei ihnen grade Pause angesagt, denn jeder raucht eine Zigarette. Jetzt stutze ich allerdings,
denn der "Feger" hat seinen Besen umgedreht, so dass er beim
Schieben kaum Laub zusammen bekommt. Freundlich spreche ich ihn an: Der Wagen, der das Laub aufnimmt, ist inzwischen näher gekommen, so dass der Arbeiter erneut eine Schippe voll hinein wirft. Alle vier Kollegen folgen gemächlichen Schrittes dem Auto. Ein großartiges Reinigungsergebnis kann ich allerdings nicht erkennen. Als meine Ampel Grün zeigt, überquere ich den Zebrastreifen und sehe die Straßenbahn kommen. Verärgert steige ich ein, kann kaum fassen, was ich eben erlebt habe. Ich überlege, wie das viele Laub, das noch bis Ende des Herbstes zu Boden fallen wird, auf diese Weise entsorgt werden kann. Nein! Ich denke auch nicht darüber nach, dass es über vier Millionen Arbeitslose gibt. Denn in diesem Falle stehen genügend Männer der Straßenreinigung zur Verfügung. Allerdings erinnere ich mich an nur einen, der seinen Besen "bediente." Als die Sonne hervor kommt, halte ich ihr mein Gesicht entgegen und wende meine Gedanken freundlicheren Themen zu.
(05. November 2005)
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