Selten behaupte ich von mir, dass ich mir etwas Teures gönne. Was ich zu besorgen habe, erledige ich. Unnützen Schnickschnack kaufe ich nach Möglichkeit nicht. Luxus bedeutet mir nicht das Geringste.

Heute habe ich den Wunsch, einmal einen anderen Weg in der Innenstadt zu gehen: die teure Straße entlang. Schauen kann ich dort mal wieder, denke ich. In der Straßenbahn komme ich in ein Gespräch mit einem Pärchen aus Ecuador. Der Mann spricht unsere Sprache. Die beiden mühen sich mit einer großen Faltkarte ab, weil sie ein Ziel suchen. Ich biete meine Hilfe an, die sie gerne annehmen. Den Weg zum Fremdenverkehrsamt nenne ich ihnen als erstes. Dort bekommen sie eine kleine Karte der Innenstadt, auch in Spanisch. Allerlei Sehenswürdigkeiten empfehle ich noch, dann trennen wir uns lächelnd.

Nun gehe ich auf der Supermeile flanieren. Schaue hier und dort. Wie meistens, wenn ich diese Straße entlang gehe, wundere ich mich über die teuren Waren. Ich frage mich, wer so viel Geld ausgibt. Vor einem Juwelierladen sitzt ein Bettler. Er ist nicht der Einzige seiner Zunft auf dieser Straße. Ich wünsche ihm von ganzem Herzen, dass er wenigstens von dem Geld, das die Leute hier bereit sind auszugeben, etwas erhält. Aber angeblich sind Menschen, die viel Geld haben, besonders geizig.

Morgens im Fernsehen war Deutschlands Starfriseurin Marianne Meier in einer Unterhaltungssendung zu Gast. Es wurde berichtet, dass sie einen weiteren Salon in unserer Stadt eingerichtet hat. Genau in der Straße, auf der ich jetzt entlang laufe. Ich gehe auf die Suche. Vor kurzem war ein neues, riesiges Einkaufszentrum der Superklasse errichtet worden. In diesem Center befindet sich der Friseursalon. Fast einer Mutprobe gleich, betrete ich den durchgestylten Laden. Am Empfang eine stählern blickende Frau. Sie muss sicher so schauen, sonst würde ihr Make-up verrutschen. Ich stehe vor ihr, ungeschminkt, ordentlich aber nicht nach der neuesten Mode gekleidet und frage, ob sie auch "normale" Frauen wie mich frisieren würde?
"Wer bestimmt schon, was normal ist?", antwortet sie - sehr freundlich. Der nächste freie Termin ist in einer Woche.

Dann erkundige ich mich nach dem Preis für die Haarbehandlung. Ich wundere mich nur ein ganz klein wenig, habe ich mir doch vorgestellt, dass der Preis hier in der Nobelgegend höher liegen würde. Aber dass er das Dreifache dessen betragen würde, was ich bei meiner jetzigen Friseurin bezahle, habe ich nicht erwartet. Ich danke freundlich, lasse mir eine Visitenkarte geben und gehe.

Als ich draußen bin, ist mir klar, dass ich meine Haare hier nicht schneiden lassen werde. Ich bin mit meiner Friseurin zufrieden. Sie wird es mir danken, wenn ich wiederkomme.

Das Einkaufszentrum interessiert mich nicht mehr. Es ist zu warm, es gibt zu viel Stahl und zu viel Glas. Der Fußboden ist gefliest, daher nicht rutschfest. Nichts für mich.

Auf der Straße sprechen mich vier junge Frauen an, Besucherinnen, die ein Café suchen, eines, das nicht so teuer ist. Den Weg dorthin kann ich ihnen nennen. Und lächle, weil nicht jeder, der hier entlang geht, viel bezahlen möchte.

In manches Geschäft blicke ich hinein. Die Verkäuferinnen bekommen jedes Mal fast einen Schreck, ich könne mich als Kundin entpuppen. Würden sie doch in ihrer Unterhaltung gestört werden. Ich habe nicht vor, etwas zu kaufen, vielmehr freue ich mich darüber, was ich spare.

Mehrere kleine Cafés gibt es auf der Prachtstraße. Die Tische sind sehr klein. Die Tassen sind sehr klein. Die Kellner blicken gelangweilt. Nur die Preise, in sehr kleiner Schrift auf der Speisekarte kaum lesbar, sind dafür besonders hoch. In solch einem Café würde ich mich nicht wohlfühlen. Aber "man" wird gesehen und kann sich in seinem neuen Look zeigen.

In einer bekannten Confiserie schaue ich mir im Fenster die Pralinen an. Lecker sehen sie aus, aber bei den angegebenen Preisen würden sie mir nicht schmecken. Es liegt auch ein besonderer Stuten dort, dessen Preis pro hundert Gramm angegeben ist. Bei meinem Bio-Bäcker würde ich dafür zwei Wochenendstuten kaufen können. Ich amüsiere mich köstlich, und gehe weiter.

Immer näher komme ich der Straße, in der ich sonst einkaufen und spazieren gehe. Ich bin froh, sie zu erreichen. Fast fühle ich mich hier zu Hause. Hier finde ich alle Einkaufsmöglichkeiten vor, die ich benötige. Meinen Lieblingsbuchladen. Das Reformhaus, in dem ich manchmal Vollkornbrot kaufe. Den Drogeriemarkt, der die günstigsten Preise hat. Das Kaffeegeschäft, in dem die Sonderangebote nicht sofort ausverkauft sind, und die Poststelle.

Inzwischen ist es Mittag und ich entscheide mich als erstes für mein Lieblingsrestaurant. In einem Restaurant auf der teuren Straße hätte ich nicht essen wollen. Dieses hier ist zwar mit Selbstbedienung, aber das tut dem Ambiente keinen Abbruch. Hier fühle ich mich wohl. Die Bedienung ist freundlich. An den Tischen ist ausreichend Platz, so dass ich nebenbei auch meinen Schreibblock und Stift ablegen kann, um zu schreiben.
Jeder Kunde kann sich ein Glas Tee kostenlos einschenken, gegen eine kleine Geldspende für ein Kinderhilfswerk. Die Spende leiste ich gerne. Es ist ein großer Raum, in dem ich wunderbar die Menschen beobachten kann, die eilig ihr Essen verzehren. Ich habe Zeit, kann auch die Musik genießen, die vom Band läuft. Fremdländische Musik, die mir gefällt.

Hier und da erkenne ich Gäste, die ich des Öfteren hier treffe. Ein Lächeln hier, ein Gruß dort verschönen den Tag. Keiner beobachtet mich, sitze ich noch länger am Tisch, auch wenn ich fertig mit dem Essen bin. Das große Stückchen Brot, das ich in diesem Restaurant als Zugabe bekomme, wickle ich in eine Serviette. Ich bin gesättigt und mag es nicht zurückgeben, weil es dann im Abfall landet. Ein paar Meter weiter auf dieser Straße weiß ich einen Obdachlosen, der dort mit seinem Hund sitzt. Immer an derselben Stelle. Diesem Mann habe ich schon mehrmals ein Stückchen Brot geschenkt. Er dankt mir mit einem Lächeln.

Nach dem Essen gehe ich ins Reformhaus. Diese Woche gibt es mein Lieblingsbrot zum Sonderpreis. Einen schönen Tag wünscht die Verkäuferin mir noch. Ob die Angestellte in der teuren Confiserie auch gelächelt hätte, wenn ich nur ein Brot gekauft hätte? Ich bezweifle es.

Einige Meter weiter gehe ich in den Buchladen. Etwas kaufen möchte ich eigentlich nicht. Nur umschauen, was es an Neuigkeiten gibt. Auch hier freundliche Worte von den Verkäuferinnen, denen ich keine Unbekannte bin, komme ich doch häufig hierher.

Im Eingangsbereich finde ich Kinderbücher im Angebot. Ich staune und kaufe zwei für meine Enkel. Freue mich darüber, dass ich pro Buch fünfzehn Mark gespart habe. Die Bücher sind neu, es handelt sich nur um so genannte Auslaufmodelle. Das ist den Kleinen, die sie bekommen werden, egal. Es sind wunderschöne Bücher.

Ich mag die Einkäufe in den Geschäften dieser Straße. Fühle mich hier wohl. Sicher könnte auch ich mir manches Stück auf der Prachtstraße leisten. Doch das Geld, das ich dort geben würde, täte mir Leid. Ich brauche keinen Luxus, sondern möchte den Wert des Geldes weiterhin schätzen.

Ein schöner Stadtbummel geht zu Ende. Ich bin zufrieden.

Eine kleine Süßigkeit kaufe ich noch.

Für meinen Liebsten, wenn er heute Abend heimkommt.

Weiß ich doch, dass er sich darüber freut ...

 

 

***** E N D E *****

 

 

© Karin Ernst

Bild: © Anja