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"Wirst du
wohl gerade stehen!" Mutter Stern funkelt zu ihrer Tochter herüber.
"Ach, Mama, ich will nicht immer nur hier herum stehen und strahlen",
antwortet Sternchen. "Mir ist es langweilig."
Einige Brüder schütteln zur Bejahung einen ihrer Zacken. Als
aber Vater Stern die Augenbrauen zusammen zieht, verhalten sie sich wieder
brav.
"Ach, warum muss unsere Jüngste nur immer so aufmüpfig
sein", seufzt Mutter Stern und schaut ihren Mann an. "Seit Jahrtausenden
stehen wir am Himmel und tun unsere Pflicht. Nur unsere Tochter tanzt
aus der Reihe."
"Es ist mir eben langweilig", mault Sternchen erneut dazwischen.
"Ich weiß, was ich möchte. Gerne würde ich mal zur
Erde gleiten. Dort unten ist es hell. Hier sind wir immer nur im Dunklen
und müssen strahlen." Hätte sie Füße, würde
sie sicherlich aufstampfen.
"Na ja, ab und zu bekommen wir von Frau Sonne ein paar Helligkeitsstrahlen
zu spüren. Immer ist es nicht dunkel", besänftigt Mutter
Stern. "Außerdem musst du zugeben, dass unser lieber, guter
Mond sich wirklich alle Mühe gibt, es so hell wie möglich zu
machen."
"Glaubst du denn, dass auf der Erde alles so viel besser ist?",
mischt sich nun der Vater ein. "Dort ist Lärm und Schmutz. Es
gibt Zank und Streit. Oh ja, das kann ich sehr gut erkennen. Meine Ohren
sind noch in Ordnung." Er überlegt weiter. "Unsere Luft
hier oben ist auch wesentlich besser."
Mutter Stern lächelt. "Es gibt auf der Erde aber auch schöne
Dinge. Nicht alles ist schlecht."
Neugierig hört das Sternentöchterchen zu, als die Mutter weiter
spricht.
"Ich hörte von grünen Wäldern und Feldern. Bunte Blumen
blühen, Vögel singen, und Kinder lachen und springen."
"Mama, woher weißt du das alles?", fragt einer ihrer Söhne
dazwischen.
"Der Wind trägt es hinauf. Du musst nur genau zuhören."
Der Sternenjunge überlegt, schüttelt einen Zacken und antwortet:
"Ach nein, ich bleibe lieber auf meinem Platz. Ich mache den Menschen
Freude, indem ich ordentlich strahle."
"Wenn sich nur nicht immer die dicken Wolken vor uns schieben würden",
schimpft jetzt seine Schwester. "Ich will mir trotzdem einmal ansehen,
was dort unten los ist." Sternchen bleibt hartnäckig bei ihrem
Wunsch und verfällt in eigene Gedanken.
Als alle schweigen, erschrickt sie plötzlich. Ein Windhauch pustet
sie fast um.
"Soll ich dir helfen? Ich fliege sowieso zur Erde und könnte
dich ein Stück des Weges begleiten."
"Das wäre schön. Mama, Papa, bitte, darf ich?", bettelt
das neugierige Sternenmädchen.
Die Eltern werfen sich einen Blick zu. Vater Stern nickt leicht und antwortet:
"Also gut. Wir werden dich aber bis an den Rand der Erde begleiten.
Von dort findest du den Weg allein."
"Au fein!", freut sich die Sternentochter und reckt sich. Sie
ist ein wenig steif, denn immer auf dem gleichen Fleck zu stehen, ist
gar nicht so einfach.
Jetzt kommt Bewegung in die Familie Stern auf diesem Himmelsfleck, der
ihnen zugeteilt wurde. Alle recken sich und plaudern durcheinander.
"Nun aber los. Bevor ich es mir noch anders überlege",
ermahnt Vater Stern.
Vorsichtig schweben sie los, geschoben vom kleinen Windhauch.
Als die Familie am Rande des Himmels angekommen ist, wird es Sternchen
plötzlich ängstlich zumute. Dennoch reißt sie sich zusammen
und ruft allen "auf Wiedersehen" zu.
Die Eltern und alle Brüder antworten durcheinander: "Viel Glück!
Komm bald wieder. Und sieh dir alles genau an."
Hui, wird das kleine Sternenmädchen nun flugs zur Erde getrieben.
Das macht Spaß. Im Sauseschritt düst es voran, bis es plötzlich
zusammen zuckt.
"Was ist das?", fragt Sternchen den Wind.
"Ach, nur ein Flugzeug. Die fliegen hier überall herum. Die
Menschen wollen immer weiter weg, darum haben sie diese Blechvögel
gebaut. Du musst zwar ein wenig aufpassen, wirst dich aber dran gewöhnen.
Sperr einfach die Ohren auf."
Erschrocken sieht Sternchen dem Riesenvogel hinterher, als der Windhauch
sagt: "Ich will jetzt schnell vorfliegen, den Menschen ein wenig
Luft um die Nase blasen. Du kommst jetzt allein klar, wirst schon sehen.
Tschüss, bis irgendwann."
Husch, weht der Wind davon, und Sternchen schwebt völlig verlassen
auf die Erde zu.
"Pah, das wäre doch gelacht. Ich komme auch allein klar. Bin
doch kein Angsthase", redet sie sich selbst Mut zu und segelt weiter.
Endlich kommt sie dazu, sich ein wenig umzuschauen. Die Sonne ist aufgegangen
und sie kann Helligkeit erkennen. Das ist etwas anderes, als immer nur
am Nachthimmel zu stehen. Auch kommt es ihr jetzt viel wärmer vor.
Nach einer Weile, in der das Mädchen weiterhin abwärts gleitet,
bekommt sie plötzlich einen starken Hustenreiz. "Was ist das
denn?", fragt sie sich. "Ist ja furchtbar." Da sieht sie
Rauch aus einem hohen Schornstein aufsteigen. "Die sollen ihren Mist
für sich behalten. Kein Wunder, dass wir oben auch oft husten müssen",
schimpft sie ungläubig.
Durch den quälenden Hustenreiz hat sie nicht genug aufgepasst und
bleibt an etwas Merkwürdigem hängen. Erschrocken sieht sie sich
um. "Wo bin ich?", fragt sie laut.
"Hier. Hier bei mir", hört sie eine brummige Antwort.
"Wer bist du?", fragt sie und sieht genauer hin.
"Ich bin ein Baum. Du hast dich in meinen Blättern verfangen.
Solltest du nicht eigentlich oben am Himmel sein? Was hast du hier unten
bei uns zu tun?", wundert sich der Baum.
"Es war so langweilig, immer nur auf einem Fleck zu stehen und zu
strahlen", antwortet sie kleinlaut. "Deshalb sehe ich mir jetzt
die Erde an."
"Hm. Na ja. Das ist eine gute Idee, denn ihr kennt euch hier gar
nicht aus. Sieh dich einfach um, dann merkst du, wie es auf der Erde zugeht."
Sternchen guckt sich den Baum genauer an. Eine riesige alte Eiche ist
es, und sie ist richtig beeindruckt.
"Piep, piep, piep, wir sind auch noch hier."
"Hallo, ihr Vögel. Guten Tag. Na, euch kenne ich schon. Manchmal
fliegt einer von euch bis zu uns in den Himmel hinauf."
"Hier in dem Baum und den vielen anderen, die auf der Erde wachsen,
bauen wir unsere Nester. So sind wir vor Räubern geschützt",
erzählt ein Vögelchen.
Interessiert hört Sternchen zu, will dann aber weiter.
Die Vögel winken mit ihren Flügeln dem Sternenkind hinterher.
Sie unterhalten sich aufgeregt, weil sie gar nicht glauben können,
hier einen wahrhaftigen Himmelsstern gesehen zu haben.
Sternchen schwebt weiter. Plötzlich wird sie von irgendetwas umflogen.
"Ach, bist du niedlich. Wer bist du denn?"
"Das weißt du nicht? Ich bin ein Schmetterling. Wollen wir
gemeinsam ein Stück gleiten?"
"Wohin fliegst du denn?"
"Du wirst schon sehen. Komm nur nach."
Gerne schließt sich Sternchen dem Schmetterling an. Bei einer bunten
Blumenwiese landet dieser auf einer wunderschönen Blüte. "Sieh
nur, das sind Wiesenblumen. Sind sie nicht herrlich?", fragt er.
"Ja, wirklich. Soviel Schönes ist hier bei euch auf der Erde
zu sehen. Es gefällt mir hier. Bei uns oben ist immer alles nur schwarz."
Sternchen wirft einen Blick ins Firmament, kann aber keine Sterne sehen,
weil es hellichter Tag ist.
Der Schmetterling kümmert sich nun nicht mehr um Sternchen und so
schwebt sie allein weiter. Als sie merkwürdige Geräusche hört,
hält sie an. "Was mag das sein?"
Plötzlich erinnert sie sich: Das müssen Kinder sein! Diese Geräusche
dringen häufig bis zu ihnen hinauf und so hatte die Mutter von den
Kindern auf der Erde erzählt.
Staunend versteckt sie sich hinter einem Baum. Mehrere Kinder spielen
gemeinsam mit einem Ball und rufen und lachen.
"Aua", ruft sie plötzlich. Der Ball hat sie getroffen.
"Wer hat eben `aua` gerufen?", fragt eines der Kinder. Alle
schauen sich gegenseitig an.
"Ich", antwortet Sternchen kleinlaut. "Ihr habt mich mit
dem Ball getroffen. Das tut weh."
Die Kinder sehen sich um und entdecken sie. "Ein Stern! Wie kommst
du denn hierher? Es tut uns furchtbar Leid, dass wir dich getroffen haben.
War keine Absicht", spricht einer der Jungen verlegen.
Interessiert sehen die Kinder sich den Stern an. Sie können es kaum
glauben. Als Sternchen aber zum wiederholten Male erzählt, dass sie
sich die Erde ansehen möchte, staunen die Kinder. Doch sie verlieren
schnell das Interesse an dieser Neuigkeit und werfen sich wieder den Ball
zu. Sternchen beobachtet sie noch einen Moment, bevor sie weiter schwebt.
Am Ende des Spielplatzes hört sie eine andere Stimme. Sie schaut
sich um und sieht einen Kinderwagen. Vorsichtig fliegt sie näher
heran, denn sicher sind nicht alle Menschen erfreut über ihren Anblick.
Im Kinderwagen liegt ein Baby und weint. Als Sternchen einen vorsichtigen
Blick hinein wagt, betrachtet das Baby sie verwundert. Dann gluckst es
plötzlich vor Vergnügen.
"Solch ein Baby ist wirklich allerliebst." Sternchen strahlt
das winzige Menschlein noch ein wenig mehr an.
Als das Baby endlich eingeschlafen ist, merkt sie, wie müde sie selbst
geworden ist. Es war eine lange Reise und die Helligkeit ist sie nicht
gewohnt. Tief im Inneren spürt sie Heimweh.
`Ich werde einfach ein kleines Nickerchen machen, wie wir es zu Hause
auch tun, wenn wir nicht strahlen müssen`, überlegt sie und
verzieht sich hinter einen großen Baum. Bald ist sie eingeschlafen.
Als Sternchen erwacht, ist die Sonne verschwunden. `Oh, müssen wir
schon strahlen?`, will sie fragen und schaut sich verwundert um. Da fällt
ihr wieder ein, dass sie allein ist. Neugierig hat sie sich auf die weite
Reise gemacht, um sich auf der Erde umzusehen.
Plötzlich ist sie gar nicht mehr das neugierige, kleine Sternenmädchen,
sondern nur noch traurig. `Ich möchte nach Hause`, denkt sie wehmütig,
und schwebt durch die Gegend. Viel hat sie heute gesehen. Auch Häuser
und Straßen, große und kleine Menschen. Ihre Ohren schmerzen,
sie sind den vielen Lärm nicht gewohnt.
"So anstrengend habe ich mir diesen Ausflug nicht vorgestellt",
stellt das Mädchen fest. Sie ist nicht mehr bei der Sache, sondern
denkt an zu Hause und so stößt sie sich plötzlich. "Autsch",
entfährt es ihr und reibt sich einen ihrer Sternenzacken.
"Pst, sei doch leise, sonst weckst du Jule auf", hört sie
eine Stimme flüstern.
Irritiert bleibt Sternchen in der Luft stehen und fragt: "Wer bist
du, und wer ist Jule?"
"Du kennst mich doch. Ich bin einer der Schutzengel. Hier in dem
Zimmer liegt meine kleine Jule, die ich beschützen soll. Sie ist
sehr krank."
Sternchen fängt an, ganz leicht zu leuchten und sieht den Engel vor
einem Fenster.
"Hallo", flüstert sie erfreut und der Schutzengel grüßt
zurück.
"Was machst du hier unten, Sternchen?", fragt das Schutzengelchen.
"Ich kenne dich doch vom Himmel. Ist auch egal. Eigentlich ganz praktisch,
dass du jetzt hier bist. Vielleicht kannst du mir leuchten. Ich muss nämlich
durch das Fenster zu Jule. Sie soll doch schnell wieder gesund werden."
Sternchen strahlt so heftig, wie sie kann und dem Engel gelingt es, unter
ihrem Schein unbemerkt ins Zimmer der kleinen Jule zu schlüpfen.
"Tschüss", flüstert er Sternchen noch zu. "Ich
muss mich jetzt kümmern. Vielleicht solltest du auch wieder nach
Hause zurückkehren."
Sternchen beobachtet noch eine Weile, wie sich das Schutzengelchen um
das kleine kranke Mädchen bemüht. Bald ist Jule ruhig eingeschlafen.
Traurig wirft Sternchen einen Blick zum schwarzen Nachthimmel. Sie sucht
und sucht und plötzlich sieht sie den Platz, an dem ihre Familie
steht. Alle strahlen, nur ein kleines Plätzchen zwischen den Brüdern
ist leer. Ein dunkler Fleck ist dort zu erkennen. Traurigkeit übermannt
sie so heftig, dass sie am liebsten weinen würde. Aber sie bleibt
stark. Vater Stern sagt immer, Sterne weinen nicht.
Sternchen sieht sich noch einmal um. Die Erde liegt in tiefem Schlaf.
Sie hat genug gesehen und nur noch einen Wunsch: Sie möchte heim,
zurück zu ihrer Familie. Und zu all den anderen Millionen Sternen.
Denn plötzlich weiß sie, dass jeder im Leben seinen Platz hat:
die Menschen und Tiere auf der Erde und die Sterne am Himmel.
Erschrocken zittert sie. Was war das? Doch dann strahlt sie vor Freude
noch ein wenig mehr. Ihr Freund, der Windhauch, ist gekommen.
"Ich habe doch gewusst, dass du es nicht lange hier unten aushältst.
Komm, ich begleite dich."
Das neugierige kleine Sternenmädchen wirft einen Blick gen Himmel
und winkt mit einem Zacken. "Ich komme, ich komme", flüstert
sie und schwebt mit dem Windhauch davon.
Nach Hause ...
***** E N D E *****
© Karin
Ernst
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Max (5)
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