|

*** Ein Märchen ***
Im Himmel herrscht
große Aufregung. Oberschutzengel Maria hat alle Engel zu einer Konferenz
geladen. Sie wollen darüber beraten, was sie mit ihren Schützlingen
auf der Erde machen sollen. Die Engel sind nämlich traurig darüber,
dass die Menschenkinder nicht mehr auf sie achten. Immer weniger hören
sie auf leise Stimmen.
Alle sind ganz aufgeregt. Jeder hat etwas zu erzählen von seinem
Erdenkind.
Engel Sarah jammert: "Mein Schutzkind Lina hört nicht auf mich.
So sehr ich mich bemühe, sie passt einfach nicht auf. Vor kurzem
wäre sie beinah vor ein Auto gelaufen. Dabei war ich ganz in ihrer
Nähe. In letzter Minute konnte ich ihr noch auf die Schulter klopfen."
Alle reden durcheinander. Engel Maria aber ruft: "Jeder der Reihe
nach. Wer etwas zu sagen hat, kommt auch dran."
Engel Markus meldet sich: "Der kleine Simon, auf den ich aufpasse,
ist auch nicht bei der Sache. So lange schaut er Fernsehen, dass er gar
nicht merkt, wie unruhig er danach ist. Und müde. Manchmal steht
er heimlich auf, wenn die Eltern schon schlafen. Ich kann ihm noch so
viele Zeichen geben, er achtet nicht darauf. Es ist schwer, bei Simon
dafür zu sorgen, dass er lange genug schläft."
"Ach ja, es ist nicht leicht, ein Schutzengel zu sein", bemerkt
Engel Gabriele. "Meine Kleine auf der Erde, Viola, ist ein hibbeliges
Kind. Isst sie, achtet sie nicht darauf, wann sie satt ist. Noch mehr
Eis oder Pommes stopft sie in sich hinein. Beinah hätte sie gestern
wieder Bauchweh bekommen. Ich konnte gerade noch eingreifen."
Was ist nur mit den Kindern los, fragen sich alle.
Der kleinste Engel, Christian, meldet sich aufgeregt: "Auch ich konnte
fast nicht schnell genug zu meinem kleinen Tobias fliegen. Wie schon oft
hatte er sein Dreirad mitten auf der Treppe stehen lassen. Als er wieder
nach draußen ging, verhinderte ich gerade noch, dass er darüber
fiel."
Die Kinder sind zu wild. Darin sind sich alle Engel einig. Viel wird noch
vorgetragen, was nicht klappt. Es ist eine schwere Aufgabe, auf all die
kleinen Erdenkinder aufzupassen.
"Was wollen wir machen?", fragt ein Engel dazwischen.
Oberschutzengel Maria überlegt: "Wir können den Kindern
eine Lektion erteilen."
Das halten alle für eine gute Idee. Es wird abgestimmt und ein Streik
wird beschlossen.
Zwei Tage lang wollen sie nicht auf ihre Schutzbefohlenen aufpassen. Die
Kleinen sollen in dieser Zeit Gelegenheit bekommen, sich an ihren Schutzengel
zu erinnern. Ein älterer Engel gibt zu bedenken, dass vielleicht
noch mehr passieren kann. Alle lächeln, weil sie wissen, dass dieser
Engel besonders ängstlich aufpasst.
"Es wird schon nichts passieren", überlegt Engel Gabriele.
"Die Kleinen werden sich daran erinnern, dass sie uns brauchen. Obwohl
Kinder heutzutage sehr selbständig sind."
Nach der Abstimmung machen die Engel Pläne, wie sie sich in der freien
Zeit beschäftigen. Spielen wollen sie. Es sich auch gemütlich
machen. Und singen. Tanzen wird ebenfalls vorgeschlagen. Wunderbar wird
es werden. Ein ganz klein wenig machen sie sich allerdings doch Gedanken,
dass ihren kleinen Lieblingen etwas passieren könnte. Aber laut spricht
das kein Engel aus. Genau 48 Stunden soll der Streik dauern. In dieser
Zeit soll keiner zur Erde fliegen.
***
Die Kinder auf der Erde sind außer Rand und Band. Alles läuft
durcheinander. Die Eltern wissen nicht, wie sie ihre Kleinen zur Ordnung
rufen können.
Lina rollert auf der Straße. Sie achtet nicht auf den Verkehr. Autos
müssen kreischend bremsen. Sehr erschrocken und blass ist sie geworden.
Es ist nochmal gut gegangen.
"Was ist nur los?", fragt sie sich. "Hat mein Schutzengel
heute verschlafen?"
Viola vergisst nach dem Mittagessen, dass sie satt ist. Sie stopft noch
so viele Süßigkeiten in sich hinein, dass sie schreckliche
Bauchschmerzen bekommt. Ihre Eltern fahren mit ihr zum Kinderarzt.
"Hat dir denn dein Schutzengel nicht Bescheid gesagt, dass du dich
nicht so voll futtern darfst?", fragt er.
"Nee", jammert Viola, "weiß nicht so genau."
Der Doktor verordnet Wärme und Kamillentee. Keine Apfelschorle. Das
hat sie nun davon.
Simon hält sich nicht an die verabredeten Fernsehzeiten. Als die
Eltern eingeschlafen sind, steht er wieder auf. Viel zu lange sitzt er
vor dem Kasten. Fast wäre er eingeschlafen. Gerade noch rechtzeitig
geht er ins Bett. Am nächsten Tag im Kindergarten ist er sehr müde.
Kaum die Augen aufhalten kann er. Mama und die Kindergärtnerin wundern
sich. Mit Simon ist heute gar nichts los. Er kann ihnen doch nicht erzählen,
dass er heimlich so lange ferngesehen hat. Niemand hat ihn daran gehindert.
Tobias rennt wild durch die Gegend. Auch mit seinem Dreirad fährt
er rasend schnell. Dann hat er dazu keine Lust mehr und lässt das
Rad im Hauseingang stehen, so dass jemand darüber fallen könnte.
Nach dem Mittagsschlaf möchte er wieder nach draußen. Über
sein eigenes Dreirad stürzt er. Laut fängt er an zu weinen.
Sein Knie hat er sich aufgeschlagen.
Mama kommt, klebt ihm ein Pflaster darauf und sagt: "Mein Sohn, da
hat dein Schutzengel nicht aufgepasst."
Alle Kinder rufen jetzt heimlich nach ihren Schutzengeln. Sie möchten
nicht, dass noch mehr passiert. Und versprechen ganz innig, dass sie auf
die leisen Stimmen hören wollen, die sie vor Schlimmerem bewahren
können.
Die Engel im Himmel lächeln. Sie haben die stummen Rufe ihrer Lieblinge
gehört. Ihr Streik hat sich gelohnt. Gerne fliegen sie wieder zur
Erde, um auf ihre Schützlinge aufzupassen.
Auf Lina und Simon. Auf Viola und Tobias.
Und auf alle anderen Kinder, die auch einen Schutzengel haben.
***** E N D E *****
© Karin
Ernst
Bild: ©
Karin Scholles
|