Till freut sich. Nach dem Mittagessen will Mama mit ihm in den Park gehen. Dorthin geht er gerne, weil er da sehr viel entdecken kann.

"Wann bist du endlich fertig?", fragt er, als seine Mutter den Tisch abräumt.

"Wenn du mir helfen würdest, wäre ich eher fertig", antwortet seine Mutter verschmitzt.

"Na gut", antwortet Till, bringt seinen Teller in die Küche und stellt diesen in die Spülmaschine. Schließlich ist er kein Baby mehr und kann so etwas schon alleine. Noch mehr Geschirr abräumen möchte er aber doch nicht.

"Du könntest dir schon die Schuhe anziehen, dann geht's gleich schneller", bittet die Mutter ihn.

Till geht ins Kinderzimmer, sucht seine Schuhe, findet aber nur einen. Er legt sich bäuchlings auf den Fußboden und schaut sich um. Unter seinem Bett findet er den zweiten Schuh. Aber was liegt dort außerdem? Er krabbelt unter das Bett und freut sich. Sein Lieblingsbuch ist es, das er schon lange vermisst. Ferien an der Nordsee heißt es. Till setzt sich auf sein Kinderstühlchen. Vergessen ist der Ausflug. Die bunten Bilder in dem Buch nehmen ihn gefangen. 'Ach ja', denkt er und seufzt, 'wie gerne würde ich einmal das Meer sehen.'

Till kennt das Meer nicht, aber Mama und Papa lesen ihm oft aus seinem Bilderbuch vor. Auch seine Oma hat ihm schon vom großen Wasser erzählt. So stellt Till sich das Meer in seiner Fantasie vor.

Papa hat gesagt: "Wie eine große Badewanne."

"Größer als der See in unserem Park?", hat Till gefragt und seinen Vater mit großen Augen ungläubig angesehen.

"Aber ja. Viel größer", hat sein Vater lächelnd geantwortet.

Seitdem träumt Till davon, einmal ans Meer zu fahren. Die Eltern haben versprochen, eine Reise mit ihm dorthin zu machen. Wenn er zur Schule geht. Aber Till ist erst fünf. Noch ein ganzes Jahr muss er warten, bis er ans Meer kommt. Er weiß nämlich, dass er mit sechs Jahren in die Schule kommt. Das Jahr erscheint ihm in sehr weiter Ferne.

Er träumt noch immer, als die Mutter hereinkommt. "Ich denke, du hast es so eilig, zum Park zu gehen?", amüsiert sie sich und will ihm seine Schuhe anziehen.

"Das kann ich doch alleine", murmelt er.

Auf die Schnelle vertauscht er wieder den rechten und den linken Schuh. Mama bemerkt es noch rechtzeitig und macht ihn darauf aufmerksam. Till schnappt sich seinen Anorak und beide marschieren los. Der Weg zum Park ist nicht weit, und so können sie zu Fuß gehen. Natürlich dauert der Weg doch eine ganze Weile, denn Till findet unterwegs sehr viel Interessantes, das er unbedingt ansehen muss. Einen hübschen Stein, einen schön geformten Stock, einen herumhopsenden Vogel, dem er nacheifert. Nicht zu vergessen die vielen Kastanien, die er in seine Anoraktasche stopft.

"Mama, kannst du auch ein paar nehmen? Meine Taschen sind voll", bittet er seine Mutter.

"Meinst du nicht, dass du genug hast? So viele Tierchen kannst du gar nicht basteln", entgegnet die Mutter.

"Na gut. Iss okay", gibt sich Till zufrieden.

Ein paar Minuten später erreichen sie endlich den Nachbarschaftspark. Hier kennt Till sich aus und läuft der Mutter davon. Natürlich ist sein erstes Ziel der Spielplatz. Dort spielen aber so viele Kinder, dass er keine Lust hat, sich ins Getümmel zu stürzen. Die Großen schubsen immer, wenn er aufs Klettergerüst möchte.

"Wir können auf dem Rückweg nochmal herkommen. Mir ist es jetzt zu voll", ruft er seiner Mutter zu und düst weiter.

Sein nächstes Ziel ist der See inmitten des Parks. Auf und um diesen herum gibt's viele Tiere. Till beobachtet gerne die Enten, vor allem die Erpel, wie sie ihren Kopf ins Wasser stecken. Ein Lied, das er im Kindergarten gelernt hat, fällt ihm dazu ein: Alle meinen Entchen. Er fängt an zu summen, als er plötzlich stutzt: "Mama, schau mal! Was ist das denn für eine Ente?"

"Welche meinst du?", fragt die Mutter zurück. Till zeigt auf einen großen grau-weißen Vogel, der auf einem Pfahl mitten im Wasser sitzt.

Die Mutter schaut und lacht. "Das ist keine Ente. Das ist eine Möwe. In deinem Lieblingsbilderbuch sind doch auch Möwen."

"Die sehen aber ganz anders aus. Und viel kleiner", antwortet er. Neugierig wagt er sich näher an die Möwe heran. Plötzlich erschrickt er, denn sie fängt an zu lachen. "Mama, hast du gehört? Die Möwe hat gelacht. Können Vögel lachen?", fragt er.

"Es ist eine Lachmöwe", antwortet seine Mutter. "Darum hört sich ihre Stimme wie Lachen an."

Dann verzieht sie sich mit einem Buch auf eine Parkbank, während ihr Sohn fasziniert dem unbekannten Vogel zusieht.

"Kennst mich wohl nicht?"

Till blickt um sich. Wer spricht denn mit ihm? Er beobachtet die Möwe, die gerade noch ihren Schnabel bewegt. "Kannst du sprechen?", fragt er erstaunt.

"Weißt du denn nicht, dass ihr Kinder die Sprache der Tiere verstehen könnt?", entgegnet die Möwe. "Nur hören manche nicht genau hin, weil sie Angst haben. Oder sie ärgern uns. Dann fliegen wir natürlich davon."

Till beobachtet seine Mutter, ob sie die Möwe auch sprechen gehört hat. Aber die Bank steht ein Stückchen entfernt vom See. 'Das würde sie mir sowieso nicht glauben', überlegt er und nähert sich der Möwe noch einige Schritte. "Wohnst du eigentlich? In meinem Bilderbuch habe ich gesehen, dass Möwen am Meer wohnen." Plötzlich fragt er ganz aufgeregt: "Aber sicherlich weißt du, wo das Meer ist, ja?"

Die Möwe zögert einen Moment, bevor sie antwortet: "Klar, weiß ich, wo das Meer ist. Da bin ich schließlich die meiste Zeit, weil ich dort gutes Futter finde. Aber wir fliegen überall so 'n bisschen rum, woll'n schließlich auch was von der Welt sehen. Wenn der Wind gerade so schön bläst, lassen wir uns gerne mal treiben. Und so bin ich hier gelandet." Mit einem Flügel zeigt sie über den See.

"Ist das Meer wirklich so groß wie eine Badewanne?", fragt Till.

"Ich weiß nicht, was eine Badewanne ist. Aber das Meer ist ganz viele Male größer als dieser See hier", krächzt die Möwe.

"Wie gerne würde ich es mal sehen." Till seuft. In diesem Moment ruft seine Mutter zum Heimgehen. "Tschüss, Möwe. Vielleicht sehen wir uns mal wieder", verabschiedet er sich und läuft zu Mama. Die Möwe erhebt sich von ihrem Sitzplatz und fliegt über beide hinweg.

"Sieh mal! Dort oben fliegt deine Möwe", zeigt Tills Mutter mit dem Finger zum Himmel. Bis sie zu ihrem Haus kommen, kann Till sie mit seinen Blicken verfolgen. Als er hinein geht, winkt er dem Vogel zu.

Am nächsten Tag regnet es morgens stark. Till kann nicht draußen spielen. Nach dem Mittagessen hat er Langeweile und sieht aus dem Fenster. Er traut seinen Augen nicht, als er dem Haus gegenüber auf einer Straßenlaterne seine Möwe sitzen sieht. 'Hallo', will er rufen, als ihm einfällt, dass sie ihn nicht hören kann. Er winkt ihr zu. Dann sucht er ein Bilderbuch in seinem Bücherregal. Er überlegt, welches er anschauen möchte. Lesen kann er noch nicht, aber Till kennt alle seine Bücher sehr genau. 'Nils Holgersson, ja, das werde ich nehmen.' Er nimmt das Buch und setzt sich auf den bunten Flickenteppich, der vor seinem Bett liegt. Der kleine Junge in dem Buch fliegt auf dem Rücken wilder Gänse durch die Welt und erlebt allerlei Abenteuer, die Till jetzt miterlebt.

Plötzlich springt er auf. "Das ist es, das ist es. Ich hab die Lösung", ruft er. "Jippi!" Er saust ins Wohnzimmer. "Mama, darf ich raus zum Spielen?"

Die Mutter sieht aus dem Fenster. "Es hat beinah aufgehört zu regnen. Wenn du deine Regenjacke anziehst, kannst du gerne in den Garten", antwortet sie.

Flink holt Till seine Regenjacke, zieht die Gummistiefel an, gibt der Mama ein Küsschen und läuft in den Garten. Er schaut sich um und entdeckt die Möwe auf der obersten Spitze seiner Schaukel. "Hallo, du", ruft er ihr zu. "Ich hab da so eine Idee. In meinem Buch gibt es einen kleinen Jungen, der auf einer Wildgans fliegt. Der hat bestimmt schon das Meer gesehen."

"Pah, die Wildgänse. Die sind gar nicht so stark. Ich bin viel stärker", antwortet die Möwe. "Was hast du denn für eine Idee?"

"I ... i ... ich", stottert der Junge, "du weißt doch, dass ich gerne mal das Meer sehen würde. Könntest du mich vielleicht hinfliegen? Oder ist es sehr weit?", fügt er ängstlich hinzu.

Die Möwe sieht in die Augen des Jungen und erkennt den heißen Wunsch darin, endlich das Meer erblicken zu können. 'Ich werde es tun', denkt sie. "Dann sag aber schnell Bescheid, damit deine Mutter sich nicht sorgt", ermahnt sie Till.

Dieser flitzt ins Haus und ruft seiner Mutter zu: "Mama, ich fliege mal eben mit meinem Freund ans Meer."

Die Mutter, die die Spielchen ihres Sohnes kennt, antwortet ernst: "In Ordnung. Aber bitte sei zum Abendbrot zurück. Viel Spaß."

Till stutzt, weil er nicht damit gerechnet hat, dass seine Mama es erlauben würde. "Klaro! Dann bin ich doch längst zurück."

Als er in den Garten kommt, liegt die Möwe mit ausgebreiteten Flügeln auf dem Rasen. Till klettert vorsichtig auf ihren Rücken und hoch geht's in die Luft.

"Gut festhalten", ruft die Möwe ihm zu. "Wir haben Rückenwind. Das ist sehr günstig. Dann sind wir im Nu am Ziel."

Till hält sich in den Federn der Möwe fest und flugs geht die Reise über Dächer und Bäume, über Kirchtürme und Hügel. Nach kurzer Zeit wird Till furchtbar müde. 'Das liegt wohl an der frischen Luft', denkt er, ruft aber der Möwe zu: "Ich bin so müde. Kann ich wohl ein wenig schlafen? Ich möchte es aber nicht verpassen, wenn wir am Meer eintreffen."

"Keine Bange, mein Kleiner. Schlaf du nur. Das Meer wird dich schon wecken, wenn wir dort ankommen."

Als Till erwacht, hört er ein fremdes Geräusch. Er schaut sich um. "Wo bin ich?", ruft er, denn ein kräftiger Wind bläst. An seinen Händen klebt Sand, und er bemerkt, dass er auf Sandboden liegt. Dann stutzt er, denn vor ihm plätschert das Meer. Das muss es sein. Woher soll sonst so viel Wasser kommen?

Auf einem Stein am Rande des Wassers sitzt seine Möwe. "Na, ausgeschlafen?", fragt sie.

"Ist hier das Meer? Sind wir angekommen?", fragt Till ehrfürchtig.

"Das siehst du doch. Oder glaubst du, es ist euer kleiner See?", antwortet die Möwe.

Das Meer und der Wind rauschen so stark in den Ohren des Jungen, dass er die Möwe kaum versteht. Er steht auf und schaut sich alles sehr genau an. Die Nordsee liegt wahrhaftig vor ihm! Wie im Traum kommt er sich vor.

"Ich sehe das Meer. Und den Strand. Ich hab gewusst, dass es so schön ist", jubelt Till. Nach kurzer Zeit aber fängt er an zu weinen. "Ich muss nach Hause! Ich kann doch nicht alleine hier bleiben."

"Du wolltest doch das Meer sehen und mit mir hierher fliegen", erklärt die Möwe verdutzt.

"Ja, aber jetzt habe ich es gesehen. Ich weiß, wie es aussieht. Wie Papa gesagt hat, viel größer als eine Badewanne. Können wir jetzt wieder nach Hause fliegen? Bitte, bitte, liebe Möwe", fleht der kleine Junge, und dicke Tränen laufen ihm über beide Wangen.

Die Möwe gleitet auf den Sandstrand, breitet ihre Flügel aus und Till steigt erneut vorsichtig auf ihren Rücken. Als beide in der Luft sind, schläft er erneut ein.

***

"Till, kommst du bitte zum Abendessen", ruft seine Mutter. Als er nicht reagiert, geht sein Vater, der gerade von der Arbeit gekommen ist, in den Garten. Sein Sohn liegt auf dem Rasen und schläft. Liebevoll rüttelt er ihn. "Na, mein Junge, was hast du denn Schönes erlebt, wovon du so müde geworden bist?"

"Ach Papa, ich war doch am Meer. Ihr sagt doch immer, viel frische Luft macht müde. Ich wusste gar nicht, dass so viel Sand am Strand liegt. Und dass das Meer so viel Wasser hat", erzählt er und rappelt sich auf.

"Ja, natürlich", antwortet lächelnd der Vater und denkt: `Mein Sohn hat eine blühende Fantasie. Aber das ist gut so.`

Till sieht auf dem Rasen etwas schimmern. Eine Vogelfeder. 'Die hat bestimmt meine Möwe hier verloren', überlegt er und steckt sie lächelnd in die Tasche seiner Regenjacke. Seine kleine Hand verschwindet dann in der großen seines Vaters, und beide gehen ins Haus.

Nach dem Abendessen soll Till baden. Als die Mutter seine Sachen wegräumen möchte, rieselt aus den Schuhen feiner, weicher Sand und aus seiner Hosentasche fällt eine kleine, weiße Muschel.

"Wie kommen denn der Sand und diese Muschel in deine Sachen?", wundert sie sich und sieht Till erstaunt an. "Das ist ja merkwürdig!"

"Mama! Ich hab dir doch erzählt, dass ich heute am Meer war", antwortet er.

"Mit meiner Möwe ..."




***** E N D E *****





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Bild: © Karin Scholles