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Schreiben. Und
danach?
- Gedanken und Erfahrungen einer Aufschreiberin - In meiner Handtasche
trug ich einen kleinen Block mit mir herum. Im Bus kam mir dieser zugute.
Ich versuchte, mich meiner Worte zu erinnern, das Gedicht zu notieren. Dieser Tag war anders.
Zu Hause angekommen, setzte ich mich sofort an den PC und übertrug
den kaum lesbaren Text in das Schreibprogramm. Wie hübsch die Zeilen
aussahen auf dem weißen Untergrund. Ich feilte, korrigierte. Bekam
rote Wangen und ein Leuchten in den Augen. Endlich war das Gedicht fertig.
Ich druckte es aus, legte es stolz auf den Schreibtisch und schaute es
immer wieder an. Kleine Veränderungen kamen noch, dann gab ich Ruh`. Ab diesen ersten Zeilen war nichts mehr so wie vorher. Ich hatte mein Leben bald wieder im Griff. Raus aus den dunklen Stunden, hinein in eine Kreativität, die mich überraschte. Nur langsam ging's voran, aber es tat sich etwas! Leicht erreichbar lagen immer Block und Stift. Kamen Gedanken, ließ ich sie fließen, notierte sie. Ich bemerkte, dass ich durch das Aufschreiben meine Schmerzen besser aushalten konnte und mir nicht mehr so viele Gedanken um mein Leben machte. Die Vergangenheit, die Kinder und Enkel, das Heute, die Zeit, von der ich zu viel hatte. Nun füllte ich sie, diese Zeit. Das Interesse am Schreiben gab meinem Alltag immer mehr Beschäftigung, so dass der Tag kam, an dem ich feststellte: Ich habe ein Hobby, das mir gefällt. Eine Zufriedenheit nahm von mir Besitz, die ich mir nie hätte träumen lassen. Meine Gedichte-Sammlung wuchs. Ich speicherte alles in Word, druckte je ein Exemplar für meinen Ordner aus, damit nichts verloren ging. Kam mein Mann abends nach Hause, legte ich ihm stolz meine "Arbeit" hin. Oder ich las sie ihm vor. Er mochte das, weil er sich bei der Vorlesestunde gut entspannen konnte. Eine Freundin, mit der ich regen Email-Kontakt unterhielt, wurde meine zweite Kritikerin. Meistens hatte ich täglich eine feste Zeit, in der ich schrieb. Mein Spiralblock war zum wichtigsten Utensil in meiner Handtasche geworden. In Bus und Bahn flossen meine Gedanken besonders gut. Manches war durch das Schuckeln während der Fahrt kaum mehr lesbar, also übertrug ich es zu Hause sofort in den Computer. Eine Tages kam ich auf die Idee, eine Geschichte schreiben zu wollen. Für wen? Mir fielen meine kleinen Enkelkinder ein. Sie besaßen zwar viele Bilderbücher, aber eine Geschichte von der Oma, das müsste doch das I-Tüpfelchen sein. So entstand meine erste Kindergeschichte. Im Original besitze ich sie noch heute, obwohl ich inzwischen mehrfach daran herum korrigierte. Meine Tochter war ganz stolz, als sie ihrem Sohn, meinem ältesten Enkel, die Geschichte vorlas. Später wurde sie sogar in seinem Kindergarten vorgetragen. Nach einiger Zeit erfuhr ich, dass die Kindergartenkinder nachfragten, ob es neue "Oma-Geschichten" von Max gab. Als ich bereits eine ganze Weile zur Schreiberzunft gehörte, überlegte ich, was ich mit meinen Gedichten und Geschichten anfangen könnte. Ich wollte sie nicht nur sammeln und sie ab und zu innerhalb meiner Familie und Freunden weitergeben, sondern hatte den Wunsch, sie mehr Menschen lesen zu lassen. Vielleicht würden manche sie ebenfalls mögen. Mit dieser Überlegung tat ich mir anfänglich jedoch nichts Gutes. Ich zweifelte an mir und meiner Schreibkunst. Nannte mich Anfängerin, die einfach drauf los schrieb, was ihr in den Sinn kam und die im Schreiben ihr Leben aufarbeitete. Kaufte haufenweise Bücher zum Thema "kreatives Schreiben". Las Werke von Lyrikern, Dichtern und anderen Autoren. Was ich las, fand ich nicht vergleichbar mit meinem "Geschreibsel". Alles andere war besser. Ich zerbrach beinahe an der Einsicht, mich mit niemandem auf eine Stufe stellen zu können. Nie gewann allerdings die Überlegung, das Schreiben wieder aufzugeben. Nach vielem Lesen und
Weiterschreiben traf ich eines Tages eine Entscheidung. Ohne jemandem
etwas davon zu erzählen, schrieb ich klopfenden Herzens eines meiner
- wie ich fand - schönsten Gedichte in ein Nachrichtenfeld, klickte
auf "Absenden" und konnte Sekunden später in einem Seniorenforum
mein erstes Gedicht veröffentlicht sehen. Wenn auch nur im Internet.
Ich freute mich wie eine Schneekönigin. (Warum sagt man das eigentlich?
Ich sollte nachlesen, woher der Ausdruck kommt.) Das musste mir niemand zweimal sagen. Regelmäßig übersandte ich nun zu der entsprechenden Seite weitere Gedichte. Es machte mir und meinen Lieben, denen ich natürlich den Link schickte, Spaß, von mir zu lesen. Wer sich im Internet auskennt, weiß, welche Kreise es zieht, wenn man erst mal einen Fuß in der Tür hat. Mehrfach wurde ich gefragt, ob eines oder mehrere meiner Gedichte auf einer anderen Homepage veröffentlich werden durfte. "Aber gerne doch", erlaubte ich es voller Freude. Das Schreiben von Kindergeschichten ging voran. Ich bestückte sie zwischen dem Text mit bunten Bildchen (irgendwann wusste ich, dass man sie gifs nannte), die ich im Internet fand. Später kamen eigens gemalte Bilder meiner Enkelkinder hinzu. Hübsch sahen die fertigen Geschichten aus. Die Schrift veränderte ich jeweils farbig, so dass das Endprodukt richtig ansehnlich war. In einem fröhlich-bunten Schnellhefter verpackt, gab es ein hübsches Mitbringsel. Eines Tages hatte ich die größenwahnsinnige Idee, diese Kindergeschichten könnten gedruckt werden. Mein Wunsch, einmal ein gebundenes Buch mit meinen eigenen Schreibereien in Händen zu halten, war inzwischen so groß geworden, dass ich zu überlegen begann, wie ich es anstellen könnte. Mitmenschen, die meine Geschichten lasen, schlossen sich der Meinung an, ich müsse unbedingt etwas veröffentlichen. Aber wie? Auch in meinem Lieblingsbuchladen
gab ich manchmal etwas von mir Geschriebenes ab. Dort hatte ich erzählt,
dass Schreiben mein Hobby geworden sei, und die Verkäuferinnen und
der Ladenleiter nahmen regen Anteil. Es wurde von allen gelesen, was ich
brachte. So erzählte man mir jedenfalls. Bevor ich mit dem Schreiben
begann, war ich dort eine sehr gute Kundin. Das Lesen hatte nun etwas
nachgelassen. Ich musste Prioritäten setzen, und das Schreiben bekam
den Vorrang. Mein Traum, etwas Gebundenes in Händen zu halten, nahm dennoch weiterhin einen festen Platz in meinem Kopf ein. Nun erkundigte ich mich nach Möglichkeiten der Buchherstellung auf eigene Kosten. Im Internet konnte ich viel darüber erfahren. Book on Demand hieß das Zauberwort. Auf der Homepage einer Firma wurde ich fündig. Zu Anfang müsste ich erst einmal einen mehrseitigen Vertrag nicht nur lesen, sondern auch unterschreiben. Klein gedrucktes! 'Na, das fängt ja gut an', dachte ich. Der Vertrag las sich, als wolle ich mein Inneres verkaufen. Ich ging regelmäßig
zur Physiotherapie und unterhielt mich gerne mit meiner Behandlerin. Sie
erzählte mir eines Tages, dass jemand ein Buch geschrieben hatte,
dessen Titel ihren Namen trug. Voller Stolz berichtete sie davon. Ich
fragte nach dem Verlag. Es handelte sich um den oben genannten. Sie lieh
mir das Buch bei der nächsten Behandlung aus. In Richtung Eigenherstellung gab es mehrere Verlage, die ich im Internet fand. Von dieser Idee verabschiedete ich mich irgendwann wieder, las sich alles doch nach sehr viel Arbeit. Sich selbst kümmern müssen, eigene Werbung, eigener Vertrieb. Nein, danke. Dann wollte ich doch kein Buch herausgeben. Der Wunsch aber saß hartnäckig fest. Wie ein Nietnagel. Nach einer Weile nahm er erneut Form an. Natürlich hatte ich inzwischen weitere Geschichten geschrieben. Es war mir eine Passion geworden, täglich etwas zu Papier zu bringen. Den Stift übers Papier flitzen zu sehen. Die Gedanken flossen. Und sammelten sich weiterhin, im Ordner, wie in Word. Die Kindergeschichten fanden die Leute, die sie lasen, so schön, dass ich erneut Mut fasste. Diesmal schrieb ich zwei "richtige" Verlage an. Sehr schnell lehrte mich das Leben aber Tatsachen. Schreiben und Veröffentlichen waren zweierlei. Das wurde mir schnell klar, denn ich begriff, dass zur Veröffentlichung ein Name gehörte. Ein möglichst bekannter. Aha! Beide Verlage schrieben
in der Absage überraschenderweise den gleich lautenden Text: "...
sehr schöne Geschichten, aber für unser Verlagskonzept nicht
passend ..." Manuskripte bei Zeitschriften einzureichen, versuchte ich erst gar nicht. Ich las von Autoren im Internet, deren Bücher bei Verlagen veröffentlicht worden waren, von denen ich noch nie gehört oder gelesen hatte. Eine neue Hoffnung tat sich auf. Mehrere solcher Klein-Verlage fand ich. Begab mich auf die Suche auf den jeweiligen Homepages nach Möglichkeiten zur Einreichung von Manuskripten. Überall das gleiche Ergebnis: Derzeit wurden keine weiteren Manuskripte mehr angenommen. Die Wartezeit betrug zwischen einem und drei Jahre. Eine erneute Hoffnung war hinfällig. Zwei meiner Kindergeschichten hatten mit Engeln und Elfen, und einem Kind im Rollstuhl zu tun. Mutig bot ich diese einem Verlag an, hinter der die Waldorf- oder Steiner'sche Lehre stand. Die Cheflektorin schickte mir auch diese zurück. Immerhin mit einem sehr freundlichen Schreiben: Aus diesen Geschichten könnten Kinder gewiss viel lernen, sie seien auch hübsch, für ihren Verlag aber zu nüchtern beschrieben. Nun ja, ein wenig kannte ich mit dem Gehabe der Waldorf-Schulen aus. Leicht weltfremd erschien es mir. Langsam verlor ich die Hoffnung. Heftete meine Gedichte und Geschichten weiterhin in die Ordner oder verschenkte sie, teils per Email. Weiterhin stöberte ich auf Literaturseiten im Internet. Von meinen Kindergeschichten hatte ich bisher - als Gastbeitrag auf einer Homepage - eine einzige veröffentlicht. Wenn sich wenigstens dafür eine Möglichkeit fände. Doch für mich gibt es keine Zufälle. Im Leben kommt alles, wie es vorbestimmt ist. Ich stieß auf das Lesebuch von Klaus Schwingel. Begann dort zu stöbern. Wie die Frauen und Männer, von denen dort zu lesen war, schreiben konnten! Ich war beeindruckt. Las mich durch viele Namen und Gedrucktes. Eine Frau beispielsweise hatte viele ihrer Kindergeschichten dort abgedruckt, im normalen Buchhandel gab es sogar Bücher von ihr zu kaufen. Richtige Bücher! Immer wieder besuchte ich diese Seite. Sollte ich ...? `Ach nee`, dachte ich, `der nimmt mich sowieso nicht. Mich Anfängerin mit meinen Tagesgedichten und Kindergeschichten, und ab und zu mal einer Kurzgeschichte.` Ich vergaß die Seite. Nach einer Weile klickte
ich mich wieder durch eine Linkliste mit Empfehlungen zu weiteren Literaturseiten.
Ich stieß auf die Seite Schwingels Lesebuch. Da war doch mal was
gewesen? Bevor mich der Mut wieder verließ, fragte ich bei Klaus
per Email an, ob ich, als Anfängerin, eventuell und probeweise eine
Geschichte schicken könne. Ob er freundlicherweise überlegen
würde, auch von mir etwas zu veröffentlichen? Was daraus wurde, könnt ihr dort lesen. Im Lesebuch. Unter meinem Namen. Der Traum von einem richtigen Buch aber blieb.
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(c) Karin Ernst
Nachtrag: Schwingels-Lesebuch ist inzwischen leider geschlossen worden. Wie Ihr auf meiner Homepage aber nachlesen könnte, gibt es inzwischen zwei Kinderbücher, so dass ich mir meinen Lebenstraum in der Zwischenzeit erfüllt habe! © Karin Ernst |