Im Zeichen der Umstellung von der Deutschen Mark auf den Euro habe ich mir Gedanken gemacht. In meiner Kindheit konnte ich darüber lächeln, wenn meine Oma "von früher" erzählte. Teils hörte es sich interessant an, teils war in ihren Erzählungen alles besser. Jetzt bin ich in einer ähnlichen Situation. Vieles fällt mir auf, das sich verändert, vielleicht heute schneller als früher. Mir ist bewusst, dass alles fließen und sich verändern muss. Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Forschung und Technik entwickeln sich rasant, wohin man auch schaut. Will ich einen Blumenstrauß kaufen, gehe ich in ein Blumengeschäft. Dachte ich jedenfalls bisher. Ich habe lange keine Blumen mehr gekauft. Der wöchentlich wechselnde Strauß in der Praxis für Physikalische Therapie, in der ich regelmäßig zur Behandlung bin, erinnert mich daran. Mehrere Blumenläden habe ich mir deshalb angesehen. Rosen, Tulpen und Narzissen stehen kaum noch in Eimern aufgereiht, wie in meiner Erinnerung. Daneben gab es früher ein wenig Spargelkraut als Grünbeilage zum Strauß, und im Regal standen ein paar Blumentöpfe. In den Läden heute komme ich mir vor wie in einer Kunstgalerie. Blumen gibt es natürlich noch zu kaufen. Sorten aus aller Herren Länder. Blüten, die ich noch nie vorher gesehen habe. Sträuße werden gebunden wie ein Kunstwerk. Mit allerlei Dekorationsmaterial dazwischen, dass ich mich frage, was ich hinterher damit anfange. Ich bin ein Mensch, der nicht alles wegwirft. Nach Möglichkeit versuche ich, Überfluss zu vermeiden. Aber Äpfel und Zimtstangen, die in die Blüten hineingebunden werden, kann ich in der Küche sicherlich nicht wiederverwenden. Wird ein Strauß eingewickelt, gab's früher einfaches Papier, das bedruckt war mit dem Namenszug des Blumengeschäftes. Heute wird selbst Papier, oder besser noch Folie, derart kunstvoll um den Strauß herum plaziert, dass ich mich frage, ob er Platz im Auto findet. Viel Trockenmaterial gibt es im Blumenladen zu kaufen, das sich zur Heimdekoration eignet. Mag man es nicht mehr, wird es weggeworfen. In meiner Wohnung ist kein Platz, um so etwas aufzustellen. Nach dem Besuch im Floristik-Shop denke ich mit gemischten Gefühlen daran, jemand würde mir einen solch ausladenden Blumenstrauß schenken. Mit Sicherheit habe ich dafür keine passende Blumenvase im Schrank ... ***** Gehe ich in eine Apotheke, erinnert mich diese keineswegs mehr an die, in die ich als Kind geschickt wurde, wenn unser Hausarzt ein Rezept verordnete. Staunend stand ich damals vor den dunklen Holzregalen und den wunderschönen Gefäßen, die zur Dekoration aufgestellt waren. An Schubladen erinnere ich mich, mit weißen Porzellangriffen. An kleine Waagen und blanke Döschen. Es roch dort fremd und geheimnisvoll. Der Apotheker wurde Pillendreher genannt. Salbe gab's auf Verordnung und wurde meistens vor Ort angerührt. Tees kaufte man lose abgewogen, verpackt in kleine weiße Tütchen, die an der oberen Kante gefaltet wurden. In einer modernen Apotheke komme ich mir vor wie in einem Supermarkt. Auf dem Tresen ist so wenig Platz, dass ich kaum mein Portemonnaie dorthin legen kann. Alles soll gekauft werden. Bonbons und Tees und die neuesten Salben. Hautpflegemittel bekommt man wie in einer Drogerie, nur eben zum Apothekerpreis. Die Zusatzstoffe hören sich nicht viel gesünder an als im Seifenladen. Ich sehe eine Ecke zum Blutdruckmessen, in der sich auch eine Personenwaage befindet. Es gibt alle möglichen Beratungen, und Schmerztabletten in jeder Preislage. Nahrungsergänzungsmittel stehen in der ersten Reihe. Es soll suggeriert werden, dass sich heute niemand mehr gesund ernährt, also kauf diese Mittelchen. Vor kurzem brauchte
ich ein Gurgelmittel. Ein Miniröhrchen mit Tabletten, so klein wie
Linsen. Viele Jahre hatte es mir gute Dienste geleistet. Ich fragte danach. Vor kurzem entdeckte ich bei einem Besuch in der Altstadt, dass diese Apotheke, die mich sehr an die aus meiner Kindheit erinnerte, geschlossen hatte. Für immer. Ich seufzte. Wo mögen die alten Einrichtungsgegenstände wohl geblieben sein? Die Schubladen mit den Porzellanknöpfchen, die wunderschönen Apothekergefäße? Alles Schöne geht ... ***** Gehörst du heute zu den Frauen oder Männern, die Handarbeiten noch als ihr Hobby bezeichnen, hast du's schwer. Spezielle Handarbeitsgeschäfte sind rar geworden. Ich kenne keines mehr in unserer Stadt. Nur die Handarbeits-Abteilung in einem der vielen Kaufhäusern. Nicht in allen Kaufhäusern. Viele geben sich mit diesen Produkten nicht mehr ab. Die Auswahl ist natürlich
viel kleiner geworden. Handarbeiten nur noch wenige, weil es keine Materialien
mehr zu kaufen gibt? Oder gibt es wenig Material zu kaufen, weil nur noch
wenige Menschen handarbeiten? Junge Frauen haben auch kein Nähkästchen mehr. Meines besitze ich noch. Darin ist sogar mein allererstes Nadelbüchlein, das ich als kleines Mädchen in der Handarbeitsstunde mit schweißnassen Händen gefertigt habe. Und die Strickliesel bewahre ich ebenfalls darin auf. Was ist denn eine Strickliesel, fragst du dich jetzt sicher ... ***** In der letzten Woche lief im Fernsehen ein Film mit Heinz Rühmann. "Es geschah am helllichten Tag." In dieser Rolle spielt der Schauspieler einen Tankwart. Die Tankstelle in dem Film sieht so aus, wie die, an die ich mich von früher erinnere. Damals gab es weniger Autos, daher naturgemäß auch weniger Tankstellen. Zwei Zapfsäulen, ein kleiner Raum, in dem sich bei Thermoskanne, Stullenbüchse und Transistorradio der Tankwart aufhielt. Daneben eventuell eine kleine Werkstatt. Brauchte ein Kunde
Benzin, kam der Tankwart, sich die Hände an einem alten Lappen abwischend,
aus seiner Werkstatt und füllte Benzin ein. Moderne Tankstellen sind quadratkilometergroß. Mehrere Reihen Tanksäulen. Ölprüfung, Wasser auffüllen und Scheibenputzen darf jeder Kunde selbst. Zum Waschen gibt's Waschanlagen. Ist der Tank gefüllt, geht's zum Bezahlen in einen gesonderten Raum, fast schon ein kleiner Supermarkt. Eine Kasse gibt es, an der nicht nur die Benzinrechnung beglichen wird, sondern auch die Dinge bezahlt werden, die man nebenbei kauft. Vergisst jemand heute Milch, Brot, Zeitung oder ein Geschenk zu besorgen, braucht er nicht zu zittern. An der Tankstelle gibt es fast alles. Meistens 24 Stunden lang. Sonntagmorgens frische Brötchen? Kein Problem. An der Tankstelle bekommt man sie. Nachts Lust auf Eis am Stiel? Geh zur Tankstelle. Du bist überraschend zum Besuch eingeladen und hast keine Blumen parat? Neben der Tanksäule steht ein Eimer, in dem frische Blumen zum Verkauf angeboten werden. Du hast die neue Fernsehzeitschrift vergessen? Kein Problem, ruf deinen Mann an. Er wird sie mitbringen. Mit Sicherheit. Es gibt ja genügend Tankstellen auf seinem Heimweg ... ***** Möchtest du basteln? Was es auch sei: Heute hat man wieder ein Hobby. Nicht Stricken und Häkeln. Das meine ich nicht (siehe oben). Von Malen und Zeichnen ist die Rede. Von Seidenmalerei oder so genannter Serviettentechnik. Von Airbrush und Waldorfpuppen-Herstellung. Es gibt Perlenarbeiten und Moosgummibasteln. Möbel für Puppenhäuser werden gesammelt. Und Körbe geschmückt. Passepartouts schneidet man selbst und Blumentöpfe werden bemalt. Natürlich braucht man für all diese Hobbys Material. Nicht Tuschkasten und Malblock. Das war einmal. Zuerst belegt man einen Kurs. Dann gibt man viel Geld für Zubehör aus. Dieses kauft man in einem entsprechenden Fachgeschäft, dort, wo auch der Kurs stattfindet. Wie praktisch. So viel Geschenkband, wie in diesem Geschäft, habe ich noch nirgends gesehen. Manchmal gibt es Reste zu reduziertem Preis. Dann kaufe ich mir ein Stückchen. Zum Einwickeln eines Geschenkes reicht es immer noch. Einen Seidenschal habe ich mir ebenfalls dort gekauft. Nein, Seidenmalerei praktiziere ich nicht. Der unbemalte Schal ist aber wesentlich billiger, als ein bunter aus dem Kaufhaus. Seinen Zweck erfüllt er allemal ... ***** Könnt Ihr euch noch an die Bäckerei aus eurer Kindheit erinnern? An die Gerüche aus der Backstube? Welch ein Genuss. Ich schmecke noch die Kanten der frisch gebackenen Butterkuchen, die wir als Kinder vom Bäckermeister geschenkt bekamen. Gehe ich heute in den Bäckerladen, der sich "Rheinische Backkultur" nennt, staune ich. Wie viele Brötchen- und Brotsorten es dort zu kaufen gibt, weiß ich nicht. Ob die Verkäuferinnen sie gezählt haben, auch nicht. Kuchen gab es früher nur am Nachmittag, dafür frisch vom Blech. Jetzt gibt es ihn schon morgens zu kaufen. Brötchen werden in riesigen Öfen im Laden selbst (auf-) gebacken. Große Beutel mit tief gefrorenen Rohlingen lagern in Kühltruhen und werden bei Bedarf fertig gebacken. Nach einer Stunde allerdings schmecken diese Brötchen nicht mehr frisch, sondern pappig. Einen Bäcker sehe ich in keinem Bäckerladen mehr. Es sind Aushilfskräfte, die Brot, Brötchen und alles andere dort verkaufen. Der Bäcker arbeitet in einer Großbäckerei an irgendeiner Maschine. Fertige Brote und Kuchen werden in die Läden transportiert. Das Wort "Bäckerei" ist mehr nicht ausreichend. Meist ist ein Stehcafé angeschlossen. Oder es gibt dort Snacks zu essen. Kaffeeautomaten sind eine Selbstverständlichkeit. Vor kurzem sah ich
eine Verkäuferin ein frisches Blech Butterkuchen anschneiden. Die
Kanten, die wir früher bei unserem Hausbäcker geschenkt bekamen,
wollte sie wegwerfen. "Darf ich?", fragte ich sie. Wir lächelten uns an, und sie packte mir ein paar Stücke ein ...
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