| Verloren?
Als ich mich heute Morgen auf den Weg zum Bus begebe, sehe ich plötzlich vor mir auf dem Gehweg etwas kleines Blaues liegen. Ich blicke genauer hin und erkenne ein Haargummi. Es sieht noch recht neu aus, und ich mache mir so meine Gedanken Oft liegen auf Fußwegen oder Straßen Gegenstände, die irgendwer verloren hat. Merkwürdigerweise sind es häufig solche Haargummibänder. Ich frage mich, ob die Verliererin nicht merkt, wenn sich ein Gummi aus ihrem Haar löst. Eine Frisur, die zusammengehalten wird, muss doch auseinander fallen. Manchmal habe ich schon überlegt, ob ich die Gummibänder sammeln soll. Meine Haarpracht wächst momentan, so dass ich irgendwann einen Pferdeschwanz zusammenbinden kann. Dazu benötige ich Gummibänder, die es kostenlos zu finden gibt. In einen Wäschebeutel, ab in die Waschmaschine. Warum eigentlich nicht? Ebenfalls fallen mir Büroklammern auf. Lägen sie nur vor Postfilialen oder Banken auf dem Boden, kann ich es eventuell verstehen. Jemand möchte einen Überweisungsträger abgeben, oder hat mehrere Briefe mit einer Büroklammer zusammengeheftet, die er kurz vor dem Abgeben entfernt, dabei fällt sie runter. Doch werden Büroklammern an verschiedenen Orten verloren. Keine Bange, ich fange nicht an, sie zu sammeln :-). Wenn ich einen Babyschnuller entdecke (den ich ebenfalls nicht aufhebe!), leide ich mit dem Kindchen mit, das ihn verloren hat. Dass die Mutter den Verlust nicht bemerkt, kann ich nicht nachvollziehen. Ich meine auch nicht die vielen Zigarettenschachteln, die achtlos weggeworfen werden. Über solchen Müll rege ich mich schon lange nicht mehr auf. Obwohl . Seit einiger Zeit wage ich ab und zu etwas, das ich gerne weiterempfehlen möchte: Wenn ich zum Beispiel an einer Haltestelle stehe und beobachte, wie jemand eine Zigarettenschachtel heimlich "fallen lässt", schaue ich mir den Typen an und überlege, ob ich ihn ansprechen soll. Meistens nehme ich mir dann ein Herz und sage freundlich: "Entschuldigen Sie, aber Ihnen ist etwas runtergefallen." Der Müllsünder stutzt, jedoch ist ab und zu durchaus ein schlechtes Gewissen im Gesicht erkennbar, und die Schachtel wird aufgehoben und im vorhandenen Papierkorb entsorgt. Es gibt andere, bei denen ich nicht so viel Glück habe. Häufig erhalte ich Antworten wie: "Na und?", oder "was geht Sie das an?" Dann ziehe ich mich wieder zurück. Einen Versuch ist es aber i m m e r wert! Auch meine ich nicht die Getränkedosen, die vielfach zu finden sind. Gewiss hat die niemand "verloren". Wenn es mich hierbei auch traurig stimmt, dass dieser Wertstoffmüll unterwegs hingeschmissen wird. Verloren hat jemand einen einzelnen Handschuh, der ebenfalls auf dem Gehweg liegt. Viele Füße sind schon drüber gelaufen. Doch fehlt er jetzt zu einem Paar. Ich glaube, ich habe noch nie einen Handschuh verloren, denke, ich würde es spüren. Dass ich manchmal Geld finde, steht bereits in meinem Gedicht "Zwölf Pfennige." Eigentlich ist mir auch das unbegreiflich. Denn wenn ich mein Portemonnaie öffne, um Geld zu entnehmen, merke ich doch, wenn eine Münze herausfällt. Heute im Bus liegt unter dem Vordersitz ein Ein-Cent-Stück, das ich mühsam aber glücklich aufhebe. Denn für mich bedeutet ein Geldstück etwas Wertvolles, auch wenn es sich nur um einen Cent handelt. Beim Einkaufen fehlt einem manchmal dringend diese kleine Münze. Wie gerne träume ich mich in eine Welt hinein, in der ich Cent für Cent anhäufe. Kurz vor Silvester findet mein Mann einen Zehn-Euro-Schein. Er ist dermaßen klein zusammengerollt, dass andere Menschen dran vorbeilaufen. Unser Cafébesuch anschließend ist kostenlos. Viele Dinge kann ich aufzählen, die auf Gehwegen mir zu Füßen lagen: Ein Ohrring Ich bin sicher, diese Liste lässt sich vervollständigen. Auch überlege ich, ob es uns einfach zu gut geht, weil wir nicht auf Dinge achten, die herunterfallen. Irgendwann weiß ich doch, dass ich einen Handschuh verloren habe. Ganz bestimmt würde ich versuchen, ihn wiederzufinden.
(10. Januar 2006)
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